Tony Cragg gehört zu den derzeit international erfolgreichsten Bildhauern. Sein Werkschaffen durchzieht seit Jahrzehnten eine unerschöpfliche Ideenkraft. Der 1949 in Liverpool geborene Künstler mit dem sicheren Blick für Qualität erschließt der Gattung Skulptur stetig neue Möglichkeiten. Zugleich agiert er mit ebenso großer Intensität und Ernsthaftigkeit als Professor und in der Nachfolge von Markus Lüpertz als Rektor an der Düsseldorfer Kunstakademie. Mit seinem Amtsantritt ist nun mehr Ruhe und Konzentration an dieser traditionsreichen Stätte eingekehrt, für junge angehende Künstler eine wichtige Voraussetzung, um den eigenen künstlerischen Werdegang zu finden und zu reflektieren.
Ruhe und Muße wird auch von den Besuchern einer retrospektiven Schau in der Duisburger Küppersmühle abverlangt, um Gewinn aus dem beeindruckenden Werk Craggs mitzunehmen. 40 teils raumgreifende Plastiken, 65 Grafiken und 16 Fotografien stellen erstmals wesentliche Stränge aus 40 Schaffensjahren vor. Die große Zahl unterschiedlicher Materialien gehört zu den auffälligen Aspekten. Als ausgebildeter Labortechniker mit vielen Techniken und Stoffen vertraut, überführt Tony Cragg zunächst abgenutzte Gegenstände wie Latten, Stoffreste oder Plastikmüll durch Stapelung oder Verarbeitung beispielsweise in Wandreliefs zu neuen, verblüffenden Strukturen.
Dann wendet sich Cragg Bronze, Stein, Ton, Glas oder Schichtholz zu, nutzt geschickt diverse Oberflächeneffekte aus und führt seine Arbeiten an technisch-formale Grenzen. Ausgehöhlt, vergrößert, gedehnt, gequetscht, deformiert, aufgebläht und geschichtet kreiert er energiegeladene organische Figurationen. Voller Spannung und allansichtig fördern geheimnisvolle Verhüllungen und komplexe Überschneidungen mit ausschnitthaften Einblicken in das Innere der Skulpturen die Entdeckerlust des Betrachters. Craggs kunstvolle Kreaturen stecken voller lustvoller Ironie, charmanter Poesie, irritierendem Witz oder komischer Tragik.
In diesem Zusammenhang verdient die Beziehung zum Menschlichen Berücksichtigung, die sich auch in vielen Titeln der Kunstwerke ausdrückt. Besonders Gebilde aus dicht übereinander gelagerten, aus der Achse heraus verdrehten dünnen Kreisformen weisen klar eine unverkennbare Nähe zu Gesichtern, Gliedmaßen und Bewegungen der Menschen auf, die sich jeweils verändern, wenn der zum Mitspieler und zugleich Gegenpart gewordene Betrachter die Figur umwandert. Besonders hier schwebt Tony Cragg zwischen Statik und Dynamik, Abstraktion und Fassbarkeit. Neben dem Fehlen historisierender sowie installativer Komponenten macht dies seine Arbeit besonders erfrischend.
Der Besucher erlebt dabei einen Sog der künstlerischen Produktion; denn jede gefundene Lösung bereitet die kommende voraus. „Sobald eine Skulptur fertig ist, stehe ich im Grunde genommen schon vor der nächsten, vor neuen Wegen, die man gehen könnte, oder Formen, die ich ausprobieren muss“, so Cragg. Schritte dazu finden sich in seinen Zeichnungen, die ebenfalls breiten Raum in der Duisburger Ausstellung einnehmen. Bevor Materialwirkungen, Menschenbezüge und Innenwirkungen ihren Tribut fordern, sucht Cragg auf virtuosen Blättern nach neuen Gestalten. „Beim Zeichnen erlebe ich eine wahnsinnige Freiheit. Nicht alle Zeichnungen müssen zu einem Endprodukt führen – einfach Bleistiftspitze aufs Papier, und dann kann die Reise überall hingehen.“
Die Ausstellung „Anthony Cragg – Dinge im Kopf. Skulpturen, Zeichnungen, Grafiken“ ist bis zum 13. Juni zu sehen. Das Museum Küppersmühle hat mittwochs von 14 bis 18 Uhr sowie donnerstags bis sonntags und feiertags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 4 Euro, gesamtes Haus 8 Euro, ermäßigt 4 Euro. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen, der an der Museumskasse 28 Euro kostet. |