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Berliner Ansicht Unter den Linden mit Reiterstandbild Friedrichs des Großen, 1920 / Otto Pippel

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Landschaft an der Nidda, 1898 / Hans Thoma

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Marktberichte

Aktuellzum Archiv:Auktions-Vorbericht

Das Berliner Auktionshaus Bassenge hat für seine Versteigerung der Druckgrafik eine ansprechende Auswahl aus den vergangenen 500 Jahren zusammengetragen und kann auf seltene Blätter verweisen

Das Meerwunder



Albrecht Dürer,  Das Meerwunder (Der Raub der Amymone), um 1497/98

Albrecht Dürer, Das Meerwunder (Der Raub der Amymone), um 1497/98

Bis heute gibt sie der kunsthistorischen Forschung Rätsel auf, dabei ist die nackte Schönheit nach antikem Vorbild schon über 500 Jahre alt. Doch was genau Albrecht Dürer mit der Darstellung der Entführung einer jungen Frau durch ein Seeungeheuer intendiert hat, ist bis dato nicht geklärt. Der Renaissance-Meister selbst bezeichnete seinen Kupferstich im Tagebuch seiner Reise durch die Niederlande als „Meerwunder“. Der Frauenraub wurde vielfältig gedeutet, etwa als „Entführung der Amymone“ oder als „Verwandlung der Parimela in eine Insel“ nach Ovids „Metamorphosen“. Der Kunsthistoriker Erwin Panofsky hat auf den italienischen Humanisten Poggio Bracciolini verwiesen, der die antike Geschichte eines Tritons auf das 15. Jahrhundert überträgt und an die Küste von Dalmatien verlegt: ein Seewesen, halb Mensch, halb Fisch, mit kleinen Hörnern und wehendem Bart, so wie es Dürer auf seinem Blatt zeigt, pflegte Kinder und junge Mädchen zu entführen, die am Ufer spielten, bis er eines Tages von fünf entschlossenen Waschfrauen getötet wurde. Der Dürer-Forscher Fedja Anzelewski sieht den Ursprung eher in der deutschen Sagenwelt. Der fränkische Edelmann Kaspar von der Rhön hatte in den 1470er Jahren eine Reihe Sagen nachgedichtet. In seinem sogenannten „Dresdner Heldenbuch“ beschreibt er unter dem Titel „Das Meerwunder“ auch die Geschichte vom Raub der Langobardenkönigin Theudelinde durch ein Meerwesen.


Wie dem auch sei: Dürers Darstellung der grazil lagernden Frau illustriert vielleicht eine bestimmte literarische Vorlage, womöglich ist sie aber auch eine traumähnliche künstlerische Vision des Nürnbergers, in der sich Orient und Okzident scheinbar begegnen. Im Berliner Auktionshaus Bassenge liegt nun ein Abzug im seltenen ersten Druckzustand vor, der seiner Qualität entsprechend 60.000 Euro verlangt. Albrecht Dürer ist wieder einer der Hauptprotagonisten in der gut ausgebauten Versteigerung von Druckgrafik des 15. bis 19. Jahrhunderts. Neben diesem um 1497/98 erschienen Hauptblatt stellt er weitere fast vierzig Positionen aus den verschiedenen Genres zur Verfügung. So treffen die Heiligen „Georg zu Pferd“ auf einem Holzschnitt von 1501/04 (Taxe 7.500 EUR) und „Christopherus mit zurückgewandtem Kopfe“ auf einem Kupferstich von 1521 (Taxe 6.000 EUR) auf das frühe Aktbild „Die vier Hexen“ von 1497 (Taxe 9.000 EUR), die „Sechs Kriegsleute“, die früher auch als „Die Räuber“ bekannt waren (Taxe 4.500 EUR), auf die ebenso kriegerischen „Apokalyptischen Reiter“, Blatt 5 der Folge „Die Apokalypse“ (Taxe 45.000 EUR), oder der Holzschnitt mit den „Heiligen Bischöfen Nikolaus, Ulrich und Erasmus“ um 1508 (Taxe 2.800 EUR) auf Dürers Flugblatt „Das Rhinozeros“, das 1515 die aufsehenerregende Ankunft eines aus dem indischen Goa stammenden Panzernashorns in Europa begleitete (Taxe 48.000 EUR).

Im alphabetisch geordneten Katalog geht es mit dem 1502 in Paderborn geborenen Heinrich Aldegrever los, der seinem Vorbild Dürer etwa in der allegorischen Darstellung „Die Nacht“ als schlafende nackte Frau folgte (Taxe 3.500 EUR). Die deutsche Renaissancekunst vertreten dann noch Albrecht Altdorfers gerade einmal briefmarkengroßer seltener Kupferstich „Maria sucht den zwölfjährigen Jesus im Tempel“ (Taxe 400 EUR), Hans Baldung Griens dramatische und mit starken Verkürzungen arbeitende „Beweinung Christi“ um 1515/17 (Taxe 2.400 EUR) oder die fantasievolle, gleichwohl dämonische „Versuchung des heiligen Antonius“ von Lucas Cranach d.Ä. aus dem Jahr 1506 (Taxe 6.000 EUR).

Während Daniel Hopfer bei seiner Eisenradierung der Kreuzigung Christi mit Johannes und Maria, der ob des Todes ihres Sohnes schon ein Schwert durch die Brust gefahren ist, noch ein religiöses Thema behandelt (Taxe 2.500 EUR), sucht sein Sohn Hieronymus Hopfer bei der symbolreichen „Personifikation der siegreichen Stadtgöttin Roma“, bei der er sich auf den Meister IB berief, seine Ideen schon in humanistischen Kreisen (Taxe 3.500 EUR). Der Kupferstich mit der „Umarmung“ eines jungen Liebespaares, die Matthäus Zasinger 1503 in einer spätgotischen Stube angesiedelt hat, gilt in der Literatur als „unstrittig die reifste und schönste seiner Arbeiten. Keine andere kommt ihr an liebevoller Durchführung, an Tiefe der Empfindung und an Stimmungsgehalt gleich.“ Dies will in der Auktion mit 9.000 Euro honoriert werden.

Ein königliches Verhältnis

Aber nicht nur auf Deutschland ist das Angebot bei Bassenge beschränkt. Der um 1485 wohl Dijon geborene Jean Duvet schuf die sechs Kupferstiche umfassende „Suite de la Licorne“ mit höfischen Darstellungen zur Einhornjagd. Die Serie entstand wahrscheinlich während der Herrschaftszeit von Heinrich II. zwischen 1547 und 1559. Dafür spricht, dass der lyrisch angelegte Zyklus voller Anspielungen auf die Liebschaft zwischen dem französischen König und Diana von Poitiers steckt, so etwa auf dem raren Bogen „Ein König und Diana empfangen Jäger“, dessen Gesichtszüge an Heinrich II. erinnern (Taxe 25.000 EUR). Italien beteiligt sich unter anderem mit Battista Angolo del Moros Radierung „Tres vidit et unum adoravit“, auf der Abraham vor den drei Engeln kniet, Niccolò Boldrinis bewegtem Holzschnitt „Der heilige Franziskus empfängt die Stigmata“ nach einer Vorlage Tizians (Taxe je 3.500 EUR) oder dem schon barock ausformulierten „Trunkenen Silen“ von Jusepe de Ribera (Taxe 4.500 EUR).

Pieter Bruegel d.Ä. selbst hat zwar keine Druckgrafiken ausgeführt, aber zeichnerische Vorlagen geschaffen, die dann von Stechern für das Vervielfältigungsmedium umgesetzt und von Verlegern herausgeben und vertrieben wurden. So führte Frans Huys um 1561/65 den Kupferstich „Bewaffneter Viermaster sticht in See“ aus, der die Lust nach Reisen in ferne Länder bediente (Taxe 3.500 EUR). Joannes und Lucas van Doetecum griffen auf Bruegels weite Weltlandschaft „Solicitudo rustica“ zurück und thematisierten dabei die „Dörflichen Sorgen“ (Taxe 4.000 EUR). Pieter van der Heyden und Philips Galle nahmen sich 1558/59 die moralischen Belehrungen „Die sieben Todsünden“ und die „Die sieben Tugenden“ her, von denen mehrere Blätter zwischen 3.500 Euro für die „Fides“ und 4.500 Euro für die „Superbia“ vorliegen. Einen tugendhaften Appell richtete um 1545 auch Cornelis Anthonisz an die Betrachter seiner sechsteiligen Folge „Der verlorene Sohn“, aus der der Holzschnitt „Der verlorene Sohn wird zum Tempel Satans geführt“ für 3.500 Euro zu haben ist.

Die Künstler bei der Arbeit

Der vielseitig begabte Lambert Suavius, der in Lüttich und Frankfurt am Main als Architekt, Dichter, Maler, Zeichner und Grafiker hervortrat, schuf 1556 das feine Bildnis des Kardinals, Staatsmanns und Kunstsammlers Antoine Perrenot de Granvelle, der als Sekretär Karls V. und als Minister eine wichtige Rolle in den Spanischen Niederlanden spielte und mit dem Kupferstich seinen Ruf als gelehrter Humanist unterstich (Taxe 3.500 EUR). Feingeistig machte der französische Kupferstecher Abraham Bosse in den 1640er Jahren die Künste selbst zum Thema und stellte im hochbarocken Stil den „Maler in seinem Atelier“, den „Kupferstecher und den Radierer“ bei der Arbeit an den Platten (Taxe je 2.400 EUR), den „Bildhauer in seinem Atelier“ (Taxe 1.800 EUR) und den „Kupferdrucker“ beim Abziehen der Grafiken dar (Taxe 3.000 EUR).

Der Maler und Radierer Adriaen van Ostade beschäftigte sich bevorzugt mit dem einfachen Leben der Bürger und Bauern in einem naiven, teils derben Humor. So schildert er unter anderem auf kleinem Format den „Lachenden Bauern“ (Taxe 1.200 EUR), lässt zwei zornige Männer beim „Messerkampf“ aufeinander losgehen, während eine Frau ihr kleines Kind angstvoll zurückzieht (Taxe 2.500 EUR), präsentiert einen „Buckeligen Geiger“, der für eine Familie vor der Haustür aufspielt (Taxe 3.500 EUR), oder lässt einen Bauern gemütlich in der Haustüre ausruhen (Taxe 8.000 EUR). Mit Rembrandt Harmensz van Rijn kommt dann noch der zweite große Grafikstar der Alten Kunst mit achtzehn Arbeiten zum Zug. Auch er fand in der einfachen Bevölkerung Material für seine Radierungen, was etwa die „Kranke Frau mit großem Kopftuch“ um 1642 (Taxe 6.000 EUR) oder der vornüber gebeugte „Greis mit langem Bart“ von 1630 deutlich machen (Taxe 7.500 EUR). Mit dem „Großen Coppenol“ stellt uns Rembrandt Lieven Willemsz van Coppenol, den Lehrer und Leiter der französischen Schule in Amsterdam sowie den Kalligrafen, Schreiber und Autor, vor (Taxe 9.000 EUR). Hell-Dunkel-Effekte nutzte Rembrandt schon in seinem Frühwerk „Die große Auferweckung des Lazarus“ um 1632 und unterstützte damit die dramatische Wirkung der biblischen Erweckungsszene (Taxe 25.000 EUR).

Veduten-Star

Das teuerste Los der Auktion versteckt sich diesmal in der Abteilung „Druckgraphik des 18. Jahrhunderts“: 120.000 Euro kostet das Album „Vedute altre prese da i Luoghi altre ideate da Antonio Canal“. Dafür erhält man aber auch das komplett erreichbare grafische Œuvre des Venezianers Giovanni Antonio Canal mit 31 Radierungen auf 17 Bögen. Das zeitgenössische Album, das Giambattista Pasquali zwischen 1752 und 1755 herausgab, enthält die wunderbar atmosphärischen Ansichten der Serenissima und ihrer Umgebung in frühen Abzügen und differenziertem Druckbild. Auch Canals Neffe Bernardo Bellotto betätigte sich als Vedutenmaler und wurde wie sein Onkel „Canaletto“ gerufen. Aus seiner Zeit am Dresdner Hof stammt die „Perspective de la Facade de la Roiale Eglise Catolique“ mit zahlreichen, pittoresk eingesetzten Figuren (Taxe 6.000 EUR).

An der kolorierten Umrissradierung „Die Cappella Paolina im Vatikan bei festlicher Beleuchtung während der Zeremonie der Quarant’Ore“ arbeiteten Louis-Jean Desprez und Francesco Piranesi zu Beginn der 1780er gemeinsam. Dabei kam Desprez’ Talent für theatralische Inszenierung voll zum Einsatz und gestaltete einen suggestiven Kirchenraum in komplexer und kraftvoller Illuminierung am Abend nach der Gründonnerstagliturgie, in dem sich Papst Pius VI. und hohe kirchliche Würdenträger vor der sogenannten „Macchina delle Quarant’Ore“ zum Gebet versammelt haben. Desprez verleiht der rauchgeschwängerten Zeremonie mit ihren zweihundert brennenden Kerzen in den dunklen Schattenpartien und den hell erleuchteten Zonen der imposanten Architekturkulisse einen mystischen Charakter (Taxe 6.000 EUR). In himmlische Gefilde entführt dann noch Giovanni Domenico Tiepolo mit seiner virtuosen Allegorie „Die Kraft und die Tugend verjagen die Unwissenheit“. Wie es sich für ein Deckengemälde seines Vaters Giovanni Battista Tiepolo gehört, nach dem der Probedruck entstand, agieren die weiblichen Figuren mit ihren hilfreichen Putten in den Wolken (Taxe 12.000 EUR).

Ein Tag im Leben einer Familie

Von dem 1838 früh verstorbenen Ferdinand Berthold ist nur wenig überliefert. Als sein Hauptwerk gilt der Grafikzyklus „Der Sonntag“ mit sechs Radierungen, auf denen der Dresdner Künstler das Sonntagsleben einer wohlhabenden bürgerlichen Familie vom frühen Kirchengang über den Spaziergang im Freien bis zum Abendsegen im Stil des 16. Jahrhunderts mit viel Liebe zum Detail beschreibt (Taxe 3.500 EUR). Weitere frühromantische Empfindungen lösen Johan Christian Dahls Radierung „Norwegische Seeküste während eines Sturmes“ von 1819 (Taxe 1.800 EUR), Johann Christoph Erhards seltene fränkische Landschaft „Bey Muckendorf“ von 1817 (Taxe 1.200 EUR) oder Théodore Géricaults energischer Kriegsinvalide „Le Fonctionaire Suisse au Louvre“ von 1819 aus (Taxe 1.800 EUR).

Ein ungewöhnliches Sujet hat sich Heinrich Merz bei seinem Kupferstich „Das Narrenhaus“ gewählt. Als Vorlage diente ihm eine Zeichnung Wilhelm von Kaulbachs, um im Hof eines Irrenhauses die unterschiedlichen Gemütszustände der Insassen und die verschiedene Typen seelischer Krankheiten zu zeigen. Der Frühdruck von der unvollendeten Platte verlangt 1.200 Euro. Über Giovanni Migliaras kolorierte Mailänder Vedute „Arco della Pace con l’Arena sullo sfondo“ für 3.000 Euro, mehrere realistische Menschenschilderungen Wilhelm Leibls für jeweils 750 Euro und Anders Zorns impressionistisches „Selbstbildnis“ von 1911 für 900 Euro geht es zur abschließenden „Druckgraphik des Fin de Siècle“, die vor allem symbolistische Schöpfungen birgt, darunter Max Klingers Probedruck der Radierung „Am Thor“ mit einem überraschten Paar aus dem Zyklus „Eine Liebe. Opus X“ für 3.000 Euro.

Die Auktion der „Druckgraphik des 15. bis 19. Jahrhunderts“ beginnt am 26. November um 10 Uhr. Der Internetkatalog listet die Objekte unter www.bassenge.com.

Kontakt:

Galerie Bassenge

Erdener Straße 5a

DE-14193 Berlin

Telefon:+49 (030) 893 80 290

Telefax:+49 (030) 891 80 25

E-Mail: info@bassenge.com

Startseite: www.bassenge.com



25.11.2025

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Ulrich Raphael Firsching

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