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Emil Orlik, An der Seine in Paris, 1910

Emil Orlik, An der Seine in Paris, 1910

Öl auf Leinwand. 53 x 48 cm. Signiert und datiert unten rechts "orlik, 10". Auf der Leinwand verso mit dem Stempel des Pariser Künstlerbedarfsladens Sennelier.

Losnummer: 6351


Der gebürtige Prager Emil Orlik zählt nicht nur zu den vielseitigsten, sondern auch zu den kosmopolitischsten und reisefreudigsten deutschsprachigen Künstlern um 1900. Aufgrund seines malerischen Talents wird ihm bereits während des Studiums an der Münchner Akademie ein eigenes Atelier zur Verfügung gestellt. Zeitgleich absolviert er eine Ausbildung als Druckgrafiker. Orliks Karriere gleicht einem kometenhaften Aufstieg: bereits kurz nach Beendigung des Studiums erscheinen seine Werke in den Kunstzeitschriften Jugend, Pan und Ver Sacrum. Ebenso macht der junge Künstler auf den vielbeachteten Ausstellungen im Münchener Glaspalast sowie der Wiener Secession auf sich aufmerksam. Bald darauf verfassen einflussreiche Kunstschriftsteller wie Richard Muther und der mit Orlik befreundete Rainer Maria Rilke Aufsätze über seine Kunst. Es folgen Einzelausstellungen seiner Werke in renommierten deutschen und österreichischen Galerien wie dem Kunstsalon Cassirer in Berlin, dem Kunstsalon Emil Richter in Dresden oder dem Salon Pisko in Wien. Nach Stationen in München, Prag und Wien wird Orlik 1904 als Professor der Staatlichen Lehranstalt des Kunstgewerbemuseums nach Berlin berufen. Bis zu seinem Tod 1932 bleibt die preußische Hauptstadt, deren Kunstszene in dieser Zeit einen enormen Aufschwung erlebt, Orliks Wahlheimat. Orliks Etablierung im Kunstbetrieb der Jahrhundertwende geht einher mit zahlreichen Reisen, die der schier rastlose Künstler auf der Suche nach immer neuen Inspirationsquellen durch Europa unternimmt. 1898 fährt er nach England, Schottland, Holland und Frankreich. Drei Jahre später bricht Orlik nach Japan auf, um sich in der Holzschneidekunst zu perfektionieren (siehe Lose 6349 & 6350). Seine unter dem Eindruck der Japanreise entstandenen Werke zählen bis heute zu den originellsten Beiträgen der europäischen Druckgrafik um 1900.

Nicht weniger wichtig für Orliks künstlerische Entwicklung ist die Auseinandersetzung mit der Pariser Kunstszene. Zwischen 1898 und 1913 ist er sieben Mal in der französischen Hauptstadt, wo er engen Kontakt zu den deutschen Künstlern aus dem Umfeld des Café du Dôme pflegt. Durch sie kommt er mit dem Bildhauer Auguste Rodin, der Sammlerin Gertrude Stein, dem Kunstschriftsteller Julius Meier-Graefe sowie dem Kunsthändler Wilhelm Uhde in Berührung. Inspiration für sein eigenes Schaffen zieht Orlik aus den Werken von Paul Cézanne, Kees van Dongen und Henri Matisse, von denen er Werke für seine Privatsammlung erwirbt. Seinen Briefen an Marie von Gomperz (Emil Orlik an Marie v. Gomperz. Briefe, 1902 - 1932, Wien 1997) lässt sich entnehmen, dass er im April und September 1910 in Paris war und dort meist im Hotel Quai Voltaire wohnte, wie auch eine Radierung "Treppenhaus im Hotel Quai Voltaire" von 1911 belegt. Am 28. September schreibt er: "Eben beim verlassen des Hotels, an einem wundervollen Pariser Herbstmorgen (wir haben hier herrliche Tage)...(...) Ich schreibe in der "pariseristen" Situation, mit der Füllfeder auf einem Grand Boulevard, vor mir ein Fluten und Drängen von buntem Getriebe. (...) Ich bin voll von Kunst: voll von Plänen. es geht mir sehr gut und meine Seele ist heiter: (...)." Der Stempel auf der Rückseite der Leinwand verweist auf den nur ein paar Häuser vom Hotel entfernten Künstlerbedarfsladen Magasin Sennelier Frères (seit 1887) am Quai Voltaire 3, das bis heute besteht und in dem schon Cézanne, Bonnard oder auch Picasso ihre Farben kauften.

Dank handwerklicher Perfektion, technischer Experimentierfreude und motivischer Vielfalt gelingt es Orlik in allen Schaffensphasen Kritiker, Sammler und Galeristen von sich zu überzeugen. Neben seiner Tätigkeit als Buchillustrator, Plakatentwerfer und Bühnenbildner profiliert er sich zudem als Grafiker mit Porträts prominenter Zeitgenossen aus der Literatur-, Musik- und Kunstwelt. Gerhard Hauptmann, Gustav Mahler und Ferdinand Hodler sind nur einige von vielen Beispielen. Mit der für ihn charakteristischen Verbindung aus zeichnerischer Prägnanz und psychologischer Durchdringung erfasst Orlik ihre Persönlichkeit. Daneben steht ein umfangreiches malerisches Werk. Es zeichnet sich durch einen gleichermaßen lebendigen wie eigenwilligen Stilpluralismus aus, der in weiten Teilen Orliks Vorliebe für die Strömungen der französischen Moderne erkennen lässt. - Wir danken Dr. Birgit Ahrens für ihre Hinweise zu Emil Orlik und dessen Reisen nach Paris.


Veranstaltungshinweise:

Am 04.06.2020 115. Auktion: Fernweh - Sehnsucht nach dem Unbekannten


Schätzpreis: 40.000,-  EURO

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