 |  | Die Art.Fair 21 an ihrem neuen Ort, dem Staatenhaus der Rheinparkhallen | |
Beinahe wäre es ein Politikum der Kölner Kunstszene geworden: Der Umzug der Art.Fair 21 aus den Räumen der Expo XXI und damit aus dem Zentrum Kölns in die ehrwürdigen Rheinparkhallen, das sogenannte Staatenhaus auf der anderen Rheinseite. Durch Kölns Kunstszene ging ein Schrei des Entsetzens. Warum auch immer! Niemand, zumindest von außen betrachtet, konnte die Aufregung verstehen. Die Art Cologne ist aufs Frühjahr vorgerückt. Die Cologne Fine Art findet Ende November statt und schwimmt in einer anderen Liga. Obwohl sich 2007 die Termine der beiden Messen überschnitten haben, hat das niemanden tangiert. Der eine kommt wegen der jungen Kunst, der andere wegen herausragender alter Kunst und seltenen Antiquitäten, und im besten Falle befruchten sich beide Messen. Die bescheidene Qualität der zeitgenössischen Kunst, die man versuchte in die Cologne Fine Art zu integrieren, spielte nie eine Rolle.
2003 war die Art.Fair als Messe für den kleinen Geldbeutel und als Geburtshelfer für manch neu gegründete Galerie gestartet. Die Avantgarde des 21sten Jahrhunderts sollte hier versammelt werden. Mutig waren Walter Gehlen und Andreas Lohaus, als sie die Veranstaltung als Antipode zur großen Mutter Art Cologne gründeten. Ein privates Messeunternehmen. Nun hat man sieben Jahre hart gearbeitet, manchen Galeristen kennengelernt, Namen, die man sich merken musste und solche, die genauso schnell kamen und wieder verschwanden. Als Galeristen wie Michael Schultz, Galerie Terminus, Willy Schoots aus den Niederlanden und Yasha Young, die mit ihrer „schwarzen“ Kunst die Sammler anzog, die Messe belebten, gab man sich auf der Art.Fair 21 die Klinke in die Hand. Es war die kleine, interessante Messe am Rande der Großveranstaltung Art Cologne, mit der der Kunstmarkt einst begann, und sie lag außerhalb des Geschehens – nicht nur räumlich betrachtet.
Nun ist die kleine Schwester der großen auf die Pelle gerückt und macht sich breit. Sind es in diesem Jahr noch 9.500 Quadratmeter, die zu bespielen waren, sollen im kommenden Jahr über 3.000 Quadratmeter hinzukommen. Zwei Etagen für die Kunst. Dem wäre nichts entgegenzusetzen, wenn man konstatieren könnte, dass die Aufteilung der Fläche übersichtlich und ergötzend war. Das Gegenteil war der Fall. Die Disposition der Stände vermittelte den Eindruck, dass die Vergabe ausgewürfelt war und eine Galerie mit ihrer Nachbarin nicht harmonierte, was nichts mit dem Menschen zu tun hatte, sondern mit der Kunst. Eine Kunstmesse, die verführen will und zu Entdeckungen auffordert, braucht klare Vorgaben, um die Sinne auf das Wesentliche, die Kunst, zu fokussieren und nicht auf die Suche nach dem Ausgang. Welche Bedeutung haben große Kojen, wenn der Inhalt bedeutungslos ist.
Und was bitte schön ist Blooom? Da tummeln sich im Randbereich der Art.Fair Kreative, die sich in der „Creative Industries“ angesiedelt sehen und für den Betrachter ein Schreckensszenario aus Gothic, Lowbrow, Kostümschneiderei, Ikebana im 21sten Jahrhundert und Pop Surrealismus sind. Da Halloween in die Messezeit fiel, konnte man die Schmerzattacke auf die gut ausgebildeten Sehnerven darunter subsumieren und eventuell sogar Verständnis aufbringen. Mit Kindern musste man aber den Bereich der Blooom tunlichst meiden. Yasha Young, umtriebige Chefin der Strychnin Gallery, wird nun hier als neue Messedirektorin gefeiert. Warum, fragt man sich, hat sie sich nicht auf dem Art Forum in Berlin ausgetobt? Vielleicht weil der karnevalsbegeisterte Kölner schon weiß, wie er derlei Darbietungen einzuordnen hat. Jedenfalls eher als der Berliner. Niemand möchte die Blooom verbannen. Sinn allerdings würde es machen, sie tunlichst von der Art.Fair 21 zu trennen. Raum genug gäbe es ja im kommenden Jahr. Oben für die Blooom und unten auf über 9.000 Quadratmeter eine geordnete Art.Fair, ein Bereich für die klassische Moderne und ein Bereich für den Künstlernachwuchs.
Doch wer jetzt glaubt, dass diese Messe langweilig und nicht gut besucht war, dem sei hier widersprochen. Neue Plätze ziehen immer an. Nach Angaben der Verantwortlichen kamen rund 32.000 Besucher, und es gibt keine Kunstmesse, wo man nichts entdecken könnte, was die Sinne reizt. Michael Schultz hatte sich mit hohen Wänden von den anderen Messeteilnehmern abgeschottet. Er gab sich zum Eingang hin jedoch farbenfroh. Ein 1:1-Modell eines Buick, bemalt in chinesischer Porzellantradition mit unzähligen Himmelsdrachen von Ma Jun, für 70.000 Euro zog die Blicke auf sich. Ebenso die riesigen Bilder der Koreanerin Seo, Meisterschülerin von Baselitz, die mit ihrem Zyklus „12 Quadrate gegen den Krieg“ aus 250 Zentimeter im Quadrat gegen den Terrorismus in der Welt anmalt und dafür je 75.000 Euro erwartet. Schultz, der neben Berlin Räume in Peking und in Seoul bespielt, tritt auch immer wieder dafür ein, dass koreanische Galerien nach Köln kommen und an der Messe teilnehmen. Das Angebot der Koreaner, die sich nebeneinander in kleineren Kojen präsentierten, war gewöhnungsbedürftig, auch wenn die Nachfrage zumindest bei der Galerie Asan groß war.
Alp Galleries ist aus New York zurück nach Frankfurt und präsentierte auf der Art.Fair ein gigantisches Kreuz aus Maschinenpistolen von Fred George und ein Gefährt aus einem neuen silbernen Großcontainer, vormals für den Müll bestimmt, nun zu „Laras Theme“ umgewidmet. Trashkunst mal ganz anders. Michael Sturm aus Stuttgart ist bekannt für junge ungewöhnlich intelligente Positionen in der Kunst. In diesem Jahr war er mit einer one-artist-show der jungen Künstlerin Dorothea Schulz gekommen. Sie hatte eine „Köln-Sprechstunde“ eingerichtet und dafür eigens einen Raum kreiert, in dem Sofakissen mittels Spannriemen an der Wand befestigt waren. In diesem Raum, einem Zwischending aus Wohnzimmer und Gummizelle, konnte man ein Gespräch mit der Künstlerin führen, das sie dann in ihrem Atelier zu einem zeichnerischen Gesprächsprotokoll zusammenführte. Ihre zeichnerischen Protokolle, zum Beispiel von Gerichtsverhandlungen, haben ihren festen Platz in der Kunstszene bereits eingenommen.
Menno Aden verewigt in seinen Fotografien ungewöhnliche Aufsichten in Läden, sei es beim Chinamann um die Ecke oder dem gehobenen Schuhladen am Prenzlauer Berg. Die Galerie Schuster aus Berlin hatte den jungen Mann, der sich mit einer Mappe in der Galerie vorstellte, vom Fleck weg in ihr Programm mit aufgenommen. Neben der fotografischen Position zeigte der Galerist die ungewöhnlichen Farbkompositionen des Haitianers Didier William. Er hat seit der Erdbebenkatastrophe auf Haiti den glühenden Farben auf Holz sehr viel Schwarz hinzugefügt. In Köln ist ein neues Artotel geplant. Dort soll Didier William die Zimmer mit seinen Werken ausstatten – ein gewinnbringender Kontakt auf der Messe.
„Lasst wohlbeleibte Männer um mich sein, mit glatten Köpfen, die des Nachts gut schlafen.“ Dies ließ Shakespeare seinen Julius Caesar sagen. Auf der Art.Fair 21 hatte man es nicht mit wohlbeleibten Männern zu tun, sondern mit wohlbeleibten Damen, die engelgleich ihre Rundungen über die Leinwand hoben, gesehen bei Galerie KK Klaus Kiefer aus Essen und meisterlich gemalt von Lilli Hill. Leonard Nimoy, der Name wird wenigen etwas sagen; als Mr. Spock beeindruckte er Generationen von Fernsehzuschauern jeglichen Alters, als Fotograf nun ebenfalls mit wohlgerundeten Damen, die, so wie Gott sie schuf, Cancan zu tanzen scheinen. Die Emerson Gallery in Berlin wird in diesem Monat die erste Soloshow in Deutschland mit Nimoy zeigen. Erhard Witzel nahm Bezug auf aktuelle Ausstellungen und stellte Camill Leberer, dessen große Einzelschau in wenigen Tagen im Kunstmuseum Stuttgart startet, schon mal mit mehreren seiner in Mischtechnik auf glänzenden Edelstahl aufgetragenen, abstrakten Farbflächen zwischen 4.500 und 6.800 Euro vor.
Christian Marx aus Düsseldorf bot eine reiche Auswahl an Arbeiten Akiko Ozasas. Neben den äußerst subtil wie filigran gearbeiteten Aquarellen und Zeichnungen auf Papier zu je 1.000 Euro waren ihre „Präparate in Glaskästen“ ein Renner der Messe. Die fantasiereich farbig bemalten Papierschmetterlinge, die ähnlich wie in paläontologischen Sammlungen in Schauboxen aufgesteckt sind, kosten zwischen 600 und 3.700 Euro. Aus Wien hat wieder Peter Frey das Portfolio mit Werken von Bernard Ammerer, Veronika Dirnhofer, Josephine Scianna und Saeko Takagi bereichert. Besonders poetisch-ausdrucksvoll waren die tiefen Farbverwischungen des 50jährigen Klagenfurter Malers Harald Gangl, dessen größte Arbeiten 12.900 Euro kosten. Klassische Positionen waren dann bei der Dresdner Galerie Döbele zu sehen. Neben einer wunderbaren mit Tusche ergänzten Farbkreidezeichnung von Karl Schmidt-Rottluff, einem Stillleben mit Vasen und Kerzen der 1930er Jahre für 24.000 Euro, verdienen vor allem die Faltgrafiken Hermann Glöckners Beachtung, die zwischen 4.800 und 6.300 Euro ausgepreist waren. Star des Messeauftritts von Döbele war dann aber doch der junge Maler Igor Oleinikov, dessen größtes Ölgemälde schon gleich nach Messebeginn für 17.000 Euro einen Liebhaber fand.
Guido Westerwelle, Außenminister der Bundesrepublik Deutschland, ist treuer Fan der Art.Fair 21. In diesem Jahr kam er mit kleiner Entourage und Ehemann Michael Mronz. Er besuchte die üblichen Verdächtigen und reservierte das ein oder andere Bild, worüber Stillschweigen von Seiten der Messe bewahrt wird. Sicherlich war es nicht die „Multicoloured Marilyn“ von Andy Warhol, die definitiv für 2,9 Millionen Euro den Stand der Galerie Terminus am Ende der Messe verließ. Blooom mit drei O heißt Blüte. Die Blüten der beiden Messen können nur getrennt blühen, sonst werden sie definitiv nicht aufgehen.
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