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Ernst Ludwig Kirchner, Häuser im Schnee, 1917

Ernst Ludwig Kirchner, Häuser im Schnee, 1917

Öl auf Leinwand. 70,5 x 60,3 cm. Gerahmt. Unbezeichnet. - Rückseitig mit loser Leinwand, gehalten durch die gemeinsame Nagelung, alt hinterspannt. Diese insgesamt gebräunt und schwach stockfleckig. Mit feinem Craquelé; die dünn vermalte, offenporige Farbstruktur auf sichtbarem Grund stellenweise mit altersbedingtem Berieb. Die untere Keilrahmenleiste sich nach vorne abzeichnend. Längs der Ränder mit 2 kleinen eher unauffälligen Dellungen und minimalen Farbausbrüchen.

Gordon 474 ("Verbleib unbekannt"); dokumentiert in einem der 4 Photoalben des Künstlers, Fotoarchiv E.L. Kirchner (II, 177)

Losnummer: 213


Provenienz

1918 vom Künstler durch Vermittlung von Karl Ernst Osthaus erworben; ehemals Gut Schede, Herdecke, seitdem in dritter Generation in Familienbesitz, zuletzt Privatbesitz Westfalen; von 2011-2016 Dauerleihgabe und Depositum im Von der Heydt-Museum, Wuppertal-Elberfeld

Ausstellungen

Bielefeld 1969 (Kunsthalle Bielefeld, Richard Kaselowsky-Haus), Ernst Ludwig Kirchner aus Privatbesitz, Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen, Grafik, Kat. Nr. 197 (Nachtrag)

Literatur

Karl Ernst Osthaus, Van de Velde, Leben und Schafffen des Künstlers (Die Neue Baukunst, Monographienreihe Band I), Folkwang-Verlag Hagen 1920, S. 52, mit Abb. S. 28; Lucius Grisebach, Von Davos nach Davos. Ernst Ludwig Kirchner und die Familien Grisebach und Spengler in Jena und Davos, in: Davoser Revue 67, 1992, S. 30-47; Donald E. Gordon, Ernst Ludwig Kirchner, Mit einem kritischen Katalog sämtlicher Gemälde, München 1968, S. 107 ff., Nr. 474 mit Abb. S. 343; Herta Hesse-Frielinghaus (Hg.), Kirchner und das Folkwang-Museum Hagen, Briefe von, an und über Kirchner zusammengestellt aus den Beständen des Osthaus-Archivs Hagen, Sonderdruck aus der Zeitschrift Westfalen, 52. Band, Heft 1-2, Münster 1974, S. 60 f. mit Abb. 10, S. 61

Vgl. ferner allgemein: Nele van de Velde (Hg.), E.L. Kirchner, Briefe an Nele und Henry van de Velde, München 1961; Herta Hesse-Frielinghaus, August Hoff u.a., Karl Ernst Osthaus, Leben und Werk, Recklinghausen 1971, S. 195/196, 211; Ulrike Ittershagen, Gut Schede und das Privatkontor Harkort in Wetter (1904), in: Birgit Schulte (Hg.), Henry van de Velde in Hagen, Hagen o.J. (1992), S. 227-239; Freimut Richter-Hansen, Kirchner in Königstein, in: Ausst. Kat. Ernst Ludwig Kirchner. Kirchner in Königstein, Aquarelle, Zeichnungen, Druckgrafik, Fotografien, Galerie Jahrhunderthalle Hoechst 1999/2000, S. 7 ff.

„Dieser Maler schaut mit Augen in die Welt, die das verborgene innere Leben verstehen, und nur, was er hier sieht, will er im Bilde festhalten. Es handelt sich nie um das rein Gegenständliche, es handelt sich immer um Seelisches. […] Da es sich ausschließlich um die Darstellung dieser seelischen Beziehung zu den Dingen handelt, so versteht es sich ganz von selbst, daß jeder Gegenstand nur insofern Daseinsrecht im Bilde hat, als er Träger dieser Beziehung ist. Kirchners Kunst sucht nach den Symbolen, die die seelischen Beziehungen des Künstlers zum Wesen der Dinge ausdrücken. Diese seelische Beziehung empfinden, heißt seine Bilder verstehen.“

Botho Graef (zit. nach: Ausstellung von Gemälden von E.L. Kirchner, Galerie Ludwig Schames, Frankfurt am Main (1919)



Ernst Ludwig Kirchner schuf mit der Komposition "Häuser im Schnee" im Winter des Jahres 1917 wohl eines seiner ersten Gemälde aus der Schweiz, die ihm zur zweiten Heimat werden sollte. Im hohen Format gibt er einen steilen Landschaftsausschnitt mit zwei wuchtigen Giebelarchitekturen inmitten dicht stehender Berge. Die landschaftstypischen Häuser Graubündens, ob Holz, ob Stein, haben mit ihren ausladenden Dächern und schweren Kaminen der ganzen Schneelast und dem Frost zu trotzen, um desto zuverlässiger die Wärme und die Geborgenheit, die dem Menschen existentiell notwendig ist, in ihrem Inneren zu garantieren. Die architektonischen Strukturen sind gegeneinander gestaffelt und bilden mit ihren festen, geraden Formen einen deutlichen Kontrast zur Weichheit und malerischen Unbestimmtheit, mit der die tief verschneite Umgebung charakterisiert ist. Die örtliche Lage ist nicht ohne Gefährdungen, scheinen doch die Grate und die Hänge des Gebirges die Schneemassen kaum zu halten. Keine Passage, kein Pfad ist in dieser eingeschneiten Bergwelt sichtbar. Zu den spitzen Giebeln der Häuser korrespondiert formal gleichgewichtig ein tiefer, dreiecksförmiger Himmelsausschnitt. Am unteren Bildrand tariert eine gelängte, abstrahierte Frauengestalt, die im Anschnitt nach links gewendet erscheint, die Komposition zusätzlich auf eine bedeutsame Weise aus, ist sie doch im Maßstab vor dieser überwältigenden Naturkulisse klein und wie verloren empfunden. Sie setzt mit Zügen, die an Erna Schilling erinnern, einen markanten, nicht wegzudenkenden Akzent in der Fläche des Bildes.

Kirchner hat in dünner aber farbkräftiger Lasur die Farben wohl sehr rasch auf dem Leinwandgrund, der in der Gestaltung mit spricht, vermalt, typischerweise unter Einschluss fast zeichnerischer Elemente in farbigen Strich- und Zickzacklagen. Daneben steht dichter, flächigerer Pinselauftrag in Kontrast zu dünnflüssigen, transluziden Pinselbewegungen, die linear oder wellenartig unbestimmt auslaufen, gleichsam wie im Schleier eines atmosphärischen Schnee- und Kältedunstes. Die Farbwirkung des Bildes ist eindrucksvoll gelungen, sie läßt das winterliche Landschaftsmotiv wie unwirklich erstrahlen. Kirchners Farben sind expressiv-komplimentär wie auch symbolisch zu verstehen: zu einem transzendentalen Weiß und dem tiefen Blau treten satte Schattierungen von Orange und Grün sowie ein irrlichterndes, belebendes rötliches Licht als Stimmungsakzent: „orange/rosa, die Farbe des Lebens“, hatte Kirchner in anderem Bildzusammenhang Nele van de Velde, der Tochter Henry van de Veldes, von Frauenkirch aus später geschrieben (Brief vom 21. Mai 1920, zit. nach E.L. Kirchner, Briefe an Nele und Henry van de Velde, München 1961, S. 27).



E.L. Kirchner und Henry van de Velde, beide durch die Geschehnisse im I. Weltkrieg in ihrem Wirken zunächst aus Deutschland exiliert, sollten sich im Juni 1917 erstmals in Davos persönlich begegnen. Es erwuchs sogleich Vertrauen und eine tief empfundene Freundschaft. Hier schließt sich für das vorliegende Gemälde - durchaus nicht ganz zufällig - ein schicksalhafter künstlerischer Kreis.

Es war Karl Ernst Osthaus, aufs engste mit Henry van de Velde und seinem Wirken verbunden und auch mit den Arbeiten der „Brücke“-Künstler seit 1907 persönlich vertraut, der 1918 Kirchners „Häuser im Schnee“ kurz nach ihrer Entstehung in eine Privatsammlung auf Gut Schede bei Herdecke in Westfalen vermittelte. Seine Cousine Elisabeth Funcke hatte den Fabrikanten Hermann Harkort 1904 geehelicht und das Paar hatte das alte familiäre Gutsanwesen aus dem frühen 19. Jahrhundert von van de Velde und Peter Behrens umbauen und neu ausstatten lassen. „Der Besitzer dieses schönen, altwestfälischen Gutshofes, Herr Hermann Harkort, war der erste Großindustrielle des Westens, der überzeugt und entschlossen zur modernen Bewegung übertrat“, betonte Osthaus im Rückblick (K.E. Osthaus, Van de Velde, Hagen 1920, S. 52). Das Gemälde „Häuser im Schnee“ fand seinen Platz in einer lichten Ecke am Fenster des von van de Velde entworfenen Speisezimmers, das mit den eleganten, dunkel polierten Mahagonimöbeln aus Weimarer Werkstatt, den hellen Lederpolstern und einem ornamentalen Sisal-Teppich dem Stück ein künstlerisch gestaltetes Ambiente bot (s. Vergleichsabb.). Kirchner wäre wahrscheinlich darüber sehr glücklich gewesen - mag es doch möglicherweise eine (wissentliche?) Anspielung sein, als er im November 1919 van de Velde gegenüber kurz bemerkte: „Daß Sie jeder Zeit mit Freuden Bilder von mir haben können, wissen Sie. Ich wüßte keinen besseren Ort für meine Arbeiten als Ihre Räume.“ (Brief vom 22. November 1919 aus Frauenkirch, zit. nach E.L. Kirchner, Briefe an Nele und Henry van de Velde, op. cit., S. 101).



Osthaus hatte im Dezember 1917 bei einem Besuch im Berliner Atelier Kirchners eine Bildauswahl für Ankäufe vorgenommen (vgl. Herta Hesse-Frielinghaus u.a., Karl Ernst Osthaus, Leben und Werk, Recklinghausen 1971, S. 196), dazu zählte wohl auch das vorliegende Gemälde „Häuser im Schnee“. In einem nachgeschickten Dankesschreiben aus dem Sanatorium Bellevue in Kreuzlingen an den bewunderten Gründer des Folkwang-Museums scheint der Maler in der expliziten Erwähnung von zwei „Winterbildern“ u.a. darauf Bezug zu nehmen - es sei die Passage interessehalber voll zitiert: „Besonders freut es mich, daß Sie das Porträt Schlemmer und die Papageientulpen gewählt haben. Die Papageientulpen sind wohl das farbigste Bild von mir. Das Porträt Schlemmer in der Handschrift ganz umgesetzt gibt doch den Menschen so, daß ihn jeder sieht. Die beiden Schneelandschaften werden wohl die einzigen Winterbilder bleiben, die ich je gemalt habe. Wenn die Bilder einmal photographiert werden, würde ich Sie bitten, mir einen Abzug senden zu lassen. Ich stelle alle erreichbaren Photographien für van de Velde zusammen, der ein Buch über meine Arbeit schreibt. Leider habe ich keine Rahmen für die Bilder. Einfache Holzgoldrahmen (am besten ein grünliches Gold) passen sicher am besten dazu. Daß ich bei Ihnen nun auch mit Bildern sprechen darf, ist eine ganz große Freude für mich u. treibt mich an weiter zu arbeiten, wenn ich nur könnte.“ (Brief vom 24. Januar 1918, zit. nach Herta Hesse-Frielinghaus, Ernst-Ludwig Kirchner und das Folkwang-Museum Hagen, in: Westfalen, Band 52, Heft 1-2, Münster 1974, S. 61).



„Wenn ich nur könnte“… : seit 1915 kümmerte sich ein kleiner Kreis wichtiger Persönlichkeiten einfühlsam und mäzenatisch um Kirchner, dessen kritischer, labiler Gesundheitszustand nach einem physischen und psychischen Zusammenbruch immer wieder Sorgen bereitete. Zu ihm gehörten nicht nur der Archäologe und Kunsthistoriker Botho Graef aus Jena oder Ernst Gosebruch aus Essen, sondern insbesondere, nicht zuletzt in finanzieller Hinsicht, Carl Hagemann aus Frankfurt und Karl Ernst Osthaus aus Hagen. Sie ermöglichten durch ihre direkte Zuwendung die wiederholten Aufenthalte Kirchners im Sanatorium Kohnstamm in Königstein im Taunus 1916. Nach einem kürzeren Klinikaufenthalt in Berlin im Winter des Jahres empfahl Eberhard Grisebach anscheinend in kurzfristigem Prozeß den schwerst Medikamenten-Abhängigen Mitte Januar 1917 zu seinem Schwiegervater Dr. Lucius Spengler nach Davos. Grisebach leitete ehrenamtlich den für die modernen Bestrebungen historisch so interessanten Jenaer Kunstverein und hatte erstmals 1914, dann im Frühjahr 1917 Ausstellungen zum Werk Kirchners eingerichtet. Er und das Arztehepaar Spengler ebneten dem Künstler nicht zuletzt den Weg zur endgültigen Übersiedlung in die Schweiz. Im Rahmen des kurzen aber für Kirchner so einschneidenden Aufenthaltes im hohen Gebirge, vom 19. Januar bis zum 5. Februar 1917, entstand das Gemälde „Häuser im Schnee“. Wieder ist es ein Briefzeugnis, von Helene Spengler an ihren Schwiegersohn, die die damalige Situation uns plastisch macht: „Kirchner reist zurück, er dachte sich, Davos liege im Süden unter Palmen! Wirklich. Er will gar nicht aufstehen, außer, wenn er zu mir ins Esszimmer kommt. Er hat Verfolgungswahn und meint, in der Pension werde er bestohlen usw. Er kam in eine seit 20 Jahren nicht erlebte Kälte und ist ausser sich darüber, er könne schon den Berliner Winter nicht ertragen, er wolle zum Ofen in seinem Atelier. So wird er wohl die nächsten Tage fahren, und es ist sicher das Richtige…“ (Lucius Grisebach, „Kirchners erster kurzer Aufenthalt in Davos und Flucht“, in: Von Davos nach Davos, Ernst Ludwig Kirchner und die Familien Grisebach und Spengler in Jena und Davos, Davoser Revue 67, 1992, S. 39). Nun, es sollte bald darauf ein wärmerer Sommeraufenthalt auf der Staffelalp folgen. Die Bilder und Projekte, die in diesen ersten Jahren wechselnder Sanatorien entstehen, gehören nach wie vor zu den bedeutendsten seines Werkes.


Veranstaltungshinweise:

Am 02.12.2016 Auktion 1078: Moderne Kunst


Schätzpreis: 500.000 - 600.000  EURO

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