 |  | Egon Schiele, Prozession, 1911 | |
Wertmäßig scheint nach oben hin alles offen zu sein, wenn es um Kunst österreichischer Avantgarde des fin de siècle geht. Jene Epoche mit ihrem morbiden Charme, ihren Brüchen und Ambivalenzen, dem schillernden Glanz und schlüpfrigen Elend einer langsam untergehenden Gesellschaft gehört sicherlich zu den erregendsten der österreichischen Geschichte. Künstler, die dieser historischen Situation in ihrem Werk Ausdruck verliehen, sind heute besonders gefragt. Gustav Klimt hat seine internationale Anziehungskraft schon mehrmals unter Beweis gestellt. In der Auktion „Impressionist and Modern Art“ bei Christie’s am 6. Februar in London ist nun Egon Schiele an der Reihe. Wie gut, dass dieser Künstler so jung gestorben ist, und dann auch noch im Schwellenjahr 1918! Sonst wären seine Bilder vielleicht nicht halb soviel wert. 5 bis 7 Millionen Pfund soll seine allegorische, quasi religiöse „Prozession“ von 1911 kosten. Hier breitet Schiele in tiefer Melancholie den Zug einer jungen Frau nebst einer alten und einem weiteren, wohl männlichen Wesen in dunklen, erdigen Farben aus. Schwer lasten die zu quadratischen Steinformen in die Fläche reduzierten Kleider, als ob die Figuren jene Epoche zu Grabe trügen.
Ein hochformatiges Selbstportrait, in dem sich Schiele 1909 wieder einmal selbst mit ängstlichem Blick und gespreizten Fingern inszeniert, ist mit 4 bis 6 Millionen Pfund taxiert. Weitere Zeichnungen und Gouachen können eventuell schon ab 150.000 Pfund mit nach Hause genommen werden, darunter auch die zur „Träumenden“ stilisierte Gerti Schiele, die jüngste Schwester Egons (Taxe 1,2 bis 1,5 Millionen GBP). Die ersten zwei Drittel der Auktion bestreiten allerdings mehrheitlich französische Künstler des Impressionismus und der klassischen Moderne. Der Katalog liest sich wie ein Lehrbuch stilistischer Richtungen der Jahrzehnte um 1900. Los geht es bei den Malern mit Eugène Boudin. Seine Herkunft als Sohn eines Hafenarbeiters macht sich auch in seinen Gemälden bemerkbar. Strand- und Hafenbilder wie die vorliegende Freilichtimpression bei Bénerville in lichten Farben und flimmerndem Duktus finden sich noch häufiger in seinem Repertoire (Taxe 500.000 bis 700.000 GBP). Camille Pissarro entnahm seine Motive dagegen lieber inländischen Landschaften, wie eine „Ruhe unter Bäumen“ von 1872, die sich einst im Besitz des französischen Baritons Jean-Baptiste Faure befand (Taxe 2 bis 3 Millionen GBP).
Auch Paul Cézanne, der Meister und Protege des absoluten Sehens, wählte für ein Aquarell von etwa 1900/04 einen Waldausschnitt. Prismatisch scheinen die verschiedenen Farben des Lichtspektrums auf der Netzhaut des Betrachters zu schillern. Auf der Rückseite des aus dem Besitz des holländischen Bankiers Franz Koenigs stammenden Blattes ist ein Stillleben mit Hut dargestellt (Taxe 1 bis 1,5 Millionen GBP). Sein Ölbildnis einer Schneiderin von 1879 soll 2,3 bis 2,8 Millionen Pfund kosten. Der erotischen Halbwelt in Paris des ausgehenden 19ten Jahrhunderts hat sich Edgar Degas zugewandt. Eine nackte Frau bei der Fußpflege – wiederum einst Bestand der Sammlung Koenigs’ – enthält 1883/85 unübersehbare Reminiszenzen an die antike Statue des Dornausziehers auf dem römischen Kapitol (Taxe 700.000 bis 1 Millionen GBP).
Den größten Anteil an Gemälden französischer Impressionisten stellt Pierre-Auguste Renoir, so eine luftige, bunte Flussimpression mit Blick auf ein kleines Ausflugsboot aus der Zeit um 1880 (Taxe 1 bis 1,5 Millionen GBP), eine Frau mit Fächer in Rot von 1906 (Taxe 600.000 bis 800.000 GBP), ein Portrait der Madame Thurneyssen von 1908 Taxe 1 bis 1,5 Millionen GBP) und vor allem ein intimes Bild von Renoirs drittem Sohn Claude, einem Freund und einer Lehrerin, die die Kinder im Lesen unterrichtet. Auch dieses Bild wartet mit hoher Provenienz auf: Die Modeschöpferin Jeanne Lanvin nannte es einst ihr Eigen (Taxe 2,5 bis 3,5 Millionen GBP). Berthe Morisots „Jungen Frau mit Fächer“ von 1893, dem mit der Künstlerin gleichaltrigen Renoir in Farbgebung und fließendem Pinselstrich nicht unähnlich, ist etwas flüchtiger, augenblickshafter angelegt (Taxe 300.000 bis 400.000 GBP).
Maurice de Vlaminck tendiert mit seiner Flusslandschaft bei Chatou samt einem kleinen Dampfer von etwa 1907 schon zur verhärteten Farbigkeit und zum breiteren Pinselduktus der Fauvisten (Taxe 2 bis 3 Millionen GBP). Auch der holländische, aber lange in Frankreich lebende Maler Kees van Dongen, von dem zwei wunderbare, farbintensive und sensibel erfasste Frauenbildnisse der Zeit um 1910 im Angebot sind, tendierte schon zur fortschrittlichen Malerei (Taxe 400.000 bis 600.000 und 1 bis 1,5 Millionen GBP). Eine späte Fassung seines Gemäldes „Danse II“ von 1909/10 malte Henri Matisse 1938 als Gouache in anderen Farben und auf einer Art Bühnenhintergrund (Taxe 1,8 bis 2,5 Millionen GBP).
Abstrakt wird es mit Fernand Léger, der eine Landschaft mit Häusern und Bäumen in schwungvolle, nur mehr entfernt an Gegenständlichkeit erinnernde Linien und Farbflächen zerlegt (Taxe 2,8 bis 3,5 Millionen GBP). Pablo Picasso wartet mit einem größeren Konvolut an Arbeiten auf, darunter ein kubistisches Stillleben mit Obstschale und Gitarre von 1917/29 (Taxe 1,1 bis 1,6 Millionen GBP), ein weiteres, kraftvoll an einem einzigen Tag im April 1937 hingeworfenes Balkonstillleben mit Nachthimmel und Sternen für 2 bis 3 Millionen Pfund sowie eine deformiert gemalte Frau im Schaukelstuhl aus dem Jahr 1956 zum gleichen Preis. Schon für 80.000 bis 120.000 Pfund ist vielleicht seine recht frühe Gouache „Femme au chapeau à plume“ von 1919 zu haben.
Gegen solch geballte weitgehend französisch orientierte Macht nimmt sich das deutsche Angebot am Ende des Katalogs fast bescheiden aus. Max Liebermanns in der Tiefenräumlichkeit dynamische Blumenterrasse im Wannseegarten nach Nordwesten, diesmal mit gelben und blauvioletten Blumenbeeten, soll 300.000 bis 500.000 Pfund bringen, 400.000 bis 600.000 Pfund Ernst Ludwig Kirchners expressionistischer „Bergwald“ von 1919/20. Recht teuer geworden ist seit kurzem Christian Schad. In der Juni-Auktion des vergangenen Jahres legte Christie’s die Messlatte für das Porträt „Eva von Arnheim“ aus dem Jahr 1930 auf 400.000 Pfund. Nun will man noch für das ebenfalls neusachliche Bild „Frau aus Pozzuoli“ von 1925 noch etwas höher hinaus und hofft, dass jemand bei 500.000 bis 700.000 Pfund anbeißt. Fast gleich hoch rangiert Schads „Fräulein Mulino von Kuck“ mit großen rehbraunen Augen vor angedeuteter Berglandschaft (Taxe 450.000 bis 600.000 GBP). Emil Noldes junges Paar in etwas unreinen Ölfarben von 1918 lässt sich bei 700.000 bis 1 Million Pfund bitten.
In der farblichen Verfremdung noch weiter als die Fauvisten geht Alexej von Jawlensky in dem Bildnis „Kopf einer Italienerin mit schwarzem Haar von vorne“ aus der Zeit von etwa 1910, das erst vor zwei Jahren bei Sotheby’s für 600.000 Pfund über die Bühne ging und nun eine Preissteigerung auf das Doppelte mit einer Schätzung von 1 bis 1,5 Millionen mitmachen soll. „Blasse Blüten“ nennt er ein ebenfalls farblich abgewandeltes Bildnis einer Frau mit blauen Gesichtspartien von 1911, das in seiner zeichnerischen Erfassung an Amedeo Modigliani erinnert (Taxe 1,2 bis 1,6 Millionen GBP). Hochpreisig sind auch die Abstrakten bedacht, beispielsweise eine „Diagonale“ Linien- und Farbflächenkomposition mit dem dominierenden Farbton Orange von Wassily Kandinsky aus dem Jahr 1930 (Taxe 850.000 bis 1,2 Millionen GBP). Zwischen Expressionismus und seiner individuellem Stil prismatisch gebrochener Gegenständlichkeit steht Lyonel Feiningers fast quadratische Leinwand „On the bridge (Ober-Weimar)“, 1913 ziemlich zu Beginn seiner Malerlaufbahn noch mit den karikaturhaften Gestalten durchsetzt (Taxe 500.000 bis 700.000 GBP).
Nur wenige Italiener lassen sich auf der Auktion sehen, so der früh verstorbene Amedeo Modigliani, dessen charakteristisch mit wenigen gerundeten Strichen zeichnerisch erfasste junge Frau mit schwarzem Barett dem Betrachter frontal ausgesetzt ist. Die Ausweglosigkeit ihrer Situation im Entstehungsjahr 1918 ist zudem durch die fast ausschließlich in Rot- und Brauntönen gehaltene Farbigkeit symbolisiert (Taxe 3 bis 4 Millionen GBP). Ein weiteres, spartanisch vereinfachtes Bildnis Modiglianis stellt 1915 vielleicht den jungen portugiesischen Maler José Pacheco dar, der damals wie Modigliani in den Pariser Künstlerkreisen verkehrte (Taxe 2,7 bis 3,4 Millionen GBP).
Der Neoimpressionist Gino Severini schickt eine fast schon schematisch pointillistische Landschaft bei Civray für 750.000 bis 950.000 Pfund ins Rennen. Eines der jüngsten Werke ist eine Komposition des Spaniers Joan Miró aus schwarz konturierten, bunten Gestalten in den ungemischten Farben Gelb, Rot, Grün und Blau, die 1978 als Entwurf für die Außenfassade des Wilhelm-Hack-Museums in Ludwigshafen entstand (Taxe 1,4 bis 1,8 Millionen GBP). Unter den Plastiken ragt bei der Auktion Aristide Maillols „La Rivière, sans socle“ heraus, soweit man bei dem verkrampften, am Boden liegenden Frauenakt in Bronze aus den Jahren 1938 bis 1943 von „herausragen“ sprechen kann (Taxe 900.000 bis 1,3 Millionen GBP).
Die Auktion beginnt am 6. Februar um 18 Uhr. Die Vorbesichtigung in London läuft vom 1. bis zum 5. Februar von 9 bis 16:30 Uhr, samstags und sonntags bis 17 Uhr und am 6. Februar von 9 bis 14 Uhr.
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