Nägeles Hauptwerk für Kunstmuseum Stuttgart gesichert  |  | Reinhold Nägele, Aussicht vom Bahnhofsturm auf die nächtliche Königstraße und Umgebung, 1930 | |
Bereits seit 2006 hängt Reinhold Nägeles Gemälde „Aussicht vom Bahnhofsturm auf die nächtliche Königstraße und Umgebung“ als Dauerleihgabe im Kunstmuseum Stuttgart. Nun geht das Hauptwerk des schwäbischen Malers aus dem Jahr 1930 fest in den Besitz des Museums über. Mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder, der Wüstenrot Stiftung und der Peter Linder Stiftung konnte die dem neusachlichen Realismus verpflichtete Vedute aus einer Privatsammlung angekauft werden. Mit 33 Gemälden, 120 Druckgrafiken und einem beachtlichen Konvolut an Exlibris besitzt das Kunstmuseum Stuttgart einen der umfangreichsten öffentlichen Bestände zum Schaffen Reinhold Nägeles.
Ulrike Groos, Direktorin des Kunstmuseums Stuttgart, zeigte sich erfreut über die Neuerwerbung: „Das Werk ‚Aussicht vom Bahnhofsturm auf die nächtliche Königstraße und Umgebung‘ für das Kunstmuseum Stuttgart zu sichern, ist von großer Bedeutung für die Stadt Stuttgart. Neben seiner hohen künstlerischen Qualität kommt dem Gemälde eine besondere zeit- und stadtgeschichtliche und damit identitätsstiftende Bedeutung für Stuttgarts Bürger*innen zu. Das Werk ist ein wahrer Publikumsliebling.“ In dem Weitblick über den abendlichen Stuttgarter Talkessel seien all jene Elemente präsent, die seine künstlerische Arbeit auszeichnen: Die Faszination für das Neue Bauen und die technisch-urbane Moderne, verbunden mit einem von akribischer Detailgenauigkeit bestimmten Malstil sowie einer besonderen Affinität für Vogelperspektiven und effektvoll inszenierte Nachtszenen.
Seine präzise Wiedergabe der Stuttgarter Innenstadt mache das Gemälde zu einem wertvollen stadt- und baugeschichtlichen Zeitdokument, das über die urbane Entwicklung der Stadt und ihren Aufstieg als großstädtisches Zentrum Auskunft gebe. „Auch vor dem Hintergrund des Umbaus des Stuttgarter Hauptbahnhofs und der damit einhergehenden öffentlichen Debatten kommt dem Bild eine besondere Bedeutung zu. Geschichte und Gegenwart sind hier in besonderer Weise verbunden“, so Groos. Nägeles „Aussicht vom Bahnhofsturm“ wird anlässlich des Ankaufs mit ihrem „Gegenstück“, der 1932 entstandenen „Königstraße in Stuttgart“ bei Tag, aktuell in der Sammlung präsentiert und um weitere Stuttgart-Bilder des Malers, Fotografien sowie Postkarten aus der Zeit erweitert, die das historische Stadtbild, dessen Modernität und Großstadtcharakter einfangen.
Der 1884 in Murrhardt nordöstlich von Stuttgart geborene Reinhold Nägele war eng mit der Region verbunden. Bis zu seiner Emigration in die USA zählte er mit seinen sachlich-objektiven Stadt- und Landschaftsansichten sowie den kritisch-surrealen Bildfindungen zu den prägenden Künstlerpersönlichkeiten Südwestdeutschlands. Stilistisch ist sein Werk facettenreich, was eine schnelle kunsthistorische Einordnung erschwert. Zuletzt wurde Nägele insbesondere im Kontext der Neuen Sachlichkeit wiederentdeckt und seine Kunst in verschiedenen Museen präsentiert. In zahlreichen Werken betätigte er sich als Chronist des modernen Lebens in Stuttgart im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, dessen dynamische gesellschaftliche und städtebauliche Veränderungen er thematisierte. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten erhielt er Berufsverbot und wurde 1937 aus der Reichskammer der Bildenden Künste ausgeschlossen. Da er sich nicht von seiner Ehefrau, einer jüdischen Ärztin, trennen wollte, emigrierte er 1939 nach New York. Nach dem Tod seiner Frau kehrte Nägele 1963 nach Deutschland zurück und starb 1972 in Stuttgart. |