 |  | Giovanni Domenico Tiepolo, Kopf eines alten Mannes mit Turban | |
Während sonst die Spitzenwerke im sechs- und siebenstelligen Preisbereich das Image einer Auktion prägen, ist diesmal bei der ältesten Familienfirma im Auktionsgeschäft, bei Lempertz in Köln, das Angebot mit Schätzpreisen von 20.000 bis 80.000 Euro kennzeichnend für die 173 Positionen der Herbstauktion. Der Grund: Lempertz darf zwei Jahre nach seinem 225jährigen Firmenjubiläum wieder eine runde Zahl feiern: Zu seinem 50jährigen Jubiläum als Auktionator hat sich Henrik Hanstein unter dem Motto „50 Lots – My Choice“ die Filetstücke aus allen Sparten des Versteigerers, darunter auch aus den Alten Meistern und der Malerei des 19. Jahrhunderts, für eine eigene Auktion gesichert. Am 4. Dezember werden sie zusammen mit Meisterwerken der Moderne und der zeitgenössischen Kunst und Preziosen aus Schmuck und Kunstgewerbe vom Jubilar versteigert. Da gibt es dann von Oswald Achenbachs „Fontana di Trevi“ über zwei Venedig-Ansichten Friedrich Nerlys und einen bärtigen Philosophen Giovanni Battista Tiepolos bis zu einem exquisiten Früchtestillleben Cornelis de Heems achtzehn Gemälde Alter und Neuerer Meister für Schätzungen zwischen 60.000 und 300.000 Euro.
Doch was auf den ersten Blick die Versteigerung „Alte Kunst und 19. Jahrhundert“ am 22. November in Köln in den Hintergrund zu rücken droht, zeigt sich beim zweiten Hinsehen durchaus als Vorzug: Denn unter den Werken im mittleren Preisbereich ist so manches reiz- und qualitätvolle Gemälde auszumachen, das Interesse verdient. Da gibt es etwa ein Bild mit wunderbarer Tiefenwirkung, auf dem sich in freundlichem Licht neben einer romantisch verwachsenen, dominierenden antiken Vase drei Gruppen von Leuten unterhalten. Galant und nicht ohne einen Anflug erotischere Pikanterie hat Christian Wilhelm Ernst Dietrich, genannt Dietricy, diese „Fête galante“ festgehalten. Die Kostbarkeit wartet für 50.000 bis 70.00 Euro auf einen Liebhaber. In höfischen Kreisen, allerdings im mythologischen Gewand, harrt zudem Francesco Solimena aus. Der neapolitanische Maler führte zusammen mit seiner Werkstatt eine großformatige bühnenhafte Leinwand mit Aeneas, der Dido zusammen mit dem Liebesboten Amor begrüßt, womit die letztendlich tragische Beziehung der beiden beginnt (Taxe 50.000 bis 60.000 EUR). Während Vater Tiepolo mit seiner Charakterstudie in die Jubiläumsauktion aufgenommen wurde, muss sich Sohn Giovanni Domenico Tiepolo bei seinem Kopf eines alten bärtigen Mannes samt Turban mit der regulären Altmeisterauktion begnügen. Es stehen aber immerhin 80.000 bis 100.000 Euro auf dem Preisschild.
Aus dem Genre der Stillleben ragt ein Bild der 1578 geborenen Fede Galizia heraus. Als eine der wenigen gefragten Malerinnen ihrer Zeit hat sie bewunderte Porträts geschaffen. Auf ihrem „Stillleben mit Pfirsichen und Weintrauben“ wirken die einzelnen Früchte sorgfältig individuell gestaltet, als habe sie jedes einzelne Stück Obst porträtiert. Die Lichtführung macht die Komposition der samtig wirkenden Früchte auf einer Schale lebendig und plastisch. Die veranschlagten 80.000 bis 100.000 Euro sind ein Indiz für die außerordentliche Qualität dieser Arbeit. Andere Stillleben sind gleichfalls eines vertieften Blickes wert, so eines mit „Obst, Hummer, Austern und anderen Gegenständen auf einem Tisch“ des Flamen Jan-Baptist Lust. Das kontrastreiche Bild mit dem dramatisch hervortretenden Hummer soll 35.000 bis 45.000 Euro erbringen. Aus der raffinierten Spiegelung des Lichts auf metallenen Gefäßen bezieht das „Stillleben mit Römer, Pastete, Zitrone, Silberkanne und weiteren Objekten auf einer Tischplatte mit weißem Tuch“ des Haarlemer Malers Gerrit Willemsz Heda seinen Reiz (Taxe 60.000 bis 80.000 EUR). Deutlich wird der Einfluss alter Meister zwei Jahrhunderte später in einem 1893 gemalten Stillleben Otto Scholderers. Auch hier fesseln Pfirsiche auf einem Teller den Blick, während eine Vase mit weißen und violetten Dahlien einen vertikalen Kontrapunkt setzt (Taxe 25.000 bis 35.000 EUR).
Ein Heiligenstillleben
Unter den Blumenstillleben gefällt ein Gemäldepaar des Wiener Biedermeiermeisters Johann Baptist Drechsler. Die auf das Jahr 1791 datierte Frühwerke zeigen zwei üppig gefüllte Blumenvasen in Nischen, das eine durch eine Weintraube, das andere durch einen Pfirsich und einen schreienden Stieglitz am unteren Rand belebt (Taxe 20.000 bis 30.000 EUR). Für 10.000 bis 15.000 Euro enthält das Lempertz-Angebot eine charakteristische, nach oben aufsteigende Blumenkomposition von Simon Pietersz Verelst und für 15.000 bis 20.000 Euro ein locker und duftiges Arrangement aus Tulpen, Nelken, Rosen in der für Margherita Caffi charakteristischen asymmetrischen Anordnung. Stillleben und religiöse Malerei kombiniert Jan Breughel d.J. auf einer steinernen Kartusche mit Greifen, in der zahlreiche Blumen stecken. Der Figurenmaler, der in der Kartusche den büßenden heiligen Hieronymus mit Löwen in der Einöde ausgeführt hat, ist bisher noch nicht identifiziert (Taxe 60.000 bis 80.000 EUR).
Unter den Werken mit biblischen Motiven finden sich drei Bilder, die sich mit den dramatischen Ereignissen am Königshof des Herodes befassen, bei denen Salome für ihren aufreizenden Schleiertanz den Kopf des Propheten Jochanaan fordert. Auf Hendrik de Clercks Ölbild hat die kostbar gekleidete Prinzessin das Haupt auf einer Schale bereits empfangen; das Gastmahl des Herodes ist als bereits vergangenes Ereignis im Hintergrund dargestellt (Taxe 30.000 bis 40.000 Euro). In voller Pracht mit dem abgeschlagenen Kopf im Zentrum des Bildes schildert Frans Francken II „Das Festmahl des Herodes“: Er porträtiert den verblüfften Regenten als kostbar gekleideten orientalischen Herrscher, Herodias und die ihm gegenüberstehende Salome in exquisiten Roben. 60.000 bis 80.000 Euro soll das detailreiche Gemälde kosten. Ein schönes Beispiel eines niederländischen Andachtsbilds mit dem „Kopf des heiligen Johannes des Täufers auf einer Schale“ stammt aus der Werkstatt von Peter Paul Rubens und wird für 10.000 bis 15.000 Euro zum Aufruf kommen.
Nicht eindeutig bestimmbar sind Herkunft und Entstehungszeit des Passionstriptychons eines niederländischen oder deutschen Meisters des 16. Jahrhunderts. Die Darstellung des heiligen Bavo, des Stadtpatrons von Gent, legt nahe, die Herkunft der Altartafel im deutsch-niederländischen Grenzraum zu verorten (Taxe 50.000 bis 60.000 EUR). Auf die kommende Weihnachtszeit weist Filippo Lauris bisher unveröffentlichtes Kabinettbild mit der „Anbetung der Hirten“ voraus, für die der römische Barockmaler ein leuchtendes Kolorit verwendete (Taxe 30.000 bis 40.000 EUR). Der Neapolitaner Filippo Vitale geht einen Schritt weiter und stellt die Heilige Familie auf der „Flucht nach Ägypten“ vor, wobei Joseph zwei Engelchen mahnt, Maria beim Stillen des Jesusknaben nicht zu stören (Taxe 20.000 bis 25.000 EUR). Als Seefahrernation war bei den Niederländern die Marinemalerei beliebt. Ansprechende Beispiele steuern Aernout Smit mit seinen niederländisch beflaggten Segelbooten samt Zweimaster auf unruhiger See (Taxe 15.000 bis 20.000 EUR), Hendrick van Anthonissen mit seiner vor der Küste ankernden Kriegsschiffen (Taxe 25.000 bis 30.000 EUR) und Jan Theunisz Blanckerhoff mit seinem Amsterdamer Kriegsschiff bei, das gerade aus einem Mittelmeerhafen ausläuft (Taxe 40.000 bis 50.000 EUR).
Italien zieht immer
Aus den Werken des 19. Jahrhunderts ragt die Ansicht eines Fischmarktes in Rom von Michael Neher heraus, die er in zwei Versionen gemalt hat. Eine erwarb der Kurfürst Wilhelm II. von Hessen-Kassel. Sie befindet sich heute im Museum Schloss Fasanerie in Eichenzell bei Fulda. Die andere Version, auf der sich unter erhabener römischer Architektur geschäftiges Treiben entfaltet, ist nun in Köln für 30.000 bis 40.000 Euro zu haben. Italiens holde Landschaften finden sich auf Bildern wie der „Ansicht der Bucht von Sorrent mit tanzenden Bauern und dem Vesuv im Hintergrund, auf der Josef Rebell wie viele andere auch das Geburtshaus des Dichters Torquato Tasso festgehalten hat (Taxe 30.000 bis 40.000 EUR), oder dem Küstenstreifen auf Capri, den Franz Richard Unterberger pittoresk mit Reisenden beim Aufbruch zur Blauen Grotte angereichert hat (Taxe 10.000 bis 12.000 EUR). Ein klassisches Motiv Friedrich Nerlys ist die „Piazzetta in Venedig bei Mondschein“, die es jenseits der sechsstelligen Werte in der „My Choice“-Auktion hier schon für 20.000 bis 30.000 Euro gibt.
Andreas Achenbach hat wohl auf der ersten seiner drei Italienreisen ein Motiv skizziert, das er 1856 für sein Ölgemälde des Örtchens „Scilla an der Kalabrischen Küste“ zugrunde gelegt hat. Vor einer prachtvollen Bergkulisse gehen darauf Fischer ihrer täglichen Arbeit nach, im Hintergrund sieht man die Kuppeln einiger landestypischer Trulli (Taxe 30.000 bis 40.000 EUR). Sein Bruder Oswald Achenbach hat sich in einer dramatisch-düsteren Gewitterstimmung „Auf der Brücke zwischen Ariccia und Albano“ postiert (Taxe 18.000 bis 20.000 EUR). In ein lebendigeres Licht- und Schattenspiel taucht der Schweizer Wahlitaliener Franz Theodor Aerni „Die Via del Mercato in Rom“, auf der gerade ein Ochsenkarren durch die Menschenmenge stürmisch vorwärtsstrebt (Taxe 12.000 bis 14.000 EUR).
Die Zeichenkunst
Bei Lempertz tritt zudem eine Privatsammlung mit qualitätvollen Zeichnungen Alter und Neuerer Meister an. Die 37 Werke umfassen neben vielen niederländischen Landschaften etwa die mit feinster Feder gezeichnete Ansicht vom Tempel des Hercules Victor in Rom von Jan de Bisschop (Taxe 15.000 bis 20.000 EUR), die von Jacob van der Ulfts identischer, aber etwas summarischer Vedute des Rundtempels am Tiber begleitet wird (Taxe 2.000 bis 3.000 EUR), Jan van Goyens rege Marktszene am Flussufer samt Fischerboot in einem holländischen Städtchen (Taxe 20.000 bis 30.000 EUR) oder eine Landschaft mit Brücke und Turmruine von Esaias van de Velde I (Taxe 8.000 bis 12.000 EUR). Zum gleichen Preis nimmt uns Frans de Momper in eine Winterlandschaft zu einigen Bauernhäusern mit, bei der er den Schnee durch gekonnte Lavierung deutlich macht. Winterlich ist es zudem auf Anthonie Waterloos einsamem, hinter Bäumen gelegenem Gehöft mit einem Treppengiebel (Taxe 15.000 bis 20.000 EUR).
Sorgfältig hat Pieter Bout die zahlreichen Personen auf einem lebhaften Jahrmarkt vor einer Taverne ausgearbeitet (Taxe 10.000 bis 12.000 EUR). Adriaen Frans Boudewyns gewährt uns auf einer farbfrischen aquarellierten Landschaftsstudie einen Blick auf Mainz um 1700 (Taxe 18.000 bis 22.000 EUR). Die Heiterkeit des Rokoko spricht dann aus einem ebenfalls aquarellierten großformatigen Blatt einer frohgemuten Gesellschaft in einer südlichen Parkanlage mit Grottenarchitektur an einem See, das Isaac de Moucheron 1736 als Entwurf für eines der Wandbilder des Hauses Saxenburg in der Amsterdamer Kreizergracht anlegte (Taxe 15.000 bis 20.000 EUR). Fast gemäldemäßig hat Jan Erasmus Quellinus seine „Hochzeit zu Kana“ ausgearbeitet und sich bei dem neutestamentlichen Ereignis, das er in eine Palastarchitektur mit Ausblick in den Himmel verlegt hat, an venezianischen Vorbildern wie Veronese orientiert (Taxe 14.000 bis 18.000 EUR).
Zwei Zeichnungen Carl Rottmans mit Motiven aus Florenz und Tivoli werden von seinem bedeutenden Aquarell überragt: Das „Tor in Salzburg“ ist das erste fest datierte Blatt, „bei dem sich Rottmann von der Federzeichnung löst und den hellen Blattgrund zum eigenständigen Formträger werden lässt. Parallel dazu zeigt sich eine Größe und Vereinfachung der Formen, die für die Studien von 1824/25 charakteristisch sind“ – so der Werkkatalog von Erika Bierhaus-Rödiger (Taxe 18.000 bis 20.000 EUR). Möglicherweise gibt ein weiteres Blatt mit einem „Antiken Opferzug“ einen der Entwürfe Rottmanns für einen im Krieg zerstörten Wandzyklus in der Münchner Residenz wieder. Das auf das Jahr 1834 datierte Aquarell stammt wohl aus dem Besitz Leo von Klenzes und wird nun für 20.000 bis 30.000 Euro angeboten.
Die Auktion beginnt am 22. November um 11 Uhr. Eine Besichtigung ist bis zum 21. November täglich von 10 bis 17:30 Uhr möglich. Der Internetkatalog listet die Positionen unter www.lempertz.com. |