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Berliner Ansicht Unter den Linden mit Reiterstandbild Friedrichs des Großen, 1920 / Otto Pippel

Berliner Ansicht Unter den Linden mit Reiterstandbild Friedrichs des Großen, 1920 / Otto Pippel
© Kunsthandel Ron & Nora Krausz


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Landschaft an der Nidda, 1898 / Hans Thoma

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Marktberichte

Aktuellzum Archiv:Auktions-Vorbericht

Von gefällig bis hintergründig: Die Kunst des 19. Jahrhunderts fährt im Dorotheum ein breite Palette von Stilen und Themen auf

Die Odaliske: Haremsmädchen, Kammerfrau, Dienerin und doch Sklavin



Fausto Zonaro,  Lautenspielende Odaliske am Bosporus

Fausto Zonaro, Lautenspielende Odaliske am Bosporus

In der Kunst der Neueren Meister tauchen Odalisken immer wieder auf. Dabei gehört wohl Jean-Auguste-Dominique Ingres’ „Grande Odalisque“ von 1814 zu den bekanntesten Gemälden des Louvre. Odaliske leitet sich vom osmanischen Wort für Kammermädchen oder Konkubine des Sultans ab. Letztlich waren die Odalisken Sklavinnen zum Dienst im Harem des Sultans oder hochrangiger Personen des osmanischen Reiches. Die Malerei zeichnet natürlich ein anderes, meist exotisch-erotisches Bild der oft hellhäutig nackten Frauen. Entsprechend erfrischend ist die bekleidete musizierende junge Frau in Fausto Zonaros „Lautenspielende Odaliske am Bosporus“. Das undatierte Werk mit der Skyline von Istanbul im Hintergrund gibt die Sklavin als schöne und farbenfroh gewandete Spielerin der Saz wieder. Mit einer Schätzung von 200.000 bis 250.000 Euro ist die Leinwand des Hofmalers von Sultan Abdülhamid II. der teuerste Posten in der Versteigerung „Gemälde des 19. Jahrhunderts“ des Dorotheums in Wien. Damit haben sich die Wertvorstellungen gegenüber der entsprechenden Auktion im Frühjahr um 40.000 Euro verringert.


Die Bandreite der Kunst, die das Dorotheum am 23. Oktober zum Aufruf bringt, reicht von der französischen Romantik und dem österreichischen Biedermeier über den Realismus und Orientalismus, der im 19. Jahrhundert so beliebten Genre- und Landschaftsmalerei bis zu impressionistischen Schöpfungen am Übergang zum 20. Jahrhundert. Hierbei bewegen sich die Preise im vier- bis fünfstelligen Bereich. Einzige Ausnahme: Zonaros Odaliske. Nicht ganz die Hälfte soll Hortense Haudebourt-Lescots Bildnis ihres Sohnes Louis Philippe Léon Haudebourt von 1832 einspielen. Das Bild mit romantischen Einflüssen, wie der einfallenden Nacht, der Parkszene oder dem Schwan, präsentiert den Zwölfjährigen in jugendlicher Unschuld und aktueller Mode. Seine Mutter, eine vielgelobte Malerin, ließ sich wohl von Sir Thomas Lawrences acht Jahre älterem Portrait seines Sohnes inspirieren und stellte ihr Werk 1833 erfolgreich im Salon aus (Taxe 80.000 bis 100.000 EUR). Eine intime Familienszene aus Tirol verewigte der Münchner Malerfürst Franz von Defregger 1890 mit seinem „Urlauber“. In einfacher Umgebung der Stube versammelt sich die Familie um einen jungen Soldaten auf Heimaturlaub, der von seinen Schwestern flankiert wird. Das Nesthäkchen sucht die frontale Nähe. Vater und Brüder hören seinen Schilderungen zu, die Mutter bleibt im Hintergrund der Küche. Hiermit schuf Defregger einen erträumten ländlichen Sehnsuchtsort für sein städtisches Publikum (Taxe 60.000 bis 80.000 EUR).

Der Orient – Sehnsuchtsort versus Realität

Einen interessanten Kontrast bilden Alphons Leopold Mielichs Szene „Im alten Mostichviertel von Bulah in Cairo“ und Osman Hamdi Beys Aquarell „Rast an einem Serail“ von 1906. Wo der österreichische Orientalist an den vielen schimmernden Farben und dem Exotischen des Marktreibens in den Gassen der ägyptischen Metropole schwelgt (Taxe 20.000 bis 25.000 EUR), geht es Osman Hamdi Bey um eine intime Atmosphäre unter den vier Osmanen. Hamdi Bey war der erste türkische Maler, der sich einem westlichen Malstil verschrieb. Aus einer Familie der Oberschicht stammend, wurde er in Paris ausgebildet und arbeitete im Osmanischen Reich als Bürokrat, Archäologe und Museumsdirektor und begründete die Kunstakademie in Istanbul, die noch heute besteht (Taxe 15.000 bis 20.000 EUR).

Stadt, Land, Fluss, Küste und Berge

Bei den Veduten bildet Rubens Santoros Ansicht eines sommerlichen venezianischen Kanals mit mehreren Gondeln von 1888 das kostspieligste Werk. Gekonnt fängt er das strahlende Licht auf den weiß verputzen Häuser, das Schattenspiel unter den Bäumen und die Reflexe des Wasserspiels ein (Taxe 60.000 bis 80.000 EUR). Bei der aktuellen Jahreszeit dürfte Henri Houbens „Blumenmarkt in Amsterdam“ Trost spenden. Obwohl mit dem gelbbraunen Laub auch in Amsterdam Herbst herrscht, verführen die bunten intensiven Farben der unterschiedlichsten Dahlien, Margeriten, Astern und anderen Blumen unter Bäumen an einem Kanal (Taxe 30.000 bis 40.000 EUR). Ein locker gemaltes pastoses Werk in leuchtenden Farben ist Olga Wisinger-Florians „Ulmenallee in Euxinograd“ bei Varna am Schwarzen Meer mit der roten, blauen, violetten und gelben Blütenpracht (Taxe 25.000 bis 40.000 EUR). Fernab vom Schwarzen Meer in der österreichischen Heimat entstand Wisingers Motiv „Im Grünen“ mit einer satten Wiese, Hecken und einem Wald samt Hütte bei Bisamberg in der Nähe Wiens (Taxe 35.000 45.000 EUR).

Die Bergwelt war spätestens seit dem 19. Jahrhundert ein beliebtes Sujet, etwa wenn Anton Hansch seinen Blick 1862 auf die Gletscher am „Gurgler Eissee in den Ötztaler Alpen“ richtet (Taxe 4.000 bis 6.000 EUR). Mit lockerer Pinselführung haben Giovanni Sottocornola seine Herbstlandschaft „Schaf auf einer Weide“ mit aufragender Felswand und Cesare Maggi seinen „Blick auf den Mont Blanc“ hinter einem Tannenwald gemalt (Taxe je 7.000 bis 10.000 EUR). Maggi zeigt sich etwas duftiger, gleichwohl präziser bei seinem sommerlichen „Blick auf den Obersee“ mit dem Hagengebirge der Berchtesgadener Alpen im Hintergrund (Taxe 25.000 bis 35.000 EUR). Zudem hält der Katalog zwei preislich identische Nachtlandschaften bereit, einmal eine Ansicht Neapels bei Mondschein mit Hafenszene und dem rauchenden Vesuv, die Theodor Groll detailliert 1901 imaginierte, sowie Alexis Hanzens fast monochrom blaue Meereslandschaft mit Segelboot und Fischer an der Küste bei Mondschein (Taxe je 12.000 bis 18.000 EUR). In Amalfi hielt sich 1888 Franz Richard Unterberger auf und schuf einen Weitblick über den Ort und die Küste zwischen italienischem Müßiggang und mondänem Urlaubsflair (Taxe 40.000 bis 60.000 EUR). Ein Echo der Landschaften des Goldenen Zeitalters mit tiefem Horizont und alltäglichen Szenen schimmert in Lodewijk Johannes Kleijns „Winter an einem holländischen Kanal“ durch (Taxe 4.000 bis 6.000 EUR).

Sakral oder profan?

Die religiöse Kunst des 19. Jahrhunderts ist zuweilen gewöhnungsbedürftig, allerdings versuchte sie auch neue Wege zu gehen. Eine derartige ‚Modernisierung‘ findet sich in Giacomo Favrettos „Susanna und die beiden Alten“ von circa 1884, übersetzt in eine neckische Genreszene: Eine junge blonde Frau wird von zwei alten betrunkenen Männern auf dem Sofa bedrängt. Ihre Körpersprache verweist eher auf ein verunsichertes Lächeln, denn auf ein erschrecktes Bedrängtwerden (Taxe 50.000 bis 70.000 EUR). Das klassische Motiv des Hauptes Christi verarbeitete Vittorio Cavalleri 1899. In einem schweren goldenen Rahmen blickt der Heiland im weißen Gewand, rotem Haar und großen schwarzen ernsten Augen auf den Betrachter. Cavalleri scheint es eher um eine betont menschliche Darstellung zu gehen, die Jesus besonders nahbar macht. Teil der Position ist ein dem Künstler von seinen Schülern gewidmeter goldener Pinsel (Taxe 9.000 bis 12.000 EUR).

Der Reigen des menschlichen Lebens

Das Leid einer jüngeren Schwester, die von ihrem älteren Bruder heftig erschrocken wird, greift Gaetano Chierici in dem Werk „Die Maske“ auf. Es handelt sich um eine von mehreren Versionen des erstmals 1869 entwickelten Themas, das in einer Bauernküche mit einer erbosten Mutter spielt (Taxe 50.000 bis 70.000 EUR). Auf den ersten Blick nicht weniger gefällig ist Giovanni Battista Quadrones Wirthausszene, auf der sich Wandermusikanten stärken. Doch thematisiert der Maler deren bitterarmes Dasein und führt der reichen Sammlerschaft die Existenznöte der einfachen Bevölkerung vor Augen (Taxe 15.000 bis 20.000 EUR). Die Freude an simplen Dingen des Lebens präsentiert Adolf Eberle mit drei schwarzbraunen Welpen auf der Holztafel „Jäger mit stolzem Nachwuchs von Dachsbracken“ (Taxe 5.000 bis 6.000), Emil Rau mit seiner lockeren Unterhaltung von zwei Burschen, einem Dirndl und einer Zitherspielerin in der bäuerlichen Stube von 1896 (Taxe 12.000 bis 16.000 EUR). Johann Baptist Reiter hielt seinen Sohn „Bei der Schularbeit“ fest, der so vertieft in seine Hausaufgaben ist, dass er seine kleine Schwester kaum wahrnimmt (Taxe 5.000 bis 7.000 EUR). Eduard Ritter verewigte 1839 eine „Junge Künstlerin“ im Atelier ihres Vaters, wie sie eben eine Puppe mit Farbe bepinselt (Taxe 12.000 bis 16.000 EUR). In einem Stillleben aus Rüstungsteilen, alten Büchern, Skulpturen und weiteren Objekten positionierte Josef Danhauser 1841 ein etwas erschöpftes Kind auf einer Trommel in einem sonst kahlen Raum mit Hund (Taxe 22.000 bis 28.000 EUR).

In die Welt der Erwachsenen geht es mit einer Schafhirtin und ihren drei Tieren vor einer pointillistisch in Grün und Blau gefassten Landschaft des serbischen Künstlers Spiro Bocaric (Taxe 4.000 bis 7.000 EUR). Nachdenklich blickt ein wettergegerbter bulgarischer Bauer auf sein Weizenfeld hinab. Sein Pferd grast, während der Realist Ivan Angelov in diesem 1910 datierten Werk den Himmel mit dunklen gewittrigen Wolken überzieht. Das bäuerliche Leben war eines der Hauptthemen dieses bulgarischen Malers, der in München und Rom ausgebildet wurde (Taxe 10.000 bis 15.000 EUR). Die gefährliche und teils auch wilde Fahrt eines angeschossenen Fesselballons illustrierte Louis Braun 1871 recht martialisch. Berittene Soldaten galoppieren dem rosafarbenen Ballon hinterher und versuchen seinen Flug durch Gewehrsalven zu stoppen. Zudem ist bei dieser Position noch eine recht belebte Straßenszene bei einer Parfümerie von Braun zu haben (Taxe 6.000 bis 10.000 EUR).

Der seit den 1880er Jahren bekannte Boulevard-Portraitist Giovanni Boldini wartet mit einer auf Holz flott entwickelten Ölskizze einer jungen Mutter samt Hut und Kind auf. Das Rasche und Unfertige der Arbeit ist ebenso reizvoll wie der Umstand, dass auf der Rückseite die Mutter mit weiteren Frauen skizziert ist (Taxe 30.000 bis 40.000 EUR). Musikfreunde können sich an Alexej Harlamoffs Aquarellbildnis der 1851 in St. Petersburg geborenen Pianistin Anna Jessipowa erfreuen, das ein Geschenk der Gesellschaft Russischer Künstler in Paris an Jessipowa war und die Unterschrift von Iwan Turgenjew trägt (Taxe 6.000 bis 9.000 EUR). In einem atmosphärischen Seitenportrait in warmen Brauntönen verewigte sich der Maler Friedrich von Amerling in höherem Alter mit Halbglatze, gepflegtem grauem Bart und Malerpalette samt Pinseln (Taxe 10.000 bis 12.000 EUR). Das kleine Doppelbildnis eines Paares in schwarzem Anzug und weißem Seidenkleid mit rotem Vorhang malte Franz Schrotzberg 1837 in biedermeierlicher Genauigkeit (Taxe 5.000 bis 7.000 EUR). Vor einen dunklen Hintergrund leuchtet das 1886 geschaffene Portrait einer eleganten Dame in gelbem Abendkleid mit Handschuhen, Perlenbracelet und Hochsteckfrisur von Fausto Zonaro (Taxe 15.000 bis 20.000 EUR).

Die Kunst des stillen Lebens

Alexander Koester malte zwar bevorzugt Enten und beobachtete sie oftmals in impressionistischer Manier, etwa die „Zwölf Enten am Brünnel“ (Taxe 45.000 bis 60.000 EUR), allerdings konnte er die Natur auch trefflich in seinen weniger bekannten Blumenbildern einfangen. Das vorliegende „Stillleben mit weißen und gelben Rosen in einer Glasvase“ dominieren lichte und zarte Blau- und Weißnuancen, die durch die kräftig gelben Blüten und die einzelne zart rosafarbene akzentuiert werden (Taxe 40.000 bis 60.000 EUR). In einer impressionistisch aufgelösten Malweise wartet der Fliederstrauß in kräftigem Lila, Grün und Gelb am Atelierfenster Lea von Littrows, einer Freundin Olga Wisinger-Florians, auf Abnehmer (Taxe 15.000 bis 20.000 EUR).

Präzision und eine erlesene Malweise der unterschiedlichen Texturen und Oberflächen von Obst, Insekten, Nüssen und Tischdecken definieren die Werke Emilie Preyers, die mit mehreren Werken im Dorotheum zugegen ist. Das teuerste ist das „Stillleben mit zwei Walnüssen, Zwetschgen, Trauben, Pfirsich am Zweig und einer Fliege“ von 1871 (Taxe 30.000 bis 40.000 EUR), zwei weitere kleinere Arbeiten Preyers mit Obst und Insekten vor neutralem Grund sollen je 25.000 bis 30.000 Euro einspielen. Deutlich günstiger sind die Erwartungen für zwei Früchtestilleben von Antal József Strohmayer mit Gänseblümchen und Wespe auf Waldboden. Sie sollen jeweils 5.000 bis 7.000 Euro kosten. Das Motiv der Jagd mit totem Fasan, Gewehr und mehreren Pilzen verweist auf die Herbstzeit. Cagnaccio di San Pietro hat es 1938 auf extremem Querformat realisiert und verlangt nun dafür 6.000 bis 8.000 Euro.

Die Versteigerung „Gemälde des 19. Jahrhunderts“ findet am 23. Oktober ab 18 Uhr im Wiener Palais Dorotheum statt. Die Objekte können täglich bis zum 23. Oktober von 10 bis 18 Uhr, am Sonntag von 14 bis 17 Uhr besichtigt werden. Der Katalog ist im Internet unter www.dorotheum.com abrufbar.

Kontakt:

Dorotheum

Dorotheergasse 17

AT-1010 Wien

Telefon:+43 (01) 515 60 0

Telefax:+43 (01) 515 60 443

E-Mail: client.services@dorotheum.at

Startseite: www.dorotheum.com



18.10.2024

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/S. Hoffmann

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