 |  | Skulpturenplatz von Tina Heuter und der mianki.Gallery aus Berlin | |
Ein Gefühl wohltuender Erleichterung überkommt den Besucher auf der 22. Ausgabe der Art Karlsruhe. Gleich mehrere Gründe tragen dazu bei. Das neue Corporate Design, das sanft zwischen den badischen Landesfarben Rot und Gelb wie ein Zeitstrahl chargiert, ist überall präsent. Es soll für die Vielfalt der Messe sowie für die variantenreiche Kunst aus den letzten 120 Jahren stehen. In der zweiten von ihnen verantworteten Ausgabe wollte das neue Leitungsduo aus Olga Blaß und Kristian Jarmuschek nach zwanzig Jahren ein deutliches visuelles Zeichen kontinuierlicher Weiterentwicklung setzen. Das neue Logo wirkt locker, macht neugierig und geht einher mit einer weiteren Maßnahme, die bei allen Beteiligten ein spürbares Aufatmen zu angespannten Zeiten bewirkt: Die nun endgültig bewerkstelligte Senkung der Mehrwertsteuer für Galerien auf sieben Prozent. Stolz wird verkündet, dass die Art Karlsruhe als erste Kunstmesse in Deutschland von dieser lange ersehnten und erkämpften Reglung profitiert. Trotzdem überschattet eine verhaltene Stimmung die momentan sehr unsichere wirtschaftliche und politische Gesamtsituation. „Besonders die Ankäufe öffentlicher Museen gehen immer weiter zurück“, stellt Johann Döbele von der gleichnamigen Galerie fest. Und so blicken viele gespannt auf den Wahltag, der mit dem letzten Messetag am Sonntag zusammenfällt.
Wie immer erwartet die Besucher auch diesmal wieder ein großzügig angelegter Parcours durch vier geräumige lichte Hallen. Um zehn Aussteller nunmehr auf 187 angewachsen, präsentiert die gemessen an den Besucher- und Teilnehmerzahlen größte deutsche Kunstmesse ein breites Spektrum zeitgenössischer und moderner Kunst. Rund 30 Prozent der Galerien kommen aus dem näheren und weiteren Ausland. 25 Aussteller sind das erste Mal dabei. Auch wenn renommierte, teils langjährige Namen aus verschiedenen Gründen fehlen, etwa die Galerien Henze & Ketterer oder Maulberger, so ist heuer aus dem Rheinland ein großer Zuwachs zu verzeichnen. Dazu gehören etwa die Aussteller Thomas Rehbein, Martin Kudlek, und Anke Schmidt aus Köln, Setareh aus Düsseldorf oder Löhrl aus Mönchengladbach. Ausgewählt wurden sie aus einem Bewerberportfolio von rund 300 Galerien. Präzise eingeteilt, belegen klassische Moderne, Kunst nach 1945 und Gegenwartskunst die Hallen eins und zwei, während sich Grafiken und Arbeiten auf Papier in der dritten Halle vereinen, und unter dem Schlagwort „Discover“ in der vierten Halle zeitgenössische Kunst aufgeboten wird. Hier muss das Leitungsduo Blaß und Jarmuschek noch nachjustieren. Denn die Qualität bei der jungen Kunst stimmt immer noch nicht: Braucht man wirklich einen altrosa gestrichen Briefkasten, in dem man nur für Liebesbriefe einwerfen darf? Angesichts dessen bleiben die wichtigen deutschen Galerien aus diesem Sektor der Art Karlsruhe immer noch fern.
Künstler- und Galeriengeburtstage sind ein weiteres Merkmal dieser Ausgabe. Heuer feiert die Düsseldorfer Galerie Ludorff ihr 50jähriges Bestehen. Neben einer hochkarätigen Auswahl klassisch moderner Positionen leitet direkt am Eingang der ersten Halle das minimalistische Linienbild „Face 24“ von Imi Knoebel in den großzügigen Stand ein. Das kleinformatige Werk des Künstlers, der im Dezember seinen 85. Geburtstag feiern wird, besteht aus blauen, sich überlagernden Aluminiumrechtecken mit orangefarbenem Komplementärkontrast und ist mit einem Betrag von 65.000 Euro veranschlagt. Gegenüber haben Hedwig und Johann Döbele aus Mannheim ihre Werke ausgebreitet. Gemälde des im November verstorbenen Malers Stefan Plenkers, der heuer seinen 80. Geburtstag hätte feiern können, locken in den Stand. Auch wenn der sächsische Künstler bemüht war, allzu nahe Realitätsbezüge zu vermeiden, sind auf seiner 8.000 Euro teuren Leinwand „Kopf mit schwarzem Auge“ von 1993 Anspielungen auf die Dingwelt und auf Ernst Wilhelm Nays Augenbilder deutlich erkennbar.
Wieder dabei ist die Düsseldorfer Galerie Schwarzer mit einer ansprechenden Auswahl. Neben anmutigen Kleinplastiken von Renée Sintenis stellt sie ein buntes, in Mischtechnik auf Velin ausgeführtes Bild von Sigmar Polke für 280.000 Euro vor, dessen kosmische Anspielungen und Gefahren geschickt arrangiert wurden. Gegenüber wartet die Stuttgarter Galerie Schlichtenmaier mit einem breiten Spektrum musealer Werke auf. Zum 70. Todestag des Malers Willi Baumeister hat sie einige Werke des Architektur und Malerei verbindenden Künstlers zusammengestellt. Baumeisters kleines Ölbild „Figurenmauer“ aus dem Jahr 1946 mit zeichenhaften Figurationen steht für eine neu gewonnene Freiheit nach der Nazi-Herrschaft und soll 120.000 Euro einbringen. Im Vorgriff auf die große Retrospektive des vor 40 Jahren verstorbenen Künstlers Marc Chagall in der Kunstsammlung NRW hat sich eine Reihe von Ausstellern auf sein Œuvre konzentriert, darunter die Frankfurter Galerie Raphael mit der Lithografie „Hyménée“ aus der 1961 erschienenen Vorzugsausgabe von „Daphnis & Chloé“. Das sinnliche und farbenfrohe Blatt eines Liebespaares soll 85.000 Euro einspielen.
Seit 70 Jahren existiert die Galerie Koch aus Hannover. Zum Jubiläum haben die Geschwister Petra und Ole-Christian Koch eine kleine, farbintensive, von Monet beeinflusste Komposition in Acrylfarben von Sam Francis mitgebracht, die für 27.500 Euro zum Verkauf steht. Der Künstler ist übrigens genau vor 30 Jahren gestorben. Weiter laden die Kochs zur Betrachtung einer Vorgebirgslandschaft bei Murnau ein, die Gabriele Münter 1914 aquarellierte und heute für 75.000 Euro zu haben ist, und darüber hinaus der frühen Rasterstruktur „L’Or et le Noir“ von Otto Piene aus den späten 1950er Jahren, für die stolze 100.000 Euro angesetzt sind. Der Hamburger Kunsthändler Thole Rotermund offeriert am Ausgang der ersten Halle ein Ölbild des Hamburger Malers Eduard Bargheer aus den frühen 1950er Jahren. In abgemildertem Kolorit und geometrisch verfestigtem Aufbau zeigt sich seine „Landschaft im Eis“ für 38.000 Euro.
Am Anfang der zweiten Halle macht der Berliner Galerist Martin Mertens auf originelle figurative Skulpturen des in Bremen lebenden, gebürtigen Polen Gregor Gaida aufmerksam. Zwei durch einen Kreidestrich verbundene, kniende „Attaboys“ mit Kapuzenshirts leiten für 13.000 Euro in die Koje. Hinzu kommen weitere Menschengesichter, die mit Pixelgerüsten versehen sind und das Gewohnte mit dem Fragmentarischen verbinden. Aus Salzburg ist erneut der Galerist Peter Frey nach Karlsruhe gereist. An seinem Stand sind die „Memories of a Full Moon“ zu sehen , ein figuratives Ölgemälde des Wieners Bernard Ammerer von 2023, das an die Tradition der Landschaftsmalerei der Alten Niederländer anknüpft und zugleich den heutigen Naturbegriff thematisiert (Preis auf Anfrage). Dahinter entfaltet sich die Plastik „Mikado and the Ring of Fire“ von Alexander Steinwendtner, die 14.500 Euro einbringen soll und mit ihren schwarzen verbrannten spitzen Holzpfählen an die Arte Povera anknüpft.
Die Mainzerin Galeristin Dorothea van der Koelen, die im letzten Jahr ihr 45jähriges Galeriejubiläum begehen konnte, schwelgt weiter im Reigen runder Geburtstage. Günther Uecker, der Erfinder der Nagelstrukturen, feiert in wenigen Tagen seinen 95. Geburtstag und ist mit zahlreichen Werken auf ihrem Stand zugegen. Hauptarbeit ist das im Jahr 2002 editierte, 42teilige Mappenwerk „Graphein“ mit zwölf charakteristischen Prägedrucken Ueckers für 120.000 Euro. Einer der Pioniere der Videokunst, Fabrizio Plessi, vollendet in wenigen Wochen sein 85. Lebensjahr und ist mit einer seiner bekannten „Splash“-Videoskulpturen vertreten, in denen ein Stein in digital fließendes blaues Wasser fällt, sich dann verflüchtigt und das Wasser weiterfließt (Preis 55.000 EUR). Heinz Gappmayr, Vertreter der Konkreten Poesie, würde heuer seinen 100. Geburtstag feiern. Aus diesem Anlass präsentiert Dorothea van der Koelen hier einige seiner typischen Text-Tafeln, etwa die „Situation“ von 1978/79 für 28.000 Euro.
Die Konstanzer Galerie von Roland und Stephan Geiger kann heuer auf 50 Jahre ihres Bestehens zurückblicken und hat eine Plastik des vor kurzem verstorbenen Objektkünstlers und Vertreters der „Eat Art“ Daniel Spoerri prominent platziert. Spoerris Assemblage „Fleischwolfstele“ aus dem Jahr 2010 macht ihrem Namen alle Ehre und will 70.000 Euro sehen. Weiter bietet die Galerie Geigereine Auswahl an Arbeiten von Klaus Staudt, einem Protagonisten geometrisch-konstruktiver Kunst, an. Seine Reliefs und Rasterarbeiten liegen preislich zwischen 22.000 Euro und 39.000 Euro. Am Ende der zweiten Halle hat die Mönchengladbacher Galerie Löhrl ihre Schätze nach zwölf Jahren Abstinenz auf der Art Karlsruhe wieder ausgebreitet und unter anderem Bronzen von Stephan Balkenhol aufgestellt, darunter einen „Stier/Bullen“. Wer eines dieser in einer 30er Auflage erschienenen atelierfrischen Tier-Mensch-Mischwesen erwerben möchte, muss 19.500 Euro bereithalten.
Nicht ganz außer Acht lassen sollte man bei aller Fülle auch die 18 Skulpturenplätze, die die Kojenblöcke auflockern, etwa die Ansammlung von weiblichen Statuen, platziert auf unterschiedlich hohen Postamenten und in verschiedenen, zum Nachdenken anregenden Posen, mit denen die 1968 im rheinischen Düren geborene Künstlerin Tina Heuter einen Platz füllt. Zum Abschluss in der vierten Halle wird es noch einmal bewegt. Yvonne Hohner Contemporary präsentiert die große Melange aus Licht und Rotation „Zum Huhn gibt’s Melasse“ des Karlsruher Kollektivs „Surreallabor“, das das Alltägliche skurril in der Form eines 3,50 Meter großen Huhnes vorführt, das sich unter einem Lichtbogengrill um sich selbst dreht. Wer die hintergründig humorvolle Installation zwischen Kunst und Biodesign sein Eigenen nennen möchte, muss 40.000 Euro investieren. Da gibt es zum Abschluss trotz ernster Zeitumstände doch noch etwas zum Schmunzeln.
Die Art Karlsruhe läuft vom 20. bis zum 23. Februar und hat täglich von 11 bis 19 Uhr, sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 29 Euro, ermäßigt 25 Euro, die Zweitageskarte 42 Euro bzw. 38 Euro und die Abendkarte ab 16 Uhr 22 Euro. Bei Online-Buchungen sind die Tickets jeweils 2 Euro günstiger. |