 |  | Das 1925/26 nach einem Entwurf von Walter Gropius errichtete Schulgebäude des Bauhauses in Dessau | |
„Es hat sich ausgeweimart, wir gehen jetzt dessauern“, schrieb der Bauhausmeister Lyonel Feininger 1925 an seine Frau Julia. Denn am 20. Februar hatte der Meisterrat des Bauhauses den Umzug in die Stadt an der Elbe beschlossen. Kurz darauf stimmten am 23. März 1925 beachtliche 26 Mitglieder des Dessauer Stadtrats für die Aufnahme der Anstalt, 16 waren dagegen. Vorausgegangen waren intensive Bemühungen des liberalen Bürgermeisters Fritz Hesse, mit günstigen Bedingungen den Weg für den Neustart in Dessau zu ebnen, da er das Potential der innovativen Hochschule erkannt hatte. Mit einer Million Reichsmark finanzierte die anhaltische Stadt daher auch den nach Plänen von Walter Gropius errichteten Schulneubau.
Ein Hauptargument Hesses in den Verhandlungen mit den Stadtverordneten war die Chance, schnellen, kostengünstigen Wohnraum mithilfe standardisierter neuer Baumethoden zu schaffen, welche von der Schule entwickelt wurden. Denn Dessau hatte sich von einem landwirtschaftlich geprägten Ort in eine prosperierende Industriestadt entwickelt. Neben den Junkers-Flugzeugwerken produzierten hier Unternehmen aus den Bereichen der Metallwirtschaft, Zementproduktion oder Elektroindustrie. Dies eröffnete nicht nur Chancen auf Kooperationen zwischen Lehranstalt und Gewerbe, sondern versprach auch gewinnbringende Aufträge, die Hesse dem Bauhaus und speziell dem Direktor Walter Gropius in Aussicht stellte.
Schon am 1. April 1925 bezog dieser ein provisorisches Büro in der Kunstgewerbe- und Handwerkerschule in der Mauerstraße, wo am 14. Oktober auch der Lehrbetrieb begann. Nach nur einem Jahr Bau- und Planungszeit konnte am 4. Dezember 1926 das neue Bauhausgebäude eröffnet werden. Als prominentester Trakt des Ensembles gilt der Werkstattflügel. Dessen transparente Betonkonstruktion mit vorgehängtem Glasschirm, in dem sich Fenster über Kettenzüge öffnen lassen, verkörpert augenscheinlich Bezüge zur Industriearchitektur. Eine zweigeschossige Brücke mit dem Direktorenbüro verbindet ihn mit der angegliederten städtischen Gewerblichen Berufsschule. Über eine Festebene mit Vestibül, Aula, Bühne und Speisesaal kann man das fünfgeschossige Atelierhaus mit den Wohnungen für 28 Studierende erreichen.
Gemäß dem Anspruch des Bauhauses, nicht nur eine Designschmiede zu sein, sondern als gesellschaftliche Bewegung zu wirken, die Ökonomie mit dem Sozialen verknüpft, initiierte Barbara Steiner, Direktorin der Stiftung Bauhaus Dessau, mit ihrem Team das von September 2025 bis Dezember 2026 laufende Jubiläumsprogramm, das unter dem Titel „An die Substanz“ grundlegende Fragen sozialer und ökologisch verantwortungsvoller Gestaltung von heute und morgen in den Blick nimmt. Ausgehend von der Aufbruchsstimmung in den 1920er Jahren rücken in Ausstellungen und Veranstaltungen Produktions- und Arbeitsbedingungen, Handelswege, Lieferketten oder Ressourcenströme in den Fokus. Als Herzstück des Jubiläumsprogramms sollen drei Präsentationen Einblicke in die Fundamente des Bauhauses, seine materielle und immaterielle Substanz sowie Relevanz für die Gegenwart geben.
Die dreiteilige Schau „Glas / Beton / Metall“ im historischen Werkstattflügel wird die engen Verflechtungen der Designschmiede mit der Industriegeschichte des 20. Jahrhunderts auf Basis materieller, wirtschaftlicher und technologischer Grundlagen aufzeigen. Die ebenfalls im März 2026 startende Ausstellung „Algen / Schutt / CO2“ im ehemaligen Kaufhaus Zeeck in der Dessauer Innenstadt fokussiert Stoffkreisläufe, gewachsene Ressourcen und Wiederverwertung. Unter dem Titel „Lamellen / Pfette / Knoten“ beleuchtet dann eine Open Air-Schau die Geschichte der bis heute als Bootshaus genutzten Junkers-Lamellenhalle und deren Verkaufserfolg am Beispiel des Exports eines Prototyps ins anatolische Hochland. Hinzu kommen zahlreiche Konferenzen, Fachtagungen, Feste und weitere Formate, die die Vielfalt, Vorbildfunktion und heutige Perspektiven des Bauhauses zum Inhalt haben.
Diese werden ergänzt von Rundgängen zu den in Dessau realisierten Bauhaus-Projekten und vielen weiteren, weniger bekannten Spuren der Akteure in der Stadt. So beteiligt sich etwa die Bundesagentur für Arbeit in dem charismatischen, mit gelbem Klinker verkleideten und von Walter Gropius 1929 entworfenen Rundbau des historischen Arbeitsamtes am August-Bebel-Platz mit einer Ausstellung und künstlerischen Performance. Von hier aus führt der Weg in die zwischen 1926 bis 1931 entstandene Siedlung Dessau-Törten. In einem rationalisierten Bauprozess mit kostengünstig vor Ort produzierten Hohlsteinen konnten abschnittweise nach Plänen von Walter Gropius in drei Varianten rund 300 bezahlbare Einfamilienreihen- und Doppelhäuser errichtet werden. Wie am Fließband zeigen sich die eng aneinandergereihten, aus vorgefertigten Elementen zusammengesetzten Einheiten des Typs eins. Die Innenausstattung der 75 Quadratmeter großen Wohnungen besorgten die Werkstätten des Bauhauses. Da sich die langen, zur Selbstversorgung dienenden Gärten als zu schmal erwiesen, wurde die ab 1927 realisierte Variante zwei breiter ausgelegt. Aufgrund steigender Kosten musste beim vierten Modell die Wohnfläche verkleinert ausfallen.
Hinzu kommen noch fünf nach Plänen von Hannes Meyer ausgeführte Laubenganghäuser. Hier wie auch in den anderen Versionen sind Musterwohnungen im originalen Zustand zu besichtigen. Ein gewagtes Experiment war das von Georg Muche und Richard Paulick aus vorgefertigten Elementen entwickelte Stahlhaus. Der einzigartige Solitär in Dessau-Törten dient heute als Veranstaltungshaus, in dem ab März 2026 die Ausstellung „Blech / Membran / Bullauge“ Überlegungen struktureller Bedingungen des Hausbaus aufgreift. Nicht zu übersehen ist der Turm des Konsumgebäudes, dessen dynamisch geformte Geländer oder Bullaugen vom Schiffsbau inspiriert sind.
Besonders die vielen versteckten Spuren des Bauhauses und die Zusammenarbeit mit den ortsansässigen Industriebetrieben will Barbara Steiner mit dem Jubiläumsprogramm herausarbeiten. So finden sich etwa in der 1929 unweit des Bauhausgebäudes nach Plänen von Helmuth Conradi errichteten Auferstehungskirche Leuchtkörper von Marianne Brandt, von Walter Gropius entworfene Türdrücker oder eine aus Propellerholz geformte, in den Junkers-Werken gefertigte runde Kanzel. Als besondere Wiederentdeckung gelten Farbfassungen von Hinnerk Scheper in Schloss Oranienbaum. Als im Jahr 1927 das Barockschloss Oranienbaum öffentlich zugänglich wurde, richtete Ludwig Grote, Direktor der unter Platznot leidenden Anhaltischen Gemäldegalerie, hier eine Filialgalerie ein und beauftragte den Bauhausmeister Scheper, Farbfassungen für die Ausstellungsräume zu entwickeln. Neue Untersuchungen haben ergeben, dass er neun Räume in lichten Pastelltönen, etwa in zarten rosafarbenen Nuancen oder wässrigem Graublau, ausmalen ließ sowie die Fenstergewände, den Stuck und die Decken weiß abtönte. Dadurch erhielten die Räume eine moderne Anmutung. Die restaurierten Fassungen Schepers sind nun zu besichtigen und werden in die Neukonzeption der musealen Ausstattung einbezogen.
Auch die Stadt Dessau beteiligt sich an dem Jubiläum. Das Stadtarchiv widmet sich in einer Ausstellung und einer Publikation der Frage, wie das Bauhaus in der traditionsbewussten Arbeiterstadt aufgenommen wurde. In der Anhaltischen Gemäldegalerie werden ab Mai 2026 Fotoserien von Swen Bernitz zu sehen sein, in denen sich der Fotograf unter dem Titel „Meinen Kubismus nenn ich lieber Prismaismus“, einem Feininger-Zitat, mit dem Stil der Bauhäusler auseinandersetzt. Ab September 2026 nimmt eine Schau den Landeskonservator und Direktor der Anhaltischen Gemäldegalerie, Ludwig Grote, in den Blick, der für das Museum etliche Werke von Bauhausmeistern und deren Schüler erwarb.
Noch bis zum 7. September feiert die Stiftung Bauhaus Dessau mit einem großen öffentlichen Programm den Auftakt des Bauhaus-Jubiläums. Am und im Bauhausgebäude, im Bauhaus Museum Dessau, im Tierpark Dessau und im Kornhaus erwartet das Publikum drei Tage lang Konzerte, Tanz, Performances, Filmveranstaltungen, Workshops und Führungen.
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