Nicht einmal 10.000 Dollar hat der amerikanische Geschäftsmann David Rockefeller 1960 für das Gemälde ausgegeben: Mark Rothkos „White Center“, eine weiche Farbfeldmalerei mit Gelb, einem schwarzen Strich, gebrochenem Weiß und Pink auf rotem Grund. 1970 schied der Maler freiwillig aus dem Leben. Seither sind die Preise für den Abstrakten rasant in die Höhe geschossen. Vor zwei Jahren wurde mit netto 20 Millionen Dollar, brutto rund 22,4 Millionen Dollar, bei Christie’s wieder einmal ein neuer Rekord für Mark Rothko aufgestellt. Doch das verblasst gegen das, was am Abend des 15. Mai im New Yorker Auktionshaus Sotheby’s unter der Ägide von Chefauktionator Tobias Meyer geschah.
46 Millionen Dollar habe Sotheby’s dem Einlieferer angeblich für das Bild garantiert. Das Haus ging also ein hohes Risiko ein. Es wäre auch wirklich zu schade gewesen, das lukrative Geschäft kampflos dem Konkurrenten Christie’s zu überlassen, der doch nur einen Tag später eine ganz ähnliche Auktion zur zeitgenössischen Kunst abhalten wollte. Das Wagnis, das freilich den gewaltigen Druck offenbart, unter dem die beiden Rivalen inzwischen stehen, um sich gegen den jeweils anderen zu behaupten, zahlte sich aus.
Denn als das zierliche Hämmerchen in der Hand des smarten Auktionators schließlich aufs Pult klopfte, wechselten 65 Millionen Dollar und ein Bild offiziell die Besitzer. Mit fast 8 Millionen Euro Aufgeld nahm Sotheby’s an diesem Deal teil. Wer der Käufer war, wurde nicht verraten. Ein „mysteriöser bärtiger“ Mann in einer der Glasboxen sei es gewesen, so schreibt die New York Times. Nicht nur der höchste Preis für ein Bild Rothkos wurde damit gezahlt, sondern auch der bisher höchste Preis für das Werk eines zeitgenössischen Künstlers auf einer Auktion überhaupt, so der Versteigerer in New York.
Sotheby’s feiert sich also erst einmal selbst. Kein Wunder bei einem Gesamtergebnis von brutto rund 255 Millionen Dollar, das beste Ergebnis einer Zeitgenossen-Versteigerung. Von den 74 Bildern gingen nur neun an die Vorbesitzer zurück. 15 neue Rekorde wurden aufgestellt, rund vierzig Werke gingen für mehr als eine Million Dollar weg. Es dreht sich alles nur noch um Rekorde und Einspielergebnisse. Aber der unvorstellbar reiche, fast ausschließlich von wohl mehr prestigesüchtigen als wirklich kunstinteressierten Privatleuten aus der Wirtschaft bestrittene Sammlermarkt gewährt sie großzügig genug.
Noch zwei achtstellige Summen gab es zu bewundern. Eine davon erhielt der Vorbesitzer von Francis Bacons „Study from Innocent X“ aus dem Jahr 1962, dem Velázquez’ 1650 entstandenes Papstportrait zugrunde liegt. Christie’s’ erst im Februar in London aufgestellter Rekord von netto 12,5 Millionen Pfund sollte übertroffen werden. Kein Problem angesichts eines hartnäckigen anonymen Telefonbieters, der das blutrote Bild mit dem einsam in einem Glashaus sitzenden, verformten Papst auch für 47 Millionen Dollar nahm.
Ob Morris Louis’ 1961 gemaltes „Beta Delta“ aus gut zwei Dutzend diagonal die Ecken streifenden Farbbändern für 1,6 Millionen Dollar (Taxe 500.000 bis 700.000 USD), David Parks „Standing Male Nude in the Shower“ von 1955/57, der die untere Grenze von 1 bis 1,5 Millionen Dollar streifte, Richard Princes vor blutrotem Hintergrund stehende und eitrig beschmierte Krankenschwester „Dude Ranch Nurse # 2“ für 2,2 Millionen Dollar (Taxe 1,5 bis 2 Millionen USD) oder Dan Flavins unbetitelte Leuchtstoffröhreninstallation in einer Zimmerecke zum unteren Schätzwert von 1,2 Millionen Dollar, ob kleine Preise wie 850.000 Dollar für John Baldessaris filmische Fotosequenzserie „Kiss/Panic“ mit insgesamt zehn strahlenkranzartig von der Mitte her ausgerichteten Pistolen aus dem Jahr 1984 (Taxe 350.000 bis 450.000 USD) oder große wie 9,5 Millionen Dollar für Robert Rauschenbergs Collage „Photograph“, die damit sogar unter der Schätzung von 10 bis 15 Millionen Dollar hängenblieb – überall setzten die Bieter neue Maßstäbe, auch wenn es sich nur um das inzwischen erhöhte Aufgeld handelt.
Mancher Künstler wurde allerdings nicht honoriert. Vor allem der abstrakte Expressionismus rund um Jackson Pollock stieß auf schlechte Resonanz. 3,5 bis 4,5 Millionen und vor allem vom Haus garantierte 12 bis 16 Millionen Dollar für seine 1949 und 1948 datierten unkontrollierten Farbexplosionen wollte oder konnte niemand hergeben. Willem de Koonings abstrahierte Frau von 1966 zog ebenfalls nicht um (Taxe 4,5 bis 6,5 Millionen USD), während seine weibliche „Figure in Landscape I“ aus dem Jahr 1951, die die angedeutete Abstraktion ohne Perspektive in eine fast symmetrische Form bringt, immerhin 3,6 Millionen Dollar lockermachte (Taxe 3 bis 4 Millionen USD). Und Hans Hofmanns „Jardin d’Amour“ von 1959 konnte sich über 1,8 Millionen Dollar und einen neuen Auktionsrekord freuen (Taxe 800.000 bis 1,2 Millionen USD).
Andy Warhol schloss weitgehend den Erwartungen entsprechend ab: Je 2,5 Millionen Dollar für seine „Four Jackies“ in Blau von 1964 (Taxe 2 bis 3 Millionen USD) und die rasche Zeichnung, in der sich eine Colaflasche mit einer „Campbell’s Soup“-Dose paart (Taxe 1,5 bis 2 Millionen USD), sowie 4,9 Millionen für seine „Large Campbell’s Soup Can“ 1964 wieder als Single und artig geradegerückt (Taxe 3,5 bis 4,5 Millionen USD) waren angesichts anderer Werte nur bedingt ein Erlebnis. Für Tom Wesselmann dagegen gab es 3,2 Millionen Dollar, als es um sein werbeplakatartiges „Still Life # 16“ mit Sprudelflaschen, „Libby’s fruit cocktail“, Rosen und tollem irischen Küstenausblick ging (Taxe 1 bis 1,5 Millionen USD), und inklusive neuem Rekord 5,2 Millionen für seinen ordinären weiblichen „Smoker # 17“ aus dem Jahr 1975 (Taxe 2,5 bis 3,5 Millionen USD). Pop Art-Kollege Roy Lichtenstein reüssierte mit seinem „Girl in Mirror“ von 1965 bei unerwarteten 3,6 Millionen Dollar (Taxe 1 bis 1,5 Millionen USD), während sein rasterartiges Stillleben mit grüner Vase aus dem Jahr 1972 taxgerechte 3,8 Millionen Dollar einfuhr.
Auktionsrekorde hagelte es auch für die Jüngsten. Ein hohes Maß an sexueller Energie und Fantasie offenbart die 1969 geborene Malerin Cecily Brown. Ihre orgiastischen „Guys and Dolls“ von 1997/98 veranschaulichen die alte Kombination von Sex und Tod, symbolisiert durch die blutroten Geschlechtsorgane, auf besonders drastische Weise. Für 950.000 Dollar nahm ein Bieter an diesem Fest Anteil (Taxe 400.000 bis 600.000 USD). Der drei Jahre jüngere Glenn Brown lässt bei seinem fantastischen, ovalen und nun 620.000 Dollar teuren Portrait der „Marquess of Breadlabane“ von 2000 jede einzelne Muskelfaser des affenartig verfremdeten Gesichts an die Oberfläche gelangen (Taxe 400.000 bis 600.000 USD). Auch die 580.000 Dollar für Jim Hodges’ in die Ecke geworfene Lederjacke mit silbernem Spinnennetz sorgten für eine neue Künstlerhöchstgrenze (Taxe 300.000 bis 350.000 EUR).
Bis diese jungen Maler 3,2 Millionen Dollar erzielen wie der etwa gleichaltrige Peter Doig für seine teils fotorealistische, teils abstrakt von einem silberblauen Netz überspannte Baumlandschaft mit dem Titel „The Architect’s Home in the Ravine“ aus dem Jahr 1991 (Taxe 1,2 bis 1,8 Millionen USD), müssen sie sich freilich noch ein wenig anstrengen. Und dann ist da noch Jean-Michel Basquiat. Er kam erst 1960 auf Welt, starb aber bereits mit 28 Jahren an den Folgen von Aids. Für ihn mag gelten, was häufig zu beobachten ist: Nach ihrem Tod werden Künstler erst richtig wertvoll. Den Rekordpreis von 13 Millionen Dollar, den ein Händler im Auftrag eines unbekannten Privatsammlers für ein unbetiteltes Graffiti von 1981 zahlte, würde er heute kaum schaffen, wenn er noch lebte und seinem schmalen Œuvre weitere dieser expressiven, extremen Schreie hinzufügte (Taxe 6 bis 8 Millionen USD).
Preise wie 1,3 und 1 Millionen Dollar für das bunte Punktraster „Strontium 500“ von 1997 (Taxe 800.000 bis 1 Millionen USD) und Schmetterlinge auf gelbem (G)rund (Taxe 1 bis 1,5 Millionen USD) ist der ebenfalls gerade erst vierzigjährige Damien Hirst bereits gewohnt. Auch die Tupfenprinzessin Yayoi Kusama, die Ostasien vertrat, konnten 1,35 Millionen Dollar für ihr recht ruhiges Ölbild mit grauen Punkten auf weißem Grund nicht mehr umhauen, wenngleich der Schätzwert nur bei 300.000 bis 400.000 Dollar lag. Richtig hipp war einmal mehr Jeff Koons. Sein symmetrisch in eine Haltevorrichtung mit zwei senkrechten Leuchtstoffröhren aufgehängter „New Hoover Deluxe“-Staubsauger aus den Jahren 1980/86 und die blitzeblanke, silbern glänzende Rokoko-Stahlbüste „Italian Woman“ von 1986 wurden für jeweils 1,9 Millionen Dollar übernommen (Taxe zwischen 900.000 und 1,5 Millionen USD).
Auf deutscher Seite stand Gerhard Richter – und enttäuschte. Seine „Zwei Spanischen Akte (Osterakte)“ von 1967, fotorealistisch und pornografisch in Schwarzweiß und wie bei Cecily Brown Sex und Tod verbindend, wollte niemand für 9 bis 12 Millionen Dollar erwerben, was das Auktionshaus wegen einer Gewinngarantie teuer zu stehen kommt. Auch seine ebenfalls fotorealistische rosa Wolkenstudie aus dem Jahr 1970 blieb mit einem Ergebnis von 2,15 Millionen Dollar hinter den Erwartungen zurück (Taxe 2,5 bis 3,5 Millionen USD). Nur die 2,7 Millionen Dollar, die sein 1987 treudoof wiedergegebenes „Waldstück“ abräumte, konnten die in 2,5 bis 3,5 Millionen Dollar niedergelegten Hoffnungen erfüllen. Namensvetter Daniel Richter stieg mit seinem expressiven Bild „Those Who Are Here Again“ von 2002 in den Ring und kam mit einem Rekord und 700.000 Dollar wieder heraus (Taxe 350.000 bis 450.000 USD). Dem konnte Franz Ackermanns psychedelische „Evasion VI“ von 1996 nur die Hälfte entgegensetzen (Taxe 250.000 bis 350.000 USD).
Alle Ergebnisse verstehen sich als Zuschlag ohne das Aufgeld.
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