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Berliner Ansicht Unter den Linden mit Reiterstandbild Friedrichs des Großen, 1920 / Otto Pippel

Berliner Ansicht Unter den Linden mit Reiterstandbild Friedrichs des Großen, 1920 / Otto Pippel
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Landschaft an der Nidda, 1898 / Hans Thoma

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Aktuellzum Archiv:Auktions-Vorbericht

Kunst bei Hauswedell & Nolte

Rätselraten um die „Jüdische Braut“



Nicht einmal zehn mal zehn Zentimeter misst das kleine Kunstwerk, wahrhaft also ein Kleinod, und doch kommt dieses knappe Quadratdezimeterchen auf 100.000 Euro zu stehen: Kurt Schwitters’ unbetitelte „Merzzeichung“ aus dem Jahr 1926 ist zwar nicht das Hauptlos der Versteigerung moderner und zeitgenössische Kunst bei Hauswedell & Nolte am Abend des 8. Juni, aber zumindest dasjenige mit dem höchsten Flächenpreis. So klein indes hat selbst Schwitters seine Kunst nicht begonnen: Als er 1919 seine Merzzeichnungen schuf, waren das noch großformatige Blätter und Tafeln. Als er dann eine dadaistische Berühmtheit und in seiner Heimatstadt Hannover der führende Künstler der Avantgarde geworden war, konnte er es sich erlauben, auch in solchen Miniaturformaten wie der vorliegenden Collage zu arbeiten. Verwendung fanden die üblichen Utensilien des Alltags wie Eintritts- oder Fahrkarten, Zeitungsschnipsel und dergleichen. 1956 war das kleine Stück in einer Schwitters-Wanderausstellung unter anderem in Hannover, Amsterdam und Brüssel zu sehen, seither jedoch der Öffentlichkeit verborgen. Nun kommt es kurzzeitig wieder zum Vorschein.


Überwiegend Papierarbeiten prägen die „Ausgewählten Werke“ des Hamburger Auktionshauses beinahe schon traditionsgemäß. Eine solche gehört auch zu den ältesten Offerten dieses Abends: Karl Friedrich Schinkels romantische Lithografie „Das Schloß Prediama in Crein XII Stund von Triest“ war 1816 das erste Produkt der neu gegründeten Lithografenanstalt von F. Klinsmann in Berlin. Zugleich ist sie eine Erinnerung an Schinkels Italienreise 1803, von welcher ihm eine Zeichnung als Vorlage für den Druck diente (Taxe 12.000 EUR). Aus der langen Reihe an Grafiken des fortgeschrittenen 19ten und frühen 20sten Jahrhunderts ragt das Werk einer Frau besonders hervor: Mary Cassatts „Feeding the ducks“ aus der Zeit um 1895. In einem komplizierten Verfahren entwickelte sich dieses beschauliche Genrebild von einer einfachen Kaltnadelradierung hin zu einer farbigen Aquatinta, in welcher letztgültigen Form es Hauswedell & Nolte für 80.000 Euro anbietet. Wichtigstes Einzelstück der expressionistischen Grafik ist einer von lediglich vier Probeabzügen von Max Beckmanns Lithografie „Der Nachhauseweg (Selbstbildnis mit Kriegskrüppel)“ aus dem Jahr 1919 für 125.000 Euro. Ein ähnlich erschütterndes Dokument menschlichen Leids ist Otto Dix’ 1922 im Selbstverlag herausgegebene Folge „Tod und Auferstehung“ in einem vollständigen Exemplar mit allen sechs Kaltnadelradierungen (Taxe 60.000 EUR).

Eine Papierarbeit steht auch an der Spitze der Preisliste: Paul Klees abstraktes, dunkel wogendes Tuschfederaquarell „Verlassene Kulturen“ aus dem Jahr 1924 wurde vor fünf Jahren bei Kornfeld in Bern für 330.000 Franken versteigert. Nun ist der Preis für das in den 1920er Jahre mehrfach ausgestellte Blatt auf 300.000 Euro gestiegen. Fast bescheiden nehmen sich dagegen die Ölgemälde aus. Die Aus dem ersten Jahrhundertdrittel kommen überhaupt nur wenige zum Einsatz wie Walter Dexels noch gegenständliches, aber schon in kristalline Strukturen eingepasstes „Spritzenhaus“ aus dem Jahr 1916 für 28.000 Euro. Dichter wird es seit den 1930er Jahren, etwa mit Conrad Felixmüllers sachlichem Zugriff auf „Berlin, Charlottenburger Stadt-und Fernbahngeleise im Schnee“ von 1935 (Taxe 24.000 EUR) oder Boris Kleints geometrischer Komposition „Schwarz-weißes Quadrat, diagonal“, 1938 im Luxemburger Exil gemalt (Taxe 12.000 EUR). Die altgedienten Expressionisten sind vor allem durch Spätwerke vertreten: Otto Dix durch ein „Blindes Mädchen in Trümmern“ einer zerstörten Stadt 1948 (Taxe 40.000 EUR) und Karl Hofer durch das 1946 auf Wunsch eines amerikanischen Korrespondenten angefertigte Bildnis seiner beiden Töchter mit Puppe für 90.000 Euro. Leicht surreal mutet Marianne von Werefkins undatierte Temperamalerei „Akrobaten“ an, deren Stil auf die Mitte der 1920er Jahre verweist (Taxe 50.000 EUR).

Aussichtsreichstes Hauptwerk der Nachkriegszeit ist Willi Baumeisters „Fantom“ aus dem Jahr 1953, ein besonders schönes, farbenreiches Exemplar seiner vom Licht afrikanischer Landschaften beeinflussten Kompositionen der späten Jahre. Angemessene 180.000 Euro sind veranschlagt. Dicht dahinter folgt mit Ernst Wilhelm Nay ein etwas jüngerer Zeitgenosse, des abstrakten Gemälde gleichfalls die deutsche Nachkriegskunst wesentlich mitprägten. Für die 1952 datierte und 1953 mehrmals öffentlich ausgestellte, von schwarzen Strichen rhythmisierte Leinwand „Im Gegenspiel“ werden 150.000 Euro erwartet, für das sechs Jahre jüngere, an seine Scheibenbilder erinnernde „Grün in Blau“ 140.000 Euro. Jüngeren Zuschnitts sind die Entwurfszeichnung „Wrapped Tress“ für die Fondation Beyeler von Christo und Jeanne-Claude auf dem Jahr 1998 (Taxe 60.000 EUR), A.R. Pencks grünrotweiße Komposition von 1990 mit schwarzen Zeichenstrukturen (Taxe 28.000 EUR) oder Rainer Fettings genüsslicher Akt „Markus reclining“ von 1992 (Taxe 30.000 EUR).

Nicht spektakulär, aber niveauvoll ist die Skulpturenofferte. Sie umfasst Werke von bekannten Größen wie Ernst Barlach mit seinem „Buchleser“ von 1936 in dem einzigen, zwischen 1939 und 1945 entstandenen Zinkguss (Taxe 80.000 EUR) und seinen „Lesenden Mönche III“ von 1932 (Taxe 60.000 EUR) sowie einen Bronzeguss von Wilhelm Lehmbrucks „Kleiner Sinnenden“ aus den Jahren 1910/11 in einer wohl posthumen Ausführung um 1919/20 für 25.000 Euro. Figürlich bleibt es auch in der Nachkriegszeit, wenn auch mit Kenneth Armitages weitgehend in die Fläche gebannten „Children playing“ von 1953 (Taxe 25.000 EUR) und Lynn Chadwicks „Beast XII“ von 1957 in stark abstrahierter oder surreal verfremdeter Form (Taxe 40.000 EUR). Wieder weitaus deutlicher auf den dargestellten Gegenstand bezogen gibt sich Stephan Balkenhols „Frau auf horizontal gespaltenem Stamm“ von 2003 (Taxe 45.000 EUR).

Rund 760 weitere Losnummern umfassen die beiden Teilauktionen moderner und zeitgenössischer Kunst am 8. und 9. Juni mit Schätzpreisen überwiegend bis in den niedrigen fünfstelligen Bereich. Eine bedeutende Ausnahme hiervon stellt Emil Noldes Aquarell einer Marschlandschaft um Utenwarf mit Boot aus den frühen 1920er Jahren dar: Es ist mit 60.000 Euro bewertet. Von Rolf Nesch bietet Hauswedell & Nolte wieder eine Reihe Grafiken an, aber auch das gruselige Ölbild „Gespenster“ aus etwa der gleichen Zeit für 12.000 Euro. Der deutsche Expressionismus nimmt weiterhin breiten Raum ein, etwa mit Christian Rohlfs’ Temperamalerei „Rote Dächer“ von 1912 (Taxe 20.000 EUR), Max Kaus’ bunt aquarellierter Flusslandschaft in Pitztal von 1926 (Taxe 12.000 EUR) oder Erich Heckels seltene Lithografie „Frau am Tisch“ von 1907 (Taxe 6.000 EUR). Als eine der wenigen Künstlerinnen tritt die Hamburgerin Gretchen Wohlwill mit dem Portrait Lauritz Hansens von 1922 (Taxe 4.000 EUR) und einer sonnendurchfluteten südfranzösischen „Kaserne“ um 1926 hinzu (Taxe 3.500 EUR).

Auch in den Impressionismus weist das Angebot zurück, für den Julius Exters heitere Sommerlandschaft am Chiemsee um 1907/09 (Taxe 6.000 EUR) oder Karl Hagemeisters atmosphärische winterliche Seelandschaft um 1910 stehen (Taxe 4.000 EUR). In einen breiten goldenen Rahmen sind die beiden Damen Ferdinand Max Bredts gezwängt, die 1916 im Garten ihrer Arbeit an Feuerlilien nachgehen (Taxe 10.000 EUR), während bei Richard Bloos der Impressionismus in seinem Aquarell „Im Gartencafé“ um 1910 einen Zug ins Karikaturhafte annimmt (Taxe 1.500 EUR). Franz Lenks stilles, fast unheimliches Seestück „Die Brandung“ von 1945 weist dann in Richtung Neue Sachlichkeit (Taxe 12.000 EUR), und als lyrischer Einzelgänger, verwandt mit der Kunstauffassung Paul Klees, tritt Hans Reichel mit einer verspielten Nachtträumerei von 1948 an (Taxe 5.000 EUR).

Unter den Gegenwartskünstlern kommt ein Hamburger Auktionshaus nicht ohne Horst Janssen aus. Aus der Fülle von fast zwei Dutzend Arbeiten ragt ein 1982/83 entstandenes Selbstbildnis mit Totenkopf unter dem Titel „Ich, heldisch“ in Gouache und Pastell heraus, dessen eindrücklicher Bildmächtigkeit sich der Betrachter kaum zu entziehen vermag (Taxe 35.000 EUR). Zu den kostbareren Stücken gehören eine unbetitelte abstrakte Assemblage Evgeny Rukhins aus dem Jahr 1973 für 30.000 Euro und Mark Tobeys ebenfalls ungegenständliche Auseinandersetzung mit der Zen-Philosophie unter dem Titel „Sumi“ von 1957 für 25.000 Euro. Klassisches deutsches Informel findet man mit Fritz Winters Farbklängen „In den Raum greifend“ von 1951 (Taxe 15.000 EUR) oder Julius Bissiers ebenfalls fernöstlich inspirierte Temperaarbeit „4. Juli 1961 g“ (Taxe 12.000 EUR). Paul Wunderlich schuf 1967 eine schmetterlingshafte, farbleuchtende „Gelbe Braut“ in surrealen Anklängen (Taxe 7.500 EUR), während sich Olafur Eliasson in seiner Photogravure „The Blue Lagoon“ 1996 auf Naturphänomene bezieht (Taxe 3.500 EUR).

Hauptwerk der zwischen die Modernen und Zeitgenossen geschalteten Altmeisterauktion am Donnerstagmorgen schließlich ist Rembrandts Kaltnadelradierung „Die große Judenbraut“ aus dem Jahr 1635. Die Interpretationen des relativ großformatigen Blattes sind vollkommen verschieden, sie reichen von einem Hochzeitsbildnis der Frau des Künstlers selbst über eine Schauspielerin in der Rolle der Minerva bis hin zu einer biblischen Szene um die Waise und spätere Königin Esther. Im Kunsthandel jedenfalls ist der Druck sehr begehrt, so dass Hauswedell & Nolte auf 40.000 Euro rechnet. Mit 18.000 Euro an zweiter Stelle liegt Albrecht Dürers Kupferstich „Der verlorene Sohn“ aus der Zeit um 1496, zwar keiner seiner Meisterstiche, aber ein schönes Beispiel für die vermenschlichte Darstellung christlicher Stoffe beim Nürnberger Meister. Zu den besten Handzeichnungen gehören eine dem Bologneser Renaissancemeister Giacomo Raibolini, genannt Francia, zugeschriebene „Letzte Kommunion des heiligen Hieronymus“ für 8.000 Euro sowie von dem Süddeutschen Januarius Zick eine feine Verbildlichung der Beweinung Christi im Stil des späten Rokoko von 1772, ein bisher verschollen geglaubter Entwurf zur dreizehnten Station des Kreuzwegzyklus’ für St. Florin in Koblenz (Taxe 4.000 EUR).

Die Auktion beginnt am 8. Juni um 9:30 Uhr mit den günstigen Arbeiten der Modernen Kunst II. Es folgen um 18 Uhr die ausgewählten Werke und am 9. Juni um 9:30 Uhr die alte Kunst sowie um 14:30 Uhr die Kunst nach 1945.

Kontakt:

Hauswedell & Nolte

Pöseldorfer Weg 1

DE-20148 Hamburg

Telefon:+49 (040) 41 32 10 0

Telefax:+49 (040) 41 32 10 10

E-Mail: info@hauswedell-nolte.de

Startseite: www.hauswedell-nolte.de



01.06.2011

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Johannes Sander

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