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Berliner Ansicht Unter den Linden mit Reiterstandbild Friedrichs des Großen, 1920 / Otto Pippel

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Christie’s stellt unbekannte Michelangelo-Zeichnung vor

Neu entdeckt: Michelangelo Buonarrotis „Fuß der Lybischen Sibylle“

So etwas kommt auch für die Fachleute bei den großen Auktionshäusern nicht alle Tage vor. Da landet im März dieses Jahres eine Schätzanfrage über die Webseite von Christie’s auf dem Schreibtisch von Giada Damen. Der Leiterin der Abteilung für Zeichnungen Alter Meister in New York präsentiert sich die Skizze eines Fußes, die von einem Mann an der Westküste der USA zur Begutachtung geschickt wurde. Laut dessen Auskunft habe er das Rötelblatt, das er schon sein ganzes Leben lang aus dem Haus seiner Großmutter kenne, von ihr geerbt. Zudem gibt er an, dass die Zeichnung seit dem späten 18. Jahrhundert in seiner Familie in Europa weitergegeben wurde. Mehr wisse er dazu aber nicht.

Giada Damen ist sofort von der Qualität und dem Alter des Werkes überzeugt, lässt alles andere liegen und stehen, steigt in ein Flugzeug, nimmt die Zeichnung persönlich in Augenschein und ist noch begeisterter. Nun beginnt ein halbes Jahr detektivische Arbeit. Damen lässt die Zeichnung mit Infrarot-Reflektografie fotografieren, wodurch auf der Rückseite des Blattes weitere Skizzen sichtbar werden, die durch die Auflage auf ein weiteres Papier verdeckt sind. Auch diese Zeichnungen scheinen von einem italienischen Künstler aus dem 16. Jahrhundert zu stammen, der Michelangelo Buonarroti nahestand. Damen vergleicht das Blatt mit einer berühmten Zeichnung Michelangelos im Metropolitan Museum of Art und stellt fest, dass eine Kopie des Blattes aus dem Met in den Uffizien in Florenz dieselben Studien zeigt, jedoch mit einer Ergänzung: genau denselben Fuß wie auf ihrer Zeichnung.

Giada Damen kann nachweisen, dass die Zeichnung von Christie’s eindeutig zur selben Zeit, mit derselben roten Kreide und für dasselbe Projekt angefertigt wurde, wie die berühmte Met-Studie für das Fresko der Libyschen Sibylle in der Sixtinischen Kapelle im Vatikan. Auch bei ihrem Blatt sind deutliche Anzeichen dafür erkennbar, dass es aus einem größeren Zusammenhang ausgeschnitten wurde, ähnlich wie die Zeichnung aus dem Met. Zudem liefert die Provenienz ein weiteres Indiz für die Urheberschaft Michelangelos. Die Zeichnung des Fußes trägt eine Beschriftung in brauner Tinte aus dem 16. Jahrhundert: „Michelangelo Bona Roti“, wie sie für eine Reihe von Zeichnungen Michelangelos charakteristisch ist, etwa auch auf dem Bogen aus dem Metropolitan Museum. Damit lässt sie sich zu Künstlern aus dem Umfeld Michelangelos im 16. Jahrhundert und einer italienischen Sammlung aus dem 17. Jahrhundert zurückverfolgen. Irgendwann im 18. Jahrhundert gelangte die Zeichnung dann in die Sammlung von Armand Louis de Mestral de Saint-Saphorin, einem Schweizer Diplomaten im Dienste des Königs von Dänemark, und wurde dann in der Familie des heutigen Besitzers weitergereicht.

Schließlich konsultiert Giada Damen noch die international führenden Renaissance-Experten, die die Zuschreibung der Zeichnung an Michelangelo ohne Ausnahme bestätigen. Seit Jahrhunderten befindet sich sein „Fuß der Lybischen Sibylle“ in Privatbesitz, ist bisher für die Wissenschaft unbekannt und nicht dokumentiert. „Diese Entdeckung war für mich eine einmalige Gelegenheit“, äußert sich Giada Damen glücklich. „Es war mir eine große Freude, diese besondere Zeichnung in den letzten neun Monaten gemeinsam mit meinen Kollegen aus der Abteilung für Alte Meisterzeichnungen zu untersuchen. Wir freuen uns sehr, diese Entdeckung nun mit der ganzen Welt teilen zu können.“ Christie’s wird den „Fuß der Lybischen Sibylle“ am 5. Februar 2026 in New York versteigern; geschätzt ist er auf 1,5 bis 2 Millionen US-Dollar.


24.11.2025

Quelle: Kunstmarkt.com/Ulrich Raphael Firsching

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