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Marilyn Monroe, der Eiffelturm, Pelé und das Rhinozeros

Albrecht Dürer, Das Rhinozeros, 1515

Marilyn Monroe, der Eiffelturm, Pelé – das „Rhinozeros“ von Albrecht Dürer ist so populär, dass man für einen Vergleich in die höchste Schublade greifen muss. Auf dem Umschlag des Kataloges Druckgraphik des 15.-19. Jahrhunderts sieht man das berühmte Nashorn mit den Schweinsohren, sein trauriges Schicksal gesenkten Hauptes vorausahnend. 1515 ertrank es auf der Reise zu Papst Leo X. im Mittelmeer. Wenige Seiten später begegnet man ihm erneut, diesmal in ganzer Größe und würdiger Plumpheit als Los 5100. Der vorzüglich erhaltene Holzschnitt ist mit 30.000 € geschätzt und gehört zu den Spitzenlosen am ersten Tag der Auktion. Ein äußerst seltener Frühdruck von Rembrandts Radierung „Der Obelisk“ steht terminologisch in krassem Gegensatz zu dem gepanzerten Weltwunder: von „feinen Wischlinien und zarten Schwefelstaubspuren im Himmel“ spricht die Beschreibung. Die gleichwohl markante Taxe liegt bei 60.000 € (5219). Atmosphärisch bestens vorbereitet ist man somit auf Ferdinand Oliviers graphisches Hauptwerk, die „Sieben Gegenden aus Salzburg und Berchtesgaden“ (5492). Dieser bedeutendste graphische Zyklus der deutschen Romantik evoziert die ideale Vorstellung vom Idyll in reinster Form. Aus einer baden-württembergischen Privatsammlung stammend, wird die Folge in der Luxusausgabe angeboten, von der nur wenige Exemplare hergestellt wurden (50.000 €). Im Preissegment bis 20.000 € außerdem erwähnenswert sind Blätter von Hieronymus Bosch, etwa „Die Versuchung des hl. Christophorus“ im ersten Druckzustand (18.000 €, 5047), die Darstellungen von Kriegsschiffen von R. Short (16.000 €, 5390) oder ein äußerst rarer Frühdruck von Bruegels „Die Kirmes am St. Georgs Tag“ (12.000 €, 5062), auf der es bekanntlich nicht immer lustig zuging. Im wie immer dichten Angebot von Rembrandt-Arbeiten ist neben dem bereits genannten „Obelisk“ der „Mann in der Laube“ von besonderer Bedeutung. Nowell-Usticke vergibt für dieses Blatt ein dreifaches „RRR“ und ergänzt „A very rare plate, possibly a self portrait“ (12.000 €, 5220).

Eine um 1615 entstandene „Waldlandschaft“ des belgischen Hofmalers Denijs van Alsloot ist das Spitzenlos der Gemälde alter und neuerer Meister (50.000 €, 6015). Das Werk steht am Übergang vom Manierismus zur realistischen Naturauffassung des 17. Jahrhunderts und ist ein prächtiges historisches Argument für die Juroren der UNESCO, den Zoniënwoud demnächst als Weltkulturerbe einzustufen. „Die büßende Maria Magdalena empfängt die Dornenkrone“, von Marco Antonio Franceschini um 1690 geschaffen, vereint viele der Charakteristika, für die der „klassische Bologneser“ Stil stets geschätzt wurde: die Ausgewogenheit der Komposition, eine sinnlich-dekorative Leichtigkeit und elegante Linienführung, die Grazie der weiblichen Gestalten (40.000 €, 6034). Achtzig Jahre später portraitiert Anto Graff die Gemahlin eines Augsburger Handelsherren (24.000 €, 6052). Das Bildnis war bislang nur durch ein Schabkunstblatt bekannt – nun ist die elegante Dame, die mit 28 Jahren starb, für heutige Maßstäbe etwas neureich aufgeputzt, in effigie zu bewundern. Gesteigertes Interesse werden sicherlich auch zwei venezianische Veduten von G. B. Bison finden (35.000 €, 6044), das Porträt einer Dame als hl. Cäcilia von Gonzales Coques (30.000 €, 6030), ein Doppelbildnis von Anthony van Dyck (30.000 €, 6021) sowie zwei Stilleben von Joris van Son und Ambrosius Bosshaert (30.000 €, 6027 und 12.000 €, 6011). Im Landschaftssujet dominieren ein Jan Franz van Bloemen zugeschriebenes Ölbild (12.000 €, 6028), der Blick auf Neapel von Giovanni Serritelli (12.000 €, 6120) und die „Abendstimmung bei Ponte Molle“ von Johann Christian Brandt (9.000 €, 6050). In welche Gefilde der Wiener Alexander Rothaug die Braut auf einer blumenbekränzten Barke heimführt (6186), ist schwer zu sagen. Die Teuerste in antikischem Gewand sollte dem Bieter allemal 12.000 € wert sein.

Unter den fast 300 Losen des Katalogs Zeichnungen des 16. bis 19. Jahrhunderts erscheint die „Studie einer Kopfweide“ des Haarlemer Landschaftsmalers Claes van Beresteyn (1629-1684) als beeindruckend trotziger, von kleinen Zweigen geneckter Solitär. Beresteyn, dessen schmales Oeuvre auch dadurch zu erklären ist, dass ihn seine künstlerische Betätigung nicht ernähren musste, hat den knorrigen Baum wohl direkt vor Ort in dem für ihn typischen Zeichenstil, in knappen Federstrichen, festgehalten (18.000 €, 6528). Das 19. Jahrhundert wird diesmal von einer kleinen süddeutschen Privatsammlung eröffnet, die Zeichnungen, Ölstudien und Gemälde enthält, darunter eine Federzeichnung von Heinrich Dreber (7.500 €, 6618), italienische Landschaften und Ansichten (etwa von Mailand, 7.500 €, 6626) sowie Tierstudien und Portraits, so zum Beispiel von einem Indianer aus dem Stamm der Araukaner von J. M. Rugendas (4.500 €, 6641). Das geographische Spektrum dieser Sammlung, von den bayerischen Alpen bis Patagonien, ist beträchtlich. Einen der bekanntesten Vertreter der oft aus der Türkei stammenden, als Mameluken bezeichneten Militärsklaven portraitierte Johann Heinrich Schmidt im Jahr 1813 (16.000 €, 6660). Roustam Raza, lange Jahre persönlicher Leibwächter Napoleon Bonapartes, wäre heute ein Held der Regenbogenpresse. In diesem Portrait ist zu spüren, was die Lakaien und Sekretäre aller Zeiten auszeichnet: das geheime Wissen der Dienenden. Zwei Federzeichnungen von Julius Schnorr von Carolsfeld sind mit jeweils 4.000 € veranschlagt (6699 und 6700). Und am Schluss des Katalogs finden sich mehrere „Seelenlandschaften“ des ziemlich eigenbrötlerischen, von der Anthroposophie Rudolf Steiners beeinflussten Hannoveraners Hermann Wöhler (1.200-2.400 €; 6780ff.).

Glanzstück des Katalogs Moderne Kunst ist in diesem Frühjahr ein „Tanz in der Alp“. Ernst Ludwig Kirchners Lithographie von 1920 führt mitten hinein auf die Holzdielen einer Bauernstube und zeigt eine rustikale Facette der Roaring Twenties – auch hier (und eben nicht nur in den Tanzlokalen der Metropolen) spielte die Musik. Der äußerst seltene Abzug, sieben nur sind bislang bekannt, soll 45.000 € einspielen (8124). Eine gleichfalls sehr seltene Fassung des Motivs „Femme au Fauteuil“ von Pablo Picasso, der darin seine spätere Ungeliebte Françoise Gilot im Jahr 1948 auf den Lehnstuhl placierte, ist mit 30.000 € angesetzt (8255), eine schwungvolle Kreidezeichnung von Joan Miró (8199) mit 20.000 € und ein spätes Portfolio von 1976 mit 25 Radierungen zu Louis-Aragon-Gedichten von Marc Chagall mit 18.000 € (8035). Zwei Pastelle von Lesser Ury, eine lesende Dame im Café und die Spaziergänger am Landwehrkanal zeigend (25.000 € bzw. 28.000 €, 8347/48), beweisen einmal mehr, dass Ury wie kaum ein anderer den Zauber des Lichtes einzufangen wusste. Liebeserklärungen an Berlin – auch dies. Im maritim-nautischen Register stampft Emil Noldes großer dunkler Dampfer durch den schemenhaften Hamburger Hafen (25.000 €, 8231), schon lichter der Holzschnitt mit dem Vareler Hafen von Karl Schmidt-Rottluff (20.000 €, 8300) und Wunderwalds Ölbild mit einem „Ostpreußenkahn in der Wintersonne“ (15.000 €, 8380). Nahezu heiter – trotz aufziehender Gewitterfront – erscheinen schließlich die „Segelboote vor der Küste“ von Max Pechstein (20.000 €, 8248). Auf dem Weg zum Ende der Auktion leuchtet die „Kerze I“ von Gerhard Richter (signiert, 17.000 €, 8280). Drei gestalterisch höchst intensive Skulpturen aus dem Nachlass des 42-jährig im Jahr 1939 in Dresden gestorbenen Bildhauers und Graphikers Christoph Voll, der von den Nazis als „Kulturbolschewist“ diffamiert wurde und zuletzt in Karlsruhe wirkte, sind ein letzter Höhepunkt der Auktion. Allein glücklichen Umständen in Dänemark ist es zu verdanken, dass Volls künstlerische Hinterlassenschaft gerettet werden konnte.

Der 362 Lose umfassende stattliche Katalog Fotografie offeriert die Sammlung von Günter Heil in zwei Abteilungen mit frühen Fotografien von Indien und Ceylon. Herausragend die 6 Albuminabzüge von Papier-Negativen mit Ansichten aus Ceylon (8.000 €, 4126) mit besonderer Provenienz, nämlich der Familie Duckworth-Cameron. Ein fotografisches Tagebuch von G. A. Riemer, der auf der S.M.S. Hertha Ost-Asien und die Südsee bereiste, ist moderat auf 5.000 € geschätzt (4076), für 34 Albuminabzüge mit Ansichten von Valparaiso und chilenischen Landschaften werden 3.600 € erwartet. Im Kapitel 20. Jahrhundert stößt man auf große Namen, etwa Harold Edgerton (10.000 €, 4191), Tracey Moffat (5.000 €, 4268), Nan Goldin (5.000 €, 4205), Robert Frank (4.000 €, 4203) und Joel Meyerowitz (3.200 €, 4266). Von Otto Steinert wird ein Unikat angeboten: Der Umschlagentwurf für den Ausstellungskatalog „Subjektive Fotografie“ von 1951 (4.000 €, 4316).

2.600 Lose mit einem Gesamtschätzwert von nahezu 4,5 Mio. € und Kataloge, die über 5 Kilogramm auf die Waage bringen - es gibt gute Gründe, einer bewegten Frühjahrssaison im Haus Bassenge entgegenzusehen. Und nur das Rhinozeros von Albrecht Dürer wird dies in jahrhundertelang geübter stoischer Haltung vermutlich ungerührt zur Kenntnis nehmen.

Veranstaltungen zum Bericht:
107. Auktion: Druckgraphik des 15. - 19. Jahrhunderts
107. Auktion: Gemälde Alter und Neuerer Meister - Zeichnungen des 15. - 19. Jahrhunderts
107. Auktion: Moderne Kunst Teil I und II
107. Auktion: Fotografie des 19. - 21. Jahrhunderts

Quelle: © Galerie Bassenge Berlin

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