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Rekordsegen bei Christie’s und Sotheby’s – Teil II

Geldrausch mit goldener Adele



Egon Schiele,  Herbstsonne, 1914

Egon Schiele, Herbstsonne, 1914

Der Rekordsegen für die Auktionshäuser blieb dann auch bei Londoner Auktionen im Juni nicht aus. Christie’s fuhr mit seiner Versteigerung „Impressionist and Modern Art“ knapp 87 Millionen Pfund ein und verdreifachte damit den Umsatz der Juni-Auktion 2005. Unangefochtener Star in der Londoner King Street war Egon Schieles, vor kurzem wiederentdecktes Meisterwerk „Herbstsonne“. Gemalt 1914, war das fahle Stillleben 1937 im Jeu de Paume in Paris zum letzten Mal öffentlich zu sehen und galt seit 1942 als verschollen. Nachdem es im Herbst 2005 durch Experten von Christie’s in Frankreich identifiziert wurde, konnte es Anfang 2006 an die Nachfahren seines rechtmäßigen Besitzers, des Wiener Sammlers, Kunst-, Textil- und Antiquitätenhändlers Karl Grünwald, restituiert werden. Die lieferten es prompt zur Auktion ein und erwarteten sich dafür 4 bis 6 Millionen Pfund. Zusammenkamen dann schließlich 10,5 Millionen Pfund, die ein nicht genannter Privatsammler bewilligte – das zweitbeste Preis im Schiele-Ranking.



Gerade die Sektion „Deutsche und österreichische Kunst“, die Christie’s erstmals neben der Februar-Versteigerung auch in Juni offerierte, bescherte reiche Einnahmen. Gut 24 Millionen Pfund entfielen auf diesen Auktionsteil. Neben Schiele kam auch Emil Nolde auf die vorderen Plätze. Den „Sonnenuntergang“, ein Ölgemälde von 1909, nahmen die Bieter bei 1,7 Millionen Pfund mit (Taxe 1 bis 1,5 Millionen GBP). Sein von Farbe leuchtendes Portrait „Rotblondes Mädchen“ kletterte auf 1,85 Millionen Pfund (Taxe 1 bis 1,5 Millionen GBP) und belegt nach dem im Juni 2002 bei Christie’s für 1,95 Millionen Pfund zugeschlagenen „Blumengarten“ ebenfalls den zweiten Platz der Nolde-Hitliste.

Eine neue Höchstmarke kam für Christian Schad zustande, der dafür sein kühl-sachliches Porträt „Eva von Arnheim“ aus dem Jahr 1930 ins Rennen schickte. Sie liegt nun bei 400.000 Pfund (Taxe 250.000 bis 350.000 GBP). Und auch Schads Selbstbildnis „Zacharias II“, eine wild-verwegene Farbstiftzeichnung von 1935, schnitt hervorragend mit 220.000 Pfund ab (Taxe 100.000 bis 150.000 GBP). Im bildhauerischen Schaffen Ernst Ludwig Kirchners muss man sich ebenfalls wohl an neue Preisvorstellungen gewöhnen. Seine teuerste Skulptur heißt nun „Stehendes Mädchen“. Die Karyatide, 1909/10 kantig in Holz geschnitzt und farbig gefasst, erklomm behänden Fußes 1,3 Millionen Pfund (Taxe 250.000 bis 350.000 GBP). Und zu dem neuen Spitzenwert von 160.000 Pfund wechselte auch der 1918 gemalte, expressionistische „Kampf“ des Österreichers Josef Dobrowsky den Besitzer (Taxe 20.000 bis 30.000 GBP).

Konkurrent Sotheby’s zog diesmal um knapp 2 Millionen Pfund an Christie’s vorbei. Seine Abendauktion „Impressionist and Modern Art“ brachte am 19. Juni knapp 89 Millionen Pfund ein und damit das beste Ergebnis in der britischen Metropole. Star war hier die Schönheit von Jeanne Hébuterne, die Amedeo Modigliani 1919 schwanenhalsig, mit sanft abwehrender Geste ihres rechten Arms und mit Hut auf die Leinwand bannte. Geschätzt auf 8,5 bis 12 Millionen Dollar fuhr das mit „Jeanne Hébuterne (au chapeau)“ betitelte Gemälde 14,6 Millionen Pfund ein. Herausragend lief es auch für Lyonel Feininger. 1912 malte er seine grotesken Gestalten am Strand vor Segel- und Dampfschiff am Horizont – drei zentrale Motive in seinem Schaffen. Und schon prismatisch zerlegt ist der Aufbau der Farbflächen in diesem Gemälde, was später zum Markenzeichen seines Werkes wird. Diese exemplarischen Zutaten honorierten die Käufer mit einem Zuschlag von 3,7 Millionen Pfund – auch dies eine Höchstmarke für Feininger (Taxe 1,8 bis 2 Millionen GBP).

In seiner Zeitgenossen-Auktion schnappte dann Sotheby’s der Konkurrenz den nur gut einen Monat alten Rekord für David Hockney weg. Charakteristisch war auch hier das Thema. 1966 malte Hockney das Schwimmbadbild „The Splash“ mit großen Wasserspritzern in seiner unterkühlten, von monochromen Farbflächen bestimmten Malweise. 1973, noch zu Beginn der Karriere Hockneys stand das Gemälde schon ein Mal bei Sotheby’s zur Auktion an und wurde damals mit 25.000 Pfund gehandelt. Im Juni lag dann schon der Schätzpreis um das Hundertfache höher, der schließlich mit 2,6 Millionen Pfund auch erreicht wurde.

Nicht viel älter war der Spitzwert im Schaffen der Op-Art-Künstlerin Bridget Riley. Hier zog Sotheby’s an seiner eigenen Höchstmarke vom Februar 2006 vorbei. Für die vibrierenden, das Auge täuschenden, schwarzweißen Wellenlinien von „Untiteld (Diagonal Curve)“ aus dem Jahr 1966 legte ein Sammler aus den USA 1,05 Millionen Pfund aufs Auktionspult. Angesetzt war mit einer Schätzung von bis zu 400.000 Pfund der alte Rekordwert. Von dem britischen Neoromantiker Peter Doig reüssierte ein frühes Landschaftsbild aus dem Jahr 1991. „Iron Hill“ beschreibt die Gegend um Quebec, in der Doig aufwuchs, schwermütig und in dunkeln Farben. Dafür berappte ein europäischer Käufer mit dem Zuschlag von 1 Million Pfund mehr als das Doppelte des bisherigen Höchstbetrags aus dem vergangenen Jahr (Taxe 400.000 bis 600.000 GBP).

Auch die deutsche Kunst musste nicht auf ihre Käufer warten. An erster Stelle rangierte Gerhard Richters Doppelportrait „Tante Marianne“ von 1965 (Taxe 1,5 bis 2 Millionen GBP). Nach einer Fotografie aus dem Jahr 1932 malte sich Richter als vier Monate altes Baby auf dem Schoss seiner damals 14jährigen Tante Marianne Schönfelder. Der Wert des Bildes von 1,9 Millionen Pfund wurde nicht zuletzt durch die tragischen Familienumstände des Motivs gesteigert. Diagnostizierte man doch bei Marianne Schönfelder wenige Jahre nach der Fotoaufnahme Schizophrenie. Darauf hin wurde sie zwangssterilisiert und in die Psychiatrie eingewiesen. Im Februar 1945 starb sie als eines von fast 8.000 Euthanasie-Opfern in einer Anstalt der Nationalsozialisten.

Für Anselm Kiefers kryptisches Schriftbild „Descent of the Soul“ von 1996 mit einer Häuserschlucht, die von konzentrischen Kreissegmenten mit Ziffern, Zahlen und Wörtern überlagert wird, kamen 620.000 Pfund zusammen (Taxe 400.000 bis 600.000 GBP) – auch dies ein neuer Spitzenwert, ebenso wie die 400.000 Pfund für die großformatige „Losung“, ein typisches Werk des Leipziger Malerstars Neo Rauch von 1998 (Taxe 350.000 bis 450.000 GBP), dessen Gemälde „Stunde“ von 1999 ja erst im Mai dieses Jahres zum Spitzenreiter seines Schaffens gekürt wurde. Und dann war es noch Daniel Richter mit seinem Bild „Über die Toten nichts Schlechtes“ von 2001, der das Siegertreppchen des neuen Auktionsrekords erklomm. Seine schemenhaften Untoten in bunt leuchtenden Farben wanderten bei 210.000 Pfund in eine neue Sammlung (Taxe 120.000 bis 150.000 GBP).

Schließlich wartete der Juni noch mit einem weiteren Superlativ auf, an dem diesmal zwar Christie’s aber nicht mit einer Versteigerung beteiligt war. So heißt der teuerste Künstler der Welt nicht mehr länger Pablo Picasso, sondern Gustav Klimt. Sein Porträt „Adele Bloch-Bauer I“, das er 1907 von der österreichischen Fabrikantengattin und Kunstsammlerin gemalt hat, ist für 135 Millionen US-Dollar gehandelt worden. Den Privatverkauf hat der amerikanische Kosmetikmagnat Ronald S. Lauder für sein eigenes Museum, die „Neue Galerie“ in New York, getätigt. Der in Insiderkreisen kolportierte Rekordpreis übertrifft damit die 104,2 Millionen US-Dollar für Pablo Picassos „Garçon à la pipe“. Über den Geldsegen haben sich bei diesem Privatdeal die Erben von Adele Bloch-Bauer gefreut. Sie bekamen das Jugendstil-Porträt in seiner faszinierenden goldenen Mosaikgestalt erst zu Beginn dieses Jahres vom Österreichischen Staat nach langem Rechtsstreit restituiert. Über 60 Jahre hing das unter den Nationalsozialisten enteignete Gemälde im Oberen Belvedere in Wien.



14.08.2006

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Ulrich Raphael Firsching

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Gustav Klimt, Adele Bloch-Bauer I, 1907
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Amedeo Modigliani, Jeanne Hébuterne (au chapeau), 1919
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Egon
 Schiele, Herbstsonne, 1914
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Ernst Ludwig Kirchner, Stehendes Mädchen (Karyatide), 1909-1910
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Amedeo Modigliani,  Jeanne Hébuterne (au chapeau), 1919

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Taxe: 8.500.000 - 12.000.000 GBP

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Gustav Klimt, Adele Bloch-Bauer I, 1907

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Ernst Ludwig Kirchner,  Stehendes Mädchen (Karyatide), 1909-1910

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