Die Kunst, online zu lesen.

Home



Ernst Ludwig Kirchner, Pantomime Reimann I, um 1912/13

Ernst Ludwig Kirchner, Pantomime Reimann I, um 1912/13

Aquarell, schwarze Kreide und Bleistift auf Zeichenpapier. 46,1 x 58,8 cm. Unter Glas gerahmt. Nicht signiert. Unten rechts mit Bleistift bezeichnet 'Scene'. Rückseitig links unten mit dem rechteckigen Basler Nachlass-Stempel "NACHLASS EL KIRCHNER" (Lugt 1570 b) und dem handschriftlichen Tinteneintrag "III/Be 8". - Intensiver schöner Farberhalt, das Papier etwas gebräunt. Mit kleineren Randmängeln und alten Falt- bzw. Knickspuren. Der rückseitige Nachlass-Stempel berieben.

Dieses Werk ist im Ernst Ludwig Kirchner Archiv Wichtrach/Bern dokumentiert.

Mit einer Echtheitsbestätigung von Roman Norbert Ketterer, Campione d'Italia, vom 14. Juli 1976 (in Kopie)

Provenienz

Nachlass des Künstlers (Davos 1938, Kunstmuseum Basel 1946, Stuttgarter Kunstkabinett Roman Norbert Ketterer 1954); Galerie Nierendorf, Berlin (1968); Sotheby's London, Impressionist and modern paintings and sculpture, watercolours and drawings, Auktion 2./3.4.1974, lot 151 mit Abb.; Hauswedell & Nolte, Hamburg, Auktion 206, 6.6.1975, Lot 932 mit Farbtafel; Galerie Koch, Lübeck (1975); seitdem Privatsammlung Nordrhein-Westfalen, Familienbesitz Nachlass

Literatur

Wolfgang Henze, Ernst Ludwig Kirchner, Gustav Schiefler, Briefwechsel 1910-1935/1938, Stuttgart/Zürich 1990, vgl. Nr. 92, S. 106 (zu den Holzschnitten "Pantomime Reimann"); vgl. allgemein Will Grohmann, Das Werk Ernst Ludwig Kirchners, München 1926 bzw. ders., Kirchner-Zeichnungen, Dresden 1925; Simmons Sherwin, The Dancer's Revenge: Dance/Pantomime and the Emergence of Ernst Ludwig Kirchner's Fantasy Pictures, 1912-15, in: Dance Chronicle, Bd. 41, Nr. 2, University of Oregon 2017, S. 1-61, insb. S. 33 - 35 ff., mit Farbabb. 12

Dass sich Ernst Ludwig Kirchner Zeit seines Lebens für das verruchte aber auch bunte Leben in Bars, Cafés und Theatern begeistern lässt, ist heute keine umfangreiche Meldung mehr wert. Allerdings gibt es bei ernsthafter Betrachtung seiner Skizzen, Zeichnungen und druckgraphischen Werke und nicht zuletzt bei den Gemälden immer noch Lücken zur Deutung und Erkenntnis des Dargestellten. Zum Beispiel: Wer ist Hans Reimann? Auf welchem Wege lernt Kirchner den jungen, 1889 in Leipzig geborenen Schriftsteller kennen und entdeckt „Pantomime eines jungen Dichters“, ein Stück, was möglicherweise gerade zur Aufführung gebracht werden soll? Kirchner scheint von der frivolen Geschichte begeistert und beginnt, Szenen mit Vorschlägen für das (nicht erscheinende) Programmheft mit drei Holzschnitten zu illustrieren, die wie Kapitelüberschriften zu der vermutlich grotesken Handlung stehen: „Begegnung“, „Die Rache der Tänzerin“ und „Kopf der Pantomime“ (Gercken 634-636; siehe Vergleichsabb. 1 u. 2). Die Handlung scheint mit der Rache der Tänzerin zu kulminieren. Jedenfalls beschäftigt sich Kirchner in weiteren Zeichnungen und Aquarellen mit diesem szenischen Höhepunkt, nach dem die Tänzerin ihren Gegenspieler, wohl der Pantomime, in deutlich erotischer Absicht zu Boden zwingt und attackiert (vgl. das gleichformatige szenische Blatt "Pantomime Reimann II"). Ein Gemälde mit dem Titel „Pantomime Reimann“ schließlich wird im Werkverzeichnis von Donald Gordon in das Jahr 1912 datiert (G 227). Auch in diesem Gemälde inszeniert Kirchner die Dominanz der Tänzerin über den am Boden kauernden Mitspieler.

Mit dem vorliegenden Aquarell scheint Kirchner aber den Beginn der Geschichte zu illustrieren: Ein dunkel kostümierter Mann mit Hut in bühnenartiger Architektur begrüßt gestenreich zwei herannahende Figuren, wohl die Tänzerin und eine Begleitung; die Begleitung wird in weiteren von Kirchner illustrierten Szenen zu diesem Stück eine beobachtende Rolle am Rand einnehmen. In für Kirchner schneller, fast hektischer Pinselführung wird der abgedunkelte Theater-Raum für die erste Szene, die „Begegnung“, erfasst, Bühne und Zuschauerraum mit rosa, blauen und grünen Aquarelltönen geordnet und schließlich mit schwarzer Kreide akzentuiert.

Nachdem Kirchner im Sommer 1918 eine Reihe von Druckgraphiken zur Katalogisierung an Gustav Schiefler, dem Erfasser seiner druckgraphischen Werke, schickt, stellt dieser unter anderem folgende Fragen an den Künstler: „Pantomime Reimann? Textillustration wozu? Novelle? Prospekt? Wo erschienen?" - Kirchner antwortet sogleich: “Pantomime eines jungen Dichters. Für das Programm gemacht. Nicht erschienen.“ Aus diesem kurzen Dialog, zitiert nach dem von Wolfgang Henze 1990 herausgegebenen Briefwechsel zwischen Kirchner und Schiefler (S. 106), gewinnen wir weder weitere Kenntnis zu diesem Theaterstück noch erfahren wir etwas Dezidiertes zu dem Autor! Hans Reimann wäre 1912/1913 sehr jung gewesen, sein Stück geradezu anarchisch. Erst 1919 wird der Schriftsteller die satirische Zeitschrift „Der Drache“ in Leipzig herausgeben und literarisch sich in diesem Umfeld in anderen Periodika weiterhin engagieren. Wir wissen also nicht, wie sich Kirchner und Reimann treffen, ob sie sich überhaupt treffen?

Oder ist alles nur Erfindung - eine Erfindung Kirchners, so wie er die Straßenszenen erfindet, die Begegnungen in den Tanzsalons, in den Cafés und die zumeist aufwendig inszenierten Szenerien mehrfach mit den Geschwistern Erna und Gerda Schilling besetzt und sich zuguterletzt doch auch selbst in Szene setzt? Es wäre nicht das erste Mal.

Weitere Details:


Dass sich Ernst Ludwig Kirchner Zeit seines Lebens für das verruchte aber auch bunte Leben in Bars, Cafés und Theatern begeistern lässt, ist heute keine umfangreiche Meldung mehr wert. Allerdings gibt es bei ernsthafter Betrachtung seiner Skizzen, Zeichnungen und druckgraphischen Werke und nicht zuletzt bei den Gemälden immer noch Lücken zur Deutung und Erkenntnis des Dargestellten. Zum Beispiel: Wer ist Hans Reimann? Auf welchem Wege lernt Kirchner den jungen, 1889 in Leipzig geborenen Schriftsteller kennen und entdeckt „Pantomime eines jungen Dichters“, ein Stück, was möglicherweise gerade zur Aufführung gebracht werden soll? Kirchner scheint von der frivolen Geschichte begeistert und beginnt, Szenen mit Vorschlägen für das (nicht erscheinende) Programmheft mit drei Holzschnitten zu illustrieren, die wie Kapitelüberschriften zu der vermutlich grotesken Handlung stehen: „Begegnung“, „Die Rache der Tänzerin“ und „Kopf der Pantomime“ (Gercken 634-636; siehe Vergleichsabb. 1 u. 2). Die Handlung scheint mit der Rache der Tänzerin zu kulminieren. Jedenfalls beschäftigt sich Kirchner in weiteren Zeichnungen und Aquarellen mit diesem szenischen Höhepunkt, nach dem die Tänzerin ihren Gegenspieler, wohl der Pantomime, in deutlich erotischer Absicht zu Boden zwingt und attackiert (vgl. das gleichformatige szenische Blatt "Pantomime Reimann II"). Ein Gemälde mit dem Titel „Pantomime Reimann“ schließlich wird im Werkverzeichnis von Donald Gordon in das Jahr 1912 datiert (G 227). Auch in diesem Gemälde inszeniert Kirchner die Dominanz der Tänzerin über den am Boden kauernden Mitspieler.

Mit dem vorliegenden Aquarell scheint Kirchner aber den Beginn der Geschichte zu illustrieren: Ein dunkel kostümierter Mann mit Hut in bühnenartiger Architektur begrüßt gestenreich zwei herannahende Figuren, wohl die Tänzerin und eine Begleitung; die Begleitung wird in weiteren von Kirchner illustrierten Szenen zu diesem Stück eine beobachtende Rolle am Rand einnehmen. In für Kirchner schneller, fast hektischer Pinselführung wird der abgedunkelte Theater-Raum für die erste Szene, die „Begegnung“, erfasst, Bühne und Zuschauerraum mit rosa, blauen und grünen Aquarelltönen geordnet und schließlich mit schwarzer Kreide akzentuiert.

Nachdem Kirchner im Sommer 1918 eine Reihe von Druckgraphiken zur Katalogisierung an Gustav Schiefler, dem Erfasser seiner druckgraphischen Werke, schickt, stellt dieser unter anderem folgende Fragen an den Künstler: „Pantomime Reimann? Textillustration wozu? Novelle? Prospekt? Wo erschienen?" - Kirchner antwortet sogleich: “Pantomime eines jungen Dichters. Für das Programm gemacht. Nicht erschienen.“ Aus diesem kurzen Dialog, zitiert nach dem von Wolfgang Henze 1990 herausgegebenen Briefwechsel zwischen Kirchner und Schiefler (S. 106), gewinnen wir weder weitere Kenntnis zu diesem Theaterstück noch erfahren wir etwas Dezidiertes zu dem Autor! Hans Reimann wäre 1912/1913 sehr jung gewesen, sein Stück geradezu anarchisch. Erst 1919 wird der Schriftsteller die satirische Zeitschrift „Der Drache“ in Leipzig herausgeben und literarisch sich in diesem Umfeld in anderen Periodika weiterhin engagieren. Wir wissen also nicht, wie sich Kirchner und Reimann treffen, ob sie sich überhaupt treffen?

Oder ist alles nur Erfindung - eine Erfindung Kirchners, so wie er die Straßenszenen erfindet, die Begegnungen in den Tanzsalons, in den Cafés und die zumeist aufwendig inszenierten Szenerien mehrfach mit den Geschwistern Erna und Gerda Schilling besetzt und sich zuguterletzt doch auch selbst in Szene setzt? Es wäre nicht das erste Mal.

Preis: 30000-40000 

© Kunsthaus Lempertz KG, Köln 


Zurück




Kunsthaus Lempertz

English Site Kunsthaus Lempertz

News

English Site News

Termine

English Site Termine

Highlights








Copyright © '99-'2019
Kunstmarkt Media
Alle Rechte vorbehalten


Impressum



Zum Seitenanfang Auktionen

 Amazon export/import Schnittstelle xt:commerce u. oscommerce  Amazon ebay rakuten yatego meinpaket export/import Schnittstelle xt:commerce u. oscommerce