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Romanische gravierte Bronzeschale, Deutsch (Sachsen?), 12. Jh.

Romanische gravierte Bronzeschale, Deutsch (Sachsen?), 12. Jh.

Kupferlegierung, mit dunkelbrauner Patina und Grünspan, vereinzelte Reste früherer Vergoldung. Im Zentrum abgedrehte, getriebene und ziselierte flache Schale mit konkav hochgezogener Fahne, umgebogenem und geknicktem Rand.

Der Spiegel komplett mit Gravuren gefüllt. Zentral eine männliche Büste mit einem nach rechts gewandten Kopf, gerahmt von einem stilisierten Doppelkranz. Radial darum gruppiert drei weitere gleiche Männerbüsten mit gravierten Inschriften in romanischer Majuskel: "IDOL(A)TRIA" (Vergötterung), "INVIDIA" (Neid) und "IRA" (Zorn), viele Buchstaben betont durch Doppelstriche. Im Bereich der Fahne drei weitere große Blattornamente mit unleserlichen gleichen Inschriften. Minimale millimetergroße Löcher im Boden, ein feiner Riss zwischen 11 und 12 Uhr verlaufend. D 26,7, H 5,2, Rand B 0,9 cm.

Zertifikat
Metallanalyse von Dr. Brian Gilmour, Oxford, vom 3.Januar 2018.

Provenienz
Von einem Londoner Sammler in den 1940er - 1950er Jahren erworben; seit da in Familienbesitz.

Literatur
Der Typus bei Müller, Gravierte romanische Bronzeschalen und Schachfiguren des 11./12. Jahrhunderts, in: Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit 9.1998, S. 39 ff., Abb. des Typus S. 41.

S.a. Weitzmann-Fiedler, Romanische gravierte Bronzeschalen, Berlin 1981.

S.a. Müller, Zwischen Gebrauch und Bedeutung: Studien zur Funktion von Sachkultur am Beispiel mittelalterlichen Handwaschgeschirrs, Bonn 2006.

Zwei weitere, gleich gearbeitete weibliche Lasterschalen in der Sammlung The Metropolitan Museum of Art New York, Inv.Nr. 65.89. und im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg (bei Mende, Die mittelalterlichen Bronzen, Nürnberg 2013, Nr. 100).

Diese Schale gehört zur Gruppe der früher sogenannten Hansaschüsseln. Dabei handelt es sich um Bronze- oder Kupfergefäße gemeinhin aus dem 12. und 13. Jahrhundert, die, überliefert durch mittelalterliche Handschriften, mit den Hansestädten in Verbindung gebracht werden. Sie stammen nämlich überwiegend aus der Region, die sich vom Baltischen Meer über den Niederrhein bis nach England erstreckte und die vom Handel der freien Städte dominiert wurde. Die Bezeichnung der Hansaschüsseln ist obsolet seit der Publikation der legendären Kunsthistorikerin Weitzmann-Fiedler 1981, die nachwies, dass diese Objekte in keinem belegbaren Zusammenhang mit Hanse-Städten stehen.

Ganz klar aber ist diese Schale der Gruppe der Laster-Schalen zugehörig, wenn auch die hier betont formulierte "idolatria" nicht in den Kanon der sieben christlichen Hauptlaster einzuordnen ist. Ulrich beschreibt diesen Typus als "Schalen mit falscher Ikonographie oder gar fehlerhaften Inschriften". Er vermutet, dass die wohl für Handwaschungen genutzen Geräte nicht nur Sozialprestige demonstriert haben, sondern auch religiöses Basiswissen vermittelten. "Der Themenbereich durch Gut und Böse war durch alltägliche Predigtpraxis präsent. Die Handwaschung scheint (...) die Möglichkeit geboten zu haben, diese Inhalte beim Mahl, vielleicht auch bei Begrüßung oder Abschied einzuführen und seitens der Benutzer zu demonstrieren." (ibd. S. 42)

Weitere Details:


Zertifikat
Metallanalyse von Dr. Brian Gilmour, Oxford, vom 3.Januar 2018.

Provenienz
Von einem Londoner Sammler in den 1940er - 1950er Jahren erworben; seit da in Familienbesitz.

Literatur
Der Typus bei Müller, Gravierte romanische Bronzeschalen und Schachfiguren des 11./12. Jahrhunderts, in: Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit 9.1998, S. 39 ff., Abb. des Typus S. 41.

S.a. Weitzmann-Fiedler, Romanische gravierte Bronzeschalen, Berlin 1981.

S.a. Müller, Zwischen Gebrauch und Bedeutung: Studien zur Funktion von Sachkultur am Beispiel mittelalterlichen Handwaschgeschirrs, Bonn 2006.

Zwei weitere, gleich gearbeitete weibliche Lasterschalen in der Sammlung The Metropolitan Museum of Art New York, Inv.Nr. 65.89. und im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg (bei Mende, Die mittelalterlichen Bronzen, Nürnberg 2013, Nr. 100).

Diese Schale gehört zur Gruppe der früher sogenannten Hansaschüsseln. Dabei handelt es sich um Bronze- oder Kupfergefäße gemeinhin aus dem 12. und 13. Jahrhundert, die, überliefert durch mittelalterliche Handschriften, mit den Hansestädten in Verbindung gebracht werden. Sie stammen nämlich überwiegend aus der Region, die sich vom Baltischen Meer über den Niederrhein bis nach England erstreckte und die vom Handel der freien Städte dominiert wurde. Die Bezeichnung der Hansaschüsseln ist obsolet seit der Publikation der legendären Kunsthistorikerin Weitzmann-Fiedler 1981, die nachwies, dass diese Objekte in keinem belegbaren Zusammenhang mit Hanse-Städten stehen.

Ganz klar aber ist diese Schale der Gruppe der Laster-Schalen zugehörig, wenn auch die hier betont formulierte "idolatria" nicht in den Kanon der sieben christlichen Hauptlaster einzuordnen ist. Ulrich beschreibt diesen Typus als "Schalen mit falscher Ikonographie oder gar fehlerhaften Inschriften". Er vermutet, dass die wohl für Handwaschungen genutzen Geräte nicht nur Sozialprestige demonstriert haben, sondern auch religiöses Basiswissen vermittelten. "Der Themenbereich durch Gut und Böse war durch alltägliche Predigtpraxis präsent. Die Handwaschung scheint (...) die Möglichkeit geboten zu haben, diese Inhalte beim Mahl, vielleicht auch bei Begrüßung oder Abschied einzuführen und seitens der Benutzer zu demonstrieren." (ibd. S. 42)

Preis: 60000-80000 

© Kunsthaus Lempertz KG, Köln 


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