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Marktberichte |
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Moderne Kunst bei Hauswedell & Nolte in Hamburg  Vom Jugendstil zum Kommunismus

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 |  | Francisco de Goya, Los desastres de la guerre, 1810-1813 | |
Nichts für schwache Gemüter ist der Anfang der Auktion bei Hauswedell & Nolte am 1. Juni. Die älteste künstlerische Arbeit der dort versteigerten modernen Kunst stammt von Francisco de Goya. Seine 80teilige Folge von Aquatintaradierungen „Los desastres de la guerre“, die er 1810 bis 1813 als Reaktion auf den 1808 ausgebrochenen französisch-spanischen Krieg schuf, waren wegen ihrer die Kriegsgräuel schonungslos offenlegenden Motive derart brisant, dass sie zu Lebzeiten des Künstlers nicht erscheinen durften und erst 1863 von der Königlichen Akademie in Madrid publiziert wurden. Diese Ausgabe soll nun 30.000 Euro kosten. Um 1815/24 konzipiert und ebenfalls erst spät, 1864, gedruckt wurden Goyas „Los proverbios“, surrealistische Hexenfantasien, in deren Fußstapfen sich später der Belgier James Ensor mit seinen acht grauenvollen Radierungen „Les péchés capitaux“ von 1888 bis 1904 begeben sollte (Taxe 20.000 und 25.000 EUR).
Erst danach beruhigt sich das Angebot ein wenig, denn mit Camille Pissarro betreten die französischen Impressionisten die Bühne. Seine farbige Radierung „Église et ferme d’Eragny“ von 1890 wartet für 65.000 Euro auf einen Käufer, Paul Cézannes zwei Farblithografien nackter badender junger Männer von 1896/97, die wie Aquarelle wirken sollten und es doch nicht ganz tun, so dass sich der Künstler bald wieder der individuellen Zeichnung in Form von Aquarellen zuwendete, sind vielleicht für 15.000 und 25.000 Euro zu haben. Dem Menschen widmet sich auch Pierre-Auguste Renoir. Seine nackte Badende auf einer Farblithografie von 1896 in einem unbeobachtet geglaubten Augenblick ist fast ironisch aufzufassen (Taxe 40.000 EUR). Albert Lebourg steht mit einem gemalten Blick auf die Kathedrale Notre Dame zu Paris auf dem Programm (Taxe 26.000 EUR).
Auf deutscher Seite beeindruckt insbesondere Lesser Ury. Sein Blick aufs Brandenburger Tor über die regennasse Straße Unter den Linden kennzeichnet sich als ein typisches Werk des Meisters, der damit noch in Zeiten der Abstraktion während der 1920er Jahre seinen charakteristischen Stil gefunden hatte (Taxe 90.000 EUR). Unter den expressionistischen Künstlers ist zunächst Egon Schiele zu nennen, der aber nicht mit einem seiner aufgerissenen Menschenbilder, sondern mit einer recht frühen Schneelandschaft von 1908 auf kleinem Karton zum Einsatz kommt (Taxe 150.000 EUR).
Leuchtende Farbpunkte inmitten einer nachtschwarzen Umgebung zeigt Wassily Kandinskys farbiger Holzschnitt „Promenade“ von 1902 (Taxe 28.000 EUR). In gleicher Technik nahm Edvard Munch 1898 zwei „Frauen am Meerufer“ auf, die inmitten einer fast abstrakten Farbflächenkombination aus Grün, Blau, Beige und Schwarz, welche Farben für Wiese, Meer, Strand und Ufer stehen, wie leere Gespenster wirken (Taxe 120.000 EUR). Seine Lithografie „Loslösung“ von 1896 möchte für 50.000 Euro ihrem Titel Genüge tun.
Einen der wichtigsten Beiträge zum Expressionismus leistet diesmal Otto Mueller, von den Dresdner „Brücke“-Künstlern zwar beinahe der typischste und individuell unverwechselbarste, doch eigentlich in der zweiten Reihe stehend. Diesmal aber geht es um ein relativ großformatiges, vollwertiges Gemälde, auf dem der Künstler sechs Mädchenakte mit wenigen Strichen und Flächenschraffuren zwischen Schilf versammelt. Ein Großteil der Malfläche aus Rupfen ist gar nicht bedeckt. Aber 600.000 Euro sind doch ein fairer Preis für das Werk eines Künstlers, der aus seiner nicht allzu langen Lebenszeit auch ein nicht allzu großes Œuvre hinterließ.
In München war Alexej von Jawlensky aktiv. Aus seiner dezidiert expressionistischen Phase sind insbesondere die Frauenbildnisse bekannt, von denen in Hamburg zwei auf Vorder- und Rückseite eines Kartons zusammengehörige Exemplare von etwa 1912/13 für 800.000 Euro zur Verfügung stehen. Sein Blumenstillleben von 1935 schuf der Künstler schon unter den schwierigen Bedingungen einer fortschreitenden Alterskrankheit, die ihm nur noch das Malen auf kleinem Format erlaubte (Taxe 50.000 EUR). Dagegen haben Erich Heckel und Ernst Ludwig Kirchner lediglich einige Grafiken zu bieten, letzterer die Lithografie „Mädchen im Badetub“ von 1909 (Taxe 28.000 EUR).
Emil Nolde ist mit vier seiner leuchtenden Aquarelle vertreten, darunter einem „Mädchenkopf mit braunem Haar“ von etwa 1925 (Taxe 80.000 EUR) und einem „Stillleben mit Madonna und Weihnachtsstern“ (Taxe 40.000 EUR). Von seiner Südseereise 1913 brachte er „Drei Dschunken“ auf braunem Gewässer mit (Taxe 25.000 EUR). Wer den Expressionismus nicht mag, wird vielleicht bei Paul Klees Kinderzeichnungen fündig, so seiner Farblithografie „Seiltänzer“ von 1923, die doch so etwas wie eine durchdachte tektonische Ordnung erkennen lässt (Taxe 50.000 EUR).
Für den schonungslosen Realismus des mitunter erbärmlichen Berliner Stadtlebens stehen insbesondere Otto Dix mit den fünf Radierungen aus seinem zweiten Radierwerk, das 1921 als dritte Mappe der „Graphischen Reihe“ im Dresdener Verlag erschienen ist (Taxe 90.000 EUR), und George Grosz, dessen Tuschfederzeichnung „Café Billard“ von 1916 das Aneinandervorbeileben der geistig und nach Grosz’ strichmännchenartiger Charakterisierung gewissermaßen auch körperlich entleerten Menschen einfängt (Taxe 40.000 EUR). Auch Käthe Kollwitz’ Bleistiftzeichnung einer vergewaltigten Bauersfrau, die elend im Kräutergarten liegt, beschäftigt sich wie Goya mit grauenhaften Kriegsgeschehnissen. Denn es handelt sich bei dem bisher unbekannten Blatt um eine detaillierte Vorzeichnung zum Zyklus „Bauernkrieg“ von 1907 (Taxe 25.000 EUR).
Bei all dem geht es einem wie Ernst Barlachs Bronzeplastik „Der Zweifler“ von 1930, einem in bildnerische Form geprägten Ausdruck von Melancholie und Menschenskepsis (Taxe 90.000 EUR). Lustig anzuschauen ist dagegen Max Beckmanns Tuschfederzeichnung, in der ein Mann mit kleinem Kopf und riesigem Bauch hinter Tee und Hund sein „Bauchweh“ beklagt. Das Blatt entstand allerdings 1944 während Beckmanns schwerer Zeit im Amsterdamer Exil (Taxe 25.000 EUR). Die Neue Sachlichkeit, repräsentiert durch Alo Altripps Ölbild „Die neue Firnisflasche“ von 1928, bildet die Wirklichkeit scheinbar ab, wie sie ist, und lässt doch eine subjektive Wertung erkennen (Taxe 25.000 EUR). Oder man flüchtet sich mit Walter Dexel in die Abstraktion und gestaltet 1930 einen „Förderturm I“ in wohldurchdachte Unordnung und buntfarbige Flächenmuster um (Taxe 30.000 EUR). Kurt Schwitters’ Merzzeichung „Ohne Titel (Hell- und Dunkelbraun)“ ist eine gegenstandslose Papiercollage in eben diesen Farben mit blauen Einsprengseln von 1922 (Taxe 25.000 EUR).
Nach dieser von Deutschen dominierten Abteilung kommen zum Schluss wieder einige ausländische Künstler an die Reihe, als prominentester Pablo Picasso. Mit 45.000 Euro trägt sein farbiger Linolschnitt „Jacqueline au bandeau II (femme au cheveux flous)“ von 1962 das teuerste Etikett. Marino Marini, sonst eher als Bildhauer hervorgetreten, lässt seinen Akrobat auf einer Gouache grau in grau wie in einem wesenlosen Raum schweben (Taxe 25.000 EUR). Wie dieser datiert auch Henri Matisses farbige Aquatintaradierung „Marie-José en robe jaune“ ins Jahr 1950 (Taxe 110.000 EUR).
Weiter geht es mit Abstraktionen von Ernst Wilhelm Nay, darunter eine „Finsternis“ in Kreisformen aus dem Jahr 1959 (Taxe 120.000 EUR), und Fritz Winter, dessen „Komposition“ ebenfalls bei Nacht entstanden sein könnte und bereits 1934 das Licht der Welt erblickte (Taxe 40.000 EUR). Wols’ aquarellierte, filigrane Tuschfederzeichnung „La Ville“ von etwa 1940/41 scheint sich ein wenig an Paul Klee anzulehnen (Taxe 75.000 EUR). Den Rest der Auktion bestreiten weitgehend die Amerikaner, so Jackson Pollocks unbetitelte sechs gestischen Abstraktionen von 1950, die erst posthum 1964 im Druck erschienen (Taxe 50.000 EUR), und zwei gleichformatige Vorzeichnungen für Serigrafien Andy Warhols von 1985 (Taxe je 50.000 EUR). Cy Twomblys skripturale Lithografien „Roman notes“ von 1970 gehören eigentlich schon in die Abteilung Zeitgenossen (Taxe 80.000 EUR), ebenso wie Martin Kippenbergers Materialcollage mit Holzscheiten und Lebensmitteln aus der Serie der Latexbilder von 1990 (Taxe 60.000 EUR).
Noch einmal über fünfhundert Werke versammelt Teil Zwei der großen Moderne-Auktion. Erstaunlich ist auch hier der eher geringe Anteil an abstrakter Kunst. Meist bleibt es gegenständlich. Eine Hervorhebung verdient das Werk einer Künstlerin, Mary Cassatts intime Kaltnadelradierung „Margot wearing a bonnet“ von etwa 1902 (Taxe 18.000 EUR). Lyonel Feininger schickt drei Bleistift- und Kreidezeichnungen von 1910 bis 1921 ins Rennen, die den Künstler auf der Suche nach seiner eigenen Form zeigen (Taxe zwischen 10.000 und 22.000 EUR). HAP Grieshabers Holzschnitte „Rabbi“ und „Herbst“ von 1953 sollen 18.000 und 24.000 Euro kosten. Die Prägung durch Matisse und Dufy offenbart Carlos Nadals etwas aus dem Gleichgewicht geratenes Interieur „Le Salon Rouge“ aus dem Jahr 1969 (Taxe 18.000 EUR). Der 1918 im Ersten Weltkrieg gefallene Franz Nölken nahm 1916 von den Kriegsschrecken ungerührt ein „Schreibendes Mädchen“ am Tisch auf (Taxe 9.000 EUR).
Eine eigene Auktion widmet sich schließlich am nachfolgenden Samstag dem Werk Heinrich Vogelers. Vogeler wurde 1872 in Bremen geboren und gehörte zeitweise dem Worpsweder Künstlerkreis an. 1942 starb er als bekennender und politisch aktiver Kommunist in Kasachstan. Über hundert Arbeiten aus einer deutschen Privatsammlung listet der Katalog. Meist handelt es sich um Grafiken mit literarischem Hintergrund, die Vogelers Affinität zur Buchillustration demonstrieren. Stilistisch bewegen sich die frühen Arbeiten zwischen Jugendstil und Symbolismus. Deutlich an Max Klinger erinnert beispielsweise die Radierung „Liebe“ von 1896 (Taxe 2.400 EUR). Gleich zehn Radierungen in Form seiner Mappe „An den Frühling“ von 1899 kann man für 4.000 Euro erwerben. Später näherte sich Vogeler dem Expressionismus an, wie die zackigen, auf Raum und Perspektive weitgehend verzichtenden Formen der Radierung „Werden“ von 1921 beweisen (Taxe 700 EUR).
Die Auktion „Moderne Kunst Teil II“ beginnt am 1. Juni um 9:30 Uhr. Um 18 Uhr folgen die ausgewählten Werke der „Modernen Kunst Teil I“. Die Auktion mit Werken Heinrich Vogelers steht am 2. Juni um 11:30 Uhr auf dem Programm. Zur Vorbesichtigung ist das Auktionshaus am 30. Mai von 10 bis 20 Uhr und am 31. Mai von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Der Katalog ist im Internet unter www.hauswedell-nolte.de einsehbar.
|  | Kontakt: Hauswedell & Nolte Pöseldorfer Weg 1 DE-20148 Hamburg |
 | Telefon:+49 (040) 41 32 10 0 | Telefax:+49 (040) 41 32 10 10 |  |  | E-Mail: info@hauswedell-nolte.de |  | Startseite: www.hauswedell-nolte.de |
30.05.2007 |
Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Johannes Sander |  |
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 |  | Weitere Inhalte: Gesamt Treffer 11 | Seiten: 1 • 2
 Adressen (1) • Berichte (1) • Kunstwerke (9) |  | •  | Bei: Hauswedell &
Nolte |  | •  | Bericht: Steife Brise an
der Nordsee |  | •  | Kunstwerk:  Otto Mueller, Sechs Mädchen am Strand, um 1913 |  |  | •  | Kunstwerk:  Franz Nölken, Schreibendes Mädchen, 1916 |  | •  | Kunstwerk:  Camille Pissarro, Église et ferme d’Eragny, 1890 |  | •  | Kunstwerk:  Francisco de Goya, Los desastres de la guerre, 1810-1813 |  |  | •  | Kunstwerk:  Paul Cézanne, Les Baigneurs (Grande Planche), 1896-1897 |  | •  | Kunstwerk:  Albert Lebourg, Notre Dame de Paris – Vue de la Quai de la Tournelle |  | •  | Kunstwerk:  Mary Cassatt, Margot wearing a bonnet, um 1902 |  |  |
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 Paul Cézanne, Les
Baigneurs (Grande
Planche), 1896-1897 |  | Taxe: 25.000,- EURO Zuschlag: 30.000,- EURO Losnummer: 13 |  |  |  |  |  | 
 Camille Pissarro,
Église et ferme
d’Eragny, 1890 |  | Taxe: 65.000,- EURO Losnummer: 7 |  |  |  |  |  | 
 Lesser Ury, Unter den
Linden mit Blick auf
das Brandenburger
Tor, 1920er Jahre |  | Taxe: 90.000,- EURO Zuschlag: 95.000,- EURO Losnummer: 18 |  |  |  |  |  | 
 Otto Mueller, Sechs
Mädchen am Strand, um
1913 |  | Taxe: 600.000,- EURO Zuschlag: 640.000,- EURO Losnummer: 47 |  |  |  |  |  | 
 Albert Lebourg,
Notre Dame de Paris –
Vue de la Quai de la
Tournelle |  | Taxe: 26.000,- EURO Losnummer: 15 |  |  |  |  |  | 
 Mary Cassatt, Margot
wearing a bonnet, um
1902 |  | Taxe: 18.000,- EURO Losnummer: 167 |  |  |  |  |  | 
 Franz Nölken,
Schreibendes
Mädchen, 1916 |  | Taxe: 9.000,- EURO Zuschlag: 12.000,- EURO Losnummer: 507 |  |  |  |  |  | 
 Egon Schiele,
Schnee, 1908 |  | Taxe: 150.000,- EURO Zuschlag: 150.000,- EURO Losnummer: 23 |  |  |
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