 |  | Boxsack und Gemälde von Veronika Dirnhofer am Stand der Galerie Frey aus Wien | |
Nun muss sie wirklich zeigen, was in ihr steckt. Entweder wird die Art.Fair 21 eine schwülstige, rasch verhallende Fanfare oder sie leitet als Trendsetterin heuer den Kunstherbst der Messen ein. Terminlich bisher an der Seite der Art Cologne oder der Cologne Fine Art bestreitet sie zum ersten ihren Soloauftritt in Köln. Freigestellt von den Mitbewerbern, gestatten nun fehlende Überschneidungen unabgelenkte Konzentration auf die programmatischen Setzungen der Kunstmesse. Die Qualität wollen Messemacher Walter Gehlen und Andreas E. Lohaus diesmal steigern und haben dazu einen fünfköpfigen Zulassungsausschuss eingesetzt. Der konnte aus 280 Bewerbungen auswählen und entschied sich für 59 Galerien aus neun Ländern und drei Kontinenten. Was diese in überwiegend großen, zwischen 70 bis 150 Quadratmeter großen Kojen auf 8.000 Quadratmetern bieten, sind leitmotivisch Korrespondenzen zwischen Plastik und Malerei, zwischen etablierten und jungen Künstlern. Vermittelt werden sie anregend frisch im hellen lichtdurchfluteten Ambiente, ergänzt von „Specials“ und singulären Positionen.
Diesmal bilden vier taiwanesische und sechs koreanische Galerien den Schwerpunkt und tragen damit der Tatsache Rechnung, dass Asien nun mal stark im Fokus des Artbusiness steht. Direkt hinter dem Eintritt in die lichte Halle wartet die Berliner Galerie Strychnin mit einem Beichtstuhl des Holländers Daniël van Nes auf, dessen viktorianisch anmutende Ausformungen typisch für den Künstler sind. Seine Werke beschäftigen sich mit Beichte und Absolution in einer Welt, in der Götter und Engel durch die Gesetze des Marktes ersetzt werden. Die für 16.000 Euro zu erstehende Konsumkritik versteckt er in antik wirkenden Behältnissen. Schon etwas weiter läuft die Schau zur Hochform auf. Terminus aus München präsentiert mit einem abstrakten „Verschiebebild“ von Gerhard Richter für 9 Millionen Euro das teuerste Werk der Messe. Daneben bereichern den Stand zwei Plastiken von Tony Cragg (Preise 150.000 und 290.000 EUR) sowie ein hölzernes Vertiefungsrelief von Keith Haring, eine recht seltene Figur, dessen strichförmige Teile von rot gefassten Rillen durchzogen werden (Preis 780.000 EUR).
Mit einem Eyecatcher wiederum wartet Michael Schultz aus Berlin auf. Die überlebensgroße Polyesterplastik eines anmutig schauenden kleinen Kindes stammt von dem bislang weniger bekannten und vom Galeristen entdeckten deutschen Künstler Wolfgang Auer und ist für 48.000 Euro zu haben. Nicht minder interessant sind die keramischen Arbeiten in Schultzes ausgreifender Koje: ein bunter Fernsehapparat aus Porzellan des Chinesen Ma Jun (Preis 8.500 EUR) und die mit Blattgold und Harz gekitteten organischen Plastiken aus Keramikbruch der Koreanerin Sookyung Yee, die zwischen 15.000 und 33.000 Euro kosten, greifen traditionelle Materialien ihrer Heimat auf und translozieren sie ausdrucksmäßig in die Jetztzeit.
Die Galerie Willy Schoots ist sogar der Zeit voraus: Der Künstler Marco den Breems präsentiert auf seinem Stand Teile der Abschiedsinstallation für Jan Hoet, die der scheidende Marta-Chef ab dem 1. November in Herford ausstellen wird (Preis 7.000 EUR). Weiter belegen die Koje Farbbilder von Stephan Kaluza mit skurrilen mehr erahn- als erkennbaren Motiven, die von geätzten Scheiben überfangen zudem eine distanziert verschwommene Anmutung entfalten (Preise 6.000 bis 16.000 EUR). Bei der Galerie von Braunbehrens schreitet dem Besucher eine überlebensgroße und farbig realistisch bemalte Bronzeskulptur von Sean Henry entgegen. Der Walking Man kostet 110.000 Euro, während für kleinere Budgets nicht minder interessante Porträts von Young-Jin Kim beiseite hängen, die der Koreaner geschickt aus in die Leinwand gestochenen Stahlnadeln und gedreht gekräuselten Drähten für je 16.000 Euro kreiert hat.
Der aus dem Iran stammende und mittlerweile schon recht bekannte konzeptuelle Schriftkünstler Babak Saed zeigt im Kunstraum 21 die ganze Breite seiner Variationen. Von Ausarbeitungen in Plexiglas bis in Öl auf Leinwand erstrecken sich die Modulationen seiner Satzkunst (Preise 900 bis 7.500 EUR). Der Schweizer Künstler Lace ergänzt sie mit Holzplastiken, die an anonym-brutalistische Wohnburgen erinnern (Preise 300 bis 3.000 EUR). Robert Drees aus Hannover hat zur Messe nur den 1965 in Finnland geborenen Künstler Pertti Kekarainen mitgebracht. Dessen Fotoarbeiten, die in Kürze auch auf Ausstellungen im Kunstmuseum Wolfsburg und der Stadtgalerie Kiel gezeigt werden, gehören zur Werkgruppe „Tila“, die das Dazwischen sowohl im konkret räumlichen als auch im geistigen Sinne thematisieren. Sie artikulieren den Zwischenraum in Passagen oder zwischen Menschen, die nur im Ausschnitt zu sehen sind (Preise 1.100 bis 13.000 EUR). Burkhard Eikelmann aus Düsseldorf zeigt erotisch angehauchte Figurenbilder von Nathan Ritterpusch aus New York, die er mit Rakel überarbeitet hat und so verschwommen der Realität entrückt (Preis 25.000 EUR).
Am Stand von Max Weber schlägt der Kölner Künstler Peter Zimmermann die Brücke zwischen jungen und alten. Seine abstrakten Bilder sind in mehreren Kunstharzschichten auf Leinwand aufgetragen, die sich aus digital am PC bearbeiteten Fotoausschnitten ergeben und zu irrigen Farb- und Formstrukturen führen (Preise 8.000 bis 12.500 EUR). Ferner sieht bei Max’ Projects reizvolle Acrylbilder auf Sperrholz von Jens Wolf, der geometrische Figurationen kontrapunktisch mit gewollten Fehlstellen konfrontiert, die zunächst irritieren, aber Bestandteil der Arbeiten sind (Preis 5.000 EUR). Die Galerie Epikur hat großformatige Gemälden für diese Messe ausgesucht, Landschaften von Denise Richardt (Preise 3.500 bis 5.00 EUR), Felix Rehfelds eher abstrakte Formationen (Preis 4.500 Euro) oder die am Realismus orientierten Personendarstellungen von Ruth Bussmann (Preise 2.800 bis 5.600 EUR). Der expressiv ausladende, auf einem traditionellen Sockel stehende, hölzerne „Fahnenträger“ von Gregor Gaida kostet 7.800 Euro.
Der Hingucker bei DAM aus Berlin ist eine mit Hilfe der 3D-Projektion in Tinte auf Leinwand gebannten Winterlandschaft im Schnee. Aufgrund ihres Tiefensogs eine entfacht sie eine faszinierende Wirkung, bei der sich der Blick im Geäst des Waldes verliert. Das Bild von Gerhard Mantz zeigt abermals die gelungene Kombination Arbeitweise, mithilfe neuer Techniken der Malerei zu neuen Aussagen zu verhelfen (Preis 5.500 EUR). Nebenan präsentiert die Jörg Heitsch Galerie Horizontalfotografien von Georg Küttinger. Die ausschnitthaften, aber umso konstruktiveren Einblicke in Landschaften bewegen sich preislich von 1.800 bis 2.900 Euro. Wieder eine Koje weiter schauen den Betrachter großformatige Hundeporträts an. Die im Meer schwimmenden und mit Rettungsring ausgestatteten Doggen stammen von Kaya Theiss und sind am Gemeinschaftsstand von Alexa Jansen/Thomas Hühsam für je 2.000 Euro zu erwerben.
Aus Wien ist Peter Frey angereist, der mit Künstlern aus seiner Heimat die österreichische Fahne in Köln hochhält. Veronika Dirnhofer glänzt mit bemalten Boxsäcken zu 3.800 Euro sowie etwas teureren Gemälden, auf denen sie Personen in Landschaften eher skizziert als malt und somit eine unübersehbare Flüchtigkeit erzeugt. Der Wiener Bernard Ammerer legt in seinen Personendarstellungen dagegen mehr Realismus an den Tag. Die Figuren sind in Bewegung und werden nur teilweise vom Bildgrund erfasst, bewegen sich hinein und hinaus (Preise 2.000 bis 4.000 EUR).
Bei Barbara von Stechow dominiert ebenfalls die Malerei, aufgelockert durch seismografische Frequenzen, deren Kurven die 1964 in Mannheim geborene Künstlerin Patricia Strickland in Aluminiumplatten geschnitten hat. Die in ständig wechselnden LED-Farbbeleuchtungen hinterfangenen Kurven resultieren aus Frequenzen von Beethovens 9. Sinfonie und einer Rede von Martin Luther King jr. (Preis 6.000 EUR). Wolfgang Gmyrek hat als Hingucker Katja Pfeiffers Wald- und Dickichtstrukturen platziert. Aus acrylbemalten, gepressten Holzplatten ausgesägte Pflanzen und Bäume stehen in Schichten übereinander und suggerieren so die wuchernden Strukturen der Natur (Preise 9.500 bis 11.800 EUR).
Die Art.Fair 21 scheint dieses Jahr mehr denn je von sorgfältig ausgesuchten Positionen bestimmt. Dieses Streben nach mehr Qualität hat sich gelohnt, denn Bastelecken sucht man vergeblich. Trotzdem liegt hier ein schönes Stück Wegstrecke vor der Messe, um noch mehr nationale wie internationale Aufmerksamkeit zu erhalten. Der wie immer professionell organisierten Art.Fair 21 sind nicht nur viele Besucher, sondern auch behutsames Prosperieren in den kommenden Jahren zu wünschen, damit ihre Fanfaren zum Beginn des Kunstherbstes noch stärker mit veritablen Kursvorgaben Ziele für die nachfolgende Veranstaltungen in Deutschland setzen.
Die Art.Fair 21 läuft vom 3. bis zum 5. Oktober und hat täglich von 13 bis 21 Uhr, am Sonntag von 11 bis 19 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 12,50 Euro, ermäßigt 9 Euro. Für Jugendliche unter 16 Jahren ist der Eintritt frei.
Art.Fair 21
Expo XXI
Gladbacher Wall 5
D-50670 Köln
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