Die künstlerische Welt von Huguette Caland in Hamburg  |  | in der Ausstellung „Huguette Caland – A Life in A Few Lines“ | |
Huguette Caland ist eine im deutschen Kunstbetrieb bislang unterschätzte Künstlerin. Das wollen die Deichtorhallen in Hamburg nun ändern und präsentieren in einer umfassenden Ausstellung mit rund 300 Arbeiten das Schaffen der 2019 verstorbenen Libanesin. Dabei beeindruckt die Konsequenz, mit der Caland ihr Leben selbst zum Ausgangspunkt ihrer Kunst machte. „Das Medium, das ich für meine Kunst verwende, ist größtenteils mein eigenes Leben. … Jeder einzelne Austausch, ein Blick, ein Lächeln, eine kurze Begegnung.“ Das schlägt sich in ihrem vielgestaltigen Werk aus Gemälden, Zeichnungen, Skulpturen, Collagen, Textilien und Texten nieder, in dem Huguette Caland Formen der Selbstfindung in Beziehung zu anderen erforscht. In zehn Kapiteln zeichnet die Ausstellung anhand der Kunstwerke Calands Leben und ihre ausgedehnte Reise zwischen Kulturen und Kontinenten nach und spricht ihre thematische Vielfalt von Körper, Erotik, Erinnerung, Zugehörigkeit, Landschaft und Tod an.
Huguette Caland kam 1931 in Beirut als Tochter von Bechara El-Khoury, dem ersten Präsidenten des Libanon, zur Welt und wuchs in der kosmopolitisch geprägten Oberschicht des Landes auf. Doch schon früh entschied sie sich, den gesellschaftlichen Erwartungen zu trotzen. So heiratete sie Paul Caland, den Neffen eines politischen Rivalen ihres Vaters. Während ihrer Ehe hatte sie einen Liebhaber, der häufig in ihren Werken auftaucht. 1964 begann sie dann ein Studium der Bildenden Kunst an der American University of Beirut. 1970 beschloss Caland, ins freigeistige Paris zu ziehen und ihre Familie und ihren Liebhaber zurückzulassen, um sich ganz ihrer Kunst zu widmen. 1989 ging sie dann nach Venice in Kalifornien und kehrte 2013 nach Beirut zurück, wo sie bis zu ihrem Tod blieb.
Die Schau setzt unter der Überschrift „Werden“ mit ihrem ersten Gemälde, dem fast monochromen „Red Sun/Cancer“ von 1964, ein, dem ihr „Self Portrait in Smock“ von 1992 beiseite gestellt ist, das die Künstlerin fast dreißig Jahre später vor dem früheren Werk zeigt. Offen und humorvoll verhandeln in den folgenden Kapiteln die in Paris entstandenen Werkreihen wie „Flirt“ von 1972 oder „Homage to Pubic Hair“ von 1992 Fragen nach Sexualität, Erotik und Körperlichkeit. Am bekanntesten ist Calands Serie „Bribes de Corps“ aus den 1970er Jahren mit ihren zugleich abstrakten und äußerst sinnlichen Darstellungen von Augen, Mündern, Gesäßen, Schenkeln und anderen sich berührenden Körperteilen. Zur selben Zeit gestaltete Caland für den Pariser Designer Pierre Cardin eine Haute-Couture-Kollektion mit Kaftanen und Abayas als eine Kombination aus arabischen Traditionen mit grafisch-spielerischen Textildesigns.
Sprache, Identität und Kommunikation, aber auch Landschaften, einzelne Orte und urbane Räume sind weitere Leitmotive von Calands Kunst. Dafür stehen Arbeiten wie „Kaslik“ von 1968, „Exit“ von 1970, „Venice“ von 1985, „Nude Letters“ von 1991/92 oder die „Cityscapes“, an denen Huguette Caland von 1998 bis 2005 arbeitete. Letztere bilden einen Übergang zu den großformatigen, teppichartig wirkenden Werken ihrer letzten Schaffensphase. Diese gestaltete sie immer aus Teilstücken auf ihrem Schoß, sodass sie sich erst nach und nach zu einem Ganzen zusammensetzten. Sie können Sinnbild für die vielfältigen interkulturellen Bezüge in Leben Calands sein, die unterschiedliche Sichtweisen zu einer Perspektive vereinen konnte.
Die Ausstellung „Huguette Caland – A Life in A Few Lines“ läuft bis zum 26. April 2026. Die Deichtorhallen Hamburg haben dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr sowie jeden 1. Donnerstag im Monat bis 21 Uhr geöffnet; geschlossen bleibt an Heiligabend und Silvester. Der Eintritt beträgt 14 Euro, ermäßigt 9 Euro. Für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahre ist er frei. Der Ausstellungskatalog aus dem Distanz Verlag kostet 45 Euro.
Deichtorhallen Hamburg
Deichtorstraße 1-2
D-20095 Hamburg
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