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Schwester vor blauem Vorhang

Hermann Max Pechstein, Vor blauem Vorhang, 1917

Der aparte Katalog Portraitminiaturen zur 110. Auktion, den Bassenge als einziges deutsches Auktionshaus in diesem Genre vorlegt, verlangt ein Silbertablett. Edel der königsblaue Einband, adlig oder zumindest gehoben bürgerlich die darin Gezeigten, die meist auf Elfenbein portraitierten und adäquat gerahmten Personen. Darunter ein „Junger Herr im dunklen Rock mit weißer Halsbinde“ – Typ Mädchenschwarm – von Duchesne (6890, 5.000 €), das „Bildnis Henry Hope“ von Henry Bone (6823, 2.500 €), der „Feldmarschall zu Schwarzenberg“ von Hummel de Bourdon (6809, 2.000 €) und ein russischer Herr des von 1820 bis 1824 in Russland tätigen A. Winterhalder, dem man durchaus eine Ähnlichkeit mit Puschkin andichten könnte (6861, 400 €). Kostbarste Repräsentantin der Damenwelt in diesem Katalog: Heinrich Friedrich Fügers ursprünglich im österreichischen Kaiserhaus verwahrtes „Bildnis einer Dame im silbergrauen Kleid“ (6918, 3.000 €).

Wenn dieses in der Abendauktion am 1. Dezember zum Aufruf kommt, ist der Großteil des Angebots bereits versteigert: Spitzenstück der Druckgraphik des 15. bis 17. Jahrhunderts ist eine äußerst seltene Lithographie von Francisco de Goya aus seiner Stierkampf-Serie „Les Taureaux de Bordeaux“ (5293, 60.000 €). Die 1822 gedruckte Lithographie von J. A. Ramboux mit dem „Doppelportrait der Maler-Brüder Konrad und Franz Eberhard“ geht auf ein heute im Wallraf-Richartz-Museum gezeigtes Ölbild zurück, das während eines gemeinsamen Aufenthaltes der Künstler in Rom entstand. Das in kleiner Auflage verbreitete, auf 25.000 € taxierte Blatt, wurde zu einem der charaktervollsten Freundschaftsbilder der deutschen Romantik (5387). Die Ausgeburt einer wahrlich monströsen Phantasie ist die „Chimère“. Mit einer makabren Vision von dem feuerspeienden Zwitterwesen gelang dem vor allem als Zeichner namhaften Louis-Jean Desprez der Durchbruch als Graphiker. Die Radierung ist auf 15.000 € angesetzt (5275). Herausragend im Programm der Altmeistergraphik: Die Rembrandt- Radierung „Abraham Isaak liebkosend“ (5182, 12.000 €), eine Radierfolge von Frisius (5111, 12.000 €) und eine Sammlung mit dem nahezu vollständigen Oeuvre von Benigno Bossi (5263, 12.000 €).

Die „Allegorie der vier Elemente“ von Adriaen van Stalbemt zeigt den Antwerpener, der auch am englischen Hof wirkte, auf der Höhe seines Könnens. Anders als sein großes Vorbild Jan Brueghel d. Ä. beherrschte er die Landschafts- und Figurenmalerei gleichermaßen, und so wurde die Harmonie von Landschaft und Figur zu einem Kennzeichen seines Werkes. Das Ölgemälde eröffnet den Katalog Gemälde alter und neuerer Meister und hat eine Taxe von 140.000 €. Eine meisterhafte Ausführung des Bildthemas „David mit dem Haupt des Goliath“ von Barbieri, auch als Il Guercino bekannt, muss – laut Gutachten – einen bedeutenden Auftraggeber gehabt haben. Hierfür spricht die Ausführung wesentlicher Bildpartien und die Verwendung von Lapislazuli-Pigment für die Blautönung des Himmels (6017, 120.000 €). Weitere Höhepunkte der Gemäldeauktion sind eine um 1645 zu datierende „Flusslandschaft“ von Wouwerman (6025, 45.000 €), das Triptychon „Galen, Hygieia und Hippokrates“ von Waldmüller (6074, 18.000 €) und Werners Portrait von seinem Lehrer „Hans Veit Friedrich Schnorr von Carolsfeld“ in dessen Atelier in der Leipziger Kunstakademie (6077, 12.000 €) – ein wunderbares Stimmungsbild im Geist der Romantik, das hier erstmals an die Öffentlichkeit gelangt.

Innerhalb der Abteilung Zeichnungen des 16. bis 19. Jahrhunderts wird unter anderem die Sammlung des Nürnberger Bibliothekars und Kunsthistorikers „Eduard Isphording“ (1935-2012) versteigert. Ihr Schwerpunkt liegt auf süddeutschen und österreichischen Handzeichnungen, etwa von Fromiller, Steidl, Bergmüller, Göz und Baumgartner (6449- 6485). Spitzenlose des Katalogs sind die Federzeichnung „Le défenseur“ von Honoré Daumier, den Max Liebermann als größten Künstler des 19. Jahrhunderts ansah. Das ursprünglich in der Sammlung von Ernst Fuchs befindliche Blatt hat einen Schätzpreis von 30.000 €. Und die auf den 3. März 1835 datierte Zeichnung des Bestien-Spezialisten Aloys Zötl, der zeitlebens unbemerkt und als Autodidakt an einem fast surrealistisch anmutenden Tier-Panoptikum arbeitete. Sie zeigt einen prächtigen „Ozelot“, dem auf der Blattunterseite eigenhändig vom Künstler das Zeugnis „unzähmbar, schön, aber grausam“ ausgestellt wird (6629, 28.000 €).

Eine Sammlung mit Rahmen aus drei Jahrhunderten (6300-6364) und die Handbibliothek eines Graphikhändlers (3631-3984) kommen an den ersten beiden Auktionstagen ebenfalls zur Versteigerung.

Mit seinem 1917 geschaffenen Portrait der Schwester „Vor blauem Vorhang“ schuf Max Pechstein eine raffiniert versteckte Reminiszenz an seine Reise zum Inselparadies Palau. Das für Pechsteins Oeuvre zentrale, von ihm selbst hoch geschätzte Bildnis ist seit über 80 Jahren in Privatbesitz und kommt nun als Spitzenstück der Abteilung Moderne Kunst zur Auktion (8264, 200.000 €). Deren Katalog ermöglicht einen Streifzug durch das 20. Jahrhundert auf den lichten Höhen künstlerischen Schaffens: Am Portal der Epoche steht Edvard Munch, hier vertreten mit einem exzellenten Druck der Kaltnadelradierung „Mondschein“ von 1895 (8245, 18.000 €) und dem äußert seltenen Blatt „Die Frauen und das Gerippe“ (8248, 25.000 €). Gefolgt von Max Beckmanns noch immer verstörendem Schlüsselwerk, der Lithographie „Die Nacht“ (80772, 60.000 €), Karl Schmidt-Rottluffs meisterhaft Hell und Dunkel ausbalancierenden Holzschnitt „Hafen Teufelsbrücke“ (8309, 40.000 €) und Conrad Felixmüllers hypnotisierendem „Versammlungsredner“ (8116, 30.000 €), ein Rarissimum ersten Ranges, bis zur „Frau mit Sense“ von Käthe Kollwitz. Die Bearbeitung des ersten Druckzustandes der Radierung mit Feder und Pinsel ist mit 50.000 € angesetzt (8189).

Zu nennen sind außerdem Werke von Ernst Ludwig Kirchner (darunter die Kreidelithographie „Mädchen mit Hut“, 8177, 15.000 €), Renée Sintenis’ Stuckskulptur mit dem Portrait eines ziemlich zerfurchten „Joachim Ringelnatz“ (8315, 15.000 €) und Georg Kolbes dagegen viel gefälligere „Bronze-Statuette“ (8187, 30.000 €). Eine gänzlich andere Idee von Natürlichkeit als Kolbe bringt Aristide Maillol mit seiner „Petite baigneuse“ zum Ausdruck (8230, 25.000 €). Durch die „Sweet Dreams“ von Roy Lichtenstein wird man schlagartig – Pow! – in die sechziger Jahre geschleudert. Der exzellente Druck dieser Ikone der Pop-Art soll für geschätzte 30.000 € den Besitzer wechseln. In den siebziger Jahren, so scheint es, kehrt wieder Ruhe ein. Etwa in den meditativ schwingenden Zahlenreihen Alfanos (8056, 18.000 €) oder im „Monument der Tröstungen“ (8140, 28.000 €) des kürzlich gestorbenen Johannes Grützke: museales Denkmal einer sentimentalischen Pose. Drei gesonderte Sammlungsabschnitte mit den Schwerpunkten Otto Gleichmann/Horst Janssen, Werner Tübke und Kurt Mühlenhaupt sind außerdem Bestandteil der Auktion.

Der letzte Tag der Herbstsaison gehört wie gewohnt der Fotografie. Besonderes Interesse verdienen in der Abteilung 19. Jahrhundert Ansichten von „China“ (beispielsweise 4024, 2.000 €) und Indien (4048-4076), das „Souveniralbum der S.M.S. Vorwärt“s, die 1904-1906 den Yangtse befuhr (4028, 4.000 €), die Sammlung von „77 Cartes-de-visite mit osmanischen Portraits“ und die Salzabzüge von Pierre Trémaux, die zu den frühesten in Afrika entstandenen Fotografien gehören (4100, 2.000 €). Zwei großformatige Silbergelatineabzüge von Bernd und Hilla Becher aus der „Kalköfen-Serie, Niederlande 1968“, (4112, 4113, je 12.000 €) sind die Top-Lose im fast 250 Lose umfassenden Teil 20. Jahrhundert. Eine Reihe von Portraits und Fotogrammen aus dem Nachlass von Lou Landauer (1897-1991) könnte man als Hommage an das grandiose Werk dieser weithin vergessenen, 1934 zur Emigration nach Palästina gezwungenen Fotografin betrachten (4213-4227). Mit Helmut Newton schließlich werden auch die letzten Vorurteile beseitigt: Krokodile beißen nicht. Das Beweisfoto ist mit 5.000 € geschätzt (4251).

Veranstaltungen zum Bericht:
110. Auktion: Wertvolle Bücher, Dekorative Graphik und Autographen
110. Auktion: Druckgraphik des 15. - 19. Jahrhunderts
110. Auktion: Gemälde Alter und Neuerer Meister - Zeichnungen des 15. - 19. Jahrhunderts
110. Auktion: Moderne Kunst Teil I und II
110. Auktion: Fotografie des 19. - 21. Jahrhunderts - Fotobücher

Quelle: © Galerie Bassenge Berlin

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