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Neuerdings treten ihre Protagonisten aus dem Bild hinaus in den physischen Raum: Das Wiener Künstlerpaar Muntean/Rosenblum zeigt in der Galerie Zink in Waldkirchen neben Gemälden und Videoarbeiten erstmals auch lebensgroße Skulpturen

Was war, was ist und was sein wird



Markus Muntean und Adi Rosenblum sind im internationalen Kunstbetrieb seit über 30 Jahren primär als Schöpfer melancholischer Gemälde bekannt, auf denen gut aussehende, hip gekleidete und mit angesagten Accessoires ausgestattete junge Menschen vornehmlich in Freizeitsituationen zu sehen sind. Den Hintergrund bilden meist Landschaften und Szenerien, die im Prinzip jedermann vertraut sind, in ihrer Austauschbarkeit und Normierung dann aber wieder seltsam unvertraut wirken. Häufig sind das zivilisatorisch aufgeladene Orte wie Einkaufspassagen, Rolltreppen, Skateparks, mit Graffiti besprühte Unterführungen, Hotellobbys, anonyme Großraumbüros oder die Wartezonen auf Flughäfen. Auf anderen Bildern sind es wiederum intimere Räume: etwa die Privatheit eines Schlafzimmers.


Manchmal entscheiden sich die stets ermattet wirkenden Protagonist*innen aber auch für das kollektive Abtauchen in einem Seerosenteich à la Claude Monet, was die Stimmung dann allerdings auch nicht unbedingt zu heben scheint. Denn die auf den Bildern des Künstlerduos dargestellten Menschen haben, auch wenn sie innerhalb von größeren Gruppen agieren, einen Hang zur Vereinzelung und zu einem selbstbezüglichen Drang nach innen. Allen Arbeiten von Muntean/Rosenblum gemeinsam ist aber noch ein weiteres zentrales Element: Die eigentlichen Motive nehmen nicht die ganze Bildfläche oder das ganze Blatt ein. Sie sind stets mit einer weißen Umrandung versehen, auf deren unterem Feld ein- bis zweizeilige Texte in englischer Sprache zu lesen sind. Doch dazu später mehr.

Wer die Arbeiten von Markus Muntean und Adi Rosenblum kennt und die aktuelle Ausstellung der beiden mit dem Titel „There is a Silence to Fill“ in der Galerie Zink in Waldkirchen in der Oberpfalz unvorbereitet und alleine betritt, könnte im ersten Moment erschrecken. Denn plötzlich treten einzelne Figuren in Lebensgröße aus den Bildern heraus und stehen ausdrucksstark und in voller Präsenz im Ausstellungsraum. Das Künstlerpaar hat neuerdings die Möglichkeiten des 3D-Printers für seine Arbeit entdeckt und nutzbar gemacht. Drei junge, barfüßige Gestalten, zwei Frauen und ein Mann in legerer Alltagskleidung, stehen im Galerieraum und halten kleine Pappschilder hoch. Zwei davon an Holzstangen befestigt, eins in der offenen Hand. „Tell what can not be told“, heißt es auf einem davon, „There is a silence to fill“ auf einem anderen. Auf dem dritten Schild ist „The flaming abyss of emptiness“ zu lesen: Der flammende Abgrund der Leere. Um eine politische Kundgebung oder Demonstration von Angehörigen der Generation Z scheint es sich eher nicht zu handeln. Dafür sind die Botschaften zu kryptisch und zeitlos. Wohnen wir Schauspielern bei der Probe bei? Oder traumverlorenen Schlafwandlern, die unvermittelt aus einem Gemälde des Duos herausgestiegen sind? Raum für Fragen und eigene Assoziationen der Betrachtenden, wird hier, wie stets in den Werken von Muntean/Rosenblum, genügend gelassen.

Bemerkenswert ist auch, dass die neuen Arbeiten, so sehr sie auch aus komplexen Hightech-Verfahren wie der digitalen Erfassung der Modelle und der Produktion ihrer skulpturalen Wiedergänger im technisch aufwendigen und langwierigen 3D-Schichtaufbau hervorgegangen sind, letztlich gar keine wirkliche Abkehr von der Malerei darstellen. Denn egal, ob glatte oder lockige Haare, zarte Hauttöne, das Rot der Wangen, die Farbe der Augen, der dicke Stoff eines Trenchcoats oder das leicht verwaschene Blau eines Jeansstoffes: Alle Farben sind – wie auf den Gemälden und Papierarbeiten auch – von Markus Muntean und Adi Rosenblum per Hand in lasierender Ölmalerei aufgetragen. Aus dem subtilen Wechselspiel von den in zahlreichen Arbeitsgängen dünn aufgebrachten transparenten und semitransparenten Farbschichten resultieren nuancenreiche Oberflächen voller Leuchtkraft und Tiefe. Was eben noch als zweidimensionale Abbildung einer Person auf der Bildfläche existierte, kann hier plötzlich physisch erfahren und aus allen nur denkbaren Blickwinkeln betrachtet werden.

Internationale Lifestyle und Modezeitschriften wie Vogue, The Face oder iD, You-Tube-Videos, Social Media Content oder andere Bilder aus dem Internet: Die sich permanent erneuernde mediale Bilderflut betrachten Muntean und Rosenblum als Rohmaterial, aus dem sie ihre Motive auswählen, um daraus im Medium der Malerei Bilder von wesentlich längerer Halbwertszeit und universaler Gültigkeit zu schaffen. Für individuelle Shootings suchen sie sich in den Karteien von Modelagenturen genau die Persönlichkeiten aus, die ihnen für zukünftige Werke am passendsten erscheinen. Seit Neuestem fließen auch Bildschirmschoner und Hintergrundmotive in ihre Landschaftsdarstellungen ein.

Doch dieses Ausgangsmaterial wird erst in einem zweiten Schritt zu neuen Bildtableaus amalgamiert. Erst die Summe der einzelnen Elemente bildet das in hohem Maße konstruierte Gesamtbild. Eine Eins-zu-eins-Umsetzung von Fotografie in Malerei gibt es bei Muntean/Rosenblum nicht. Wer genau hinschaut wird, schnell bemerken, dass ihre Protagonist*innen mitunter seltsam deplatziert und orientierungslos wirken. Fast so, als wären sie gerade erst irgendwo anders aufgepickt und in den neuen Szenerien ausgesetzt worden und müssten sich erst einmal mit der Umgebung und den Umstehenden arrangieren. Auf dem Gemälde „The unexpected sometimes looks like a prompting of fate“ von 2025 etwa steht ein junger Mann ohne Schal und Handschuhe auf einer schneebedeckten Allee. Zu frieren scheint er nicht. Auf einem anderen Bild posiert ein Jugendlicher in Badehose vor einem einsamen Swimmingpool im Abendlicht. Zeit, noch ins kühle Wasser einzutauchen? Diese Szene auf dem ebenfalls aktuellen Gemälde „We suffer from the things, we ourselves have invented“ wirkt fast, als wäre sie von Lars von Triers Endzeitfilm „Melancholia“ aus dem Jahr 2011 inspiriert.

In einem Gespräch mit dem Magazin „Kunstforum“ hat Markus Muntean das an Samplingtechniken erinnernde Verfahren der Bildkomposition folgendermaßen beschrieben: „Wir verwenden zwar fotografische Vorlagen aus Zeitschriften, bauen sie aber vollkommen neu zusammen. Was entsteht, ist total konstruiert. Natürlich ergibt sich ein räumliches Kontinuum, aber es ist alles zusammengesetzt. Es sind keine konkreten Fotos, die wir abmalen, sondern wir nehmen hier einen Kopf, dort einen Oberkörper oder die Hände, wir verändern die Details und fügen sie zu neuen Kompositionen.“

Ähnlich gehen Muntean und Rosenblum bei der Auswahl der Textzeilen vor. Diese entstammen häufig Werken der Weltliteratur, etwa von Fjodor Dostojewski, Rainer Maria Rilke oder Virginia Woolf, und scheinen auf den ersten Blick die Bildmotive sinnvoll zu ergänzen und eine zusätzliche Bedeutungsebene zu eröffnen. Doch aufgepasst: So richtig bekommt man Bild und Textebene nicht zusammen. Am Ende bleiben nicht auflösbare Ambivalenzen und Unstimmigkeiten übrig. Dazu Adi Rosenblum im „Kunstforum“: „Beim ersten Lesen denken die Leute, die Sätze seien sehr profund und klug, doch beim zweiten Mal erkennt man, dass sie leer und nichtssagend sind. Dieser Effekt ist uns ganz wichtig: Wir wollen, dass die Betrachter berührt sind und sich angezogen fühlen, aber dann gleich auch wieder eine Distanz verspüren und gefordert sind, sich Gedanken zu machen.“

Das anhand von Kleidungsstil, Frisuren und Accessoires eher als zeitgenössisch zu identifizierende, durchweg jugendliche Personal ihrer Arbeiten fällt häufig dadurch auf, dass es in merkwürdig erstarrten, manieristischen oder in sonst unzeitgemäßen Posen verharrt. Ein gutes Beispiel dafür stellt die jetzt in Waldkirchen gezeigte Arbeit „If you cling top hard to what you want to see, you miss what is already there“ aus dem Jahr 2023 dar. Da sitzt ein blond gelockter Jüngling mit bloßem Oberkörper und gefalteten Händen auf einem umgestürzten Baum, während ein dunkelhaariger Geschlechtsgenosse sein Antlitz in dem mit den Händen aufgefangenen Wasser eines Baches betrachtet. Narziss lässt grüßen. Die junge Frau ganz rechts in der urwaldartigen Szene dagegen schaut die Betrachtenden mit geradezu nymphenhaft versonnenem Blick an. Eindeutig werden hier formelhafte Gesten und Gesichtsausdrücke, wie sie aus kunsthistorischen Vorläufern bekannt sind, zitiert und in die Gegenwart überführt.

Muntean und Rosenblum, die 1962 in Graz, respektive im israelischen Haifa zur Welt kamen, sich während ihres Studiums an der Akademie der bildenden Künste in Wien kennengelernt haben und seit 1992 zusammenarbeiten, äußerten sich zum Thema Pathosgesten in einem Interview mit dem Wiener Kunsttheoretiker Axel Stockburger, das im Katalog zu ihrer Einzelausstellung 2024 im Frankfurter Städel erschienen ist: „Wir haben keine Angst vor Pathos als einer Form der Verhandlung von Emotion, und wir waren immer schon an der historischen Dimension von Bildern interessiert, die beim Betrachter Affekte auslösen können. Mit dem Aufstieg der digitalen Kultur haben wir eine enorme Zunahme verschiedenster Bilderzeugungstechniken beobachtet und für uns das gemalte Bild als das Feld festgelegt, auf dem wir Fragen zu diesen neuartigen Bildwelten, ihren Qualitäten und ihren Problemen behandeln.“

Ob Gemälde auf Leinwandplanen, die mit Ösen versehen an der Wand befestigt oder neuerdings auch auf Aluminium-Verbundplatten ausgeführt werden, Papierarbeiten in einer Mischtechnik aus Ölfarbe und Pastellkreide, Videos oder die ganz neuen Skulpturen: In der umfassenden Galerieschau bei Michael Zink in Waldkirchen lässt sich jetzt trefflich in den gedanklichen Kosmos und die neueste Produktion des Künstlerduos eintauchen. Wer noch mehr von den beiden sehen und entdecken möchte, sei auf die kommende Gruppenausstellung „Zusammen arbeiten. Working together as Artist Duos – Works and Strategies“ im Haus der Kunst in München ab Ende Juli zum Thema Künstlerpaare verwiesen, in der weitere Arbeiten von Muntean/Rosenblum präsentiert werden.

Die Ausstellung „Muntean/Rosenblum: There is a Silence to Fill“ ist bis zum 22. Juni zu sehen. Die Galerie Zink hat sonntags von 14:30 bis 18 Uhr und nach Vereinbarung geöffnet. Der Eintritt ist frei. Der Katalog zur Ausstellung „Mirror of Thoughts“ im Städel Museum ist 2024 im Verlag für moderne Kunst erschienen und kostet 32 Euro.

Kontakt:

Galerie Zink

Waldkirchen 2

DE-92358 Seubersdorf

Telefon:+49 (08460) 90 10 925

www.munteanrosenblum.com



20.05.2025

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Nicole Büsing & Heiko Klaas

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