Der Krieg war vorbei, Holland von der Barbarei entkettet, Max Beckmann nach elfjährigem Exil wieder ein Künstler, der frei über sein Schaffen verfügen konnte. Dennoch, die Leiden und Schrecken der Vergangenheit wirkten noch lange nach, und so verwundert es nicht, dass Beckmanns „Erschreckte Frau“ auf einem 1945 entstandenen Aquarell noch ohne Zuversicht auf eine ungewisse Zukunft schaut, abwehrend die Hände erhebt und sich fast verkriecht vor jener Welt, die ihr die beste Zeit des Lebens verdorben haben. Das Blatt, mit den charakteristischen Schraffierungen in Tusche gezeichnet, die eine Verschattung andeuten, ohne eine allzu korrekte Wirklichkeitswiedergabe überhaupt anstreben zu wollen, ist eines der Hauptstücke auf der Versteigerung „Neumeisters Moderne“.
Moderne Kunst
Kunst und Kunsthandwerk halten sich auf der Münchner Auktion am 13. November wertmäßig ungefähr die Waage. Im Hauptprogramm der Gemälde, Grafiken und Skulpturen gibt es neben Beckmann lediglich eine Handvoll herausragender Werke, dazu ein paar Kuriositäten und Außenseiter wie Fritz Behns Bronzeskulptur eines tanzenden Afrikaners von 1911 (Taxe 8.000 bis 10.000 EUR), Josef Scharls surreales Spätwerk „Früchtestillleben im Mondschein“ von 1943, auf dem alle Früchte entweder geschält oder aufgeschnitten sind und langsam zu faulen beginnen (Taxe 3.000 bis 4.000 EUR), Otto Geigenbergers melancholische Ansicht der malerisch in einer Flussschleife gelegenen Stadt Wasserburg am Inn (Taxe 2.800 bis 3.000 EUR) oder Otto van Rees’ expressionistische Landschaft „Vor dem Dorfe“ von 1935 (Taxe 1.200 bis 1.500 EUR).
Adolf Münzer gehört zum Kreis der Münchner „Scholle“-Künstler und steuert eine melancholische junge Frau vor weiter alpenländischer Seenplatte von 1927 (Taxe 800 bis 1.000 EUR). Seine „Scholle“-Kollegen waren Fritz Erler und dessen Bruder Erich Erler-Samaden. Auch sie nahmen sich bodenständiger Themen an, Fritz etwa um 1902 einem Zigeunerwagen mit abendlichem Lagerfeuer (Taxe 2.000 bis 2.500 EUR). Erich gibt gleich acht Gemälde und Zeichnungen in die Auktion, darunter die Mutter mit Kind vor dämmeriger Bergkulisse (Taxe 4.500 bis 5.500 EUR), eine ebenfalls im Hochgebirge angesiedelte „Urwelt“ einer säugenden Mutter (Taxe 3.500 bis 4.500 EUR) oder die mit Kohle 1922 gezeichnete Hirtin (Taxe 600 bis 800 EUR). Wem dies zu schwermütig ist, sollte lieber zu dem farbenfrohen Akt mit schwarzen Strümpfen greifen, den Hermann Ebers um 1920 in der Nachfolge von Corinths Malweise auf die Leinwand brachte (Taxe 1.000 bis 1.500 EUR), oder zu den Blumen- und Obststillleben von Maria Caspar-Filser für bis zu 9.000 Euro. Auch die beiden Landschaftsaquarelle von Hans Purrmanns zeichnen sich durch eine südländische Leichtigkeit aus (Taxen je 2.000 bis 3.000 EUR). Obwohl Walter von Ruckteschell 1909 einen Reigen junger Mädchen um einen erblühenden Baum malt, vermittelt das Frühlingsbild vor allem durch die alten Gesichter der Dargestellten eine unheimliche Seite (Taxe 1.800 bis 2.000 EUR).
Natürlich stehen daneben auch die Dauerbrenner bereit, etwa Pablo Picasso, dessen Lithografie „Le petit dessinateur“ von 1954 in einer Auflage von fünfzig Stück allerdings selten anzutreffen ist (Taxe 20.000 bis 25.000 EUR), und ein Pastell von Lesser Ury, das den Grunewaldsee im Licht der untergehenden Sonne erstrahlen lässt (Taxe 12.000 bis 15.000 EUR). Das symbolistische Münchner Urgestein Franz von Stuck sendet wohl zusammengehörige, jedenfalls baugleiche Gemälde „Orpheus“ und „Resonanz“ aus der Zeit um 1891 in opulenten Originalrahmen (Taxen je 20.000 bis 25.000 EUR), daneben aber auch das Portrait einer jungen Frau um 1920 (Taxe 18.000 bis 22.000 EUR) sowie sein in Gouache und Deckweiß gezeichnetes Kinderbildnis „Fränzi Brakl“ im Tondo (Taxe 3.000 bis 4.000 EUR).
Spitzenlos der Moderne ist Karl Hofers „Mädchen am Tisch“ aus dem Jahr 1939, ein besonders charakteristisches Beispiel für die kühle, fast entseelte Sachlichkeit des Malers, zu der der spröde Farbauftrag einen großen Teil beiträgt. Daran können auch die bunten Blume in einer Vase und die gemusterte Tischdecke nicht viel ändern: Das Motiv konfrontiert den Betrachter auch mit einer politischen Aussage des dezidiert antinationalsozialistischen Künstlers (Taxe 200.000 bis 220.000 EUR). Ein Jahr zuvor hatte Hofer in ähnlich erdigen Farben ein Stillleben mit Pfirsichen in einem Flechtkorb gemalt (Taxe 40.000 bis 60.000 EUR). Vertreten ist ein Großteil der „Brücke“-Künstler mit Grafiken, so Hermann Max Pechstein mit seinen 1919 entstandenen Holzschnitten „Dorfstraße“ und „Am Dorfeingang“ für jeweils günstige 2.500 bis 3.000 Euro, Erich Heckel mit seinem „Mädchen am Meer“ aus dem Jahr 1918 (Taxe 6.000 bis 7.500 EUR) und Emil Nolde, von dem die Radierung „Bauernhof“ von 1922 bei 7.000 bis 9.000 Euro zum Aufruf gelangt. Karl Schmidt-Rottluffs Aquarell „Pommerscher See“ lässt sich wohl als Spätwerk ansprechen, ist aber nicht datiert (Taxe 15.000 bis 18.000 EUR).
Zeitgenössische Kunst
Die Zeitgenossen leitet Max Ackermann 1963 durch ein suggestiv meditatives „Kraftfeld Violett“ ein, das ganz von der genannten Farbe dominiert wird (Taxe 18.000 bis 20.000 EUR). Abstrakt geht es auch weiter mit Karl Friedrich Brusts informellem „Schwarzem Tor“ (Taxe 1.500 bis 2.000 EUR), Paul Jenkins’ Acrylbild „Phenomena Point of Return“ von 1966 (Taxe 8.000 bis 10.000 EUR), der Andeutung einer „Mare di Sicilia“ von Antonio Corpora 1989 (Taxe 10.000 bis 12.000 EUR), zwei Farbenspielen Carl Buchheisters aus dem Jahr 1951 für bis zu 7.000 Euro, HAP Grieshabers ungewöhnlich gegenstandslosem Farbholzschnitt „Ulmo“ von 1958 (Taxe 4.000 bis 6.000 EUR) und einem bunten und filigranen Streifenmuster mit vertikaler Ausrichtung unter dem Titel „Elevator“, das die 1963 geborene Berlinerin Tina Buchholtz erst in diesem Jahr schuf (Taxe 2.000 bis 2.500 EUR). Als einen Höhepunkt dieser Richtung darf man Sam Francis’ unbetitelte Farbgemischwolke in Gouache und Öl ansprechen, die für 25.000 bis 30.000 Euro sicher einen Liebhaber des abstrakten Expressionismus finden wird. Mit 10.000 bis 12.000 Euro ist auch eine 1951 entstandene Ölkomposition Fritz Winters mit schwebenden Formen vorsichtig bewertet.
Gegenständlich wird es mit Johann Georg Müller und zugleich ein wenig surreal. Sein gedrängtes Stillleben mit Flasche und Glas von 1957 macht den Eindruck, als wolle es jeden Moment in seine Einzelteile zerfallen (Taxe 50.000 bis 60.000 EUR). Georg Baselitz stellt seinen „Adler“ auf einem Aquarell von 1977 wieder einmal auf den Kopf (Taxe 20.000 bis 30.000 EUR). Ob Gilbert & George jetzt schwul sind oder nicht, wissen vermutlich nicht einmal sie selbst, doch ihre Collage „Skeleton Pory (Postcard-Sculpture)“ von 1981 ist in dieser Hinsicht hochbrisant. Denn im Jahr der Entstehung wurde das HIV-Virus als Ursache von AIDS entdeckt, und mit den in Kreuzform angeordneten Postkartenmotiven eines Rosenstraußes und eines öffentlich im Prangerkäfig verendeten Menschen reflektiert das Künstlerduo auf die Antithesen von Lust und Sünde, Schuld und Sühne (Taxe 18.000 bis 22.000 EUR).
Zwei sechsstellige Schätzpreise listet der Katalog. Erstens Horst Antes’ „Mauerbild IV (Nasenfigur)“, entstanden 1966 und damit wenige Jahre, nachdem er den Urgrund zu seinen „Kopffüßlern“ gelegt hat. Die Palette ist hier sehr bunt, das Thema symbolisch beladen, wie unter anderem eine weiße Friedenstaube erahnen lässt (Taxe 100.000 bis 120.000 EUR). Übertroffen wird Antes allerdings von jenseits des Atlantik: Jean-Michel Basquiat, mit kapitalen Werken auf deutschen Auktionen eigentlich selten vertreten, ist hier durch eine unbetitelte Collage mit verschiedenen assoziativ wirkenden Gegenständen und Motiven, in der er 1987 ein Jahr vor seinem frühen Drogentod noch einmal die Summe der Erlebnisse in seinem kurzen, rasanten Leben zog. Der Einlieferer bezog es direkt aus Basquiats Atelier und möchte es jetzt für 500.000 bis 600.000 Euro verkaufen. Die amerikanische Offerte wird außerdem ergänzt durch Roy Lichtensteins Offsetlithografie „Shipboard Girl“ von 1965, das trotz arg verblichener Farben für gängige 15.000 bis 18.000 Euro taxiert ist.
Unterstützung erhalten die Zeitgenossen von einer französischen Privatsammlung, aus der elf Gemälde des deutschen Künstlers Günter Fruhtrunk den Weg nach München fanden. Sie stammen aus der Zeit zwischen 1954, dem Jahr, das der Künstler selbst als den Beginn seines Schaffens ansah, und 1967, als er eine Professur erhielt und ein Jahr später an der vierten Documenta in Kassel teilnahm. Fruhtrunk gehörte zu den bedeutendsten Vertretern der Konkreten Kunst nach 1945 in Deutschland. 1982 wählte er den Freitod. Die älteren, noch von einer gewissen formalen Freiheit gekennzeichneten Arbeiten wie „Zwei Kreise“ von 1958, fünf Jahre später allerdings überarbeitet, oder eine Komposition von 1954 bewegen sich preislich zwischen 12.000 und 15.000 Euro. Mit der 1957/60 entstandenen „Bewegung in Kreisen“ gelangt er allmählich zu seinen strengen Erfindungen der mittleren Jahre (Taxe 25.000 bis 30.000 EUR). Hier sind besonders die „Umkehrenden Reihen“ (Taxe 25.000 bis 30.000 EUR) und ein „Dynamisches Feld“ jeweils aus dem Jahr 1962 zu nennen (Taxe 40.000 bis 60.000 EUR), die die charakteristischen Streifenmuster zeigen. Zu letzterem gehört auch als kleiner Vorläufer das „Dynamische Feld in Rot – Studie 1“, das 20.000 bis 25.000 Euro kosten soll.
Kunsthandwerk und Design
Dem Hauptprogramm gehen knapp zweihundert Lose des Kunstgewerbes voraus, mit Silber der Kopenhagener Firma Georg Jensen und Vasen der bekannten französischen Firmen Emile Gallé oder Muller Frères sowie aus Murano unter anderem nach Entwurf von Dino Martens und Tobia Scarpa im vierstelligen Bereich. Hauptattraktion ist eine Jahreszeitenreihe aus Ton, ausgeführt nach 1915 in der Wiener und Gmundner Keramik nach Entwürfen Michael Powolnys und sparsam in Schwarzweiß bemalt (Taxe 61.000 bis 65.000 EUR). Unter den Möbeln muss Louis Majorelles fünfteiliges Jugendstilspeisezimmer „Ombelles“ von etwa 1905 genannt werden, das insgesamt um die 11.000 bis 13.000 Euro kosten soll. Vom Art Déco ließ sich der Mailänder Aldo Tura noch in den 1960er Jahren für eines tabernakelartigen Barschrank mit marmorierten Türen beeinflussen (Taxe 3.500 bis 3.800 EUR). Abstrakte Motive nach Rupprecht Geiger und Herbert Bayer prangen auf vier Teppichen der Edition Kröner (Taxen zwischen 1.000 und 3.000 EUR).
Daneben hat das Auktionshaus – nach der Mai-Auktion „Plastic fantastic“ jetzt unter dem Titel „Chair Affair“ – in rund hundert Losen einen separaten Katalog ausschließlich mit Sitzgelegenheiten und durchaus erschwinglichen Preisen zusammengestellt. Hier finden sich die elegante Jugendstilbank der Wiener Firma Gebrüder Thonet (Taxe 1.850 bis 1.950 EUR) oder ein Fauteuil Edward Colonnas ebenfalls um 1900 (Taxe 3.200 bis 3.500 EUR) über die strenge Funktionalität in den Stühlen Richard Riemerschmids von 1902/03 (Taxe 2.500 bis 2.800 EUR) und Joseph Maria Olbrichs von 1905 (Taxe 4.000 bis 4.200 EUR) bis hin zu den neuesten Erfindungen des Duos Stefan Eberstadt und Peter Haimerl, die unter dem Nahmen ZOOM Living unter anderem einen faltbaren Aluminiumstuhl für 6.000 bis 8.000 Euro zur Verfügung stellen.
Reich ist auch das Angebot derer, die den Stahl in die Möbelkunst einführten, darunter Ludwig Mies van der Rohes bekannter Sessel „Barcelona“ in einer Ausführung um 1935 (Taxe 4.000 bis 4.500 EUR) und ein Freischwinger des Tschechen Jindrich Halabala von 1930 (Taxe 2.600 bis 2.800 EUR). Bahnreisende freuen sich vielleicht über Henry van de Veldes Sitzbank aus einem Zugabteil der Belgischen Staatsbahn aus den 1930er Jahren freuen, zu der auch Ablage und Garderobe gehören (Taxe 4.000 bis 4.500 EUR). Das italienische Design der 1960er schickt einen Liegestuhl der Mailänder Firma Archizoom Associati sowie Joe Colombos Ledersessel „Elda“ von 1964 (Taxen zwischen 3.000 und 3.800 EUR). Eine Auswahl chinesischer Stühle von Ai Weiweis Documenta-Beitrag „Fairytale – 1001 Chairs“ im letzten Jahr kostet je Stück etwa 2.000 bis 2.500 Euro.
Die Auktion beginnt am 13. November um 9:30 Uhr. Die Vorbesichtigung ist noch bis zum 11. November täglich von 9 bis 17:30 Uhr möglich. Der Katalog ist im Internet unter www.neumeister.com abrufbar. |