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Am Strand Liegende, 1923 / Erich Heckel

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Flandern wartet mit zwei künstlerischen Großereignissen auf: Die Triennale Beaufort an der belgischen Küste und ihre Kollegin in Brügge bieten eine Fülle anregender Kunst in einer abwechslungsreichen Landschaft

Von Sprechblasen über Siebenmeilenstiefel zu gestapelten Stühlen



Ivan Morison, Star of the Sea, 2024

Ivan Morison, Star of the Sea, 2024

Der immerwährend starke Wind an der Küste von Knokke lässt die Wolken rasch weiterziehen. Zyklisch glänzt es nicht nur vom Himmel, sondern auch in einer Grünzone, die den Strand von der Wohnbebauung hinter dem Deich trennt. Luftdurchströmte, organisch geformte Stahlschleifen türmen sich in der Vertikalen nach den vier Himmelsrichtungen auf. Durch rollierende Schleifbewegungen wurden den Oberflächen der rostfreien Vierkantbalken wirbelnde Linien zugefügt, so dass sich je nach Lichteinfall und Bewegungen des Betrachters die Impressionen ebenso rasch verändern wie das Wolkenspiel. Der Titel „N/E/W/S“ nimmt Bezug auf die vier Himmelsrichtungen. Aber der Künstler Richard Deacon hatte noch weiteres im Sinn. Das Wetter ist häufig Gesprächsthema. So kommt es nicht von ungefähr, dass die organischen Formen Sprechblasen ähneln, die sich je nach Ansicht visuell überlappen und das Durcheinander von wildem Geschwätz verspotten. „Everybody is talking“ lautete daher auch der zuerst vorgesehene Titel.


Unter der Devise „Fabric of Live“ – „Stoff des Lebens“ – geht die achte, von der freien Kuratorin Els Wuyts konzipierte Ausgabe der „Triennale am Meer“ heuer an den Start und wartet mit 18 neuen Skulpturen an den 67 Küstenkilometern Belgiens auf. Die Künstlerinnen und Künstler spürten oft nur unterschwellig wahrgenommene historische Episoden oder gegenwärtige Entwicklungen im Lebensalltag und in der Natur der Region sensibel auf und verhalfen ihnen in ihren Kunstwerken zur Resonanz. Während Richard Deacon die Idee seines Werks von lokal verorteter Grundlage ins Allgemeine überführt, geht der Belgier Filip Vervaet mehr ins aktuelle Zeitgeschehen. Wie vielerorts in Europa musste auch die neugotische Sint-Pieterskerk in De Panne entweiht werden. Künftig als Bibliothek genutzt, wich nun der Platz davor wieder einer Dünenlandschaft. Vervaet errichtete auf dem Sandhügel in Anlehnung an Paul Delvaux’ surreale „Paysage aux lanternes“ von 1958 sieben Laternen mit blaugrünen Glaskugeln sowie einen Pavillon mit Fontäne als Verweis auf die Gezeiten des nahen Meeres und den Eingriff des Menschen in die Natur.

Die Beziehung von Mensch mit dem Meer leitete Johan Creten bei der Konzeption der fünf Meter hohen Bronzefigur „The Herring“ am Strand von Koksijde-Oostduinkerke. Bei Flut vom Wasser umspült, hält eine den Blick aufs Meer richtende nackte Frauengestalt einen Hering vor ihren Körper als Zeichen der Fruchtbarkeit und reichen Heringsfänge an der Küste, die in Krisen das Überleben der Einheimischen sicherten. Auf deren Spur begab sich die spanische Künstlerin Selva Aparicio auf originelle Weise: In Altenheimen, Clubs oder auf Märkten in Nieuwpoort sammelte sie Abdrücke von Menschenhänden, die sie in Bronze fixierte. Pixelartig zu einer gefalteten Sichtschutzwand mit Bank zusammengefügt, wird man von Lebenslinien Ortsansässiger umrahmt und windgeschützt hinter der Düne zum Sinnieren über Zeiten und Menschen eingeladen, die vielleicht nicht mehr unter uns sind. Quirliger geht es dagegen im Kreisverkehr am Ortseingang von De Haan zu. Sara Bjarland schuf hier als neuen Blickfang einen in Bronze gegossenen Stapel ausrangierter Monobloc-Stühle. Wie vom Seewind geformt und von Gebrauchsspuren gezeichnet, steht der schlank aufgetürmte, fast zum Umstürzen neigende Stapel für Schnelligkeit, Bequemlichkeit und preiswerte Massenware, die alles andere als nachhaltig ist.

An die geschwungenen Jugendstil-Eingänge zur Pariser Metro werden sich viele Gäste erinnert fühlen, wenn sie den Pier von Blankenberge betreten, einen beliebten Badeort zur Zeit der Belle Époque. Hinter dem eleganten Rund aus acht Sitzen seiner Arbeit „Attentifs ensemble“ verbirgt der Pariser Künstler Romain Weintzem jedoch eine dystopische Botschaft. Die Struktur der acht Stühle, die durch Stahlwände getrennt sind, ermuntert die hier Sitzenden, die Umgebung zu erkunden, ohne dabei mit seinen Nachbarn zu kommunizieren. Laut dem Titel „Gemeinsam wachsam“ entlarvt Weintzem damit den Charakter der heutigen Überwachungsgesellschaft. Bissiger Witz und Kritik an Verlassenheit und Vereinsamung gehen hier Hand in Hand. Besonders Kinder werden ihre Freude am Hexagon des Briten Ivan Morison haben. Am Strand von Zeebrugge platzierte er eine wuchtige Betonplastik aus zylindrischen Röhren, deren bunkerartige Öffnungen düstere Erinnerungen an kriegerische Zeiten wecken. Vom Wasser umspült, ist das wie eine gewaltige Sandburg daliegende Konstrukt stetigen Veränderungen ausgesetzt. Dies gilt für alle neuen Werke, die in situ erhalten bleiben und mit vielen weiteren vorheriger Triennalen einen facettenreichen Kunstparcours an der Küste bieten.

Morisons Werk wurde als Gemeinschaftsprojekt mit der zeitgleich in Brügge veranstalteten Triennale realisiert. Unter dem Leitspruch „Spaces of Possibility“ will die Schau Entwicklungspotentiale der historischen, UNESCO-geschützten Stadt ausloten. Satte drei Millionen Euro standen den beiden Kuratorinnen Shendy Gardin und Sevie Tsampalla zur Verfügung, um zwölf Künstler*innen und Architekten*innen aus aller Welt zu beauftragen, anhand ihrer Werke Lücken aufzuzeigen, Historisches neu zu entdecken und den Charme der Stadt zu reflektieren, wobei alle Arbeiten hier ausschließlich temporär angelegt sind. Dies gilt auch für zwei bronzene Riesenstiefel, die auf der Wasseroberfläche des Kanals Speelmansrei stehen. Wo ist der Rest der Figur? Der Kolumbianer Iván Argote stellt mit seiner Arbeit „Who?“ Fragen nach der Identität dieser Skulptur. Mit dem Fragment eines historischen Denkmals interessiert sich Argote auch dafür, wer im öffentlichen Raum einer Stadt vertreten sein darf und die Autorität hat, an der Geschichte mitzuschreiben. Dass es immer weniger Bienen gibt, treibt die Mexikanerin Mariana Castillo Deball um. Sie visualisiert dies inmitten eines Parks mit kunstvoll gestalteten Bienenstöcken aus Keramik auf einem überdimensionierten Tisch mit skurrilen Architekturzitaten.

Das niederländische Studio Ossidiana nahm die Nutzung des mittelalterlichen Bladelinhofs ins Visier. Für dessen Innenhof entwarf es ein zylindrisches Silo aus übereinander gestapelten Erdschichten mit Muschelböden im Inneren, die sich mit der Zeit verändern sowie Land und Meer, Geschichte und Natur verbinden. Angeregt von der Dichte und Enge der Stadt, hat das japanische Architektenduo Shingo Masuda und Katsuhisa Ostubo im Garten des Gezelle-Hauses einen undefinierten Raum aus drei mittig aufsteigenden Ziegelringen errichtet, die dem Park Fläche nehmen, andererseits aber auch Struktur verleihen. Bei der Geschichte Brügges als Zentrum der Spitzenherstellung nahm das amerikanische Architekturbüro SO-IL Anleihen und griff das Weben als soziales, wirtschaftliches und formales Bindemittel auf. Im nun erstmals zugänglichen Garten des 2020 aufgegeben Kapuzinerklosters wurden die geschlängelten Wege mit einer schwarzweiß gemusterten Stoffhaut röhrenförmig überspannt, so dass sich beim Durchwandern ein Spiel aus Licht und Schatten, Offenheit und geschlossenen Zuständen ergibt.

Das thailändische Büro „Bangkok Project Studio“ von Boonserm Premthada zeigte sich so sehr von einem Glockenturm beeindruckt, das es den „Klang von Brügge“ isoliert neu zum Klingen bringt. Dies geschieht in Form eines 18 Meter hohen Turmes mit drei Holzplattformen und einer Bronzeglocke an der Spitze des Konstruktes aus Kiefernholz, die zum Läuten einlädt. Zum Schwingen auf einer Schaukel fordert Mona Hatoum in einem ausgehobenen, unterirdischen, von schwarzen Steinen in Drahtgestellen gebildeten Gang im Garten des psychiatrischen Krankenhauses Onzelievevrouw auf, wo jedem ein Gefühl von Beschwingtheit und Konzentration, Eingesperrtsein und unangenehmer Kontrolle befällt. Die südafrikanische Architektin Sumayya Vally thematisiert die Handelsgeschichte Brügges und ließ dazu schwarze Einbäume bei der Minnewaterbrücke vor Anker gehen. Vally bestückte sie mit wenig bekannten exotischen Pflanzen und Kräutern und will somit zur Überwindung westlicher Denkmuster anregen.

Auch der Belgier Adrien Tirtiaux erkundete die Stadtgeschichte und stieß dabei auf eine längst vergessene Verbindungsstraße zwischen zwei Hospitälern, die über die Jahre hinweg unter Moos und Vegetation verborgen schlummerte. Mit drei skulpturalen Interventionen, darunter einem gerollten Teppich aus Moos und Bodendeckern, impliziert er die Frage, was mit nicht mehr genutzten Straßen geschieht. Die originellen Blickwinkel vieler, exemplarisch vorgestellter künstlerischer Interventionen schärfen auf den beiden Triennalen Sichtweisen des Eigenen. Bedeutsam sind vor allem die Bezüge zur Geschichte, denn sie vermitteln die Fähigkeit zur Orientierung in einer komplex gewordenen Welt.

Die Triennale Brugge „Spaces of Possibility“ ist noch bis zum 1. September in den Straßen von Brugge täglich von 10 bis 17 Uhr mit der Ausnahme an Feiertagen kostenlos zu besichtigen.

www.triennalebrugge.be

Die Triennale Beaufort24 läuft bis zum 3. November an der belgischen Küste. Alle Werke sind jederzeit frei und kostenlos zugänglich.

www.triennalebeaufort.be/de



09.07.2024

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

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