Darmstadt verlängert Schau zu textilen Bildern der Nachkriegszeit Ursprünglich hätte die Ausstellung „Wiederentdeckt! – Textile Bilder für das Hessische Landesmuseum Darmstadt“ am vergangenen Sonntag enden soll. Doch das Darmstädter Haus hat sie nun bis zum 25. Oktober verlängert. Darin nimmt der scheidende Kurator Wolfgang Glüber, der sich nach 30 Jahren als Sammlungsleiter für das Kunsthandwerk in den Ruhestand verabschiedet, eine Ausstattungsfolge für das Landesmuseum aus den 1950er Jahren in den Blick. Für das Gebäude, das im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt wurde, ließ der seit 1950 amtierende Direktor Erich Wiese vier Wandteppiche anschaffen, die zur Ausschmückung im wiederhergestellten Haupttreppenhaus aufgehängt wurden. Diesen großformatigen Bildteppichen, die später im Depot verschwanden, gilt die Kabinettschau: Gemeinsam mit den erhaltenen Entwurfszeichnungen werden die Tapisserien erstmals nach über 50 Jahren wieder öffentlich präsentiert.
Von Anfang an waren mit Else Mögelin und Johanna Schütz-Wolff zwei bekannte und arrivierte Textilkünstlerinnen gesetzt. Zudem wollte Erich Wiese auch eher abstrakt arbeitende Künstler an dem Auftragswerk beteiligen; nach einiger Überlegung kamen daher noch Fritz und Inge Vahle sowie Fritz Winter hinzu. Es gelang Wiese, den damaligen hessischen Finanzminister von dem Vorhaben zu überzeugen und eine Finanzierung aus den Mitteln des Sonderbaufonds der Oberfinanzdirektion Frankfurt am Main sicherzustellen. 1955 konnte er Kontakt zu den Künstlerinnen und Künstlern aufnehmen, die alle begeistert zusagten. Ihre im selben Jahr eingesandten Entwürfe wurden einer Jury vorgelegt, die die endgültige Auswahl übernahm.
Ursprünglich sollten die Teppiche 1956 zum 50. Jubiläum der Eröffnung des von Alfred Messel errichteten Museumsbaus aufgehängt werden. Tatsächlich wurden alle Wandbehänge auch rechtzeitig fertigstellt. Allerdings verzögerte sich die Sanierung der Gemäldegalerie, die in unmittelbarer Verbindung zum Treppenhaus stand, bis 1958. Erst im Mai jenes Jahres konnten diese Räume eröffnet und in diesem Zusammenhang auch die vier Wandteppiche präsentiert werden. Links des Eingangs zum Oberlichtsaal hing der Wandbehang von Johanna Schütz-Wolff mit der auf die Umrisse bezogenen Darstellung „Frau und Knabe“, rechts davon eine typische „Komposition“ gestischer Farbflächen von Fritz Winter. Auf der anderen Seite befanden sich Else Mögelins „Ernte“-Szene in einem dynamisch expressiven Gestus und der kleinteilige mit geometrischen Farbfeldern bestückte „Applikationsteppich“ des Ehepaars Vahle. So standen sich die beiden figürlichen und die beiden abstrakten Wandteppiche diagonal gegenüber und repräsentierten im Sinne Wieses „die heutige Leistungsfähigkeit und künstlerische Spannweite der deutschen Wandteppichkunst“.
Die Ausstellung „Wiederentdeckt! – Textile Bilder für das Hessische Landesmuseum Darmstadt“ ist bis zum 25. Oktober zu sehen. Das Landesmuseum hat täglich außer montags von 11 bis 18 Uhr, mittwochs zusätzlich bis 20 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 12 Euro, ermäßigt 8 Euro; für Kinder und Jugendlich bis 18 Jahre ist er frei.
Hessisches Landesmuseum Darmstadt
Friedensplatz 1
D-64283 Darmstadt
Telefon: +49 (0)6151 – 36 01 200 |
Lindenau-Förderpreisträger in Altenburg Zum dritten Mal präsentiert das Lindenau-Museum in Altenburg derzeit die Teilnehmer und Gewinner seines Förderpreises. Zu den jungen vielversprechenden Talenten, die von ihren mitteldeutschen Kunsthochschulen in Dresden, Halle, Leipzig und Weimar nominiert wurden, gehören in diesem Jahr Ronny Aviram, Buba Beboshvili, Lorin Brockhaus, Dania González Sanabria, Martin Nielebock, Annelene Schreikrampf und Gesa Wagner. Gewonnen hat den mit 5.000 Euro dotierten Lindenau-Förderpreis Karen Kamiya. Die 1991 geborene Japanerin, die zunächst Bildhauerei an der Tama Art University in Tokio und an der Universität der Künste in Berlin studierte, bevor sie 2018 an die Hochschule für Bildenden Künste nach Dresden wechselte und Meisterschülerin bei Alicja Kwade und Mandla Reuter wurde, überzeugte die Jury durch ihr „herausragendes handwerkliches Talent und ihr Fähigkeit, bildhauerische Traditionslinien transnational neu zu denken“. In der Begründung heißt es weiter: „Die japanische Bildkultur mit ihrem Hang zum dekorativen Element und ihrem hohen Gebrauchswert wird von der Künstlerin auf beeindruckende Art und Weise mit der europäischen Skulptur und der Performance in Resonanz gebracht. Ihre aufwendig gearbeiteten und äußerst sinnlichen Objekte aus Holz, Metall oder Jeansstoff transferieren die digitale Welt zurück ins greifbare Hier und Jetzt. Kamiya verleiht dem Material durch intensive und subtile, in jedem Fall erfindungsreiche Behandlung Anwesenheit und Bedeutung. Dabei greifen Stoff und Form gesellschaftspolitische Debatten auf, etwa über Nachhaltigkeit oder den globalen Warenverkehr. Im Betrachten von Kamiyas Arbeiten erleben wir uns selbst als Staunende und Beschenkte.“
Die 1983 geborene Israelin Ronny Aviram, die von 2017 bis 2025 Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig studiert hat, greift auf biblische Geschichten und aktuelle Geschehnisse zurück und kreiert in einem Zusammenspiel aus Objekten, Geräuschen und Bewegtbildern einen Raum, der sich mit Erinnerung, Verlust und Hoffnung auseinandersetzt. Verbindendes Element ihrer Arbeiten „Werde ich zu einer Salzsäule“ und „Sabres/Zaun“ ist das Salz, das sich mit seinen Eigenschaften, die von der Zerstörung bis zur Reinigung reichen, auf das jüdische Land und seine Geschichte bezieht. So nagt in ihren Collagen das Salz an Feigenkakteen, die mit ihrer Widerstandskraft ebenso bedeutungsschwer aufgeladen sind und mit der jüdischen, aber auch palästinensischen Kultur in Verbindung stehen.
Der in Berlin lebende Regisseur und Medienkünstler Buba Beboshvili, Jahrgang 1994, der von 2021 bis 2025 an der Bauhaus Universität Weimar studiert hat, agiert an den Verbindungslinien von erlebter Realität und Unbewusstem, etwa in seiner Videoinstallation „Flux“ von 2025, in deren Zentrum eine männliche Person steht, die sich als mittelalterlicher Ritter in der Gegenwart verlaufen zu haben scheint. Unsicher über seine Identität präsentiert er mit fragendem Blick seinen muskulösen Körper. Beboshvilis Grundthema ist die Frage nach der Zugehörigkeit in einer Welt, in der Entfremdung zum Massenphänomen geworden ist. Die Rolle des Kämpfers, die ihm das Leben zugeteilt hat, scheint der Ritter vergeblich abstreifen zu wollen.
Lorin Brockhaus, geboren 1996 und von 2018 bis 2024 Student der Malerei und Grafik an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, untersucht in seinen Werken, wie sich die Wahrnehmung des Menschen auf seine Umwelt wandelt, sobald sich Standort oder Perspektive ändern. Dabei arbeitet er mit der Mehrdeutigkeit optischer Erscheinungen, mit Überlagerungen und Variationen. In seiner Werkserie „Funnels“ hat Brockhaus transparente Folien mit Fotografien bedruckt, bemalt und zu skulpturalen Objekten erweitert, die sich je nach Lichteinfall farblich verändern. Schaut man in die trichterförmigen Gebilde hinein, entsteht der Eindruck eines Strudels, der den Blick in die Tiefe reißt. Das Objekt will den Raum verlassen und deutet die Möglichkeit einer Flucht an, die Zukunft verspricht.
Die 1990 auf Kuba geborene Künstlerin Dania González Sanabria, die 2026 ihr Studium „Public Art and New Artistic Strategies“ an der Bauhaus Universität Weimar beendet hat, macht ihre eigenen Migrationserfahrungen zum Ausgangspunkt einer Performance über das Gefühl von Orientierungslosigkeit, Einsamkeit und Trauer über das Zurückgelassene. Dabei stellt sie sich die Frage: Wie muss es sich anfühlen, wie ein Alien durch Innenstädte zu streifen und von allen angestarrt zu werden? In ein Schaffell gehüllt, läuft González Sanabria dazu barfuß und mit gebeugtem Rücken durch den öffentlichen Raum. Die Performance wurde erstmals während der starken Fluchtbewegung 2015 in Köln aufgeführt und seitdem unter anderem in Brüssel, Leipzig, Paris und Weimar wiederholt. Nun ist sie auch Teil der Ausstellung des Lindenau-Museums.
Martin Nielebock, Jahrgang 1993, der sich bis 2025 in den Fächern Malerei und Glas an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle ausbilden ließ, malt die Natur, ohne sie zu imitieren. Stattdessen zeigt er Naturphänomene im Zeitraffer. Fasziniert von den unfassbaren Energien der Vulkane setzt Nielebock Aschewolken ins Bild, für die er ein reliefartiges Plateau auf einer Holzplatte anlegt, wodurch die nebulösen Gebilde plastisch leicht hervortreten und sich bewegen. Etwas durchscheint die neongrünen Gemälde von Grund auf, daher wirken sie auch rätselhaft. Seine kleinformatigen Bilder verleihen den bereits weit vor der Menschheit dagewesenen stillen Rhythmen der Erde eine berührende Präsenz.
Die 1995 geborene Annelene Schreikrampf, die von 2018 bis 2024 an der Dresdner Hochschule studiert hat und dort seither Meisterschülerin bei Alicja Kwade ist, zeigt in der Altenburger Ausstellung skurrile Wesen, die berühren und irritieren, weil sie uns auf bewusst verstörende Weise mit Ängsten und Gefühlen konfrontieren, die wir im Alltag lieber umschiffen. Die in Leipzig lebende Künstlerin fertigt diese Figuren in einer Kombination aus Handgemachtem und Hightech als Stellvertreter für uns selbst und unsere Erfahrungen von Schuld, von Kriegen, Katastrophen und kollektiven Ängsten.
Die ebenfalls 1995 geborene, in Marseille lebende Künstlerin Gesa Wagner hat von 2020 bis 2024 die Schmuckklasse an der Burg Giebichenstein in Halle besucht und war danach Meisterschülerin von Tobias Hantmann. In ihren Werken bevorzugt sie die leisen Töne und ein leichtes Material, in dem sich Erinnerungen verfangen. Sie befreit die Stoffe, die in der westlichen Welt dem Diktat der Ökonomie unterworfen sind, von ihrer Zweckbestimmung. Das Material darf sich in Wagners Arbeiten in seinen vielfältigen Bedeutungen und Qualitäten offenbaren. Es wird vom Instrument zum Sender. So poetisiert Wagner auch den zu Konfetti umgearbeiteten Staub und macht seine übliche Bedeutung als Abfallprodukt damit hinfällig.
Die Ausstellung „Lindenau-Förderpreis 2026“ ist noch bis zum 1. November im Prinzenpalais des Residenzschlosses Altenburg zu sehen. Das Museum hat dienstags bis Sonntag von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 4 Euro, ermäßigt 3 Euro. Der Ausstellungskatalog kostet 18 Euro.
Residenzschloss Altenburg – Prinzenpalais
Schloss 16
D-04600 Altenburg
Telefon: +49 (0)3447 – 89 55 430 |