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Berliner Ansicht Unter den Linden mit Reiterstandbild Friedrichs des Großen, 1920 / Otto Pippel

Berliner Ansicht Unter den Linden mit Reiterstandbild Friedrichs des Großen, 1920 / Otto Pippel
© Kunsthandel Ron & Nora Krausz


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Landschaft an der Nidda, 1898 / Hans Thoma

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© Kunsthandel Ron & Nora Krausz


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Journal

Zum ersten Advent leuchten vielerorts die berühmten Herrnhuter Sterne auf. Ein Blick in die Manufaktur und die neue UNESCO-Welterbestätte

Sterne, die die Welt erobern



Kirchsaal der Herrnhuter Brüdergemeine mit den Herrnhuter Sternen

Kirchsaal der Herrnhuter Brüdergemeine mit den Herrnhuter Sternen

Es geschah am Anfang des 19. Jahrhunderts, als im Internat der Herrnhuter Brüdergemeine ein Mathematiklehrer zur besseren Vermittlung des geometrischen Verständnisses Ecken und Kanten eines Würfels abschnitt. Auf diese Weise entstand ein aus acht gleichseitigen Dreiecken und 18 Quadraten zusammengesetzter Grundkörper. Drei Quadrate und ein Dreieck bilden dabei jeweils eine Raumecke. An diese Flächen setzten die Schüler Zacken mit quadratischer oder dreieckiger Grundfläche, von denen die achtzehnte zur Aufhängung diente. Fortan bastelten die Schüler am den ersten Sonntag des Advents die Himmelskörper mit den 25 drei- oder viereckigen pyramidenförmigen Spitzen. Als Symbol der Verkündung der Geburt Christi schmückte der Stern fortan die Internatsstuben. Von hier aus gelangte der Brauch in private Wohnstuben. Die ersten Sterne trugen die Farben Weiß als Zeichen der Reinheit und Rot für das Blut von Jesus Christus.


Das Zusammensetzen und Aufhängen der Herrnhuter Sterne läutet seitdem die Advents- und Weihnachtszeit ein, lässt Ruhe und Besinnlichkeit entstehen. Von Herrnhut aus verbreitete sich der Brauch in alle Welt. Ende des 19. Jahrhunderts kreierte der Geschäftsmann Pieter Hendrik Verbeek den ersten stabilen Stern aus Metallrähmchen und aufgesetzten Papierzacken. Um 1894/95 ließ er das Stammhaus der Herrnhuter Sterne GmbH errichten, in dem sie nun seriell produziert und zum Verkauf angeboten wurden. 1925 meldete er den weiterentwickelten körperlosen Stern zum Patent an, ein Modell, das der heute gebräuchlichen Bauweise mit siebzehn viereckigen und acht dreieckigen Zacken entspricht. Bis ins Jahr 2010 wurde im Stammhaus noch gehandelt und produziert. Dann eröffnete man wenige hundert Meter entfernt einen Neubau, in dem eine Schauwerkstatt, Herstellung, Verwaltung, Verkauf, Museum und Restaurant vereint untergebracht sind. Das Verkaufslokal im Stammhaus blieb bestehen.

Heutzutage von der Missionsarbeit losgelöst, werden rund 850.000 Sterne pro Jahr vertreiben, die 220 fest angestellte Mitarbeiter vorwiegend per Hand in einer Reihe von Varianten anfertigen. Dabei muss jeder Zacken sitzen, keine Lücke darf in den Vorgängen entstehen, die Konzentration und Fingerspitzengefühl verlangen. Um alle Handgriffe sicher zu beherrschen, benötigen Mitarbeiterinnen oft ein komplettes Jahr. In der Schauwerkstatt im großzügigen Foyer der Manufaktur kann man den Angestellten über die Schulter schauen und auch selbst Hand anlegen. Mittlerweile wird in verschiedenen Größen und Ausführungen produziert. Neben unzähligen farblichen Varianten in Papier oder Plastik gibt es nun auch Lichterketten.

In einem angrenzenden kleinen Museum wird die über 125jährige Geschichte mit ausgewählten Exponaten dargestellt, die eng mit der Herrnhuter Brüdergemeine zusammenhängt. In diesem Zusammenhang bietet sich ein Rundgang durch die neue Welterbestätte Herrnhut und zu den wichtigsten Orten der Brüdergemeine an, einer eigenständigen protestantischen Freikirche. Im Juli 2024 wurden deren Siedlungen in Herrnhut (Deutschland), Bethlehem (USA) und Gracehill (Nordirland) zum UNESCO-Welterbe erklärt. Diese Entscheidung erfolgte auf der 46. Sitzung des Welterbekomitees im indischen Neu-Delhi und erweiterte die bereits 2015 eingetragene dänische Siedlung Christiansfeld. Alle Gemeinden der transnationalen Welterbestätte zeigen trotz geografischer Entfernungen eine analoge architektonische Interpretation religiöser Werte in ihrer Architektur und Siedlungsstruktur.

Keimzelle der religiös motivierten, schematisch angelegten „Idealstädte“ ist das 1722 von Graf Nikolaus Ludwig von Zinzendorf von seiner Großmutter übernommene Rittergut in Berthelsdorf, heute ein Herrnhuter Stadtteil. Der fromme, lutherisch-pietistisch beseelte Hof- und Justizrat im Dienste Augusts des Starken ließ das Herrenhaus grundlegend umbauen. Gut proportioniert, symmetrisch schlicht ohne überbordenden Zierrat wurde das „Schloss“ zum Urbild des „Herrnhuter Barock“. Zeitgleich gewährte der Graf Glaubensflüchtlingen aus Mähren auf den gutseigenen Ländereien Asyl. Das heute vorbildlich restaurierte Schloss Berthelsdorf war seitdem lange geistliches, wirtschaftliches und administratives Zentrum der Herrnhuter Brüdergemeine. Im barocken Festsaal kam sie zum Beten zusammen. Vom angrenzenden und wieder historisch eingerichteten „Conferenzzimmer“ wurden die weltweite Missionstätigkeit gelenkt und bis 1913 die „Herrnhuter Lose“, durch Losverfahren ermittelte Bibelferse, als Leitgedanken für den Tag gezogen.

In den nahen gräflichen Wäldern unter dem Hutberg wurde am 17. Juni 1722 der erste Baum zur Errichtung einer Siedlung gefällt, aus der das heutige Herrnhut erwuchs. Hier wollte der Graf seine Vision von einem biblisch-christlichen Leben umsetzen. Die bis heute ablesbare städtebauliche Struktur wurde zum Vorbild für alle nachfolgenden Siedlungen der Gemeinschaft weltweit. Im Zentrum des heute 1400 Einwohner zählenden Ortes dominiert der große Baukörper des für Gebete und Andachten konzipierten Kirchsaales der Brüdergemeine. Als „Gute Stube“ bietet der 1757 eingeweihte, von Siegmund August von Gersdorf geplante und ausgeführte praktische Versammlungsraum allen hier lebenden 550 Gemeindemitgliedern Platz. In dem hellen, schlichten, im Stil des sächsischen Landbarocks gehaltenen Saal sollen quer ausgerichtete Bankreihen eine größere Nähe zum Liturgietisch herstellen und den Gemeinschaftsgedanken betonen. Ganz in Weiß als Farbe der Freude, Reinheit und Erlösung gehalten, konnten nach verheerenden Zerstörungen jüngst die Empore auf der „Schwesternseite“ und die beiden Fürstenlogen wieder rekonstruiert werden, so dass nun der ursprüngliche Zustand wieder sichtbar ist.

Keinesfalls versäumen sollte man den Besuch des fußläufig entfernten Begräbnisplatzes am Ortsrand. Ähnlich einem schlichten barocken, von Alleen durchzogenen Park gestaltet, reihen sich auf den Rasenflächen am Hang des Hutberges die durch einfache, flach auf dem Boden liegende Sandsteinplatten markierten Gräber. Alle der über 6.000 Ruhestätten sind einheitlich angefertigt, um die Gleichheit des Menschen vor Gott zu symbolisieren. Nur wenige Schritte sind es dann noch bis auf den Gipfel des Hutberges. Von der Aussichtsplattform des Altans schweift der Blick über den beschaulich eingebetteten Ort hinweg in die sanfte Hügellandschaft der Oberlausitz bis über die Grenzen nach Tschechien und Polen. In der Weihnachtszeit funkeln hier überall die Herrnhuter Sterne. Sie stehen für Ideale, die man kaum erreichen, aber an denen man sich orientieren kann. Was für ein kontemplativer Anblick voller Stille und Frieden.

Die Herrnhuter Sterne Manufaktur hat täglich außer an Sonn- und Feiertagen von 9 bis 18 Uhr, ab Januar von 9 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.

Herrnhuter Sterne GmbH
Oderwitzer Straße 8
D-02747 Herrnhuter

www.herrnhuter-sterne.de



01.12.2025

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

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Fällung des ersten Baums zum Anbau Herrnhuts, 1722
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Die Schauwerkstatt der Herrnhuter Sternemanufaktur

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Fällung des ersten Baums zum Anbau Herrnhuts, 1722

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Der Gottesacker der Herrnhuter Brüdergemeine

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