1986 tourt das fotografische Werk einer 28jährigen durch die USA. Die Hunter College Art Galleries in New York sind die erste Station, weitere Präsentationen in Massachusetts, Colorado, California und Illinois folgen. Veranstaltet wird die Ausstellung von Ann Gabhart, Direktorin des Davis Museum at Wellesley College. Die renommierten Kunstkritikerinnen Rosalind Krauss und Abigail Solomon-Godeau sind Mitorganisatorinnen, verfassen Essays zum Werk der jungen Künstlerin und bereiten dem bis dahin unbekannten Œuvre von Francesca Woodman einen fulminanten ersten Auftritt. Dieser frühen Anerkennung folgen ab 1989 weitere wichtige Einzelpräsentationen in Philadelphia, Zürich, Münster Stockholm, Helsinki und Berlin. Gleichzeitig wird ihr Werk von Galerien wie Pace/MacGill, Marian Goodman und aktuell von Gagosian in New York vertrieben – eine rasante Erfolgsstory und sicherlich der Traum einer jeden Künstlerin.
Nur miterleben konnte Francesca Woodman diese Anerkennung nicht, hatte die 1958 in Boulder in Colorado geborene Fotografin ihr Leben 1981, damals erst 22 Jahre alt, durch einen Sprung aus dem Fenster ihres Studios in New York beendet. In nur neun Jahren – von 1972 bis 1980 – schuf sie ein formal und inhaltlich außergewöhnliches fotografisches Werk. Während die Rezeption von Woodmans Fotografien, Videos und Zeichnungen im feministischen Diskurs in den USA durch Ausstellungen im San Francisco Museum of Modern Art (2011/12) und im Guggenheim in New York (2012) neue Impulse erlangte, war es in Europa recht ruhig um die Künstlerin, die im Kontext weiblicher Subjektivität und Performance sicherlich als bahnbrechend bezeichnet werden kann. Früh aufmerksam geworden auf das singuläre Werk der Fotografin ist in Österreich Gabriele Schor. Die Leiterin der Sammlung Verbund aus Wien erwirbt seit deren Gründung im Jahr 2004 kontinuierlich die Werke der Künstlerin. Inzwischen hält die Sammlung den umfangreichsten Bestand von Woodman-Arbeiten neben dem Nachlass-Archiv. Seit zehn Jahren sammelt Verbund die „feministische Avantgarde“ der 1970er Jahre. So umschreibt Schor ihren Schwerpunkt. In umfangreichen Publikationen hat sie bereits das Œuvre der lange unterschätzten österreichischen Künstlerin Birgit Jürgenssen und das Frühwerk Cindy Shermans aufgearbeitet.
Woodmans vorzeitiges Ende, das viel zu ihrer späteren Bekanntheit beitrug, stand vielfach im Mittelpunkt der Deskriptionen. Mit der aktuellen Personale in der Wiener Albertina versuchen Gabriele Schor und ihre Mitstreiter*innen noch einmal neu anzusetzen, um eine Künstlerin vorzustellen, die sich in ihren Arbeiten seriös, souverän und doch spielerisch mit der Kunstgeschichte auseinandersetzte und die bereits in ihren Jugendwerken Wesentliches anklingen ließ, das für ihr späteres Werk von Bedeutung wird. Es ist ihr Anliegen, das Schaffen von Francesca Woodman nicht vom Ende, sondern vom Anfang ihrer Schaffenszeit zu interpretieren und zu begreifen. Sie folgen damit nicht der sonst üblichen Lesart, die allzu sehr auf das Verschwinden der weiblichen Figuren in Woodmans Fotografien abhebt, setzen sich vielmehr mit den metaphernreichen Requisiten auseinander, suchen Verknüpfungen mit der Kunstgeschichte und untersuchen die Beziehung des weiblichen Körpers zum Raum und zum Kamerablick. Gezeigt werden etwa 80 Arbeiten, davon 20 Vintage Prints. Alle Motive, die Woodman nach ihrem frühen Tod ihren Eltern hinterließ, wurden seit Ende der 1990er Jahre vom Nachlass in Auflagen von bis zu 40 Stück von den Negativen nachgedruckt.
In eine Künstlerfamilie geboren, verbrachte Woodman ihre Kindheit in Colorado und in Italien und wuchs zweisprachig auf. Im Sommer 1972 fotografierte sie sich mit einem Selbstauslöser in ihrem Elternhaus in Boulder auf einer Bank sitzend, das Gesicht vom Betrachter abgewandt, und schrieb auf diese Fotografie „Self portrait at thirteen“. Mit dieser Selbstdarstellung, mit der die Wiener Schau beginnt, nahm Woodmans künstlerisches Werk seinen Anfang. Bereits angelegt und typisch für die später entstandenen Selbstinszenierungen sind hier bereits die selbstbewusste Geste, das Spiel mit Licht, Schatten und Überblendungen, die räumliche Inszenierung, die Auflösung des Körpers im Raum und der Gebrauch von Requisiten, die ephemere Flüchtigkeit sowie der Einsatz der Schwarz-Weiß-Fotografie und die Vorliebe für das kleine quadratische Format.
Während ihrer Studienjahre an der Rhode Island School of Design in Providence von 1975 bis 1978 – ein Jahr davon verbringt sie in Rom – entstanden zahlreiche Fotografien, die Woodman alle selbst in der Dunkelkammer entwickelte. Schon früh hatte sie ein eigenes Studio, arbeitete in verlassenen, unbewohnten Fabrikräumen mit hohen großen Fenstern, da sie stets mit Tageslicht fotografierte. An diesen Orten setzte sie ihren Körper in Szene und brachte ihn in eine ungewöhnliche Beziehung mit den räumlichen Gegebenheiten. Mehrfach fotografierte sie sich hinter abgelösten Tapeten, vor abbröckelndem Wandverputz, verbarg Teile ihres Körpers hinter einem Kaminsims, versteckte sich in einer Vitrinen voll ausgestopfter Tiere und Vögel oder erweiterte den Blick auf sich selbst durch den gezielten Einsatz von Spiegeln und eröffnete damit geheimnisvolle Perspektiven. Für viele Aufnahmen inszenierte sie ihren Körper nackt oder posierte in langen, altmodisch wirkenden Kleidern. Im Januar 1979 zog sie nach New York und fotografierte in den Räumen ihres Apartments, verdiente ihren Lebensunterhalt mit Jobs als Sekretärin, Fotografieassistentin und Aktmodell und entwarf auch Modefotografien.
Zwei Jahre später, im Alter von 22 Jahren, nahm sie sich das Leben und hinterließ ein Werk, das zahlreiche kleine, schwarz-weiße, quadratische Fotografien umfasst, Videos, großformatige Blaudrucke, Zeichnungen und einige Künstlerbücher. Die Wiener Schau konzentriert sich auf Woodmans Selbstinszenierungen des weiblichen Körpers im Raum in den Schwarz-Weiß Fotografien, ihre Verwendung von Requisiten und zeigt außerdem zwei von ihr selbst erstellte Künstlerinnenbücher. Viele der Aufnahmen sind bekannt und waren in Wien bereits 2014 in der hauseigenen Galerie der Sammlung Verbund und hier auch mehrfach in wichtigen Gruppenausstellungen im MAK, im Belvedere 21, im Sigmund Freud Museum und zuletzt in der Schau „Medardo Rosso: Inventing Modern Sculpture“ 2024 im Mumok zu sehen.
Abgesehen vom Mythos, die den Club der „Only the Good Die Young“ umranken, ist es ein Phänomen, dass dieses seltsam entrückte Werk, dieses melancholische Versteckspiel vor der Kamera, das deutlich Anleihen bei den Stilmitteln der Geisterfotografie des frühen 19. Jahrhunderts, an viktorianischen Kostümierungen und am Surrealismus nimmt und das scheinbar aus der Zeit gefallen ist, so nachhaltig fasziniert. In ihren Inszenierungen erschuf Francesca Woodman eine hermetische Welt voller Verfall und Vergänglichkeit. Es fällt schwer, die 1970er Jahre zu erkennen, das Jahrzehnt, in dem Woodman ihre Aufnahmen macht. Dennoch gibt es Parallelen zum Schaffen anderer Künstler*innen in dieser Dekade, in der zum Beispiel Duane Michals und William Wegman mit der Fotografie auf nicht-dokumentarische Weisen arbeiteten, oder zu Ana Mendieta und Bruce Nauman, die ihre eigenen Körper als Thema in Fotografien benutzten. In der zweiten Hälfte der 1970er Jahre begann Cindy Sherman, Fotografien von sich selbst in Verkleidungen zu produzieren und dabei stereotype Frauenbilder aus Hollywood-Filmen, Fernsehen oder Werbung zu appropriieren. Bei Woodman hingegen finden sich keinerlei Bezüge zur Bilderflut der Massenmedien.
Es waren Theoretikerinnen wie Abigail Solomon-Godeau, die in Woodmans Inszenierungen des jungen, nackten, weiblichen Körpers zunächst eine subtile Entgegnung auf den hegemonialen männlichen Blick erkannten, später aber den Reduktionismus ihres feministischen Ansatzes untersuchten. Aber bis heute scheint die besondere Eigenart des Woodmanschen Werks in all seinen vielen kunst- und medienhistorischen Anleihen und Referenzen unter feministischer Perspektive noch immer am schlüssigsten zu greifen zu sein. Im Mittelpunkt ihres Schaffens steht der weiblich definierte be- und entkleidete Körper an der Schwelle zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, den Woodman im schillernderen Spiel der leidenschaftlichen Selbstinszenierung prononciert ins Blickfeld rückte. Die von ihr variationsreich ausgelotete Schnittfläche zwischen Verschwinden und Erscheinen im Bild und als Bild nutzt die Verflüchtigung als Voraussetzung für das Entstehen neuer Gestaltungen.
Francesca Woodman setzte den eigenen Körper ein, um im traditionellen Bildrepertoire zu intervenieren, ging jedoch über das reine Nachstellen gängiger Weiblichkeitsbilder hinaus, wenn sie beispielsweise Motive wie die „Geburt der Venus“ oder Michelangelos berühmtes Fresko „Jüngstes Gericht“ in ihren Inszenierungen anklingen ließ. Die fragmentierten, sich verflüchtigenden Körper und die hinter Masken verborgenen Gesichter zeugen eher von der Unmöglichkeit, so etwas wie Persönlichkeit mit der Kamera festzuhalten. Stattdessen entwarf sie Bilderzählungen, in denen tief gefühlte Egozentrik vielleicht weniger relevant ist als der experimentelle Umgang mit dem inkonstanten wie flüchtigen Selbstbild, in dem sich Verschwinden und Erscheinen einen permanenten Widerstreit bieten. „Ich zeige dir, was du nicht siehst – die innere Kraft des Körpers“, formulierte Francesca Woodman einmal das Ziel ihrer fotografischen Betrachtungen. Dem männlich dominierten Blick auf Frauen und ihren Körpern setzte Francesca Woodman ihre eigene Form der Repräsentation entgegen, deren Radikalität junge Künstler*innen noch heute inspiriert.
Die Ausstellung „Francesca Woodman. Werke der Sammlung Verbund“ ist bis zum 6. Juli zu sehen. Die Albertina hat täglich von 10 bis 18 Uhr, mittwochs und freitags zusätzlich bis 21 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 19,90 Euro, ermäßigt 15,90 Euro. Für Personen unter 19 Jahren ist der Eintritt frei. |