 |  | Michelangelo Merisi da Caravaggio, Michelangelo Merisi da Caravaggio Umkreis, Der ungläubige Thomas (Eristoff-Fassung) | |
Der „Ungläubige Thomas“ war nicht gerade einer der Favoriten bei der Versteigerung der Alten Meister im Wiener Dorotheum. Doch die Qualitäten des Vier-Personen-Stücks blieben den Sammler nicht verborgen. Stand doch dahinter ein großer Name der Kunst um 1600: Michelangelo Merisi da Caravaggio. Um 1602/03 malte er für den römischen Bankier Vincenzo Giustiniani die neutestamentliche Ostererzählung, die heute eines der Glanzstücke im Schloss Sanssouci in Potsdam ist. Die für Caravaggio charakteristische dramatische Spannung resultiert aus der naturalistischen Darstellung, mit der der Apostel Thomas seinen Zeigefinger in die Seitenwunde des auferstandenen Christi legt, wobei Jesus seine Hand führt und damit den Wahrheitsgehalt seiner Auferweckung betont, aus der Konzentration auf die Personen, die nahansichtig an den Bildvordergrund gerückt sind, und aus der raffinierten und kontrastscharfen Lichteinstrahlung, die hell erleuchtete und tief verschattete Zonen ausweist. Der Caravaggio-Spezialist John Spike hatte im Vorfeld der Auktion die Wiederholung nah an das Schaffen des Meisters herangerückt: „Nach dem Foto zu urteilen, wurde dieses hervorragende alte Exemplar möglicherweise unter Caravaggios Aufsicht angefertigt.“ Blieb die Leinwand im April 2024 bei Christie’s in New York mit einer Schätzung von 30.000 bis 50.000 US-Dollar noch liegen, legte sie jetzt im Dorotheum von 20.000 Euro auf unerwartete 225.000 Euro deutlich zu.
Dies war aber auch die einzige große Überraschung, die die Gemäldeauswahl im Dorotheum zu bieten hatte. Die Käuferschaft hielt sich am 23. Oktober auffallend zurück, orientierte sich meist am unteren Schätzrand, ließ vor allem die hoch taxierten Werke unbeachtet und nahm während der Auktion 54 Prozent der 215 Losnummer mit. Dieser Wert stieg mit dem Nachverkauf dann noch auf gute 59 Prozent. Doch aus dem prächtigen „Triumphzug des Lucius Aemilius Paullus Macedonicus“, den der Florentiner Apollonio di Giovanni zur Zeiten der Frührenaissance auf die Schauseite einer Hochzeitstruhe malte und das Dorotheum mit 200.000 bis 300.000 Euro schon auf die Hälfte reduziert hatte, wurde es nichts, ebenso mit einer erst wiederentdeckten „Ecce Homo“-Darstellung von Sebastiano del Piombo für 300.000 bis 500.000 Euro, einer thronenden Madonna in einer weiten Landschaft des Leonardo-Schülers Hernando de los Llanos für 80.000 bis 120.000 Euro oder Bartolomeo Passarottis Marktfrauen samt Knaben, Geflügel und Gemüse für 200.000 bis 300.000 Euro.
Mit einem Millionenwert hatte das Dorotheum für ein spanisches Stillleben des 17. Jahrhunderts gerechnet. Aber der unbekannte Urheber des sogenannten „bodegón“ aus zentralem Korb mit gelb-roten Granatäpfeln auf einem Steinsims, flankiert von zwei Porzellantellern mit Mirabellen und Früchten des Erdbeerbaums konnte die anvisierten 800.000 bis 1,2 Millionen Euro wiederum nicht einheimsen, gleichfalls sein spanischer Kollege Juan de Espinosa mit seinen Früchten, Vasen und Weingläsern auf einer mehrstöckigen Anrichte (Taxe 80.000 bis 120.000 EUR) oder Jan Breughel d.J. mit seiner goldenen „Tazza mit Blumenkranz, Schmuckkästchen, Taschenuhr und Blumen in einer Glasvase“ (Taxe 120.000 bis 180.000 EUR). Die Tafel war Teil einer deutschen Privatsammlung, bei der zudem noch sein Vater Jan Brueghel d.Ä. mit dem feinmalerischen dramatischen Nachtstück vom brennenden Troja und der Flucht von Aeneas und Anchises bei gleicher Schätzung und eine Maria lactans vom Antwerpener Meister mit dem Papagei um 1520/30 bei 60.000 bis 80.000 Euro nichts ausrichten konnten. Hier konnte wenigstens ein ebenfalls in Antwerpen geschaffenes typisches Altartriptychon mit der „Anbetung der Hirten“ seinen Wert auf 80.000 Euro verdoppeln.
Unbekanntes im Aufwind
Das gelang auch einer ernst blickenden, vornehm gekleideten Dame, die im Entstehungsjahr des Brustbildes 1567 laut Inschrift 24 Jahre alt gewesen sein soll. Traditionell wird sie mit der schottischen König Maria Stuart identifiziert. Hinter dem Monogramm AD vermuten die Experten den englischen Maler Arnold Derickson, der sich nun über 85.000 Euro freuen konnte (Taxe je 40.000 bis 60.000 EUR). Weitere, häufig unbekannte Portraitmaler reüssierten in der Auktion, darunter das Bildnis eines jungen Mannes mit Schwert, den ein umbrischer Meister des 16. Jahrhunderts mit einer Nähe zu Raffael zu verantworten hat, bei 42.000 Euro (Taxe 20.000 bis 30.000 EUR) oder das halbfigurige Portrait von Erzherzog Albrecht VII., Statthalter der Spanischen Niederlande, in prächtiger Rüstung und mit dem Orden vom Goldenen Vlies eines Habsburger Hofmalers um 1700 bei 24.000 Euro (Taxe 15.000 bis 20.000 EUR). Jan van Dalens I. Jüngling mit lockigen Haaren, der mit einem Kranz von Weinreben und einem goldenen Pokal die Rolle des Gottes Bacchus einnimmt, reüssierte bei 22.000 Euro (Taxe 8.000 bis 12.000 EUR).
Eine junge Dame in schlichter schwarzer Kleidung, festgehalten von dem Florentiner Manieristen Jacopo Zucchi, kam zur unteren Schätzung von 40.000 Euro ans Ziel, ebenso Angelika Kauffmanns elegante Dreiviertelfigur der Lady Anne Simpson aus den frühen 1770er Jahren bei 20.000 Euro. Auch bei Francisco de Goyas klassizistischem, erst kürzlich entdecktem Konterfei von Don José Álvarez de Toledo Osorio y Gonzaga orientierten sich die Sammler an der niedrigen Taxgrenze von 400.000 Euro, was trotzdem den Spitzenplatz der Auktion bedeutet. Der hierzulande unbekannte Brite Arthur Devis konnte mit seinem charmanten Portrait von Wrightson Mundy in einer sanften Landschaft um 1750 bei 14.000 Euro punkten (Taxe 8.000 bis 12.000 EUR). Für das überzogen groteske Brustbild eines Sultans aus der niederländischen Schule des späten 15. oder frühen 16. Jahrhundert waren 100.000 bis 150.000 Euro einfach zu viel.
Ein Andachtsbild mit der Heilige Familie und einer weiteren Gestalt, vielleicht der heiligen Anna, steht in Zusammenhang mit dem Schaffen von Andrea Mantegna, was den Käufern nun 65.000 Euro entlockte (Taxe 40.000 bis 60.000 EUR). Die Zusammenarbeit von Giacomo Raibolini mit seinem Bruder Giulio Raibolini bei einer feinen Madonna mit Kind und dem heiligen Franziskus wurde bei gleicher Schätzung mit dem gleichen Zuschlag honoriert. Der Florentiner Renaissance-Maler Francesco Botticini hatte mit seinen beiden querformatigen Moralschilderungen des Erzengels Michael mit der Seelenwaage und eines Heiligen, der eine Seele vor den Dämonen rettet, bei 55.000 Euro ebenfalls Glück (Taxe 30.000 bis 40.000 EUR). Bei der Nonne Orsola Maddalena Caccia war der Zuspruch geteilt. Während ihre stillende „Maria lactans“ schon in der Auktion wenigstens 19.000 Euro erzielte (Taxe 20.000 bis 30.000 EUR), musste ihre ausgewogene Komposition von Feigen auf einer goldenen Tazza mit vier Narzissen- und Tulpenblüten bis zum Nachverkauf warten, um bei 45.000 Euro übernommen zu werden (Taxe 60.000 bis 80.000 EUR).
Mit Caravaggio-Hintergrund
An Caravaggio orientiert, arbeitete der 1630 früh verstorbene Camillo Gavasetti, der sich bei seiner dramatischen Vergewaltigungsszene „Tarquinius und Lucretia“ in stark kontrastierender Lichtführung auf die römische Sagenwelt bezog und gute 26.000 Euro einspielte. Der Name Caravaggio half auch der „Dornenkrönung Christi“ eines unbekannten Künstlers zu 24.000 Euro (Taxe je 20.000 bis 30.000 EUR), ebenso bei Matthias Stom und seinem nahansichtigen Drei-Personen-Stück der Verleugnung Petri mit geschickten Licht-Schatten-Effekten zu 90.000 Euro (Taxe 80.000 bis 120.000 EUR). An dem biblischen Gleichnis der „Rückkehr des Verlorenen Sohnes“ von Giuseppe Bazzani, geschult an der venezianischen Kunst des 18. Jahrhunderts, blieben gute 30.000 Euro hängen (Taxe 20.000 bis 30.000 EUR). Nicht ganz die Erwartung von mindestens 120.000 Euro erreichten die theatralisch in Szene gesetzten, alttestamentlichen Pendants „Tobias heilt seinen blinden Vater“ und „Lot und seine Töchter“ des Neapolitaners Bernardo Cavallino mit einem Zuschlag bei 110.000 Euro.
Sanfter ging Giovanni Battista Salvi bei seinem ikonografisch ungewöhnlichen Gemäldepaar einer „Kreuzigung“, auf dem ein kniender Heiliger aus dem Augustinerorden von dem Jesusknaben auf den Armen Marias gesegnet wird, und einer „Pietá“, auf der die Gottesmutter ebenfalls in einer weiten Landschaft den Leichnam Jesu präsentiert, ans Werk und nahm dafür 60.000 Euro ein (Taxe 30.000 bis 40.000 EUR). Ein Nachfolger Peter Paul Rubens’ musste sich bei seinem virtuosen Zusammentreffen mehrerer Heiliger, darunter Georg, Hieronymus und Maria Magdalena, bei Gottesmutter samt Knaben mit 90.000 Euro zufrieden geben; die zweite in der Werkstatt Rubens’ entstandene, zarte Anbetungsszene mit der Jungfrau Maria und dem schlafenden Jesusknaben ging bei gleicher Schätzung dagegen leer aus, ebenso wie Jan Havicksz Steens Schilderung aus der Apostelgeschichte mit dem tödlichen Schicksal des reichen, trügerisch frommen Mannes Ananias (Taxe je 100.000 bis 150.000 EUR). Bei den Historienbildern mussten zudem noch Giovanni Battista Langetti mit seinem „Tod des Cato“ bei 60.000 bis 80.000 Euro und Giuseppe Maria Crespi mit seiner pastoralen Landschaft, in der schlafende Putten von mehreren Nymphen entwaffnet werden, bei 80.000 bis 120.000 Euro passen.
Bei den Veduten hatte diesmal Rom die Nase vorn. Zwar traf Giovanni Paolo Paninis Capriccio mit antiken römischen Versatzstücken, in deren Mitte der Tempel des Äskulap auf der Tiberinsel stand, die Schätzung von mindestens 300.000 Euro nicht ganz, zog aber mit den realisierten 280.000 Euro an den Konkurrenten aus Venedig vorbei. In der Serenissima behauptete sich Luigi Querena, der tags zuvor im Dorotheum bei den Gemälden des 19. Jahrhunderts alle Federn lassen musste, mit seinem lebendigen Treiben bei der Regatta Storica auf dem Canal Grande bei 240.000 Euro (Taxe 200.000 bis 300.000 EUR). Michele Marieschis Weitwinkelblick vom Torre dell’Orologio über den Markusplatz mit dem Campanile im Zentrum hatte bei schwachen 116.000 Euro das Nachsehen (Taxe 150.000 bis 200.000 EUR). Zu unteren Taxe verabschiedeten sich Gabriele Bellas Pendants der Ausfahrt und der Rückkehr des Bucintoro an Christi Himmelfahrt bei 60.000 Euro und Francesco Tironis ruhiges Gemäldepaar mit zwei Abschnitten des Canal Grande bei 40.000 Euro. Gaspar van Wittels Panorama der Stadt Verona vom Ufer der Etsch aus verfehlte bei 200.000 bis 300.000 Euro ebenso seine Wirkung wie Wolfgang-Adam Töpffers frühbiedermeierliches Gemäldeduo der beiden ländlichen und volksreichen Szenen „Die Rückkehr des Dorfpfarrers in seine Pfarrgemeinde“ und „Das Dorffest vor der Kapelle“ bei 300.000 bis 400.000 Euro.
Die Ergebnisse verstehen sich als Zuschlag ohne das Aufgeld. |