Wohl kaum einer anderen Stadt scheint die Neue Sachlichkeit so auf den Leib geschneidert zu sein wie Mannheim. Schon bei der Ankunft erleichtert die übersichtliche Blockstruktur der Straßen- und Stadtanlage aus klar geschnittenen Quadraten die Orientierung. So fügte es sich dann ideal, dass im Sommer 1925 der frisch amtierende Kunsthallendirektor Gustav Friedrich Hartlaub versuchte, mit einer hier startenden Wanderschau den Nerv der Zeit zu treffen. Damit schrieb er letztendlich Kunstgeschichte. Denn der Ausstellungstitel „Neue Sachlichkeit“ stand fortan nicht nur für einen kunsthistorischen Ordnungsbegriff, sondern auch als Synonym für eine ganze Epoche. Spartenübergreifend wurden Malerei und Grafik, aber auch Architektur, Design, Fotografie, Literatur oder der Film von nüchterner Präzision erfasst. In geradezu idealer Weise kann Mannheim mit dieser Kunstrichtung aufwarten und hat zur einhundertjährigen Wiederkehr der legendären Schau ein breites, von 35 Institutionen getragenes Kunst- und Kulturprogramm aus Präsentationen, Lesungen, Konzerten, Vorträgen und vielem mehr aufgelegt. Dazu gehört beispielsweise die Inszenierung der 1928 uraufgeführten „Dreigroschenoper“ von Bertolt Brecht, Elisabeth Hauptmann und Kurt Weill, die wie kein zweites Werk die Herausforderungen der Zeit spiegelt. Der 1927 im Stil der Neuen Sachlichkeit eröffnete Filmpalast „Kapitol“ beteiligt sich ebenso an dem Netzwerk wie etwa das Barockschloss, indem es seine eigene Nutzungsgeschichte in den 1920er Jahren vorstellt.
Den Programmstart bestreiten nun zwei gerade eröffnete Kunstausstellungen. Im Vorfeld auf die am 22. November beginnende große Jubiläumsschau „Die Neue Sachlichkeit – Ein Jahrhundertjubiläum“ zeigt die Kunsthalle Mannheim nun als Einstimmung die Präsentation „hart & direkt. Zeichnung und Grafik der Neuen Sachlichkeit“. Um den im Schatten der Malerei stehenden Medien gebührende Resonanz zu verschaffen, hat Gunnar Saecker die ausgeprägten Tendenzen zu klaren Linien und rationalen Formen, die inhaltlichen Prägungen mit dem Fokus auf kühl thematisierte soziale Aspekte und die technischen Reproduktionstechniken, die zur Erzeugung von Struktur und Distanz angewandt wurden, in den Mittelpunkt der Ausstellung gerückt. Dabei gelang es dem Kurator, eine griffig in sechs Sektoren gegliederte Auswahl aussagekräftiger Blätter von profilierten Künstlerinnen und Künstlern der Epoche zusammenzustellen.
Nach einer Einstimmung mit Meisterwerken vertieft sich die Auswahl in einzelne Varianten und setzt mit Vertretern eines klassizistischen Flügels ein. Deren Bezugsrahmen fußt auf Diskurse des Deutschen und Nationalen, auf Werke des 19. Jahrhunderts, der Nazarener oder griff auf altdeutsche Kunst, etwa auf Albrecht Dürer, zurück. Hier sticht besonders Alexander Kanoldt mit multiperspektivischen Natur- und Architekturlandschaften und kühlen Raumdarstellungen hervor, deren Kälte und Distanz auch mit politischen Sichtweisen verknüpft sind. Seine Darstellungen von Heimat und Schönheit sind von Leere und Einsamkeit durchsetzt. Dagegen zählte George Grosz zu den Vertretern eines linken, veristischen Flügels. Mit Gewaltorgien, Erotik oder sozialen Missständen thematisierte er Miseren der Zeit unter Einsatz des Offsetdrucks, um mittels großer Auflagenhöhen ein breites Publikum zu erreichen. Auch Otto Dix illustrierte schonungslos Szenen der Prostitution, Verbrechen oder soziale Verwerfungen und schuf unsentimentale Porträts, wie das seiner Mutter in einem frostigen, zerklüfteten Duktus.
Ein weiterer Bildtypus ist die Fernlandschaft. Beispielhaft befreite Franz Xaver Fuhr Landschaften von emotionalen Elementen. Ähnlich wie bei Landkarten schuf er lineare flächige Konstellationen, wobei einfache, klar abgegrenzte Felder gestochen scharf und zerfurcht zusammengezogen sind. Ein weiteres Kapitel widmet sich Farbwolken und Linien. Besonders bei Jeanne Mammen beherrscht eine fleckenhafte Farbigkeit die Illustrationen, deren Kombination mit einer linearen Strichführung auf eine Strategie der Offenheit hindeutet. Die Zusammenstellung lässt Gunnar Saecker mit Beispielen aus der NS-Zeit und nachfolgenden Jahren auslaufen. Alfred Kitzigs Kaltnadelradierung „Mutter mit Kind“ aus dem Jahr 1941 ist nichts anderes als ein formalisiertes Marienbild, das inhaltlich der NS-Ideologie zuzuordnen ist. Die Arbeit eines bäuerlichen Paares in der Heimat mit fest entschlossenem Blick und wachsendem Baum in altmeisterlicher Manier steht im Einklang mit der Ideologie von Blut und Boden. Härte und Kälte prägen dann die Sujets der Nachkriegszeit, die in abstrakte Kompositionen etwa bei Julius Bissier enden.
Was wäre eigentlich die Fotografie, wenn es die Neue Sachlichkeit nicht gegeben hätte? Sie wandte sich vom gefühlsstarken Expressionismus ab und erwies sich geradezu als ideales Medium für eine Versachlichung und Konzentration auf das Wesentliche. Die Fotograf*innen richteten ihr Augenmerk auf Neuerungen und nahmen die neue Frau, das neue Wohnen oder die neuen Arbeitsverhältnisse in den Blick. Neu entwickelte kompakte Kleinbildkameras und Rollenfilme eroberten den Markt und revolutionierten die Fotografie, die nun in ungewöhnlichen Perspektiven, klar konstruiert und präzise herausgearbeitet, Einzelheiten dokumentieren konnte. Dies zeigen rund 180 von Claude W. Sui in den Reiss-Engelhorn-Museen dialogisch arrangierte Fotografien von August Sander (1876-1964), Albert Renger-Patzsch (1897-1966) und Robert Häusser (1924-2013).
August Sander entwickelte in einem breit angelegten Konvolut die konzeptionelle Idee, Menschen typologisch nach Rang und Berufsstand zu porträtieren. Schnörkellos prägte Albert Renger-Patzsch mit seinen Landschaftsmotiven, insbesondere auch nüchternen Sachaufnahmen von Industrie- und Technikarchitekturen stilbildend sowie stark inspirierend für nachfolgende Generationen die Szene. Dazu gehört der Fotograf Robert Häusser, dessen Werke nun erstmalig mit den beiden wichtigsten Fotografen der Neuen Sachlichkeit ein Wechselspiel bestreiten. Auch sein Fokus lag auf Porträts und Menschenbilder, wo sich deutliche Parallelen zu August Sanders Arbeiten speziell in Bezug auf Posen und Haltungen auftun. Gleichzeitig gibt es Analogien im Bereich der Landschafts- und Industrieaufnahmen zu entdecken. Die Bezüge zur Neuen Sachlichkeit sind deutlich, obgleich Häussers Bilder wesentlich später ab den 1940er Jahren entstanden. Sie wurden stilbildend für die Fotografie der deutschen Nachkriegszeit und weisen durch eine Nähe zum Surrealismus und zum Magischen Realismus eine individuelle Handschrift auf.
Bei Robert Häusser schlagen sich das persönliche Schicksal ebenso wie seine Kriegserfahrungen in einem Hang zum Hinter- und Abgründigen nieder. Einprägsames Beispiel dafür ist ein neu entdecktes Foto des Rock ’n’ Roll-Sängers Elvis Presley, das ihn bei seinem einzigen Auftritt in Mannheim im Oktober 1958 zeigt. Seit 1952 in Mannheim ansässig, betrieb Robert Häusser hier zunächst ein erfolgreiches Fotostudio, bevor er sich ab 1968 auf eine rein künstlerische Fotografie verlegte. Tief verwurzelt in der Quadratstadt, in der er 2013 verstarb, verdeutlicht der Brückenschlag zum Lokalen einmal mehr, wie eng Mannheim mit der Neuen Sachlichkeit verschmolzen ist.
Die Ausstellung „Sachlich Neu. Fotografien von August Sander, Albert Renger-Patzsch & Robert Häusser“ ist noch bis zum 27. April 2025 zu sehen. Die Reiss-Engelhorn-Museen haben täglich außer montags von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 9 Euro, ermäßigt 7 bzw. 4,50 Euro. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen, der im Museum 39,90 Euro kostet.
Reiss-Engelhorn-Museen
rem-Stiftungsmuseen, C4,12
D-68159 Mannheim
Telefon: +49(0)621 – 29 33 771
Die Ausstellung „hart & direkt. Zeichnung und Grafik der Neuen Sachlichkeit“ läuft bis zum 12. Januar 2025. Die Kunsthalle Mannheim hat täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr, mittwochs bis 20 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt regulär 12 Euro, ermäßigt 10 Euro. Ein Katalog ist nicht erschienen. |