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Bühnen, Banken, Flugzeughallen. Frankfurter Projekte von Otto Apel/ABB

ABB, Schauspiel Frankfurt am Main, 1963 / Foto: Ulfert Beckert

Das Büro ABB hat in der deutschen Architekturlandschaft der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts deutliche Spuren hinterlassen. Insbesondere das Frankfurter Stadtbild ist von ABB geprägt: Die Städtischen Bühnen, die Deutsche Bundesbank, das Hotel Intercontinental, die Hochhäuser der Dresdner und der Deutschen Bank und das Wohn- und Bürohaus Berliner Straße 27 sind nur einige von rund vierzig realisierten Bauten allein in dieser Stadt. Es ist aber weniger die Anzahl als die durchgängig hohe und eigenständige Qualität der Gebäude, die den Beitrag von ABB zur Baugeschichte ausmacht.

Die Geschichte des Büros ist eng mit der deutschen Zeitgeschichte verbunden. Bürogründer Otto Apel, 1906-1966, hatte bei Heinrich Tessenow studiert und arbeitete während des Zweiten Weltkriegs im Architektenstab seines früheren Studienkollegen Albert Speer, 1905–1981. Apel, der in den letzten Kriegsjahren noch als Soldat eingezogen, aber nie NSDAP-Mitglied gewesen war, etablierte sich bereits kurz nach Kriegsende als Architekt in Frankfurt. Als leitender Architekt der 1947 gegründeten Frankfurter Aufbau AG übernahm er eine wichtige Rolle im Wiederaufbau der Stadt: Unter anderem baute er 1950, in Arbeitsgemeinschaft mit Rudolf Letocha, William Rohrer und Martin Herdt, den zerstörten Römer - das Frankfurter Rathaus - sowie zwei angrenzende mittelalterliche Häuser wieder auf. Auch der Umbau des kriegszerstörten Schauspielhauses zur Oper Frankfurt 1949–1951 ist für die Stadt von zentraler Bedeutung. Kurz nach Kriegsende begann auch Apels Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Architekturbüro Skidmore, Owings und Merrill. In Frankfurt entstanden mit SOM unter anderem das Amerika-Haus, heute Instituto Cervantes, und das ehemalige US-Generalkonsulat in der Siesmayerstraße.

1953 eröffnete er das „Architektenbüro Otto Apel“, das in den folgenden Jahren eine lebhafte Bautätigkeit entfaltete. Als wichtiger Auftraggeber erwies sich der Frankfurter Flughafen, für den Otto Apel bald zum Hausarchitekt wurde. Seit seiner Bürogründung brachte sich Apel allerdings kaum mehr als Entwerfer ein: Sogar der Entwurf seines eigenen Wohn- und Bürohauses in der Berliner Straße 27 stammt von seinem Mitarbeiter Eberhard Brandl. Apel selber sah sich eher als Leiter eines Unternehmens nach dem Muster amerikanischer Großbüros wie SOM, deren Arbeitsweise er kennen- und schätzen gelernt hatte.

Schon 1951 war Hannsgeorg Beckert, 1927-1978, als Architekturstudent bei Apel, Letocha, Rohrer, Herdt eingestiegen. Seit der Bürogründung 1953 arbeitete er, ohne sein Studium noch zu beenden, ständig für Otto Apel. Beckert war im Büro fortan für den Bereich Entwurf zuständig. Er übernahm aber auch die Kommunikation mit den Bauherren, etwa den Vorständen der Deutschen Bundesbank, der Dresdner und der Deutschen Bank. Als Generalist war Beckert auch mit der zeitgenössischen Kunst vertraut. Noch vor Baubeginn der Deutschen Bundesbank war er Mitglied in deren Kunstbeirat und half, die Sammlung aufzubauen. Stets räumte er der Kunst in seiner Architektur einen wichtigen Platz ein, oft brachte er auch Arbeiten befreundeter Künstler, wie Hans Steinbrenner, in seinen Gebäuden unter.

Einige Zeit nach Beckert trat auch Gilbert Becker, *1925, dem Büro bei. Er übernahm die Bereiche Ausschreibung und Vergabe sowie Terminplanung und Bauleitung, also die gesamte technische Seite der Büroarbeit. Vor allem aber ermöglichte Beckers Mitwirken dem Büro ABB, die Bearbeitung eines Projekts vom Entwurf bis zur Ausführung als komplette Leistung zu übernehmen.

Das Büro leistete sich eine personell gut ausgestattete Abteilung für Innenarchitektur und übernahm in fast allen Fällen auch den Innenausbau. Oft wurden Möbel und Einbauschränke eigens für bestimmte Projekte entwickelt, für die Bundesbank und die Dresdner Bank waren es ganze Möbelsysteme.

Im Jahr 1961 gewann das Architektenbüro Otto Apel den Wettbewerb zum Neubau der Zentrale der Deutschen Bundesbank. Die Erteilung dieses Bauauftrags war für Otto Apel der Anlass, Hannsgeorg Beckert, den Verfasser des Wettbewerbsentwurfs, und Gilbert Becker zu Mitinhabern seines Büros zu machen. Am 1. September 1961 gründeten sie das gemeinsame Büro „ABB“ – Apel, Beckert und Becker. In den folgenden Jahren entstanden weitere große Projekte: der Um- und Neubau der Städtischen Bühnen, das Hotel Intercontinental und das Nordwestzentrum, das als progressives städtebauliches Projekt weltweit Aufmerksamkeit fand. Nach Otto Apels Tod 1966 führten seine Partner das Büro als „ABB Architektenbüro Beckert + Becker“ weiter. Die Arbeit lebte zu einem großen Teil von den Impulsen, die jüngere Mitarbeiter einbrachten. Diese bekamen oft bemerkenswert freie Hand, allerdings traten sie selten namentlich in Erscheinung, ihre Arbeit wurde unter dem Büronamen ABB subsumiert.

Mit dem Bau des Hochhauses für die Dresdner Bank 1971–1980 vollzog ABB die Abwendung von der strengen Spätmoderne, die beim Biochemischen Zentrum der Max-Planck-Gesellschaft Martinsried schon eingeleitet wurde. Die Architekten Walter Hanig, 1928–2001 (Max-Planck-Gesellschaft) und Heinz Scheid, *1933 (Dresdner Bank) sowie Johannes Quirin Schmidt, *1929, der unter anderem am Entwurf der Wartungshalle V beteiligt war, wurden Partner und führten das Büro, nach Hannsgeorg Beckerts Tod und Gilbert Beckers Ausscheiden, seit 1979 unter dem Namen „ABB Architekten Hanig, Scheid, Schmidt“. Unter ihrer Regie entstanden die Doppeltürme der Deutschen Bank, die Neugestaltung des Hochhauses am Park, die Nord- und Südarkade der Kreditanstalt für Wiederaufbau und das neue Vorstandsgebäude der Dresdner Bank an der Taunusanlage. In dieser Zeit waren bei ABB bis zu 200 Mitarbeiter beschäftigt. In den 1990er Jahren nahm ABB Beziehungen nach China auf, wo die Architekten die Hochhäuser Asia Pacific Business Centre in Nanjing und Bocom Financial Tower in Shanghai-Pudong errichteten.

Das in Zusammenarbeit mit Pete Welbergen entworfene und 2004 fertiggestellte Main Airport Center ist das letzte größere von ABB realisierte Projekt. Eine große Chance bot um 2000 das Projekt Urban Entertainment Center (UEC) auf dem Gebiet des ehemaligen Güterbahnhofs, zu dem auch das gemeinsam mit Jean Nouvel entworfene Hochhaus Tower One gehören sollte. Zu dieser Zeit waren die Architekten Michael Beye und Lukas Scheid, die Entwerfer des UEC, und Nannah Schmidt von Raumer bereits Partner bei ABB. Nach dem 11. September 2001 und der anschließenden Wirtschaftskrise wurde das Projekt zurückgestellt.

Das Deutsche Architekturmuseum übernahm im Jahr 2015 einen Teil des Archivs des Frankfurter Architekturbüros ABB, das bis 2005 tätig gewesen ist. Es handelt sich dabei um kein Planarchiv, sondern um eine gut strukturierte Projektdokumentation aus Unterlagen und Fotos. Sie wurde über Jahrzehnte durch ABB gepflegt. Schon beim ersten Sichten fielen die hervorragenden Schwarz-Weiß-Fotografien auf, die einen beträchtlichen Teil des Bestands ausmachen. Sie stammen vom Fotografen Ulfert Beckert (1937–1993). Der jüngere Bruder des Architekten und ABB-Partners Hannsgeorg Beckert dokumentierte bis Anfang der 1970er Jahre fast die gesamte Arbeit des Architekturbüros von Otto Apel, später ABB Architekten. Ulfert Beckerts Fotografien erfassen die Architektur auf kongeniale Weise.

Die in der Ausstellung und im Katalog vorgestellten Projekte zeigen nur einen kleinen Ausschnitt dieses umfangreichen Oeuvres. Es sind ikonische Entwürfe und Bauten aus den 1950er bis 1970er Jahren, durch die sich Klarheit, Nüchternheit und subtile Eleganz wie ein roter Faden ziehen. Ausgewählt wurden Frankfurter Projekte, um den Fokus auf die Stadt zu richten. Einige der gezeigten Bauten sind jüngst erneut ins öffentliche Interesse gerückt: die Zukunft der Städtischen Bühnen – Sanierung oder Abriss und Neubau? – ist in der Schwebe; die Deutsche Bundesbank steht vor der Sanierung ihres Dienstgebäudes und äußert zugleich Überlegungen zum Neubau eines Hochhauses; die ehemalige Zentrale für Maschinelle Dokumentation (ZMD) in Niederrad wurde im Dezember 2016 unter Denkmalschutz gestellt; das IBM-Rechenzentrum im Bahnhofsviertel dagegen noch im Frühjahr 2016 sang- und klanglos abgerissen, während die stadtbildprägenden Hochhäuser der Dresdner Bank und der Deutschen Bank in den vergangenen Jahren umfassend renoviert wurden. Gegenwärtig findet eine Neubewertung dieser 40 bis 50 Jahre alten Bauten statt. Diese Ausstellung und der begleitende Katalog möchten eine neue Perspektive auf die für Frankfurt so bedeutende und noch immer zu wenig bekannte Architektur von ABB ins Spiel bringen.

Der Berliner Künstler Eike Laeuen (*1964) hat die Bauten im Herbst 2016 besucht. Seine Farbfotografien sind in Ausstellung und Katalog eingestreut. Sie sind den historischen Schwarz-weiß-Aufnahmen als subjektive und poetische Eindrücke gegenübergestellt.

Veranstaltungen zum Bericht:
Bühnen, Banken, Flugzeughallen. Frankfurter Projekte von Otto ApelABB

Quelle: © Deutsches Architektur - Museum Frankfurt

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