Lygia Clark im Kunsthaus Zürich  |  | Lygia Clark, Superfície Modulada no. 6, 1956 | |
Das Kunsthaus Zürich präsentiert ab heute das Schaffen von Lygia Clark und veranstaltet damit die erste Retrospektive für die brasilianische Künstlerin in der Schweiz. Die Auswahl der rund 170 Werke reicht von ihren geometrisch-abstrakten Gemälden im Sinne der Konkreten Kunst bis zu den späten performativen Arbeiten, in denen Clark das Publikum in ihre Arbeiten integrierte, zeichnet ihr Schaffen von den 1940er Jahren bis zu ihrem Tod 1988 nach und kristallisiert als zentralen Aspekt den interaktiven Ansatz ihres Œuvres heraus. Mit ihm hat Lygia Clark Kunstgeschichte geschrieben, weil sie die Grenze zwischen Kunstwerk und Betrachtenden auflöste, auf klassische Bild- oder Objektformen verzichtete und prozessorientierte Arbeiten entwickelte, die nur durch die aktive Teilnahme von Menschen entstehen oder vollendet werden konnten.
Nachdem sie schon früh geheiratet und drei Kinder zur Welt gebracht hatte, entschied sich Lygia Clark mit 27 Jahren, Künstlerin zu werden, und studierte bei dem Landschaftsarchitekten und Maler Roberto Burle Marx sowie der Bildhauerin und Malerin Zélia Ferreira Salgado in Rio de Janeiro. 1950 ging sie nach Paris, nahm Unterricht bei Árpád Szenes, Isaac Dobrinsky und Fernand Léger und kehrte 1952 nach Brasilien zurück. Clark gehörte zu den Hauptvertretern des „Neoconcretismo“, einer 1959 in Rio de Janeiro gegründeten Bewegung, die von den modularkonstruktiven Prinzipien der Gründerfiguren wie Theo van Doesburg und Max Bill ausging, sich aber auch davon abgrenzte, indem sie menschliche Intuition über rational-mathematische Prinzipien stellte. Clark erweiterte zuerst das Bild in den Raum, dann erhielt die Skulptur einen immer stärkeren Körperbezug, bis sie das physisch-objekthafte, abgeschlossene Kunstwerk in den 1970er Jahren ganz aufgab.
Bis zu ihrem Tod erkundete Lygia Clark dann den individuellen und kollektiven Körper mit ihrem Kunstpublikum. Diese Kunstwerke nannte sie „proposiciones“, Vorschläge, die Handlungsanweisungen zur Aktivierung besonders angefertigter Kleider, Masken oder Brillen waren. Mit ihnen ermöglichte Clark einen neuen Blick auf uns selbst und die Welt. Diesem Prozess sei immer auch die Möglichkeit einer Heilung eingeschrieben, betonte sie. So entstanden ihre Werkgruppen der „Bichos“ und „Caminhando“. Die „Bichos“ bestehen aus beweglichen geometrischen Metallplatten, die von den Betrachtenden in immer neue Positionen gefaltet werden können. Clark verglich sie mit lebenden Organismen, deren Wesen sich aus der Interaktion ergibt.
Das Primat des Visuellen in der bildenden Kunst erweiterte sie um andere Sinneswahrnehmungen, wie Hören, Fühlen, Riechen und Tasten, etwa in den „Objetos Sensoriais“ mit Brillen, Masken oder Anzügen, die die sinnliche Erfahrung der Rezipient*innen auf den ganzen Körper ausdehnten. Mit „Caminhando“ machte sie dann den radikalen Schnitt. Inspiriert durch die Auseinandersetzung des Schweizer Multitalents Max Bill mit der Möbiusschleife, entwickelte sie eine Handlungsanweisung, bei der nicht mehr das Objekt, sondern die Handlung selbst das Kunstwerk bildet. „Die Handlung ist das, was ‚Caminhando‘ produziert. Es existiert nichts davor und nichts danach“, schrieb Clark. Die rund 50 partizipative Arbeiten der Schau wurden als Repliken von der Associação Cultural O Mundo de Lygia Clark hergestellt, um den Besucher*innen in Zürich die prozessorientierte Dimension unmittelbar erfahrbar zu machen.
Die Ausstellung „Lygia Clark. Retrospektive“ läuft vom 14. November bis zum 8. März 2026. Das Kunsthaus Zürich hat täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags zusätzlich bis 20 Uhr geöffnet. Geschlossen bleibt am 1. Weihnachtstag und Neujahr. Der Eintritt beträgt 31 Franken, ermäßigt 22 Franken. Für Kinder und Jugendliche unter 14 Jahren sowie für alle am Mittwoch ist der Eintritt kostenlos. Der Katalog aus dem E. A. Seemann Verlag ist für 54 Franken im Kunsthaus-Shop erhältlich ist.
Kunsthaus Zürich
Heimplatz 5
CH-8001 Zürich
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