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Im Rahmen des 250jährigen Gründungsjubiläums der Kunsthochschulen in Leipzig und Dresden zeigen die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden Arbeiten des Fotografen und Professors Timm Rautert im Wechselspiel mit seinen Meisterschülern der letzten zwei Dekaden

In jedem Schüler steckt ein neuer Rautert



Gerade in künstlerischen Bereichen ist das Verhältnis von Lehrer und Schüler nicht immer spannungsfrei. Zwar muss der Mentor seine Studenten führen, ihnen eine Richtung geben, darf sie aber nicht zu einer Kopie seiner selbst werden lassen. Freiraum für eine eigene künstlerische Entwicklung ist an den Kunsthochschulen genauso essentiell. Timm Rautert zählt zu den wichtigen Pädagogen und Impulsgebern für aktuelle Strömungen in der deutschen Fotografie. Von 1993 bis 2007 hat er als Professor an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig dazu beigetragen, die große Tradition des Mediums weiterzuentwickeln und an jüngere Fotografen zu vermitteln. Auf das gedeihliche Verhältnis zwischen dem Lehrer Rautert und seinen Schüler geht derzeit die Ausstellung „Eine Klasse für sich – Aktionsraum Fotografie“ der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden ein. In prägnanten Gegenüberstellungen beider Generationen zeigt sie zugleich wichtige Entwicklungsströme in der Fotografie.


Kurator Michael Hering konnte aus den Beständen des hauseigenen Kupferstich-Kabinetts für die Ausstellung in der Kunsthalle im Lipsiusbau schöpfen: Rund 200 klein- bis großformatige C-Prints, Schwarzweiß- und Farbfotografien sowie Videoarbeiten sind in Dresden versammelt. Im Vordergrund steht der Umgang mit der eigenen Wahrnehmung und mit Sehnsüchten. Die Bilder sind sozialkritische Studien, skeptische Blicke auf die Arbeitswelt, aber auch Momentaufnahmen der Künstler beim Schaffensprozess. Viele der Werke gehen über das rein Dokumentarische hinaus und nehmen auch das Medium Fotografie selbst in den Blick.

Timm Rautert, geboren 1941 in Tuchel, heute Tuchola, im ehemaligen Westpreußen, studierte von 1966 bis 1971 bei Otto Steinert Fotografie an der Essener Folkwangschule für Gestaltung. Steinerts Lehre der subjektiven Fotografie hatte ihn ebenso beeinflusst wie die moderne Industriefotografie. In den 1970er Jahren arbeitete Rautert zunächst als Fotojournalist an Reportagen, etwa für „Die Zeit“, „Time life“ oder „Geo“. Ein zentrales Thema für Rautert ist es, den Künstler bei seinem Schaffensprozess zu beobachten. Der Prozess wird dabei als immanenter Teil des Kunstwerkes angesehen. Ein wichtiger Vertreter dieser Aktionskunst ist Franz Erhard Walther, welchem Rautert eine Fotoreihe widmete. So zeigt der erste Werksatz von 1970 mit den Blättern 44/45 Walther beim Auslegen eines riesigen Stoffkreuzes auf einer Wiese. Der Fotograf hilft mit seinen Bildern, das vergängliche Werk zu dokumentieren und damit auf Dauer festzuhalten.

Dieses konzeptuelle Vorgehen liegt auch der gegenübergestellten Videoprojektion Sebastian Stumpfs, geboren 1980 in Würzburg, zugrunde. Starr liegt der Künstler in seiner Arbeit „Pfützen“ in einer flachen Lache mit dem Gesicht im Wasser. Der Stadtalltag wirkt fern und ist nur durch Klänge wahrnehmbar. Scheinbar verharrt er in dieser Position minutenlang. Bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass einige Szenen in Zeitlupe aufgenommen sind. Diese Szenen wirken verstörend und befremdlich.

Den Themen Kunst-Konsum und neue Betrachtungsweisen widmet sich Viktoria Binschtok. Sie stammt aus Moskau und war bis 2005 Meisterschülerin bei Rautert. In dem überdimensionalen Laser-Print „Venus’ Belly“ hat sie 2012 das berühmte Gemälde Sandro Botticellis festgehalten. In die Mitte des schwarzweißen Rasterdrucks fügt die Künstlerin einen stark vergrößerten fotografischen Ausschnitt des Bauchnabels der Venus ein. Wie ihr Lehrer spielt sie mit der Wahrnehmung von Situationen und der Illusion in der Realität.

Bereits 1974 fotografierte Timm Rautert im Innenraum einer Boeing 737: Trostlos, beengt und dunkel wirkt die Situation im Gegensatz zu der Lufthansa-Postkarte des gleichen Flugzeuges, welche er in Händen hält. Diese Innen-Außen-Ansichten greift Binschtok in ihrem Fotopaar „Patterson“ und „Patterson Window“ von 2011 auf. Einen skeptisch inszenierten Blick auf die Realität werfen beide in ihren ironisch-medienkritischen Arbeiten: „Am 12.9.1974 starben 67 Menschen“ (Rautert) und dem Doppel „News“ und „Blind“ (Binschtok).

Einen ähnlich ironischen Ansatz im Umgang mit der Rezeptionsgeschichte wählt Claudia Angelmaier für ihre Arbeiten. Geboren 1972 in Göppingen, studierte die Wahlberlinerin Anglistik unter anderem an den Universitäten Nürnberg sowie Heidelberg und später Kunstgeschichte an der Technischen Universität in Berlin. Schemenhaft schimmert auf der Fotografie „Betty“ von 2008 Gerhard Richters gleichnamige Arbeit durch die Rückseite einer Postkarte. Man erkennt, dass das Andenken in einem Kölner Kunstmuseum erworben wurde. Das Kunstwerk weckt Assoziationen an eine „Kunst to go“ oder einen „Richter für Jedermann“. Spannend verdoppelt Angelmaier in „Uta“ die deutsche Mittelalter-Ikone aus dem Naumburger Dom und lässt sie durch einen Farbstich ins Rostrote mit blutrot gefärbten Lippen gleichsam als Verführerin erscheinen.

Beeindruckend ist, wie Timm Rautert in den späten 1980er Jahren die Arbeitswelt in der Siemens AG München unter der Serie „Gehäuse des Unsichtbaren“ darstellt. In den weißen Schutzanzügen verschwindet der Mensch fast gänzlich, wirkt verloren in langen und schmalen Gängen und scheint den Prozessen untergeordnet zu sein. Rautert verwendet für solche Effekte Unschärfe-Grade und längere Belichtungszeiten. Die Kuratoren wählten dazu kommentierend Sven Johnes 59 kleinformatige Fotografien umfassende Reihe „Following the Circus“. Der in Bergen geborene Wahl-Düsseldorfer Johne ist dafür neun Monate dem Zirkus „Probst“ hinterhergereist. Er fotografierte aber weder Manegen noch Publikum, sonst einzig den leeren Platz im suburbanen Raum nach Beendigung der Vorstellungsreihe im Ort. Oft schauen wir auf karge, triste, menschenleere Plätze. Im Vergleich zur Siemens-Reihe wirken diese Fotografien jedoch eher kraftlos.

Neben seinen puristischen und natürlichen Portraits fotografiert Bernhard Fuchs oft das bukolische Leben in Österreich. Im letzten Jahrzehnt entstanden beeindruckende Bilder von kleinen Pfaden in scheinbar übermächtigen Wäldern wie auf dem Werk „Waldweg. Bauernberg“ aus der Serie „Straßen und Wege“ von 2007. Eine sonderbare Ästhetik geht vom vollkommen verdreckten „Kuhstall. Geierschlag“ aus dem Jahr 2010 aus. Man bekommt das Gefühl, dass über die Zeit hinweg die Natur sich langsam ihren Raum zurückerobert.

Eines der ältesten Gattungen der Fotografie ist das Familienportrait. Rauterts Schüler Ricarda Roggan, geboren 1972 und Absolventin des Royal College of Arts London, setzt diese Tradition fort. Sie zeigt soziale Verhältnisse durch ein Raumtriptychon des selben Wohn-Küchen-Zimmers auf. Zentral ins mittlere Bild der Arbeit „Anfang 2007 – 2013“ setzt Roggan die unbeschwert wirkende Familie. Der Bilderdialog „Zimmer I“ und „Zimmer II“ aus der Serie „Souterrain“ von 2000/2001 verwirrt den Betrachter: Die gleichen spärlichen Möbel werden auf dem Duo an verschiedene Wände des Raumes gestellt. Durch die neue Position wechselt die Stimmung von düster zu hell.

Verspielt technisch geht es in der Sektion für Adrian Sauer zu. Vielleicht in Anlehnung an Rauterts experimentelle Belichtungsreihe „2/10s – 9/10“ von 1970, welche den Wandel von Hell zu Dunkel zum Thema hat, schuf Sauer 2010 den Print „16.777.216 Farben“. Das von weitem als graue Masse erscheinende Werk lässt bei genauer Betrachtung alle möglichen Farben der digitalen Fotografie erkennen. Das vermeintlich Unerschöpfliche der Technik wird auf nüchterne Weise entlarvt und lässt gleichzeitig staunen. Die kleinen Pixel verschwimmen, regen zur unendlichen Suche an und sind letztendlich doch nur eine einfache Farbabfolge.

Auf eine kulturhistorische Bildersuche schickt uns Anett Stuth in ihrer fotografierten Papiercollage „Natur als Bild (Blätter)“ aus dem Jahr 2009. Auf der Arbeit der 1965 geborenen Leipzigerin ist eine installationsähnliche Struktur im Erker eines noblen Gründerzeithauses fotografiert: Zeichnungen aus der Natur – Blätter, Fische oder sogar DNA-Strukturen – umgeben wie zufällig hingewehtes Laub das zentrale Motiv eines kargen Baumes in einer Winterlandschaft. Aber die Natur tritt in Verbindung mit der Geschichte: Unter den vielen Blättern finden sich auch die 95 Thesen Luthers, Darwins Schriften und Leonardo da Vincis Körperstudien. Hier scheint ein kahler Baum zitiert, der Rautert einmal als Motiv für seine spielerische Studie „Kamera dreht um 0˚ 90˚ 180˚ 270˚ 360˚“ aus dem Jahr 1972 diente. Die Reihe von Aufnahmen zeigt einmal den Fotografen beim Drehen der Kamera und darunter den Blick auf karge Bäume, wie er durch die verschiedenen Kamerastellungen abgelichtet wurde.

Timm Rautert gelang es immer wieder, besondere Momente in kleinen sozialen Welten festzuhalten. Ende der 1970er Jahre besuchte er mehrmals die kamerascheuen Hutterer, eine nach strengen Traditionen und Regeln des 19. Jahrhunderts lebende Gemeinschaft. In seiner Bildanalyse schafft er es, die Naturverbundenheit, die mystische Ruhe, die Zurückgezogenheit, aber auch eine brutale Prügelstrafe für das Ausbrechen aus den Regeln einzufangen.

Diesen Sozialstudiencharakter nimmt Tobias Zielony in seinen Serien über „Jenny Jenny“ und „Danny“ von 2013 auf. Beide Mädchen, tätig im „leichten Gewerbe“, werden nicht einfach platt abgelichtet. Vielmehr versucht Zielony in der Einfachheit ihrer „Arbeitswelt“ eine Ästhetik herzustellen. Die stockende, aus Einzelfotos bestehende Videoarbeit „Danny“ zeigt das Mädchen an einer Straße, wie sie Knicklichter kreisen lässt. Die Dunkelheit wird nur vom heranfahrenden Licht des Wagens eines Freiers unterbrochen. Ähnlich wie bei Rauterts Dokumentation über die „Waganowa Balletschule“ von 1988 gelingt es Zielony, in Portraitaufnahmen der Mädchen ihre innere Gefühlslage wiederzuspiegeln.

Das Konzept und die Fülle an Werken lassen die Ausstellung geschlossen und Rund wirken. Die Parallelen zwischen dem Lehrer Rautert und seinen Schülern sind immer wieder gut erkennbar und scheinen nicht auf freier Spekulation zu fußen. Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden zeigen mit der Schau einen gelungen Beitrag zum Jubiläum der beiden Hochschulen.

Die Ausstellung „Eine Klasse für sich – Aktionsraum Fotografie“ ist bis zum 18. Mai zu sehen. Die Kunsthalle im Lipsiusbau hat täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 5 Euro, ermäßigt 4 Euro. Der umfangreiche Katalog aus dem Sandstein Verlag mit rund 190 Abbildungen kostet 29,80 Euro.

Kontakt:

Kunsthalle im Lipsiusbau

Brühlsche Terrasse

DE-01067 Dresden

Telefax:+49 (0351) 49 14 20 01

Telefon:+49 (0351) 49 14 20 00

E-Mail: besucherservice@skd-dresden.de



06.05.2014

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Robert Unger

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