Preis der Nationalgalerie für Maurizio Cattelan  |  | Maurizio Cattelan | |
Maurizio Cattelan erhält den Preis der Nationalgalerie 2026. Mit dem 1960 in Padua geborenen Italiener werde einer der einflussreichsten Künstler der Gegenwart geehrt, teilte das Vergabegremium, das sich aus Emma Lavigne, Direktorin der Pinault Collection in Paris, Sam Keller, Direktor der Fondation Beyeler in Basel, und Klaus Biesenbach, Direktor der Neuen Nationalgalerie, in Berlin zusammensetzt, heute mit. In ihrer Begründung zur Preisvergabe heißt es unter anderem: „Cattelans Werk ist geprägt von Themen wie Macht, Religion, Tod, Humor und Erinnerung – Fragestellungen, die in Berlin mit seiner komplexen Geschichte besonders präsent sind. Als italienischer Künstler, der international wirkt, bringt er eine dezidiert europäische Perspektive auf Fragen von Identität, Verantwortung und kollektiver Erinnerung. Seine Arbeiten laden dazu ein, Geschichte provokant, kritisch und zugleich poetisch zu denken. Gerade in Deutschland, wo die Formen des Erinnerns derzeit neu verhandelt werden – zwischen den letzten Generationen mit direkter Verbindung zur NS-Zeit oder Prägung in den Nachkriegsjahrzehnten und einer jüngeren Generation, die globale Perspektiven einbringt –, erhält Cattelans Werk besondere, aktuelle Relevanz.“
Dabei hob die Jury aus seine „ikonischen Werke“ hervor, darunter „La Nona Ora“ von 1999, eine von einem Meteoriten getroffene Figur Papst Johannes Pauls II., „Him“ von 2001, ein betender Schuljunge mit dem Gesicht Adolf Hitlers, oder „Untitled“ von 2003, eine animatronische Skulptur, die auf dem Protagonisten des Romans „Die Blechtrommel“ von Günter Grass verweist. Diese Skulpturen zeigten, wie Cattelan das Potenzial des Schocks, der Irritation und der moralischen Ambivalenz nutze, um zentrale Fragen unserer Zeit aufzuwerfen: nach Schuld, Verantwortung, Macht und kollektiven Traumata. Cattelans künstlerische Praxis sei durchzogen von einer Ästhetik des „comic existentialism“, einer Verbindung aus Humor und Tragik, Ironie und Tiefsinn, die seine Arbeiten zugleich zugänglich und abgründig erscheinen lassen.
Weiter führte die Jury aus: „Auch seine ironische Infragestellung von Autorität und ‚Wahrheit‘ gewinnt heute neue Aktualität. In einer Phase, in der Institutionen – Museen, Politik, Medien – ihre Glaubwürdigkeit und gesellschaftliche Rolle neu definieren müssen, thematisiert Cattelan Machtverhältnisse innerhalb und außerhalb des Kunstsystems – stets ohne moralischen Zeigefinger. Seine Arbeiten regen dazu an, über persönliche Verantwortung, Repräsentation von Geschichte und die Grenzen institutioneller Kritik und Autorität nachzudenken. In einer Atmosphäre politischer und sozialer Verhärtung wirkt Cattelans subversiver Humor als befreiendes Mittel. Er zeigt, dass Provokation und Komik nicht bloß Ausdruck von Zynismus sind, sondern Formen des Widerstands und der konstruktiven Reflexion. Gerade im deutschen Kontext, in dem gesellschaftliche Debatten häufig moralisch aufgeladen sind, eröffnet seine Kunst neue Räume des Denkens – jenseits von Empörung und Polarisierung.“
Richtete sich der Preis der Nationalgalerie seit seiner Gründung im Jahr 2000 alle zwei Jahre an junge aufstrebende Positionen unter 40 Jahren, wurde er für die nächste Ausgabe neu justiert: Der Verein der Freunde der Nationalgalerie in Berlin zeichnet damit nun Künstler*innen aus, die mit wegweisenden Beiträgen die Kunstlandschaft bereichern, bisher aber noch keinen großen musealen Auftritt in Berlin hatten. Deshalb würdigt er die Arbeit des Preisträgers bzw. der Preisträgerin mit einer Einzelausstellung und zieht vom Hamburger Bahnhof nun in die Neue Nationalgalerie. Die Schau für Maurizio Cattelan wird zur Berlin Art Week im September 2026 eröffnet. Bereits seit 2013 ist der Preis nicht mehr mit einer Dotierung in Höhe von 50.000 Euro verbunden. |