Mittelalterliche Muttergottes wieder im Berliner Bode-Museum  |  | Maria lactans mit Reliquienfach vorne, Ulm, um 1510/20 | |
Der Kaiser Friedrich Museumsverein hat für die Skulpturensammlung der Staatlichen Museen zu Berlin eine spätmittelalterliche Figur der Maria lactans zurückerworben, die 2022 an die Erben der ursprünglichen jüdischen Besitzer restituiert wurde. Der Ankauf aus dem Kunsthandel gelang dem Verein mit finanzieller Hilfe der Kulturstiftung der Länder und der Friede Springer Stiftung. Neben der kunsthistorischen Bedeutung spiegelt die Reliquienbüste auch die ambivalente Geschichte der deutsch-jüdischen Sammlertradition in Berlin zwischen Mäzenatentum und Verfolgung wider. Zunächst gehörte sie dem Bankier Benoit Oppenheim. Er war Gründungsmitglied des Kaiser Friedrich Museumsvereins, des Fördervereins der Berliner Gemäldegalerie und der Skulpturensammlung im Kaiser-Friedrich-Museum, dem heutigen Bode-Museum. 1928 gelangte das Schnitzwerk dann in den Besitz von Jakob Goldschmidt. Er war ebenfalls Bankier, wurde im Nationalsozialismus als Jude verfolgt und konnte 1936 in die Schweiz emigrieren. Seine umfangreiche Kunstsammlung wurde von den Behörden beschlagnahmt. Rund 300 Werke aus Goldschmidts Sammlung wurden am 23. Juni 1936 im Berliner Auktionshaus Hugo Helbing versteigert, darunter die Büste, die noch im selben Jahr von den Berliner Museen erworben wurde.
Die um 1510/20 entstandene vollrund geschnitzte Skulptur der stillenden Jungfrau Maria mit dem Jesuskind diente als Reliquiar zur Aufbewahrung und Verehrung von Reliquien in der privaten Andacht. Stilistisch lässt sich die Entstehung der Büste in Ulm verorten, einem der führenden Zentren spätgotischer und frühneuzeitlicher Bildhauerkunst. Zugeschrieben wird sie einem Schnitzer aus dem Umkreis des Meisters der Biberacher Heiligen Sippe. Charakteristisch sind die lebendige Ausgestaltung der Haare und das idealisierte, fein gestaltete Gesicht. Mit großer Wahrscheinlichkeit war die Büste ursprünglich farbig gefasst und vergoldet. Fein gearbeitete Details wie die verrutschte Kette am Kronreif der Maria und die weiche Ausgestaltung der Falten ihres Gewandes zeugen von der besonderen Qualität der Arbeit.
Für Antje Scherner, Direktorin der Skulpturensammlung, ist die Büste von beachtlicher künstlerischer Qualität, ikonografisch hochinteressant und auch wegen ihrer Geschichte wichtig: „Sie war zunächst Teil der Sammlung von Benoit Oppenheim und zierte gemeinsam mit anderen Skulpturen das ‚Herrenzimmer‘ von dessen Villa im Tiergartenviertel. Fünfzehn Skulpturen in unserer Sammlung stammen aus Oppenheims Besitz. Wir nehmen diesen Ankauf deshalb zum Anlass für eine kleine Sonderausstellung über dessen herausragende Sammlung. Anschließend wird die Maria lactans unsere Dauerausstellung bereichern.“ Im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts trug der 1842 geborene Benoit Oppenheim eine Kollektion mittelalterlicher Skulpturen von atemberaubender Dichte und Qualität zusammen. Er stellte sie in seiner neu errichteten Villa im Tiergartenviertel auf und veröffentlichte sie in zwei opulenten Katalogen. Doch mit derselben Energie, mit der er die Werke erworben hatte, machte er sich ab 1920 an ihren Verkauf. Hoffnungen Wilhelm von Bodes auf Geschenke an die Berliner Museen erfüllten sich nicht. Dieser Vorgang wirft ein „scharfes Licht“ auf eine ungewöhnliche Berliner Sammlerpersönlichkeit, die jetzt erstmals mit einer Ausstellung gewürdigt wird.
Die Ausstellung „Zurück in Berlin. Eine Marienbüste und die Sammlung Benoit Oppenheim“ läuft vom 27. November bis zum 5. Mai 2026. Das Bode-Museum hat täglich außer montags von 10 bis 17 Uhr, am Wochenende von 10 bis 18 Uhr und an Neujahr von 12 bis 18 Uhr geöffnet. Geschlossen bleibt an Heiligabend und Silvester. Der Eintritt beträgt regulär 14 Euro, ermäßigt 7 Euro.
Bode-Museum
Am Kupfergraben 1
D-10178 Berlin
Telefon: +49 (0)30 – 266 42 42 42 |