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„Die letzten Stunden von Herculaneum“ im Berliner Pergamonmuseum

Von verkohltem Brot und pyroklastischen Strömen



Irgendwann musste es so kommen: Ein Bauer gräbt 1709 in dem kleinen, bis heute nicht besonders ansehnlichen Ort namens Resina an der Westküste Italiens ein Brunnenloch in den Boden und stößt ahnungslos auf eine der größten und bedeutendsten archäologischen Stätten der Welt: Herculaneum. Was 79 n.Chr. eine gewaltige Naturkatastrophe war und unzähligen Menschen das Leben raubte, liest sich heute als ein Glücksfall der Geschichte. Der Ausbruch des Vesuv vernichtete eine ganze Reihe von Städten, begrub sie unter seinen Massen und bewahrte sie dadurch für die Nachgeborenen, konservierte Mikrokosmos, Kunst, Kultur und Leben einer wohlhabenden Gesellschaft im Einzugsgebiet des antiken Rom. Sollte sich das Grabungstempo gemessen an der schon vergangenen Zeit allerdings nicht erhöhen, wird man in Herculaneum noch einige Jahrhunderte zu tun haben. Gerade mal ein Viertel der nachgewiesenen Stadtbebauung ist ergraben und erforscht, und an Grenzen stößt man spätestens dann, wenn die Kellergeschosse der Häuser in der Stadt heutigen Namens den Weg versperren.



Einen kleinen Ausschnitt dessen, was durch den gewaltigen, in Schriftquellen wie dem Augenzeugenbericht Plinius’ d.J. sowie durch die archäologischen Funde gut dokumentierten Vesuvausbruch unter teils zig Meter dicken Lava-, Asche- und Geröllschichten verschüttet und für Jahrtausende luftdicht verschlossen wurde, ist jetzt in einer Ausstellung im nördlichen Flügel des Pergamonmuseums zu bewundern, die sich ausschließlich Geschehen und Funden in Herculaneum widmet. Berlin ist die zweite Station dieser Gemeinschaftsarbeit zwischen der Antikensammlung der Staatlichen Museen zu Berlin, dem Westfälischen Römermuseum Haltern und dem Focke-Museum in Bremen und wird anschließend in letzterem Ort noch zu sehen sein.

Es ist eine kleine Ausstellung, die durch ihre Unauffälligkeit, Unaufdringlichkeit und Erlesenheit besticht. Auf akustische und visuelle Effekthascherei wird gänzlich verzichtet. Selbst der im Eingangsbereich aufgestellte, raumfüllende Ausschnitt eines Totenfeldes aus „Bootshaus 10“ tangiert die Grenze zur Sensationsgier nicht, sondern dokumentiert lediglich das plötzliche Auftreten der Hitze-Gas-Geröll-Wolke auf die zusammengedrängten Menschen. Als pyroklastische Ströme in jedes heutige Gedächtnis eingebrannt, hat sie deren letzte Lebenssekunde zur Ewigkeit gemacht. Die schwarz ausgelegten Räume der Ausstellung wirken wie die Untertage-Stollen früherer Ausgrabungsjahre, durch die man sich mithilfe blendend heller Lampen an den kulturellen Überresten vorbeitastet. Sie machen jedoch auch deutlich, dass es eine Katastrophe war, die sich in Herculaneum ereignete, und für viele den Tod, für alle den Verlust der Heimat bedeutete.

Man kann nur staunen darüber, mit welcher Sorgfalt sich die Lava- und Aschemassen um die Kunstwerke und Alltagsgegenstände geschmiegt haben. An den beiden filigranen, spiegelbildlichen Marmorskulpturen, die einen Hirsch zeigen, der von vier Hunden angefallen wird und sich verzweifelt zu befreien versucht, gibt es nur wenige Abbrüche. Die Körper sind so fein beobachtet, die technische Verarbeitung so vollendet, dass es einem den Atem verschlägt, und man nimmt ihnen nicht übel, dass sie lediglich Kopien nach griechischen Originalen sind. Die Plastiken gaben dem städtischen Anwesen im Jargon der Archäologen seinen Namen: Haus der Hirsche. Im Garten standen auch ein trunkener Satyr als Brunnenfigur und ein ebenfalls bekneipter Herkules, der sich ungeniert erleichtert. Herkules, der Namenspatron, wird in allen Lebenslagen als Held verehrt.

Gehört hat dieses prachtvolle Anwesen einem Herrn namens Quintus Granius Verus, der ein bedeutender Stadtpolitiker war. Das steht in keiner Papyrusrolle und auch nicht auf dem Sturzbalken des Eingangsportals, sondern auf einem Brot, das – von niemandem mehr verzehrt – in der Küche verkohlte. Die Inschrift der Backform hat sich darin eingegraben. Jetzt ist es als ungeahnt wichtiges Dokument zusammen mit Feigen und Kichererbsen in einer Vitrine der Ausstellung zu besichtigen, während nebenan Stilllebenfresken dokumentieren, dass es in Herculaneum auch Fleisch zu essen gab. Es ist ein markantes Beispiel für die Zufälligkeit solcher Relikte und gleichzeitig für die Unmöglichkeit einer Erhaltung unter normalen Umständen.

Hehre Kunst und Alltagskultur werden in der Ausstellung gleichermaßen und immer in einer eng begrenzten, dafür umso eindringlicheren Anzahl von Exponaten präsentiert. So kommt es, dass man neben dem üppigen Prunk einer Villa im Stil des Granius’ auch einen Blick in die einfachere Lebenswelt eines Bürgers mittleren Standards erhält. Auch hier ist der Tod allgegenwärtig: Im Kellergeschoss einer Stadtvilla, in dem ein Mann namens Granianus mit seiner Familie lebte, starben sieben Menschen, darunter ein Baby in seiner Wiege. Von dem hölzernen Gerüst fehlt kaum eine Latte. Der nebenstehende Beistelltisch ist nur verkohlt. Eine gewisse Feinheit der Verarbeitung lässt sich noch erahnen.

In der Villa dei papiri, auf die man 1750 ebenfalls eher zufällig bei Brunnenarbeiten stieß, spielte sich – so darf man aus den Funden schließen – das intellektuelle Leben der Stadt ab. In einer der ein wenig betagten Computersimulationen, die lautlos über die Bildschirme gleiten, kann man sich durch die virtuelle Rekonstruktion der Villa führen lassen, von deren über achtzig entdeckten Skulpturen einige wenige im Scheinwerferlicht der Ausstellungsräume glänzen. Neben Dichter- und Philosophenbüsten befinden sich darunter auch zwei Jünglinge als Läufer an der Startlinie, die jede Sekunde den Startschuss erwarten. Die Gussform war bei beiden dieselbe, doch in den Gesichtern sind leicht Unterschiede erkennbar: Beim einen Konzentration, beim anderen ein Hauch nervöser Anspannung. Wir lernen daraus, dass zum antik-römischen Bildungsideal außer einer gehörigen Portion Kopfarbeit auch Pflege und Training des Körpers durch sportliche Aktivitäten gehörte. Für das andere war die umfangreiche, heute in noch 1.800 Schriftrollen fassbare Bibliothek zuständig. Teile davon, von denen zwei Repräsentanten ausliegen, sind bis heute nicht entrollt, ihr Inhalt bis heute nicht entschlüsselt.

Natürlich gehört auch die Rezeptionsgeschichte zu einer solchen Ausstellung. Die Wiederaufnahme antiker Formen begann gegen Ende des 18. Jahrhunderts im Gefolge der Wiederentdeckung und vor allem neuen Wertschätzung von Relikten des Altertums, die sich nicht nur in Ausgrabung, Dokumentation und Pflege der Stätten von Pompeji und Herculaneum niederschlug. Am sprechendsten sind dabei die Gemälde, die in einem Seitenraum dicht an dicht neben- und übereinanderhängen und Vulkanaktivitäten aus nächster Nähe wie aus der Ferne beobachten. Da ist eine kleine italienische Stadt an der blauen Westküste Italiens im hellen Schein einer ungetrübten Nachmittagssonne. Im Hintergrund türmt sich eine riesige Rauchsäule auf, die im nächsten Moment zusammenstürzen und sich zu einem jener Glut-, Gas- und Ascheströme verformen, über das Land hinwegfegen und nichts als verbrannte Erde übriglassen kann. Was den außerhalb der Gefahrenzone stehenden Maler des 19. Jahrhunderts als Naturphänomen interessierte, läutete im Jahr 79 n.Chr. die letzten Stunden von Herculaneum ein.

Die Ausstellung „Die letzten Stunden von Herculaneum“ ist bis zum 1. Januar 2006 zu sehen. Das Pergamonmuseum hat Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr, donnerstags zusätzlich bis 22 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 8 Euro, ermäßigt 4 Euro. Der Katalog ist im Verlag Philipp von Zabern und kostet in der Ausstellung 24,90 Euro.

Kontakt:

Pergamonmuseum

Bodestrasse 1-3

DE-10178 Berlin

Telefon:+49 (030) 20 90 55 66



22.11.2005

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Johannes Sander

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Veranstaltung vom:


22.09.2005, Verschüttet vom Vesuv. Die letzten Stunden von Herculaneum

Bei:


Staatliche Museen zu Berlin

Bericht:


Schatz unter Staub










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