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Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen entführt in Mike Kelleys Kabinett des Grauens zu den dunklen und abgründigen Seiten des Menschseins, ins Verdrängte, Dreckige und Angstmachende. Doch hebt die museale Inszenierung die subversive Kraft seiner Kunst etwas auf

Der Poltergeist



in der Ausstellung „Mike Kelley. Ghost and Spirit“

in der Ausstellung „Mike Kelley. Ghost and Spirit“

Wer kennt sie nicht, diese Momente des Schreckens. Auf einmal werden nahestehende Personen, Gegenstände oder eine bekannte Situation suspekt. Das bisher Vertraute erscheint fremdartig, und hinter der „Heimeligkeit“ des Gewöhnlichen tritt schlagartig eine irritierende, angsterfüllte Dimension hervor. Mit seinen unheimlichen Installationen aus verschmutzten Plüschtieren und Häkelpuppen, seinen Maskierungen, Verkleidungen und mysteriösen Arrangements hat Mike Kelley sein Publikum schon zu Lebzeiten provoziert und verstört. Zwölf Jahre nach seinem Freitod würdigt nun ein großer Ausstellungsreigen das Werk des amerikanischen Künstlers. Derzeit ist die Retrospektive „Ghost and Spirit“ im Düsseldorfer K21 zu sehen. Entstanden in Zusammenarbeit mit Tate Modern in London, der Pinault Collection in Paris und dem Moderna Museet in Stockholm gibt die Ausstellung die Möglichkeit, das Grenzsprengende und Untergründige in Kelleys Kunst zu entdecken.


Der Punk-Künstler (1954-2012) gilt seit den späten 1980er Jahren als einer der wichtigsten Akteure der amerikanischen Gegenwartskunst. Direktorin Susanne Gaensheimer bezeichnete ihn als „eine der letzten großen Künstlerfiguren vor der Explosion des Digitalen in unserem Leben“. Bekannt wurde Kelley mit Skulpturen und Installationen aus abgewetzten Stofftieren und weiblich konnotierten Handarbeiten, die er zu riesigen Flickenteppichen vernähte und zu verstörenden Objekten drapierte. Die vielfältigen Assoziationen, die verschiedene Materialien erwecken können, waren Kelleys Terrain. Ob gefunden, selbstgehäkelt, -genäht oder -gestrickt, brachial gebündelt und gequetscht präsentierte Kelley die ausgebesserten, verschmutzten und zerleibten Kindheitsgefährten in farblich abgestimmten und darum umso abgründiger wirkenden Kompositionen, hinter deren vermeintlicher Harmlosigkeit sich etwas Unheimliches, Bedrohliches, Abseitiges auftut.

Kelleys sarkastische Repliken auf die Avantgarden der Sechziger und Siebziger, seine Titel wie „More Love Hours Than Can Ever Be Repaid and The Wages of Sin“ (1987) und sein späterer Einsatz von Tonbändern mit gesprochenem Text in der mehrteiligen Serie „Dialogues“ (1991) untergraben den ersten Eindruck des süßen, knuddeligen Kinderspielzeugs. Kelley machte Ernst mit der Wiederkehr des Verdrängten, spielte auf Machtstrukturen in der Familie an, thematisierte Genderfragen und die Ambivalenzen von Handarbeit, Warenform und Gabe. Vor allem aber wurden seine Arrangements als unheimlich empfunden und, nachdem sie Kelley erstmals präsentiert hatte, von vielen Betrachter*innen mit sexuellem Missbrauch in Verbindung gebracht.

Diese Reaktion des Publikums war für Mike Kelley Auslöser, sich ab Mitte der 1990er Jahre mit der Bedeutung der Imagination und Verschwörungstheorien sowie besonders mit der Rolle der Erinnerung auseinanderzusetzen. Aus dieser Phase zeigt die Düsseldorfer Schau Werke wie „Timeless/Authorless“ (1995), in denen sich Kelley auf die amerikanische Popkultur und die Psychoanalyse, insbesondere auf das in der Zeit populäre „Repressed Memory Syndrome“ bezog, der Annahme, dass Gedächtnislücken auf Traumatisierungen durch Missbrauch beruhen. Kelley begann seine eigene Erziehung ebenso wie seine künstlerische Ausbildung als institutionellen Missbrauch zu deuten. Großgeworden in Detroits Vorstadt Wayne als fünftes Kind in einer streng katholischen Familie, lernte Kelley bereits früh, sich aufzulehnen gegen elterliche Repression, autoritäre Ausbildung und den Mainstream des saubermännischen Amerika. Er antwortete mit Video, Performance, Installation, Materialbildern und Malerei, verachtet von solchen, denen das Sensorium für seine Exkursionen in den Trash der Kultur fehlt.

Einer seiner letzten großen Werkkomplexe „Day is Done“ von 2005 schöpft aus Karneval, Halloween und Schultheateraufführungen. In solchen volkstümlichen Bräuchen sah Mike Kelley ritualisierte Verstöße gegen gesellschaftliche Konventionen. Im größten Raum der Düsseldorfer Ausstellung werden die Besucher*innen in eine chaotische, bunte und laute Welt zwischen Horrorfilm und Musical, zwischen Fragment und Gesamtkunstwerk entführt. In „Day is Done“, „Das Tagwerk ist vollbracht“, zelebriert Kelley mit der Feier auch den Exzess, die hellen und die dunklen Seiten der Begierden und das Unheimliche der Nacht, das nicht selten allein in den Abgründen der eigenen Psyche lauert.

Auch die Kunst selbst kann zu den Orten gezählt werden, an denen solche Regelverstöße stattfinden können. In ihrer Mitte inszeniert Kelley den Künstler als eine rätselhafte, fragile Figur. Darauf bezieht sich auch der Titel der Ausstellung „Ghost and Spirit“. In einem frühen Entwurf zu einer nicht realisierten Performance mit dem Titel „Under a Sheet/Existance Problems“ wies Mike Kelley auf eine Unterscheidung hin: Ein Gespenst ist jemand der verschwunden ist, ein Geist aber ist eine Erinnerung, die bleibt, eine Energie, die bleibenden Einfluss hat. Etwas mehr als zehn Jahre nach seinem viel zu frühen Tod im Jahr 2012 bildet diese Unterscheidung des noch jungen Mike Kelley die Klammer um die Retrospektive in K21. Ist der Künstler eine verschwundene Person, oder spüren wir angesichts der Werke seinen bleibenden Einfluss? Welche Energien hinterlässt Mike Kelley, dessen Schaffen drei Künstlergenerationen nachhaltig beeinflusst hat?

Mike Kelleys Werk lebt von den subkulturellen Referenzen und einer Spannung zwischen der Intensität seines kritischen Denkens und der scheinbaren Oberflächlichkeit einer Pop-Ästhetik, die mit Begriffen von Verführung bis Trash spielt. Mit seinen Arbeiten hat er Themen vorweggenommen, die für viele zeitgenössische Künstler*innen relevant waren und sind: insbesondere wie familiäre und institutionelle Machtstrukturen in der postmodernen, kapitalistischen Gesellschaft individuelle Subjektivität prägen. Kunst machen heißt, Dinge erschaffen, die zuvor nicht da waren, Ideen in materielle Objekte verwandeln, Begriffen eine Form geben. Es ist ein schöpferischer, magischer Akt, der nicht zufällig an das Ausströmen von Ektoplasma erinnert, jenen geheimnisvollen, von Charles Richet in die Parapsychologie übernommenen Stoff, der angeblich bei einem Medium aus den Körperöffnungen tritt, wenn diese in spiritistischen Sitzungen mit Geistern in Kontakt treten. Mit der mehrteiligen Foto-Text-Arbeit „The Poltergeist“ (1978) hat Mike Kelley im Ektoplasma Fragen der Verkörperung, der Erinnerung und des Vergessens kondensiert.

Sie bilden den roten Faden, der das experimentelle, opulente und verstörende Werk von Mike Kelley verbindet. Er führt von den frühen Performances, aus den späten 1970er und frühen 1980er Jahren, deren handschriftliche Skripte erstmals öffentlich gezeigt werden, und dem für die Ausstellung partiell rekonstruierten Werkkomplex „Monkey Island“ von 1982/85 zu dem die 1980er Jahre bestimmenden Großprojekt „Half a Man“ (1987-1991) bis zu den letzten Werkkomplexen. In der Serie „Kandors“ (1999-2011) spürt Kelley dem prototypisch amerikanischen Pop-Mythos Superman nach und erkundet die psychologischen Untiefen dieser Figur. Die Besucher*innen betreten in der Apsis von K21 symbolisch die Zitadelle der Einsamkeit, den geheimen Rückzugsort des „Man of Steel“, und erleben in einem wummernden installativen Environment, wie Erinnerung, Trauma und Vergessen und die Suche nach Identität und Geschichte auseinanderdriften.

Das Unheimliche, das Freud zufolge „wirklich nichts Neues oder Fremdes, sondern etwas dem Seelenleben von alters her Vertrautes“ ist, „das ihm nur durch den Prozess der Verdrängung entfremdet“ wurde, kriecht in Kelleys Werken als Pastiche einer Alltagswelt an die Oberfläche. Hinter den pervers-schönen Schöpfungen, die ihre Intensität subkulturellen Sottisen, einer Spannung zwischen intellektuellem Tiefgang und der Oberflächlichkeit der Pop-Ästhetik und einer mitunter rabiaten Dreistigkeit verdanken, standen stets Verletzung, Wut und Subtilität.

Ungebrochen ist der Einfluss von Mike Kelley auf die ihm nachgewachsene Generation von Künstler*innen, deren Terrain des Widerstands vielfach limitierter ist als jenes der 1980er Jahre. Die subversiven Strategien des Proto-Punk Kelley – stachelig, scharfsinnig, konfrontativ, bereit zum Bruch – werden in einer musealen Präsentation aber letztlich marginalisiert. Das gewaltige Kaleidoskop von Aktionen und Experimenten, Performance-Resten, Wand- und Bodenarrangements, Plakatarbeiten, Fotografien, Cartoonszenen und Interviews wird in der Düsseldorfer Ausstellung zu einer einzigen großen Installation, die Mike Kelley als einen kanonischen Künstler zelebriert. Was sie bieten könnte, ist die Chance, zu einigen der Fragen zurückzukehren, die Kelley hinterlassen hat und die sein Werk weiterhin aufwirft: Ist es möglich, „ernsthafte“ Kunst über Subkulturen zu machen, oder ist das ein Widerspruch in sich? Und das alles in Museumshallen, einem weiteren Bereich des pädagogischen Bildungsapparats, den zu erfassen Kelley so erpicht war?

Letztendlich bietet die in Düsseldorf von Falk Wolf sorgfältig kuratierte Schau viel Hintergrundinformationen und vor allem die Gelegenheit, selten gezeigte Arbeiten von Mike Kelley in dieser an Exponaten aus allen Schaffensperioden reichen Ausstellung kennenzulernen und in neuen Konfigurationen (wieder) zu sehen. Ob ein ursprünglich so rebellisches wie widerständiges Werk mit den cleanen Hallen eines Museums eine loyale Allianz eingehen kann, sei dahingestellt. Denn wie es der Künstler so prägnant formulierte: „True loyalty takes years to build but only seconds to destroy.“

Die Ausstellung „Mike Kelley. Ghost and Spirit“ ist bis zum 8. September zu sehen. K21 hat täglich außer montags von 11 bis 18 Uhr, jeden ersten Mittwoch im Monat bis 22 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 14 Euro, ermäßigt 12 Euro, für Studierende 5 Euro; Kinder und Jugendliche bis 17 Jahre haben freien Eintritt. Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog zum Preis von 48 Euro erschienen.

Kontakt:

K21 - Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen

Ständehausstraße 1

DE-40217 Düsseldorf

Telefon:+49 (0211) 83 81 600

Telefax:+49 (0211) 83 81 601

Startseite: www.kunstsammlung.de



26.04.2024

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Jacqueline Rugo

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Mike Kelley, Kandor 17, 2007

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Mike Kelley, Kandor 16B, 2010

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in der Ausstellung „Mike Kelley. Ghost and Spirit“

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in der Ausstellung „Mike Kelley. Ghost and Spirit“

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Mike Kelley, Ahh...Youth!, 1991/2008

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in der Ausstellung „Mike Kelley. Ghost and Spirit“

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in der Ausstellung „Mike Kelley. Ghost and Spirit“

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in der Ausstellung „Mike Kelley. Ghost and Spirit“

in der Ausstellung „Mike Kelley. Ghost and Spirit“

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Mike Kelley, Ectoplasm Photograph 7, 1978/2009

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Mike Kelley, Extracurricular Activity Projective Reconstruction #25 (Devil: Master of Ceremonies), 2004/05

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