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Berliner Ansicht Unter den Linden mit Reiterstandbild Friedrichs des Großen, 1920 / Otto Pippel

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© Kunsthandel Ron & Nora Krausz


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Landschaft an der Nidda, 1898 / Hans Thoma

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Welchen Einfluss Okkultismus, Theosophie, Anthroposophie, Lebensreform oder Spiritismus nicht nur auf die Kunst in Wien um 1900 hatten, beleuchtet das Leopold Museum in einer umfassenden Schau und sieht im vielfältigen und widersprüchlichen Irrationalismus Parallelen zum Heute

Im Strudel der Ideen



Ferdinand Hodler, Blick ins Unendliche III, 1903/04

Ferdinand Hodler, Blick ins Unendliche III, 1903/04

Kunst und Okkultismus sind eng verbunden. Seit dem 19. Jahrhundert haben okkultistische Ideen und Praktiken die moderne Kunst als Inspirationsquelle und ästhetisches Konzept beeinflusst. Der Begriff kommt vom lateinischen Wort „occultus“ und bedeutet „versteckt“ oder „geheim“ und bezieht sich auf Wissen und Praktiken, die über die gewöhnliche Wissenschaft hinausgehen. Eine erste Hochzeit erfuhren okkulte und mystische Themen genau zu der Zeit, als Industrialisierung und technische Fortschritte in vielen Bereichen die Gesellschaft in Europa prägten. Als Reaktion auf den Materialismus und auf negative Auswirkungen der Urbanisierung kam es zu einer breiten Welle an Reformbewegungen, deren Akteur*innen einen radikalen Wandel anstrebten: die Gründung von Jugend- und Frauenbewegungen, der Aufschwung der Freikörperkultur, das Propagieren einer Kleidungs- und Wohnreform, neue Formen in Tanz und Gymnastik sowie die zunehmende Bedeutung des Vegetarismus und Naturheilkunde.


Zahlreiche Ausstellungen und Buchveröffentlichungen der letzten Jahre zeigen deutlich: das „Verborgene“ und „Geheime“ in der Kunst ist nicht nur Gegenstand kunsthistorischer Forschung, sondern spielt auch in der Kunstpraxis eine wichtige Rolle. Es scheint, dass gerade nachdem der Glaube an den Fortschrittsbegriff abhandengekommen ist, der allgegenwärtige Irrationalismus mächtigen Aufwind bekommt. Dem Okkultismus als Wegbereiter der Avantgarde widmete die Frankfurter Schirn 1995 eine enzyklopädische Ausstellung. Kurator der für zahlreiche nachfolgende Präsentationen ähnlichen Inhalts bedeutsamen Schau war Veit Loers.

Einen Überblick, wie diese Reformbewegungen und vor allem der Okkultismus um 1900 auch in Wien Teile der Kultur und der Gesellschaft prägten, gibt es derzeit in der Ausstellung „Verborgene Moderne – Faszination des Okkulten um 1900“ im Leopold Museum, für die die Kuratoren Matthias Dusini und Ivan Ristic rund 180 Werke von über 70 Künstler*innen zusammengetragen haben. Darüber hinaus sind Fotografien, Plakate, Bücher, Manuskripte und Anschauungsobjekte wie Turngeräte und Kleidung zu sehen. Es ist der Versuch, jene okkulten, theosophischen, spiritistischen, anthroposophischen und esoterischen Strömungen und Ideologien nachzuzeichnen, die sich in den extrem polarisierenden Jahren vor und nach der Jahrhundertwende gegen den wissenschaftlich aufgeklärter Rationalismus stellten und einerseits eine Glaubenslehre an höhere Wesen im Einklang mit Körper, Geist und Natur beschworen, andererseits aber auch eine menschenfeindliche Rassentheorie hervorbrachten.

Den Ausgangspunkt nimmt die Schau im späten 19. Jahrhundert mit zwei großen Neuerern der Gründerzeit: Richard Wagner und Friedrich Nietzsche, die als Leitfiguren der okkulten Moderne fungieren. Wagner, dessen Totenmaske ausgestellt wird, schrieb der Kunst eine gleichsam religiöse Rolle zu und prägte mit seinen Opern eine ganze Generation von Kreativen. Das von ihm proklamierte Ideal des Gesamtkunstwerks war für die Wiener Secessionisten um Gustav Klimt von maßgeblicher Bedeutung. Künstler wie Koloman Moser oder Eduard Veith entwarfen Szenen mit Motiven aus Wagners „Ring des Nibelungen“ oder aus „Tristan und Isolde“. Die Idee, Kunsttempel zu errichten, wurde von den Architekten der Secession verfolgt, etwa in Form des lorbeerbekrönten Secessionsgebäudes von Joseph Maria Olbrich oder von Otto Wagners unverwirklichten Plänen für die Ehrenhalle der neuen Akademie der Bildenden Künste.

Auch der Philosoph Friedrich Nietzsche, den eine Büste von Gustinus Ambrosi vorstellt, war dem um eine Generation älteren Wagner anfänglich verbunden, der 1872 den Text „Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“ veröffentlichte und in dem sich wichtige Motive seiner Philosophie finden: der „Tod Gottes“, der schon in der „Fröhlichen Wissenschaft“ verkündet wurde, sowie zum ersten Mal der „Übermensch“ und der „Wille zur Macht“. Nietzsche glaubte nicht an die Tröstungen der Metaphysik, sondern forderte die Überwindung christlicher Moral und wissenschaftlichen Wahrheitsanspruches. Sein nihilistischer Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Daseins führte ihn zur Idee des neuen Menschen. Dieser „Übermensch“ sollte über sich hinauswachsen und die Erlösung im eigenen Körper finden.

Ein weiter Verehrer Richard Wagners war der Maler Karl Wilhelm Diefenbach. Der exzentrische Künstlerprophet und Pionier der Freikörperkultur scharte bei München Gleichgesinnte in einer Lebensgemeinschaft um sich und propagierte den Verzicht auf Alkohol und Fleisch und eine naturnahe, gesunde Lebensweise. „Durch Mühsal zu den Sternen“ – „Per aspera ad astra“ – lautet der Titel seines berühmten Schattenfrieses, der die Erlösung der Menschheit in einem Paradies auf Erden verkündet. In Wien gründete Diefenbach mit der „Humanitas“ eine Künstler*innenkommune, in der sich für kurze Zeit Gusto Gräser, Künstler und Mitbegründer der Schweizer Reformkommune „Monte Verità“, die heute als Wiege der Ökologiebewegung gilt, aufhielt. 1898 entwarf Gräser in seinem Gemälde „Der Liebe Macht“ das Bild einer neuen Weltsicht, in dem seine Zivilisationskritik auf geradezu exemplarische Weise zum Ausdruck kommt: Es zeigt eine Landschaft, deren rechte Hälfte in ein höllenartiges Licht getaucht ist und von rauchenden Fabrikschloten und sich bekriegenden Menschen dominiert wird; linkerhand ist unberührte Natur zu sehen, Mensch und Tier sind in friedlichem Einklang dargestellt. Es ist das Schlüsselwerk der Ausstellung.

Von Diefenbachs Schüler Hugo Höppener, dem von seinem Lehrer der Name „Fidus“, Der Getreue, verliehen wurde, präsentiert die Ausstellung das Gemälde „Lichtgebet“, das als Ikone der Lebensreform- und Jugendbewegung bezeichnet wird. Es zeigt einen blonden nackten Jüngling im Sonnenanbetungsgestus, der das Streben des zivilisationsmüden Bürgertums nach einem naturnahen Leben verkörpert. Fidus entwarf auch Tempel, in denen der Mensch Erkenntnisse der höheren Wahrheiten gewinnen sollte. Sein weiterer Lebensweg geriet immer mehr zum Irrweg: als 1914 der Erste Weltkrieg begann, wandte er sich völkischen Vorstellungen zu und trat 1932 nach Kontakten mit Joseph Goebbels in die NSDAP ein.

Diefenbach und Gräser sind zwei von vielen Biografien, die in der Wiener Ausstellung beleuchtet werden. Sie machen deutlich, dass die Auseinandersetzung mit theosophischen Fragestellungen und der Suche nach etwas „Höherem“, die Glaubenslehre an erhabene Wesen im Einklang mit Körper, Geist und Natur auch mit einem autoritären Habitus und einer menschenfeindlichen Rassentheorie fraternisieren konnten. Diese Widersprüchlichkeit versucht die Schau aufzuzeigen und bietet viel Informationen über so unterschiedliche Persönlichkeiten und Denkansätze wie die esoterischen Lehren der russlanddeutschen Schriftstellerin Helena Blavatsky, zu Friedrich Eckstein, dem Gründer der Wiener Loge der Theosophischen Gesellschaft, der Journalistin und Frauenrechtlerin Marie Lang, die sich für Mutterschutz, Frauenwahlrecht und gegen die Reglementierung der Prostitution einsetzte, oder über den völkisch-antisemitischen Jörg Lanz von Liebenfels. Der Gründer des Neutempelordens, einer völkisch-religiösen Organisation, und Verfasser juden- und frauenfeindlichen Publikationen verband esoterische Frömmigkeit mit den damals modernen Begriffen der Rassenkunde und der Eugenik. Dem von Liebenfels gegründeten Orden trat unter anderem der Zeichner und Schriftsteller Fritz von Herzmanovsky-Orlando bei. Der schwedische Dramatiker August Strindberg, der mit Liebenfels in Kontakt kam und einen besonderen Hang zur Alchemie hatte, versuchte sich als Maler düsterer Visionen.

Die Ausstellung „Verborgene Moderne. Faszination des Okkulten um 1900“ spürt der Kritik am Materialismus des Industriezeitalters wie auch an alternativen Religionspraktiken nach, einhergehend mit einer Begeisterung für okkulte Methoden wie Geisterbeschwörungen und fernöstliche Erlösungsszenarien. Spiritistische Séancen sollten teils unter Beteiligung von Naturwissenschaftler*innen geistige Sphären erschließen, die den menschlichen Sinnen verschlossen sind. Hierzu wurden bei den Medien, meist Frauen, somnambule Zustände hervorgerufen. Die Zeichnerin Gertrude Honzatko-Mediz fertigte ihre Bilder in Trance nach Anweisungen von Kontakten aus dem Jenseits, wobei sie sich auf die Verbindung zu ihrer verstorbenen Mutter berief. Die Auftritte der „Traumtänzerin“ Magdeleine Guipet 1904 in München waren Sensation und Skandal zugleich, sorgten für großes Aufsehen und wochenlange Berichterstattung sowie Stellungnahmen aus künstlerischen und wissenschaftlichen Kreisen. Namhafte Künstler zeigten Interesse an ihr, so auch Albert von Keller, dessen „Porträt der Traumtänzerin Magdeleine“ in der Ausstellung hängt. Gleichzeitig erlebte die Geisterfotografie ihre Blütezeit, ein Verfahren, welches darin bestand, durch Einsatz von Blitzlicht und Doppelbelichtung Erscheinungen von „durchsichtigen“ Menschengestalten neben leibhaftig Anwesenden im Bild zu simulieren.

Aber auch Werke der ‚Hausheiligen‘ wie Richard Gerstl oder Egon Schiele, von František Kupka, Ferdinand Hodler, Erich Mallina, Arnold Schönberg und Gertraud Reinberger-Brausewetter finden ihren Platz in der Schau und sind allesamt Versatzsteine in einem Konglomerat unterschiedlichster Phänomene und Denkansätze zwischen gewaltlosem Anarchismus, befreiten Körpergefühlen und völkischer Esoterik, die auf vielfältige Weise ineinandergreifen. Dass Themen wie Umweltschutz, alternative Lebensführung und ganzheitliche Heilmethoden in verschiedensten politischen Kontexten vertreten werden konnten und nicht selten ambivalent waren, etwa hinsichtlich ökologischer Ideen, die leicht an völkische Ideologien anknüpfen konnten, unterstreicht den Gegenwartsbezug der Schau. Die okkulte Euphorie als Einlass nicht nur für alle Sorten von Sonderlingen, sondern auch als Instrument einer avantgardistischen Entgrenzung, dieses große Fließen visualisiert die Wiener Ausstellung in vorbildlicher Weise.

Die Ausstellung „Verborgene Moderne – Faszination des Okkulten um 1900“ ist bis zum 18. Januar 2026 zu sehen. Das Leopold Museum hat täglich außer dienstags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Geschlossen bleibt am Heiligabend. Der Eintritt beträgt 19 Euro, ermäßigt 16 Euro, für Jugendliche unter 19 Jahren 2,50 Euro und ist für Kinder unter 7 Jahren kostenlos. Der Katalog aus dem Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König ist im Museum für 39,90 Euro zu haben.

Kontakt:

Leopold Museum

Museumsplatz 1

AT-1070 Wien

Telefon:+43 (01) 525 700

Telefax:+43 (01) 525 701 500

E-Mail: leopoldmuseum@leopoldmuseum.org

Startseite: www.leopoldmuseum.org



27.11.2025

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Jacqueline Rugo

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