Trauer um Jürgen Wilde  |  | Ann und Jürgen Wilde | |
Noch im September erhielt Jürgen Wilde zusammen mit seiner Ehefrau Ann für sein kontinuierliches und engagiertes Wirken um die Fotografie den Kulturpreis der Deutschen Gesellschaft für Photographie (DGPh). Nun ist der ehemalige Galerist, Sammler und Kenner der Fotokunst tot. Wie die DGPh mitteilte, starb Wilde am vergangenen Sonntag im Alter von 88 Jahren. Mit ihm verliere die Fotografie einen ihrer bedeutendsten Wegbereiter, so die Fotografieexpertin Simone Klein in ihrem Nachruf für die DGPh, einen Galeristen, Sammler, Wissenschaftler und leidenschaftlichen Fürsprecher des Mediums als Kunstform. Gemeinsam mit seiner Frau Ann habe er das Fundament gelegt, auf dem die Fotografie in Deutschland ihren Platz in der Kunstwelt gefunden hat.
Das große Verdienst von Ann und Jürgen Wilde war es, die Fotografie als sammelwürdige Kunstform zu etablieren und viele Fotografinnen und Fotografen wieder im öffentlichen Bewusstsein verankert zu haben. Der ausgebildete Kunsthistoriker und Maschinenbauer Wilde kam über den Fotoenthusiasten, Publizisten und Kurator L. Fritz Gruber in Kontakt mit der Fotografie und arbeitete in den 1960er Jahren zusammen mit ihm an den legendären Bilderschauen auf der Kölner Photokina, die für Wilde eine Schule des Sehens waren. Der Impuls zu eigenen Sammeltätigkeit bildete 1968 die Übernahme eines Teilnachlasses von Franz Roh, einem bedeutenden Münchner Kunst- und Fotohistoriker. In der Folge bauten Ann und Jürgen Wilde eine erstklassige Kollektion zur Fotografie auf, die ihren Schwerpunkt mit Arbeiten von August Sander, Germaine Krull, El Lissitzky, Aenne Biermann, Man Ray, André Kertész, Alfred Ehrhardt, Florence Henri oder Friedrich Seidenstücker zunächst in der Moderne hatte.
1972 eröffneten Ann und Jürgen Wilde dann in Köln eine der ersten Galerien für Fotografie in Europa. Dort präsentierten sie bis 1985 ein wegweisendes Programm: Werke der europäischen Avantgarde der 1920er und 1930er Jahre, amerikanische Fotografie der 1970er und 1980er sowie zeitgenössische Positionen. Ihre Ausstellungen trugen dazu bei, heute international anerkannte Fotografinnen und Fotografen erstmals sichtbar gemacht zu haben. So kamen auch Werke von Duane Michals, Lee Friedlander oder David Hockney in ihre Sammlung. Durch Kooperationen mit Museen, ihre Tätigkeit als Leihgeber und ihre Teilnahme an internationalen Kunstmessen, etwa in Köln und Basel, gelang es Ann und Jürgen Wilde, die Fotokunst fest im Ausstellungsgeschehen zu etablieren. Auch ihre kuratorische Mitarbeit an der Documenta 6 im Jahr 1977 unterstreicht die zentrale Rolle, die sie für die Anerkennung der Fotografie als Kunstform spielten.
Nach der Schließung ihrer Galerie widmeten sich Ann und Jürgen Wilde vor allem der wissenschaftlichen Arbeit an den Archiven von Karl Blossfeldt und Albert Renger-Patzsch, die 1991 in die Liste national wertvollen Kulturguts aufgenommen wurden. Zudem traten sie als Herausgeber zahlreicher Monografien, als Kuratoren viel beachteter Ausstellungen und als Berater für Museen, Auktionshäuser und Sammler auf. Auch ihre eigene Kollektion bauten sie mit sicherem ästhetischem Gespür weiter aus, die seit 2010 als „Stiftung Ann und Jürgen Wilde“ bei den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen in der Münchner Pinakothek der Moderne beheimatet ist, dort erforscht und präsentiert wird. Für ihr Engagement wurden Ann und Jürgen Wilde 1996 mit der George Eastman Medaille ausgezeichnet, im September 2025 mit dem Kulturpreis der DGPh, der höchsten Auszeichnung der Deutschen Gesellschaft für Photographie. |