Berlinische Galerie feiert Jubiläum mit Raoul Hausmann  |  | Raoul Hausmann, Der Kunstkritiker, 1919/20 | |
Zur Feier ihres 50jährigen Bestehens ehrt die Berlinische Galerie aktuell Raoul Hausmann mit der umfassenden Retrospektive „Vision. Provokation. Dada“. Der 1886 geborene Künstler zählt zu den zentralen Figuren der Avantgarde des 20. Jahrhunderts, der multimedial arbeitete und zwischen Bildender Kunst, Fotografe, Literatur, Philosophie und Technik nonchalant hin- und herwechselte. Hausmann gehört zu den Miterfindern der Collagetechnik, verfasste experimentelle Schriften, machte performative Darbietungen und verband als Fotograf das Sehen mit dem Haptischen. Sein Gesamtwerk wird von frühen expressionistischen Arbeiten über die Dada-Zeit bis hin zum seltener präsentierten Spätwerk vorgestellt. Kurator Ralf Burmeister erarbeitete eine Schau mit mehr als 200 Gemälden, Collagen, Zeichnungen, druckgrafischen Arbeiten, Fotografien, Filmen sowie dokumentarischen Materialien aus den eigenen Beständen und internationalen Leihgaben und ordnete den Überblick in sieben Kapitel.
Der erste Abschnitt widmet sich unter dem Titel „Der Maler malt wie der Ochs brüllt“ dem Frühwerk Hausmanns bis 1917, das sich ab 1912 vom Expressionismus inspirieren ließ. Im Januar 1918 sprang der Funke des Dada von Zürich nach Berlin über und bildet das thematische Gerüst für das zweite Kapitel „Die Revolutionäre Anti-Kunst“. Gemeinsam mit seiner damaligen Partnerin Hannah Höch entwickelte Hausmann die Fotomontage und schuf mit seinen „Plakatgedichten“ eine Art erstes Readymade der Literatur. Diese sind zum Sehen und Sprechen konzipiert, so dass sie Optisches und Phonetisches verbinden. Aus Alltagsgegenständen entstanden erste gesellschaftskritische Assemblagen. Zudem führte Raoul Hausmann Tänze und Lautgedichte bei Soireen auf, was heute als Performance bezeichnet wird. Durch die Herausgabe der Zeitschrift „Der Dada“ verlieh er dem Berliner Club Dada eine Stimme; mit Manifesten, theoretischen Abhandlungen und Artikel entwickelter er sich zum „Dadasoph“. Dada war für ihn mehr als eine ästhetisch-stilistische Revolution, vielmehr eine Art Synonym für Hausmanns kritische Haltung gegenüber bequemen Gewissheiten. Den skeptischen Geist sollte er zeitlebens beibehalten.
Das vierte Kapitel „Eroberung all unserer Sinne“ wendet sich der Synästhesie zu, die ihre Anfänge bereits in seinen „Plakatgedichten“ fand. In den 1920er Jahren setzte sich Hausmann intensiv mit den Sinnen auseinander und formulierte eine eigene Wahrnehmungstheorie, die er „Présentismus“ nannte. Das Jahr 1927 war durch den Übergang zur Fotografie gekennzeichnet, die sein Schaffen etwa zwanzig Jahre dominierte. 1933 flüchtete er vor den Nationalsozialisten nach Paris, lebte zwischen 1939 und 1944 illegal in der Künstlerkolonie Peyrat-le-Château im Zentralmassiv und ließ sich dann in Limoges nieder. Raoul Hausmann wollte mit und durch die Kamera, obwohl er sich nie als Fotograf verstand, die Erweiterung und Erneuerung der menschlichen Seh- und Sinnesbeziehungen zur Welt festhalten. Sein motivischer Fokus lag auf dem Alltäglichen, so dass viele Landschaften, stilllebenhafte Aufnahmen von Gegenständen oder experimentelle Bilder entstanden, etwa im verwirrenden Spiel aus Detail und Bild im Bild, aus Sehen und Gesehenwerden bei dem Foto eines Auges im Vergrößerungsspiegel von 1931. Die letzten zwei Kapitel widmen sich der Nachkriegszeit als Neubeginn und seinem Spätwerk seit 1960, in dem Hausmann malerisch auf die international dominierende Sprache der Abstraktion reagierte.
Die Ausstellung „Raoul Hausmann. Vision. Provokation. Dada.“ läuft bis zum 16. März 2026. Die Berlinische Galerie hat täglich außer dienstags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 12 Euro, ermäßigt 7 Euro. Der begleitende Katalog aus dem Hatje Cantz Verlag kostet im Museum 39,80 Euro, im Buchhandel 54 Euro.
Berlinische Galerie
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