Kokoschka-Gemälde für Dresden und Essen  |  | Oskar Kokoschka, Sommer I, 1922 | |
Das Albertinum der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) und das Sprengel Museum Hannover konnten ein wichtiges Bild von Oskar Kokoschka gemeinsam ankaufen. Der Erwerb von „Sommer I“, der von 1925 bis 1964 zur renommierten Krefelder Sammlung von Hermann und Marie Lange gehörte, war mit der Unterstützung der Kulturstiftung der Länder, der Ernst von Siemens Kunststiftung und der Fritz Behrens Stiftung Hannover aus Privatbesitz über Vermittlung des Auktionshauses Christie’s möglich. Das Ölgemälde von 1922 soll künftig alle vier Jahre von beiden Häusern im Wechsel präsentiert werden. Den Anfang macht das Albertinum, wo die liegende Aktfigur seit dem Wochenende in der Kabinettausstellung „Kokoschka + Rubens. Gipfeltreffen anlässlich einer Erwerbung für das Albertinum“ zu sehen ist.
Oskar Kokoschka war 1917 von Wien nach Dresden gekommen, wo er 1919 zum jüngsten Professor an der Kunstakademie berufen wurde. Die Werke aus dieser Zeit, darunter auch „Sommer I“, weisen einen unverkennbaren Stil auf: expressive, mit grobem Pinsel modellierte Bildnisse und Allegorien, geprägt von leuchtenden Farbkontrasten. Kokoschkas liegende Frauenfigur gehört in die Reihe der Aktdarstellungen der abendländischen Kunst. Bei dem Gemälde bezog sich der Maler auf Peter Paul Rubens’ „Bathseba am Springbrunnen“ von 1635 aus der Dresdner Gemäldegalerie Alter Meister, die ihm offensichtlich sehr am Herzen lag: Als während des Kapp-Putsches 1920 eine Bombe das Oberlicht des Semperbaus durchschlug und das Bild beschädigte, schrieb Kokoschka einen Aufruf, man möge die Schießereien in die Heide verlegen und nicht die Kunst gefährden. Daraufhin bezeichneten ihn George Grosz und John Heartfield als „Kunstlumpen“, der Kunst vor menschliche Not und Opfer stellte.
Kokoschkas expressiv bewegte Aktfigur „Sommer I“ kann als Antithese zur Harmonie der „Schlummernden Venus“ von Giorgione und Tizian in der Dresdner Sammlung gelten. Oskar Kokoschka fasste seine „Göttin“ mit den angewinkelten Beinen sehr eigen auf, sie entspricht keinen gängigen Schönheitsvorstellungen. Für ihn war das Motiv ein Sinnbild für Schutz und Wärme. Der Künstler lieferte eine poetische Beschreibung des Bildes, als er 1922 an seine Freundin und sein Modell Anna Kallin schrieb: „Du wirst um (der) Liebe willen in der Sonne liegen und reifen wie Korn und deine Seele wird so einfach duften für mich.“
Schon 1919/20 hatte die Dresdner Gemäldegalerie sechs Bilder von Oskar Kokoschka erworben, darunter die „Frau in Blau“ und „Die Macht der Musik“. Sie bildeten das Herzstück der Moderne-Sammlung. 1937 wurden alle sechs als „entartet“ beschlagnahmt und kehrten nicht mehr nach Dresden zurück. Diese Lücke konnte nun durch den Ankauf geschlossen werden: Mit „Sommer I“ und dem Portrait „Gitta Wallerstein“, das bereits 2014 zur Sammlung gehört, besitzen die SKD nun zwei Werke aus der wichtigen Dresdner Schaffensperiode von Oskar Kokoschka. Das Sprengel Museum Hannover verfügt hingegen über einen umfangreichen Kokoschka-Bestand: sechs Gemälde, darunter Meisterwerke wie die Porträts „Baron Victor von Dirsztay“ aus dem Jahr 1910 und „Nancy Cunard“ von 1924, sowie 56 grafische Blätter. Bis heute fehlte allerdings ein Gemälde aus der starkfarbigen Dresdner Periode. Der „Sommer I“ schließt nun diese Fehlstelle in der Sprengel-Sammlung und stellt die Verbindung zwischen den früheren und den späteren Schaffensphasen her.
Die Ausstellung „Kokoschka + Rubens. Gipfeltreffen anlässlich einer Erwerbung für das Albertinum“ ist bis zum 9. März zu sehen. Das Albertinum hat täglich außer montags von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 14 Euro, ermäßigt 10,50 Euro und ist für Personen bis 16 Jahre kostenlos.
Albertinum
Tzschirnerplatz 2
D-01067 Dresden
Telefon: +49 (0)351 – 49 14 2000 |