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Die Kunst Teresa Margolles’

Virtuelle Kunstwelten vergangener Leben



Teresa Margolles, Geweint, 2004

Teresa Margolles, Geweint, 2004

Das Tuch von zwei mal vierundzwanzig Metern Größe trägt die Abdrücke menschlicher Körper. Gegen ihre Verwesung wurden Chemikalien eingesetzt, die nun einen beißenden Geruch auslösen. Ursprünglich waren in diesem Gewebe nicht identifizierte Tote eingewickelt, bevor sie auf den Seziertisch der Universitätsmediziner landeten. „Das Leichentuch“ wird als Gemälde inszeniert. Körper erscheinen durch Spuren, die ein vages Bild ihrer nicht mehr vorhandenen Existenz vermitteln. So verlagert Teresa Margolles körperliche Leibhaftigkeit ins Wahrnehmungsfeld der Kunst. Ihre ins Jahr 1995 datierende Arbeit „Dermis“ besteht aus Laken samt Krankenhauslogo, die blutige Abdrücke von Leichen aufweisen. Auch die „Estudio de la ropa de cadáveres“, schmutzige Hemden verunglückter Kinder, rufen Erinnerungen an Yves Kleins „Anthropométries“ wach.



Tote in Kunstwerken zu visualisieren und zu neuem Leben zu erwecken, durchzieht das Werkschaffen der mexikanischen Künstlerin. Die Toten, die die Leichenhäuser von Metropolen der Entwicklungsländer anfüllen, darunter überwiegend Drogenabhängige, Opfer der Gewalt und zahllose Namenlose, stehen selbst jedoch nicht im Zentrum, sondern deren physische Spuren. Mittels ihrer ungewöhnlichen dokumentarischen Ausrichtung durchbricht die am 14. Juli 1963 in Culicán, der Hauptstadt der nordmexikanischen Provinz Sinaloa, geborene Margolles eine Distanz, die man gewöhnlich den Toten gegenüber einnimmt. Sie steht diesen Toten auch sehr nahe. Denn nach ihrem Studium bei einer Kunstinitiative sowie der Kommunikationswissenschaften an der Universidad Nacional Autónomade Méxiko erlangte sie noch ein Diplom in Gerichtsmedizin und arbeitet in dieser Funktion im Leichenschauhaus von Mexiko-City.

Hier gründete sie 1990 mit Freunden die Gruppe SEMEFO - Servicio Médico Forense (Gerichtsmedizinischer Dienst). Nach anfänglicher Betätigung als „Death Metal Rock Band“ und Untergrund-Performance-Gruppe trat Margolles 1993 mit ihrer ersten Ausstellung in die Kunstszene ein. Neben den mit SEMEFO realisierten Performances, Installationen, Objektplastiken, Interventionen im öffentlichen Raum und Videos begann sie, auch selbständig zu arbeiten. Im Gegensatz zu den theatralischen Aktionen der Gruppe vermeidet sie jedoch ihren persönlichen Einsatz. Margolles bittet stets andere um Ausführungen oder lässt ihre Objekte sprechen. Seit 1994 erhielt sie zahlreiche Preise, Auszeichnungen und Stipendien sowohl singulär als auch zusammen mit SEMEFO.

Dennoch sind auch Margolles’ Arbeiten ebenso schockierend und hart, wie sie die soziale, ökonomische und politische Situation in ihrer mexikanischen Heimat empfindet. Die Verhältnisse der alltäglichen Brutalität und Gewalt in der legalen und illegalen Lebenswelt spiegelt sich auch in der 2003 realisierten Installation „En el aire“ – „In der Luft“. Sechs Seifenblasenmaschinen produzieren jede Minute 14.000 Seifenblasen. Sie sollen für 14.000 Leichen stehen. Hergestellt werden sie aus einer Mischung aus normalem Wasser und Seife, versetzt mit Wasser, mit dem Leichen vor der Autopsie gereinigt wurden. Das Wasser stammt wiederum aus dem Leichenschauhaus von Mexiko, wo Teresa Margolles ihre Projekte erarbeitet. Einen lebenszyklischen Aspekt erreicht Margolles dadurch, dass das Leichenwasser kanalwärts an den Stadtrand geleitet wird, woher die meisten Toten stammen. Dass über die natürliche Verdunstung Teilchen der Verstorbenen zu den Lebenden zurückkommen, erweitert diesen Aspekt.

Zu den Abfallprodukten, die die Protagonistin dieser hochpolitischen Kunst benutzt, gehören auch menschliche Fette. Diese fanden Verwendung für ein monochromes Wandfresko besonderer Art. Den Menschen bei Schönheitsoperationen abgesaugtes Fett wird als ein Kommentar zu obsessiver Eitelkeit wahrgenommen, als Abfallprodukt von Wohlstand und Überernährung. Das Nebeneinanderstehen von Leben und Tod in Mega-Städten wie Mexiko, Kontraste zwischen Arm und Reich, Gesetz und Gesetzesbruch, Recht und Rechtlosigkeit, Identität und Anonymität animiert Margolles zu Parallelen mit den Wiener Aktionisten Muehl, Nitsch oder Schwarzkogler. Die Reaktionen auf Margolles’ Beschäftigung mit den Spuren vergangenen Lebens schwanken zwischen der Schlussfolgerung von allzu leicht erschließbaren, platten Installationen mit grandioser Wirkung bis hin zu skandalauslösenden Reflexen.

Wie sehr die Künstlerin dabei an Tabus rütteln kann, demonstriert ihr Werk „Entierro/Burial“ von 1999. Eine der Minimal Art ähnliche Plastik aus einem flachen, unscheinbaren Betonquader ist tatsächlich ein Sarg. Nach einer Fehlgeburt bat eine mittellose Frau Margolles, ihren Fötus nicht im Krankenhaus entsorgen zu lassen. So ergab sich ein Betongrab, in dem das ungeborene Kind in einer Luftschicht isolierten Höhlung ruht. Ein Jahr später stellte die als eine umstrittene Vertreterin einer neuen Minimal-Body-Art angesehene Künstlerin die gepiercete Zunge eines getöteten jugendlichen Heroinsüchtigen als Objekt aus. Die Gegenleistung bestand in der Finanzierung der Bestattung des Toten. Armut und weit verbreitete Anonymität lassen in Mexiko oftmals kein würdiges Begräbnis zu.



28.01.2005

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

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Teresa Margolles, Katafalk, 1997

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