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La Belle Rafaëla räkelt sich bei Sotheby’s

An der Spitze der Auktion „Modern & Contemporary Evening Auction“ bei Sotheby’s stehen diesmal zwei Frauen: Mit einem Schätzpreis von 6 bis 9 Millionen Pfund tritt Tamara de Lempickas Portrait „La Belle Rafaëla“ am kommenden Dienstag in London aufs Auktionspult. Verführerisch hat die polnisch-französische Malerin 1927 den Akt auf einem Sofa drapiert. Den nackten Körper umspielt nur ein rotes Tuch, das mit dem Rot der vollen Lippen korrespondiert. Das Schlaglicht von links wirft große Schattenpartien auf das Inkarnat und lässt die fülligen Formen des Leibs fast wie gemeißelt aus dem Dunkel hervortreten. Die kühle, an Renaissancebilder erinnernde Sachlichkeit und die gleichzeitige sinnliche Ausdrucksweise sind charakteristisch für Lempickas Schaffen und stehen sinnbildblich für die Kunst des Art Déco einer glamourösen Hautevolee in Paris.

Die Darstellung zeigt Rafaëla, eine junge, sonst unbekannte Frau, der Tamara de Lempicka zufällig im Bois de Boulogne in Paris begegnet ist. Später erinnerte sich Lempicka daran, wie sie der betörenden Rafaëla damals einen kühnen Antrag machte: „Plötzlich wurde ich auf eine Frau aufmerksam, die in einiger Entfernung vor mir ging. Während sie geht, bleiben alle, die aus der entgegengesetzten Richtung kommen, stehen und schauen sie an. Sie drehen ihre Köpfe, wenn sie vorbeigeht. Ich bin neugierig. Was ist so außergewöhnlich, dass sie das tun? Ich gehe sehr schnell, bis ich an ihr vorbeikomme, dann drehe ich mich um und gehe den Weg in die entgegengesetzte Richtung zurück, dann sehe ich, warum alle stehen bleiben. Sie ist die schönste Frau, die ich je gesehen habe – große schwarze Augen, ein schöner, sinnlicher Mund, ein schöner Körper. Ich halte sie an und sage zu ihr: ‚Mademoiselle, ich bin Malerin und ich möchte, dass Sie für mich posieren. Würden Sie das tun?‘ Sie sagt: ‚Ja. Warum nicht?‘… Ich brachte sie in meinem Auto nach Hause. Wir aßen zu Mittag, und nach dem Essen sagte ich in meinem Atelier: ‚Zieh dich aus, ich will dich malen.‘ Sie zog sich aus, ohne sich zu schämen. Ich sagte: ‚Leg dich auf dieses Sofa hier.‘ Sie legte sich. Jede Position war Kunst-Perfektion, und ich begann sie zu malen, und ich malte sie über ein Jahr lang.“

„Lempicka war revolutionär. Sie hat den weiblichen Akt aus weiblicher Sicht neu interpretiert“, so André Zlattinger, Head of Modern Art bei Sotheby’s Europe, der das Gemälde als sinnlichen Höhepunkt von Lempickas Karriere einordnet. „La Belle Rafaëla“ sei nicht nur ein künstlerisches Meisterwerk, sondern auch ein radikaler Ausdruck weiblicher Perspektive und sexueller Selbstbestimmung – eine Seltenheit in der von Männern dominierten Kunstgeschichte. In seiner Monografie über die Künstlerin bezeichnet der Kunsthistoriker Patrick Bade Lempickas Darstellungen von Rafaëla als „ihre erotischsten Werke, in denen das Verlangen der Künstlerin nach dem weichen und kurvenreichen Körper des Modells spürbar ist“. Dass Rafaëla schon häufiger zum Verkaufsschlager bei Auktionen avancierte, beweisen die 7,5 Millionen Dollar für „Le rêve (Rafaëla sur font vert)“ und die 11,5 Millionen Dollar für „La Tunique rose“, die Sotheby’s 2011 beziehungsweise 2019 in New York realisierte.

Eine weitere Entwicklung in der weiblichen Aktmalerei kann man Jenny Saville zuschreiben, bei der nicht mehr die Schönheit des Körpers, sondern vielmehr die natürliche Unvollkommenheit und das Eingezwängtsein in den Bildraum dominieren. Ein Beispiel dafür ist in der Sotheby’s-Auktion am 24. Juni ihr wandfüllendes Gemälde „Juncture“ von 1994, das die fleischliche Fülle des Rückenakts betont (Taxe 5 bis 7 Millionen GBP). Für Pablo Picassos in kindlicher Manier gemalte „Nu assis dans un fauteuil“ saß 1964/65 seine damalige Geliebte und zweite Ehefrau Jacqueline Roque Modell (Taxe 6 bis 9 Millionen GBP). Und auch zum Preis von 5 bis 7 Millionen Pfund findet sich ein weiteres Gemälde in der Versteigerung: Claude Monets sommerliche Landschaft „Aux Petites-Dalles“ von 1884 mit Spaziergängern auf einem Weg vor dem kleinen Küstenort in der Normandie.

Dahinter folgen Jean-Michel Basquiats bunte Ölstift-Zeichnung „Untitled (Indian Head)“ mit einem Totenkopf und zahlreichen Pfeilen von 1981 (Taxe 4 bis 6 Millionen GBP), Henry Moores abstrakte, grün patinierte Bronzegruppe „Reclining Mother and Child“ von 1960/61 (Taxe 3,5 bis 5,5 Millionen GBP) und Vilhelm Hammershøis Gemälde „Sonnenschein im Wohnzimmer II“ von 1903 (Taxe 3 bis 5 Millionen GBP). Hammershøis stilles Interieur aus seiner Wohnung an der Strandgade 30 in Kopenhagen hätte auch gut in eine Auktion mit Werken des 19. Jahrhunderts gepasst, genauso wie die beiden Damen samt Mann und Hund auf einer Bank in Sir John Laverys „The Tennis Match“ von 1885 (Taxe 300.000 bis 500.000 GBP), Francis Campbell Boileau Cadells Belle Époque-Dame unter dem Titel „The Cheval Glass“ um 1915 (Taxe 250.000 bis 450.000 GBP) oder das Stillleben „Melon, Grapes and Apples“ seines schottischen Kollegen Samuel John Peploe um 1902 (Taxe 200.000 bis 300.000 GBP).

Teuerster deutscher Künstler ist diesmal Sigmar Polke mit seinem bedruckten und übermalten Karostoff „Kronleuchter“ von 1981 bei 1 bis 1,5 Millionen Pfund. Gerhard Richters fotorealistisch verschwommenes „Stadtbild M 6“ in Grau kommt nur auf 700.000 bis 1 Million Pfund. Entstanden 1968 als Auftragswerk für den Siemens Konzern, wurde die ursprünglich großformatige Ansicht von Mailand in neun einzelne Tafeln aufgeteilt und kann mit ihren Kolleginnen wieder zu einem Ganzen zusammengesetzt werden. Bei ihrem letzten Auktionsauftritt im Juni 2017 bei Sotheby’s in London brachte die 90 Zentimeter breite Leinwand mit einem Platz und einem Brunnen schon einmal 700.000 Pfund netto. Aus Österreich treten dann Egon Schiele mit seiner recht braven Kreidezeichnung „Porträtstudie (Mädchenkopf) - Hilde Ziegler“ von 1918 (Taxe 300.000 bis 500.000 GBP) und Franz West mit seinem titellosen Duo eines ockerfarbenen Pappmachéreliefs und einer aus Stahlstäben zusammengeschweißten Bank von 1990 hinzu (Taxe 200.000 bis 300.000 GBP).


20.06.2025

Quelle: Kunstmarkt.com/Ulrich Raphael Firsching

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