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Das Seebad Binz auf Rügen feiert seinen berühmten Sohn, den Architekten und Bauingenieur Ulrich Müther, anlässlich seines 90. Geburtstages

Freies Schweben zwischen Himmel und Erde



Ulrich Müther, Konzertpavillon an der Uferpromenade von Sassnitz, 1987

Ulrich Müther, Konzertpavillon an der Uferpromenade von Sassnitz, 1987

Bewältigt man den engen Kreisverkehr am Ortseingang des Ostseebads Binz mit allzu großem Schwung, wird einem fast zum Abheben zumute. Dies fördert eine frei schwebende, vom Bauingenieur Ulrich Müther konzipierte Schalenkonstruktion am Straßenrand. Wie ein von Kindern gezogenes, kurz vor dem Abheben stehendes Drachensegel öffnet sich hier eine hauchdünne Dachkonstruktion. 1967 als Buswartehalle konzipiert, bietet sie nunmehr Personen des angrenzenden Parkplatzes Regenschutz. Nur sieben Zentimeter dick wurde das Dach auf einem Stahlgerüst betoniert. Es ist so stabil, dass die zur Sicherheit eingestellte „Angststütze“ eigentlich nicht vonnöten ist.


Mit der Konstruktion selbsttragender Hyparschalen bereicherte Ulrich Müther das Bauwesen in der DDR durch eine auffallend originelle Facette, die ihm weltweite Reputation eintrug. Gleich an der Binzer Hauptzufahrt wird so auf den vor 90 Jahren hier geborenen und zeitlebens ansässigen Architekten verwiesen. Im Grundriss quadratisch und doppelt gewölbt, weist die markante, an einen Sattel erinnernde Form zwei Höhepunkte und zwei auf unterirdisch durch Zuganker verbundene, auf Stützpfeilern ruhende Tiefpunkte auf. Sie könnten auch als Verweis auf Hochzeiten und Abgründe im Leben des Bauingenieurs verstanden werden, dessen futuristisch-kosmische Kapseln, spitzwinklige Pavillons oder organische Unterstellplätze vornehmlich auf Rügen zu finden sind. Aber er war auch im Westen Deutschlands und auf anderen Kontinenten anerkannt und gefragt.

Ulrich Müther erblickte als Sohn eines Architekten am 21. Juli 1934 das Licht der Welt und absolvierte nach der Volksschule eine Lehre als Zimmermann. Dies berechtigte ihn dann zum Studium des konstruktiven Ingenieurbaus an der Ingenieurschule für Bauwesen in Neustrelitz von 1951 bis 1954. Von 1956 bis 1963 schloss sich ein Fernstudium an der Technischen Universität Dresden an. Intensiv beschäftigten ihn während dieser Zeit hyperbolische Paraboloidschalen, denen er auch seine Diplomarbeit widmete. Jene „Hyparschalen“ bestehen aus einem Stahlträgernetz, das zweifach gekrümmte Flächen erzeugt. Eine Hyparschale kann somit auch aus schmalen geraden Brettern aufgebaut werden.

Schon 1958 übernahm Ulrich Müther die Leitung des familieneigenen Bauunternehmens, das 1972 zum „VEB Spezialbetonbau Rügen“ unter Müthers Leitung verstaatlicht wurde. Nach der Rückübertragung im Jahr 1990 fanden seine Werke nur noch wenig Wertschätzung, was zum Konkurs der Müther GmbH 1999 führte. Als Gutachter und Tagungsgast danach aber viel gefragt, bezeichnete er sich stets bescheiden als „Landbaumeister in Binz auf Rügen“. Müther war kein Erfinder, aber zweifellos ein Neuerer der in den 1920er Jahren entwickelten Schalentragwerke aus Stahlbeton. Sie sind leicht und können große Spannweiten überbrücken. Die nur für Dächer verwendeten hyperbolischen Schalen sind leicht zu modellieren.

Zur weiteren Vereinfachung entwickelte Müther ein neues Spritzbetonverfahren. Die eigene Baufirma war dann auch der Garant für den Erfolg, denn Planung und Ausführung waren unter seiner Leitung in einer Hand. Dies und die erfüllten Ansprüche an industrielles, materialsparendes Bauen in der DDR führten dazu, dass er sich eine herausragende Stellung im Bauwesen des Staates erarbeiten konnte. Nach Müthers Tod am 21. August 2007 in Binz gelangte der berufliche Nachlass aus rund 10.000 Bauzeichnungen, Fotografien, Plänen, Modellen und Schriftverkehr an die Hochschule Wismar, wo 2022 das Müther-Archiv zur weiteren Erforschung des Œuvres etabliert wurde. Dabei handelt es sich um 74 realisierte Projekte, von denen 29 zwischenzeitlich abgebrochen wurden. 38 Bauvorhaben wurden nicht ausgeführt.

Ulrich Müther arbeitete vielseitig. Vom Konzertpavillon über Kirchen, Gaststätten, Stadt- und Messehallen, Planetarien, Bushaltestellen bis hin zum Schwimmbad oder der Moschee entwickelte sich das Spektrum seiner Bauaufgaben. Zu den bekanntesten zählt der 1981 erstellte Rettungsturm der Strandwache von Binz, das Wahrzeichen des Badeortes. Er ist der letzte erhaltene von zwei ausgeführten und ursprünglich vier projektierten Türmen. Dabei handelt es sich um einen außergewöhnlichen, vom hyperbolischen Paraboloid abweichenden Turm aus zwei frei geformten Buckelschalen, die jeweils nur drei bis fünf Zentimeter stark sind. Auf ein engmaschiges Drahtgeflecht wurde Zementmörtel, so genannter Ferrozement, aufgespritzt. Nach der 2017 erfolgten aufwendigen Sanierung dient der 25 Quadratmeter große, allseitig verglaste Innenraum des „Ufos“ als Trauzimmer.

Wohl zu Müthers originellsten Bauten zählt der gleichfalls von der Wüstenrot-Stiftung sanierte und in Kooperation mit den Architekten Dietmar Kuntzsch und dem Statiker Otto Patzelt konzipierte Konzertpavillon an der Uferpromenade von Sassnitz. Flankiert von zwei Funktionsbauten mit Bullaugenfenstern und auf einer dreistufigen Empore stehend, erinnert die 1988 eingeweihte, aus sieben aufgefächerten Betonschalen bestehende Konstruktion an Flossen abtauchender Fische. Nicht weit entfernt steht der 1965 als eines der ersten Projekte Müthers realisierte Speisesaal des Kinderferienlagers in Borchtitz. Heute zum privaten Feriendomizil umgestaltet, weist der für eine gelungene Umnutzung stehende Bau ein „HP-Schalendach“ von 18 mal 18 Metern Fläche auf. Um 1972 kamen noch einige „Finnhütten“ als Unterkunftsquartiere hinzu.

Dagegen weniger funktional, dafür umso origineller gestaltet, zeigt sich das kleine Buswartehäuschen in Buschvitz. Die 1974 vollendete, im Volksmund „Taucherhelm“ genannte Kleinarchitektur besitzt Bullaugen und eine große gerundete Öffnung mit Lattenverkleidung. Die „Ostseeperle“ in Glowe aus dem Jahr 1968 realisierte Müther als „angekippte Hyparschale, bei der ein zur See ausgerichteter Hochpunkt deutlich den tieferen überragt. Nach Abrissplänen gelang es dem Dortmunder Architekten Arne Knaak, den markanten Pavillon mit der zum Wasser hoch aufragenden Fensterfront zu erwerben und zu restaurieren. Der Grundentwurf dieses Baus bildete das Fundament für die im Folgejahr ausgeführte Hyparschale in Magdeburg, dem nunmehr größten noch erhaltenen Schalenbau Müthers. Nach grundlegender Sanierung konnte die nunmehrige Mehrzweckhalle im Juli 2024 mit einer Ausstellung des anonymen britischen Starkünstlers Banksy eröffnet werden.

Nicht unter den Tisch fallen soll der Hinweis auf das 1970 errichtete und im Jahr 2000 abgerissene „Ahornblatt“ auf der Fischerinsel in Berlin. Diese äußert markante Großgaststätte bestand aus fünf fächerförmig aneinander gefügten Schalen und diente umliegenden Ministerien und Institutionen als Kantine. Erhalten hat sich hingegen die Faltkonstruktion zu Füßen des Berliner Fernsehturms. Ganz gleich, ob der „Teepot“ in Rostock-Warnemünde, eine ebenso augenfällig wie dreifach geschwungene Hyparschalenkonstruktion, bis hin zur Bobbahn in Oberhof, der Einzelgänger Müther fand in der DDR eine Nische mit ästhetisch überzeugenden, vor allem materialsparenden Lösungen von großer Stabilität. Imposant, dynamisch, in expressiver Plastizität ausgeformt, stechen die eleganten, leichten, offenen Großplastiken im Gefüge typisierter Staatsarchitektur noch heute ins Auge.

Ihr Schöpfer war ein eigensinniger, begnadeter Ingenieur, der es verstand, auf seinem Spezialgebiet Freiheiten auszukosten. Sogar als Exportartikel war Müthers Arbeit gefragt. Als einer der wenigen konnte er 1982 mit dem Planetarium in Wolfsburg in der BRD ein Projekt realisieren. Weitere Planetarien schuf er in Kuwait (1985), Tripolis (1980) und Helsinki (1987). Im kubanischen Havanna schuf er eine Radrennbahn, im jordanischen Amman konnte 1986 er sogar eine Moschee planen. Auch kirchliche Bauten waren ihm nicht fern, wie seine katholischen Kirchen in Rostock (1971) oder Neubrandenburg (1978) zeigen. Zurecht würdigte das Seebad Binz den einfallsreichen Vertreter einer architektonischen Moderne.

Das Müther-Archiv der Hochschule Wismar stellt kostenfrei eine Datenbank zur weiteren Recherche zur Verfügung. Kontakt: Müther-Archiv, Haus 7a, Philipp-Müller-Straße 14, 23966 Wismar, muether-archiv@hs-wismar.de.

Für die weitere Beschäftigung mit Müther liegt die umfassende, mit Werkverzeichnis, Orts- und Personenregister versehene Buchpublikation von Tanja Seeböck vor: Schwünge in Beton. Die Schalenbauten von Ulrich Müther. Thomas Helms Verlag, Schwerin, 2013, Preis 58 Euro.



27.03.2025

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

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Ulrich Müther, Ehemaliger Speisesaal des Kinderferienlagers in Borchtitz,
 1965
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Ulrich Müther, Plan für den Rettungsturm in Binz
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Ulrich Müther, Plan für die Finnhütten in Borchtitz, 1972
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Ulrich Müther, Die sanierte Hyparschale in Magdeburg, 1969
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Ulrich Müther im August 1999 vor der von ihm erbauten Strandwache in Binz
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Ulrich Müther, Die sanierte Hyparschale in Magdeburg, 1969

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Ulrich Müther, Ehemaliger Speisesaal des Kinderferienlagers in Borchtitz, 1965

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Ulrich Müther, Wasserrettungsstation in Binz, 1981

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Das Zeiss-Großplanetarium von Ulrich Müther in Berlin steht jetzt unter Denkmalschutz

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Ulrich Müther, Restaurant „Ostseeperle“ in Glowe, 1968

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Ulrich Müther, Bushaltestelle in Binz, 1967

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Ulrich Müther, Gaststätte „Teepott“ in Rostock-Warnemünde, 1967/68

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Ulrich Müther, Plan für die Finnhütten in Borchtitz, 1972

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Ulrich Müther, Bushaltestelle in Binz, 1967

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Ulrich Müther im August 1999 vor der von ihm erbauten Strandwache in Binz

Ulrich Müther im August 1999 vor der von ihm erbauten Strandwache in Binz

Ulrich Müther, Restaurant „Ostseeperle“ in Glowe, 1968

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Ulrich Müther, Ehemaliger Speisesaal des Kinderferienlagers in Borchtitz, 1965

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Ulrich Müther, Plan für den Rettungsturm in Binz

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