Robert Grosvenor gestorben Erst am vergangenen Wochenende wurde seine Retrospektive im Fridericianum eröffnet; nun ist Robert Grosvenor tot. Wie das Kasseler Museum mitteilte, ist der US-amerikanische Bildhauer am Mittwoch in New York im Alter von 88 Jahren gestorben. „Mit großer Trauer haben wir vom Tod von Robert Grosvenor erfahren“, so Fridericianum-Direktor Moritz Wesseler in seinem Nachruf. „Mit ihm ist eine prägende Künstlerpersönlichkeit der vergangenen Jahrzehnte von uns gegangen. Sein wandlungsreiches und stets überraschendes Œuvre inspirierte Generationen von Kunstschaffenden. Umso mehr ist es uns eine große Ehre, ihn – den zweimaligen documenta Teilnehmer – mit einer in Deutschland längst überfälligen Retrospektive im Fridericianum würdigen zu können. Wir hätten uns sehr gewünscht, ihn zu diesem besonderen Anlass persönlich in Kassel willkommen zu heißen und unsere Freude mit ihm zu teilen.“
Robert Grosvenor, geboren am 31. März 1937 in New York, traf nach seinen Studien in Dijon, Paris, Perugia und Philadelphia auf die avantgardistischen Strömungen der New Yorker Kunstszene, wo er sich Ende der 1950er Jahre niedergelassen hatte. Seit den 1960er Jahren entwickelte er im Umfeld der minimalistischen Kunst ein vielgestaltiges Werk, das neben Skulpturen auch Fotografien und Arbeiten auf Papier umfasst. Zu Beginn seiner Karriere stellte er seine ersten Objekte in der von ihm mitgegründeten Park Place Gallery in New York aus, einem zentralen Ort der jungen Künstlergeneration, und trug zur Entstehung einer Bewegung bei, die später unter dem Begriff „Minimal Art“ Bekanntheit erlangte. Seine raumgreifenden Arbeiten waren sowohl 1966 in der legendären Ausstellung „Primary Structures“ im Jewish Museum in New York als auch 1968 in der Schau „Minimal Art“ im Gemeentemuseum von Den Haag zu sehen. Eindeutigen Zuschreibungen hat er sich aber stets entzogen und nach eigener Aussage nie als Minimalist verstanden: Die intellektuelle Strenge und Ernsthaftigkeit der Strömung sowie der formalistische Diskurs seiner Zeitgenoss*innen blieben ihm fremd.
Vielmehr bevorzugte Grosvenor eine unmittelbare sinnliche Erfahrung. Zur strengen Konstruktion seiner Arbeiten traten verstärkt improvisierte Elemente, die von seinem individuellem Erfindergeist und Humor zeugen. Er spielte intuitiv mit Materialen, Fundobjekten und Oberflächen, fabulierte frei im architektonischen Raum und reizte experimentell implizite Widersprüche aus: Schwerkraft und Balance, Stillstand und Bewegung, Zweckfreiheit und Funktion, Nähe und Distanz. „Ich möchte nicht, dass meine Werke als ‚große Skulpturen‘ aufgefasst werden; sie sind Ideen, die im Raum zwischen Boden und Decke wirken“, formulierte er bereits 1966 im Katalog zur Ausstellung „Primary Structures“ sein Credo. Wenig später verließ Grosvenor dann auch den musealen Raum und platzierte Werke in der Natur. Eingebettet in den Kontext Landschaft, erweiterte er damit den Wirkungsraum seiner Arbeiten – vom Boden bis zur Decke, von der Abgeschlossenheit zum Prozess und von hier zum Horizont.
„Als ich Robert Grosvenor Ende Juli in East Patchogue besuchte, sprach er voller Begeisterung von seiner bevorstehenden Ausstellung im Fridericianum, die Werke aus der Zeit von 1965 bis 2025 umfassen und damit fast alle Schaffensperioden abbilden würde“, erinnert sich Moritz Wesseler an die Begegnung mit dem Künstler. „Gerade der Umstand, dass die Schau in Kassel stattfinden sollte, an jenem Ort, an dem er 1977 und 1987 an der documenta beteiligt war, erfüllte ihn mit besonderer Freude. Seine Erinnerungen an diese Aufenthalte und Präsentationen waren genauso lebhaft wie berührend und begleiteten meine Kolleg*innen und mich kontinuierlich bei der Einrichtung der Ausstellung – einer Werkschau, die nicht zuletzt im Kreis jüngerer Kunstschaffender mit großer Leidenschaft erwartet wurde, da er als strahlender Orientierungspunkt, als Künstler-Künstler gilt. Grosvenors Tod stimmt mich sehr traurig. Er ist ein großer Verlust. Gleichzeitig bin ich froh und dankbar dafür, wie viel von ihm bleiben wird – sein Werk wird uns fortwährend faszinieren, beflügeln, überraschen, irritieren und amüsieren. Es wird als erfrischende Quelle der Inspiration aktiv bleiben.“ Das ist nun bis zum Januar 2026 im Fridericianum zu erleben. |