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Das Museum Moderne Kunst in Wien widmet Kazuna Taguchi ihre erste museale Einzelausstellung und präsentiert die seltsam entrückte, rätselhafte Fotokunst der Japanerin

Zwischen Zeitebenen und Erzählräumen



Einer der vielleicht am schwersten zu fassenden Begriffe der japanischen Ästhetik ist „Yugen“. Er beschreibt eine geheimnisvolle und subtile Schönheit, die über das Offensichtliche hinausgeht, ein Gefühl von etwas, das im Verborgenen liegt, eine Ahnung von etwas Tieferem und Unausgesprochenem, das durch Kunst und Natur erfahren werden kann. Das Wort besteht aus der Silbe „yu“, die eine Schattenhaftigkeit, eine Nicht-Stofflichkeit an der Grenze der Solidität der Existenz bezeichnet, und aus „gen“, was Trübheit, Dunkelheit, Schwärze und damit auch unergründliche Tiefe bedeutet. Dinge, die einen Hauch von „Yugen“ annehmen, schweben gleichsam in der Luft und weisen somit auf die Anwesenheit der ihnen zugrundeliegenden ursprünglichen, nichtartikulierten Wirklichkeit hin.


Das Moment des Vagen, Unbestimmten und eben Unausgesprochenen ist ein wesentliches Charakteristikum des Werks von Kazuna Taguchi. Die 1979 in Tokio geborene Künstlerin ist eine Wanderin zwischen den Kulturen ihrer japanischen Heimat und Europa. Seit 2013 lebt sie in Wien. Nun hat ihr Heike Eideldauer, Kuratorin am Wiener Museum Moderne Kunst (MUMOK), eine erste museale Einzelausstellung in ihrer Wahlheimat ausgerichtet. Taguchi nennt ihre Ausstellung „I’ll never ask you“ und weist damit bereits im Titel auf eine Besonderheit der japanischen Gesprächskultur hin, die darin besteht, dass Kommunikation unter Japaner*innen im Idealfall durch Gedankenübertragung und ganz ohne Worte funktionieren soll. Der Ausdruck „Kuuki wo Yomu“ enthält daher die Aufforderung, „die Luft zu lesen“, um eine Botschaft zu verstehen.

Auch in den Werken von Kazuna Taguchi geht es weniger um eine konkrete Form als vielmehr um eine subtile, mysteriöse Tiefe, die in der Natur, Kunst und im Leben selbst zu finden ist. Im Zentrum ihrer Überlegungen steht nicht das Zeigen sondern die subtile Andeutung, die hinter dem Sichtbaren liegende Dimension, die das Angedeutete und Verborgene höher schätzt als das offen zu Tage Tretende und die die Betrachter einlädt, ihre eigene Vorstellungskraft zu nutzen, um die Tiefe zu erfassen.

Bereits zu Beginn der Ausstellung, die im dritten Untergeschoss des MUMOK zu sehen ist, wird das inhaltliche Konzept deutlich, das Taguchi in ihren Werken und deren Präsentation verfolgt. Die Besucher*innen betreten die in mehrere kleinere, vollständig weiße Kabinette unterteilte Ausstellungsebene durch eine Art Schwelle, einen verkleinerten Eingang, hinter dem sie zunächst auf fünf Fotografien aus einer Werkserie treffen, die in diesem Frühjahr entstand. Mit „In Anticipation“ widmet sich Kazuna Taguchi dem „Spatial Concept, Expectations“ des italienischen Malers Lucio Fontana aus den 1950er und 1960er Jahren. Dessen Vorstoß, durch Verletzung neue Qualitäten zu entdecken, war in seiner Zeit beispiellos. Indem er die Leinwand durchstach oder aufschlitzte, bezog er den Raum nicht nur als Illusion mit ein, sondern auch real. Mit der durch einen oder mehrere Schnitte vaginal aufklaffenden Leinwand, die als Bildträger die Grundbedingung aller Malerei darstellt, zerstörte Fontana diese jahrhundertalte Tradition des Malgrunds. Er verwandelte die Ebene der Leinwand in ein Relief, so dass die Farbe zum räumlichen Element wurde. Aber auch hinter dem Bild eröffnet sich ein neuer, imaginärer Raum, der durch die zerschnittene Fläche mit dem realen Raum vereint werden soll.

Diese schwellartige Zone versucht Kazuna Taguchi, in ihren Fotografien der nahezu ununterscheidbaren Versionen der „Concetti Spaziali“ zu erhaschen. Was auf den ersten Blick den Eindruck spontaner Zufallsstrukturen oder zerstörerischer Provokation hervorrufen mag, erweist sich bei genauerem Hinsehen als feinsinnig gesteuert. Die ruhige Präsentation der kleinen, vor weißem Grund gerahmten Fotografien erinnert an Fontanas „Ambiente spaziale bianco“ aus der Documenta IV von 1968, einen labyrinthischen Raum aus weißen Flächen, der durch grelles Oberlicht in einen Zustand der Auflösung, der abstrakten Entgrenzung versetzt wurde, ein räumliches Environment, das beim Begehen die Sinne verwirrte. Darüber hinaus könnte die serielle Wiederholung der von Taguchi fotografierten „Tagli“ auch als dezente Ironie verstanden werden, die sich auf die skeptische Einsicht ihres männliches Künstlerkollegen bezieht, ein einziger Schnitt hätte genügt, sein Konzept deutlich zu machen. Gerade so, wie es Fontana fertigbrachte, die Darstellungsleistung des Bildes zu hinterfragen und realitätsentgrenzende Räume entstehen zu lassen, gelingt es Taguchi, den imaginären Raum auf den realen Raum hin zu öffnen beziehungsweise zu erforschen, was im Dazwischen dieser Bereiche potentiell entstehen kann.

Auch in ihrer zweiten fotografischen Serie „The eyes of Eurydice“ gibt Kazuna Taguchi dem Angedeuteten den Vorzug vor dem explizit Ausgesprochenen. Mit diesem seit 2019 entstehenden und bislang umfangreichsten Zyklus verweist die Künstlerin auf die mythologische Figur der Eurydike, die Orpheus nicht aus der Unterwelt zu erlösen vermochte, da er auf dem Weg zurück den verbotenen Blick auf sie wagte. Damit rückt Taguchi in den Fokus, was der Mythos üblicherweise ignoriert: sowohl die Perspektive Eurydikes, ihre Vorfreude auf die Rückkehr ins Leben und ihre Einsicht, dass diese von ihrem Mann vereitelt wurde, als auch das anspruchsvolle Unterfangen, wie sich das Wesen des Todes, das dem Zugriff des menschlichen Auges entzogen ist, als vielfach überlagerte Erinnerung ästhetisch übertragen lässt. In vielfältigen Schattierungen von Grau treten enigmatische Frauengestalten auf, geisterhafte Erscheinungen von jemandem, der nie existiert hat oder existieren wird. Die Fotografien zeigen in vielen Variationen und Modulationen weibliche Torsi, Gesichter oder Körperfragmente wie Augen, haltende oder zeigende Hände. In einigen Fotografien wiederum verweisen Textilien und Kleider auf abwesende Körper. Sie schälen sich aus dem Halbdunkel heraus, um jederzeit potentiell wieder in dieses Zurückzusinken, einem Erscheinen im Entschwinden gleich, als wolle Taguchi, wie die Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen in ihrem Katalogbeitrag schreibt, genau jenen Moment einfangen, in dem Eurydike, nachdem sie Orpheus wieder erschienen ist, abermals verschwindet und endgültig unsichtbar wird.

Taguchis Werke entstehen aus der Imagination der Künstlerin oder auf der Grundlage gesammelter Bildmaterialien, die sie zu neuen Zusammenhängen fügt. Diese werden in einem weiteren Schritt als „Bild im Bild“ für die Kamera in unterschiedlichen Umgebungen inszeniert und abermals fotografiert. So zeigt eine Fotografie Taguchis beispielsweise ihre Hand, welche die Reproduktion eines Gemäldes von Frida Kahlo hält, das sich wiederum als Re-Fotografie erweist und in einem dunkeln Blätterwald inszeniert wird. Das mit hellen Farbflecken und -streifen überzogene Bildfragment eines die Betrachter anblickenden isolierten Auges durchläuft mehrere Fotografien in unterschiedlichen Positionierungen. Ein anderes Foto gewährt den Blick über die Schulter einer Malerin an der Staffelei, die gerade an der Kopie von Diego Velázquez’ „Infantin Margarita in weißem Kleid“ im Kunsthistorischen Museum Wien arbeitet, dessen Original im Hintergrund zu sehen ist.

Konzeptuelle Grenzen zwischen Vorbild und nachträglicher Reproduktion, eigenem und fremden Bild werden durch Taguchis Praxis permanent verschoben. „Verfahren wie Fragmentierung, Überlagerung, Montage, serielle Anordnung, Mehrfachbelichtung, den Maßstab verändernde Re-Fotografien, bewusste Unschärfen oder die chemische Manipulation der Abzüge in der Dunkelkammer tragen dazu bei“, wie die Ausstellungskuratorin Heike Eipeldauer erklärt, „eine spezifische Form von Entrücktheit zu erzeugen, die sich am ehesten mit dem Begriff ‚Yugen‘ fassen lässt. Momente wie Wiederholung, Umordnung und Transformation fungieren als ‚Tarnwerkzeuge‘, um vorhandene Bilder immer wieder aufs Neue der ‚Möglichkeit‘ zu öffnen, sie anders zu sehen und ihre Bedeutung im Verhältnis zur Zeit zu befragen.“

Auf diese Weise entstehen künstlerische Konstrukte, die an den Übergängen von Malerei und Fotografie angelegt sind, die Schwelle und Passage zwischen Bild- und Realraum ausloten und durch die Entfernung zum Referenzobjekt nicht einfach nur ein Abbild wiedergeben, sondern vor allem Reflexionen sind über die Art und Weise, wie Bilder wahrgenommen und interpretiert werden. In der Ausstellung im MUMOK gehen Kazuna Taguchis Erzählräume und Bildregime mit deren Inszenierung, der Kataloggestaltung und den schlüssigen Interpretationen von Elisabeth Bronfen und Heike Eipeldauer eine überzeugende Symbiose ein.

Die Ausstellung „Kazuna Taguchi: I’ll never ask you“ ist bis zum 16. November zu sehen. Das Museum Moderner Kunst hat dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt bis zum 26. September beträgt 13 Euro, ermäßigt 11 Euro, danach 18 Euro, ermäßigt 15 Euro. Für Kinder und Jugendliche unter 19 Jahren ist er frei. Der 64seitige Katalog aus dem Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König kostet 14,90 Euro.

Kontakt:

Museum Moderner Kunst - Stiftung Ludwig Wien

Museumsplatz 1

AT-1070 Wien

Telefon:+43 (01) 525 00

Telefax:+43 (01) 525 00 13 00

E-Mail: info@mumok.at

Startseite: www.mumok.at



22.09.2025

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Jacqueline Rugo

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13.06.2025, Kazuna Taguchi: I’ll never ask you

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