Kunstmesse ist nicht gleich Kunstmesse. Was für Museen oder Galerien mit ihren spezifischen Pogrammen, Präsentationen und Besuchern gilt, trifft für Messen auch zu. Mit viel Geschick, Engagement und Fortune segelt die Art Karlsruhe schon seit fünf Jahren selbstsicher und bodenständig als ernstzunehmendes Schiff in der Flotte wichtiger gleichartiger Veranstaltungen. Konzentriert auf fünf kurze Tage, ausgezeichnet terminiert und platziert in wundervollem Ambiente moderner Messehallen hat sie weit mehr zu bieten als die Leistungen der künstlerischen Hauptvertreter des deutschen Südwestens. Mit ihrem bis weit in die Schweiz und ins unmittelbar angrenzende Frankreich hineinreichenden Kunst- und Besucherpotentials vereinnahmt sie längst ein nicht zu unterschätzendes Stück des zu verteilenden Anteils im Kunstmarkt. Das Portfolio reicht von international operierenden Galerien bis hin zu heimischen Händlern. Ergänzt wird das Messegeschehen durch Diskussionsveranstaltungen zu aktuellen, zentralen Fragen mit hochkarätig besetzten Podien, Sonderschauen, Auftritten von Medien und Institutionen.
Voller Enthusiasmus zeigte sich der Berliner Galerist Michael Schultz: Die Vernissage erinnere ihn an die besten Zeiten der Art Cologne, so viele Sammler seien in Karlsruhe anzutreffen. Er findet es höchst erstaunlich, was innerhalb von fünf Jahren hier auf die Beine gestellt wurde. Die Art Karlsruhe hält er für eine „ganz wichtige Messe, die wichtigste nach dem Berliner Art Forum“. Insgesamt gesehen legten die Galeristen in Gesprächen große Zufriedenheit über Kauflust, Ambiente und alles Drumherum an den Tag. Während die Art Karlsruhe in diesem Jahr bei der Klassischen Moderne noch einmal zulegt hat, ist interessante und gute junge Kunst noch immer die Ausnahme, vieles einfach zu dekorativ. In diesem Bereich kann Schultz etwa ein großformatiges Ölbild des Chinesen Huang He betitelt mit „Yalta“ vorweisen. Das dreiteilige Opus ging für 40.000 Euro an die Amsterdamer Sammlung Arie de Knecht. Von Sven Drühl ist mit „Bastura Landscape“ ein ebenfalls großes, dreiteiliges Ölgemälde noch für 18.000 Euro zu haben.
Erhard Witzel aus Wiesbaden hat seinen Schwerpunkt auf längsrechteckige Fotoarbeiten von Dirk Brömmel gelegt. Die Schiffsaufblicke offenbaren recht eigenartige grafische Strukturen (Preise 560 bis 15.000 EUR). Dorothea van der Koelen hat auf ihrem großzügigen Stand einen eigenen Bereich mit Arbeiten des 1958 geborenen Kölners Martin Willing eingerichtet, dessen wippende, vibrierende, federnde Kreise, Kugeln oder Schichtungen aus Metall, die zwischen 750 und 24.000 Euro kosten, Bewegung in das Kunstgeschehen bringen. Ein weiteres eigenes Kabinett bespielt hier Fabrizio Plessi. Neben Papierarbeiten besticht hier die Videoskulptur „Arco digitale (fuoco)“ aus stählernen Bögen mit eingelassenen Bildschirmreihen, die Wasser und Feuer ausstrahlen (Preis 180.000 EUR).
Bei der Galerie Lange aus Siegburg kann man die Kunst des 1982 verstorbenen Art Brut-Malers Josef Wittlich entdecken. Zu den Hochzeiten des Informel malte er starkfarbige, figurative Bilder, in denen er geschichtlich bedeutende Persönlichkeiten und Geschehen aus dem Kaiserreich auf naive Art aufgreift. Die Zeichnungen kosten zwischen 1.200 bis 6.400 Euro. Der Hamburger Galerist Peter Borchardt hat sich in der sehr farbenfrohen Messe bewusst auf die Farben Schwarz und Weiß konzentriert und legt den Schwerpunkt auf aus Astgabeln zusammengesetzte und farbig gefasste Skulpturen von Rolf Bergmeier. Seine „Nr. 54“ ragt aufgrund ihrer Überlänge von 5,50 Meter weit aus dem Stand heraus. Dieser Eyecatcher kostet 35.000 Euro.
Benden & Klimczak legen den Schwerpunkt wie immer auf die Pop Art. Neben Robert Indiana, Claes Oldenburg oder Andy Warhol bietet sie eine Serie überwiegend kleinformatiger Papierarbeiten von Tom Wesselmann an. Die Collagen, Aquarelle, Zeichnungen mit alltäglichen und erotischen Motiven kosten zwischen 24.000 bis 130.000 Euro. Die Wuppertaler Galerie Epikur hat ihren Stand unter das Motto „Von der Schönheit des Alltäglichen“ gestellt. Schwerpunkt sind Ölgemälde mit Naturmotiven, so etwa das von Kaya Theiss 2007 gemalte Bild „Schangrila II“ für 10.000 Euro.
Hingucker bei der Galerie Vayhinger ist die auf einem Stahlgestell aufgeständerte Formation aus Holz, Erde und Jute „Für mich soll’s rote Rosen regnen“ von Madeleine Dietz für 14.000 Euro. Die schöne Tuschezeichnung „Schuppen im Garten“ von Erich Heckel aus dem Jahr 1919 wurde bereits für 10.000 Euro verkauft. Auch die Düsseldorfer Galerie Ludorff glänzt wieder mit Werken der klassischen Moderne. Alexej von Jawlenskys Ölgemälde „Nemesis II“ von 1919 kostet 1,35 Millionen Euro. Das „Körnerfeld“ von Hermann Max Pechstein aus dem Jahr 1922 liegt ebenfalls bei stolzen 890.000 Euro. Außerdem besticht die Skulptur „Große liegende Kuh“ von Ewald Mataré aus dem Jahr 1930 bei 245.000 Euro. Das wohl das teuerste Werk der Messe hängt am Stand von Henze & Ketterer aus Wittrach bei Bern: Eine „Hafenansicht“ Pechsteins für 2,3 Millionen Euro.
Klassisch geht es auch bei Thole Rotermund aus Hamburg zu. Er präsentiert etwa die Lithografie „Zwei Menschen“ von Edvard Munch aus dem Jahr 1920 für 55.000 Euro. Aufgespürt hat er die figurativ-realistische Kunst der 1903 in Offenburg geborenen Malerin Gretel Haas-Gerber. Von den 1920er Jahren bis zu ihrem Tod 1998 hat sie einen reichen Bilderkosmos geschaffen, der zwischen Neuer Sachlichkeit und expressivem Realismus changiert. Ein Selbstbildnis von ihr aus dem Jahr 1932, schon reserviert für ein Museum, gibt es bei Rotermund für 12.000 Euro. Die Galerie Neher aus Essen vereinnahmt ihren Skulpturenplatz vor der Koje mit zerknickten Edelstahlstelen von Ewerdt Hilgemann, die vom kleinen Format bis in Überlebensgröße reichen und zwischen 16.000 und 44.000 Euro verlangen. Daneben findet sich in der Koje auch Gerhard Richters berühmtes Motiv „Kerze I“ von 1988 für 13.800 Euro.
Bei Rother aus Wiesbaden ist mit dem Glaskünstler Nabo Gaß etwas Neues zu sehen. Sein mehrschichtiges Glasbild „Maria-Maria“ lässt auf der einen Seite das Porträt von Maria Callas erkennen, von der anderen Seite betrachtet, erscheint eine taubstumme Maria, ein Effekt, der durch übereinander gelagerte Glasscheiben erzielt wird und eine einzigartige passive Kinetik evoziert. Heiner Hachmeister aus Münster hat für die Messe eine Suite mit Tuschezeichnungen, Collagen und Aquarelle von Le Corbusier zusammengestellt. Die wunderbaren Arbeiten des Architekten reichen bis zu 58.000 Euro. Hubertus Melsheimer aus Köln zeigt eine formvollendete kleine Plastik aus Bronze mit brauner Patina von Georg Kolbe. „Allegro“, ein museales Werk von 1929, liegt bei 85.000 Euro.
Die Galerie Brockstedt aus Berlin feiert den 70sten Geburtstag von Johannes Grützke nach und offeriert seine Leinwände für bis zu 20.000 Euro. Die Galerie Döbele aus Dresden fokussiert sich in einem separaten Kabinett auf Hermann Glöckner. Seine Arbeiten auf Papier entwickeln sich aus dem Material, wie etwa eine Collage aus Zeitungspapier mit getupften Farbstreifen, die mit 3.200 Euro angesetzt ist; eine weitere Collage mit Temperafarben, die an Poliakoff verzahnte Farbfelder erinnert, soll bei 12.000 Euro einen Liebhaber finden. Salis & Vertes aus Salzburg, Neuaussteller in Karlsruhe, präsentieren neben abstrakten Farbschlieren von Gerhard Richter aus dem Jahr 1988 auch Lyonel Feiningers „Stillleben mit Kanne“ von 1917 für 1,45 Millionen Euro.
Frank Schlag aus Essen offeriert ein abstraktes Acrylbild von Kuno Gonschior für 18.000 Euro, der Erfurter Galerist Jörk Rothamel für 24.000 Euro die große Edelstahlskulptur „Der Wagen“ von Axel Anklam aus dem Jahr 2004, deren Flügel den Skulpturenvorplatz der Galerie elegant beleben. Auf die durch die kriegsbedingten Chemiereste genetisch veränderten Menschen in Vietnam spielt der Vietnamese Nguyen Xuan Huy an. Sein wandfüllendes, dreiteiliges Bild „Prozessionen“ kostet 9.000 Euro. Jörg Schuhmacher aus Frankfurt verlagert sein Angebot zunehmend ins 20ste Jahrhundert. Er bietet etwa Andy Warhols erste Auftragsarbeit, das Porträt Florence Barron aus dem Jahr 1965, für 195.000 Euro feil, ferner eine Papierarbeit mit Tieren, Wolken und Pflanzen von Max Ernst. Die Frottage „Peggys Birthday“, geschaffen für Peggy Guggenheim im Jahr 1942, kostet knapp unter 100.000 Euro.
Die Art Karlsruhe hat bis zum 1. März täglich von 12 bis 20 Uhr, am 2. März von 11 bis 19 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 14 Euro, ermäßigt 10 Euro, die Zweitageskarte 22 Euro bzw. 18 Euro und die Abendkarte ab 17 Uhr 8 Euro. Der Katalog kostet 12 Euro. |