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Johannes Itten, Simultanes Leuchten, 1974

Johannes Itten, Simultanes Leuchten, 1974

Öl auf Leinwand.

Verso signiert und datiert: Itten 1964, ebenso auf dem Rahmen-Rückkarton.

70 x 60 cm.

Provenienz: Privatsammlung Schweiz.

Literatur: Rotzler, Willy/Itten, Anneliese: Johannes Itten. Werke und Schriften, Zürich 1972, Nr. 1167.

Ausstellung: Münster 1980. Johannes Itten. Gemälde, Gouachen, Aquarelle, Tuschen , Zeichnungen. Westfälisches Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, 24. August - 5. Oktober, Kat.Nr. 62 (auf der Rahmenrückseite mit dem Etikett).

Losnummer: 3458


„Jedes künstlerische schöpferische Werk beginnt mit einer Liebesregung des Herzens, wächst, tritt in das Bewusstsein des Künstlers, wird durch den Verstand konstruktiv gefestigt, durch die Sinne an der Aussenwelt und den Darstellungsmitteln kontrolliert und gemessen, schliesslich in der Stunde der Geburt ausgestossen, durch liebevolle und verständige Pflege bis zur selbstständigen Gestalt zur Reifung gebracht.“ Johannes Itten

Johannes Itten gehört wohl zu den faszinierendsten Künstlerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Er setzt nicht nur Massstäbe in der Malerei, sondern auch in der Kunsttheorie und –pädagogik. Kaum ein anderer Künstler erkennt und lebt Kunst als allumfassend so konsequent wie Itten.

1888 im Berner Oberland in eine Bauernfamilie geboren, tritt Johannes Itten 1904 in die Fussstapfen seines Vaters und beginnt eine Ausbildung als Lehrer am Kantonal-Bernischen Lehrerseminar. Schon 1909 trifft er den Entschluss Maler zu werden, ist aber mit dem Kunststudium in Genf nicht zufrieden. Neben Künstlern und Musikern lernt er in Genf zu dieser Zeit aber Eugène Gillard kennen, dessen Buch zu den Grundlagen der Gestaltung für den jungen Künstler massgeblich für seine eigene Kunsttherorie sein wird. 1913 zieht er dann als Schüler von Adolf Hölzel nach Stuttgart, was den Beginn seiner künstlerlischen Karriere bedeutet. Bei Hölzel lernt er die farb-formale Analyse und wird bald zu seinem Meisterschüler. Schnell wendet sich Itten der abstrakten Malerei zu und entwickelt in kürzester Zeit seinen eigenen, unabhängigen Stil. Sozusagen als Abschied von seinem Lehrer Hölzel organisiert dieser ihm eine Ausstellung bei Herwarth Walden, was den grossen Respekt und die Zuneigung zwischen Lehrer und Schüler verdeutlicht.

1916 zieht es den jungen Künstler nach Wien, wo er als Lehrer einer privaten Kunstschule erstmals sein pädagogisches Konzept, an dem er über Jahre gearbeteitet hat, an einer Institution austesten und weiterentwickeln kann. Hier lernt er zahlreiche avantgardistische Künstler kennen, die Zwölfton-Musik und vor allem Alma Mahler, die wiederum den Kontakt zu Walter Gropius herstellt.

Mit der Gründung der Bauhaus-Schule 1919 in Weimar erschafft Gropius etwas Einmaliges und noch nie Dagewesenes: erstmals werden die bildenden Künste, die darstellenden Künste und die angewandten Künste gleichgestellt unterrichtet mit dem gemeinsamen Ziel der Entstehung eines Gesamtkunstwerkes unter dem Primat der Funktionalität. Itten wird Lehrer des sognannten Vorkurses, in dem die Studenten die Grundlagen für Form- und Farbgestaltung sowie Form- und Farbgesetze lernen, aber nach Ittens Vorstellung auch die Selbsterkenntnis erlangen, in welchem Bereich der Künste ihre Stärken liegen. Schnell geraten Johannes Itten, der in seiner Lehrtätigkeit auch einen missionarischen Auftrag sieht, den er emotional verfolgt und verteidigt, und der eher rationale, vernunftsgesteuerte Walter Gropius aneinander und trennen sich bereits 1922 wieder.

1929 eröffnet er seine eigene Schule in Berlin und wird 1932 auch Lehrer an der neugegründeten Fachschule für Textile Flächenkunst in Krefeld. Als ehemaliger Bauhauslehrer zählt Itten nach der Machtergreifung 1933 zu den „entarteten Künstlern“, was in den 1930er Jahren zur Schliessung beider Kunstschulen führt. 1938 entschliesst sich er zur Rückkehr in seine Heimat und tritt die Direktorenstelle der Kunstgewerbeschule und des Kunstgewerbemuseums in Zürich an.

Während Itten das Malen zu Zeiten seiner Lehr- und Vortragstätigkeit zur praktischen Anwendung seiner Theorien dient, und er Energie aus dieser kreativen Tätigkeit schöpft, widmet er sich in seiner letzten Lebensphase wieder der eigenen Kunst.

Das vorliegende Gemälde „Simultanes Leuchten“ aus dem Jahr 1964 ist ein herausragendes Beispiel seines malerischen Spätwerks. Die Komposition besticht durch die Verwendung unterschiedlicher Rechtecke – einige schmal, andere breit und wieder andere hochformatig – und Quadrate. Durch dieses einfache Spiel mit Formen erhält die Komposition eine grosse Dynamik, die durch den meisterlichen Einsatz der Farbe vollendet wird. Nuancen von Blau, Grün und Violett bilden den harmonischen Grundklang, der durch einzelne, leuchtende Rottöne gekonnt ergänzt wird und das Gemälde auch durch den Farbeinsatz in Bewegung versetzt.


Veranstaltungshinweise:

Am 30.06.2018 Auktion A185: PostWar & Contemporary


Schätzpreis: 60.000 - 90.000  SFR

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