 |  | Antoine-Louis Barye, Le Jean de Paris, Forêt de Fontainebleau, o.J. | |
Der Besucher bewegt sich zwischen einsamen Waldlichtungen und Tümpeln, knorrigen Baumriesen, übereinander geschichteten Findlingen, vorbei an weiten Wiesen und Tälern. Die Einblicke in unberührte Naturlandschaften vermitteln archaische Urtümlichkeit. Hier spielt sich auch das einfache Landleben ab. In der Ruhe und Abgeschiedenheit gehen Kuh- und Schafhirten, Sämänner, Steinklopfer und Mägde ihren bäuerlichen Aufgaben nach. Die überwiegend klein zugeschnittenen Ölgemälde und beiseite gestellten Fotografien wirken motivisch eher beiläufig. So wie vorgefunden, wurde die Natur zu Papier gebracht, ohne spektakuläre Geschichten, ohne Geheimnisse oder Erfindungen. Die Schöpfung ist befreit von allem Anekdotischem und der mythologischen Staffage klassischer Landschaften. Zentrales Thema ist die Visualisierung der heimischen Umgebung.
Inspiriert von den englischen Landschaftsgärten des späten 18. Jahrhunderts begaben sich Maler auf die Spur der ungezähmten Natur. John Constable, William Turner und Richard Parkes Bonington stellten 1822 erstmals ihre Arbeiten in Paris aus. Sie erregten größtes Aufsehen, denn ihre puren Landschaften waren befreit von geschichtlichen Bezügen, Göttern oder Allegorien. Rasch bemächtigten sich Pariser Künstler dieser Neuerung im Sinne einer national bezogenen, von der engeren Umgebung angeregten Landschaftsmalerei. Unweit des 80 Kilometer südöstlich der Hauptstadt im Wald von Fontainebleau gelegenen Dörfchens Barbizon trafen sich fortan viele Maler. Sieben davon werden heute besonders mit der Schule von Barbizon verbunden. Jean-Baptiste Camille Corot, Charles-François Daubigny, Virgilio Narcisso Diaz de la Peña, Jules Dupré, Jean-François Millet, Théodore Rousseau und Constant Troyon wurden in Anlehnung an das himmlische Siebengestirn auch „Plejade“ genannt. Ihnen und ihren Kollegen der Schule von Barbizon widmet nun das Wuppertaler Von der Heydt-Museum eine umfassende Schau.
Das Malen in der freien Natur erforderte seinerzeit einen hohen Aufwand, ein Grund für die Kleinformatigkeit der Bilder. Doch im Jahr 1849 nahm die durch Barbizon verlaufende neue Eisenbahnlinie von Paris nach Melun ihren Betrieb auf, was den Transport der zahlreichen Malutensilien erleichterte. Dazu kam noch die Erfindung von Ölfarben in Tuben. So mussten die Maler die Farbe nicht mehr anmischen. Durch die gut verkäuflichen Bilder angeregt, empfanden wiederum die Pariser das Bedürfnis, die wildromantische Natur selbst zu erkunden. Da der Wochenendtourismus in die unberührte Idylle zunahm, erstarkte auch der Widerstand gegen die geplante Rodung des Waldareals. Napoleon II. sah sich gezwungen, das Gebiet 1853 als erstes Naturschutzgebiet auszuweisen.
Die Maler von Barbizon gelten als Erfinder der „intuitiven Landschaft“. Neben kleinen Formaten von rund 40 mal 60 Zentimetern und der Freiluftmalerei vor Ort stellt die Nahsichtigkeit ein weiteres Kennzeichen ihrer Kunst dar, was detailgetreu dargelegtes Unterholz, akribisch festgehaltene Sandkuhlen oder Wiesengründe verdeutlichen. Auffallend ist weiter ihr Bemühen, Lichtwirkungen herauszustellen. Diese Kriterien markieren zugleich die wichtigsten Unterschiede zu den einleitend präsentierten Vorläufern wie den Werken der Malerfamilie Ruysdael oder Jan van Goyens. Speziell das Einbeziehen von Lichtsituationen lässt die Künstler von Barbizon zu direkten Vorläufern der Impressionisten werden. Letztere haben heute die Barbizon-Maler komplett aus dem Bewusstsein verdrängt; vor 100 Jahren war Barbizon in der Kunst noch ein Begriff.
Als dann 1839 in der Pariser Akademie der Wissenschaften die Erfindung des neuen bildtechnischen Verfahrens der Fotografie verkündet wurde, prognostizierten viele den Tod der Malerei. Doch der Verdrängungswettbewerb unterblieb, ganz im Gegenteil: Ein enger Austausch und gegenseitiges Lernen bestimmte schnell ein Zusammenwirken der Vertreter beider Genres. In einer Aufbruchstimmung, resultierend aus der neuen Art der Landschaftsmalerei und dem neuen Medium der Fotografie, artikuliert sich der „Geist von Barbizon“.
Auch die Fotografen konnten nun mit ihren schweren hölzernen Fotokästen, Glasnegativen und Chemikalien mit dem Zug nach Barbizon reisen; die neue Kunst kam mit der Eisenbahn. Zur Plejade der Maler gesellte sich die der Fotografen, bestehend aus Alfred Briquet, Eugène Cuvelier, Constant Alexandre Famin, André Giroux, Gustave Le Gray, Charles Marville und Charles Nègre. Gleichberechtigt stehen in der Ausstellung ihre Fotografien den Gemälden gegenüber. Die engen Freundschaften untereinander bewirkten, dass die Fotografien beliebte Hilfsmittel für so manche Maler wurden. Die Fotografien wiederum offerierten viele ihrer Motive in Form von Musterbüchern den Malern als Vorlagen, mitnichten ohne Erfolg!
Während die Maler die Ruhe und Abgeschiedenheit, die Ferne jedweder Hektik der Metropole mit ihren zum Teil katastrophalen, auch hygienisch bedenklichen Lebensbedingungen suchten und das einfache bäuerliche Landleben abseits aller Industriefabrikation teils allzu idyllisch porträtierten, wie in Millets „Mädchen mit rotem Hut“ oder „Die Wäscherinnen“ exemplarisch vor Augen geführt wird, bemühen sich die Fotografen, bedeutende Momente der Hauptstadt besonders eindrucksvoll herauszustellen. Als besonders gutes Beispiel sei die Serie der großen Monumente von Paris angeführt, die der Fotograf Edouard-Denis Baldus in seiner Mappe „Souvenir de Paris“ festhielt.
Die Ausstellung zeigt 120 Gemälde, von denen rund 50 aus den eigenen Beständen stammen. Dies zeigt, wie sehr der Fundus des Von der Heydt-Museums auf der Barbizon-Schule fußt. Paritätisch treten in abgedunkelten Zonen 140 Fotografien den Gemälden gegenüber, wobei motivische Wegkreuzungen keine Rolle spielten.
Die Ausstellung „Abenteuer Barbizon. Landschaft, Malerei und Fotografie von Corot bis Monet“ ist noch bis zum 6. Mai zu sehen. Die Schau hat täglich außer montags von 11 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 5 Euro, ermäßigt 4 Euro. Der Katalog kostet an der Museumskasse 20 Euro.
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