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Die erste große Einzelausstellung der mexikanischen Künstlerin Teresa Margolles

Von der Ästhetik der Todes und dem Gedenken sozialer Randgruppen



Teresa Margolles, Geweint, 2004

Teresa Margolles, Geweint, 2004

Wahrlich keine leichte Kost ist das Werk von Teresa Margolles. Obgleich von einnehmender Schönheit, verbirgt sich hinter dem äußeren Schein ein hohes Mass an Gewalt und sozialer Kritik. Die von der Künstlerin verwendeten Materialien stammen überwiegend aus dem Leichenschauhaus. Es ist Wasser, das nach dem Waschen der Leichen zurückbleibt, aber auch die von Gewalt gezeichneten Körper selbst hinterlassen ihre Spuren in den Arbeiten.



Ein erster Blick auf das künstlerische Ergebnis verrät zunächst nichts. Mit bezaubernder Anmut schweben dem Besucher beispielsweise von der Arbeit „En el aire“ Seifenblasen entgegen, die – stoßen sie auf Widerstand – ebenso lautlos zerplatzen wie sie aus der Luft herankamen. Der mit Ikonographie Vertraute wird sie unweigerlich als ein Vanitassymbol identifizieren, das die Zerbrechlichkeit des menschlichen Lebens versinnbildlicht. Über die materielle Beschaffenheit informiert, ändert sich jedoch die Arbeit im Bewusstsein entscheidend. Neben Künstlername und Werktitel, erfährt der Betrachter über die Beschilderung, dass die Seifenblasen ihre Existenz dem Waschwasser von Toten vor der Obduktion verdanken. Damit wird der Bezug zum Tod nicht nur unmittelbar, sondern auch die Art des Todes ins Bild gebracht. Eine Obduktion findet in der Regel nach einen unnatürlichen Tod statt.

Wiederum aus dem Waschwasser von Toten nach der Obduktion entstand die Arbeit auf Aquarellpapier mit dem schlichten Titel „Papeles“. Deren purpurfarbenen Strukturen rufen den Malgestus informeller Malerei in Erinnerung, wobei die farbliche Nuancierung ebenso fasziniert wie der Linienverlauf. Das Wissen, dass der warme Farbton vom Blut eines Toten stammt, verändert auch diese Arbeit. Jedes Blatt steht stellvertretend für einen Toten, ein Toter stellvertretend für alle gewaltsamen Tode.

Das ästhetische Konzept von Margolles verhindert jedoch, dass ihre Arbeiten zu einer einzigen großen Anklage werden. Vielmehr findet in ihnen eine stille Auseinandersetzung, ein pietätvolles Gedenken an die Opfer von Gewalt statt. Über ihre Arbeit hinaus will Margolles diesen Gedanken global verstanden wissen. Tod und Gewalt sind nicht auf einen Ort beschränkt, sie betreffen uns alle, wie sie mit ihrer Arbeit „Llorado“ zeigt. Die hier von der Decke auf das Parkett tropfenden Tränen beziehen ihre Substanz nicht aus dem Leichenschauhaus, sondern aus der Wasserleitung der Stadt Frankfurt.

Hingegen kommt der Besucher bei „Aire“ wieder hautnah mit dem Wasser aus der Obduktion in Kontakt. Über zwei Luftbefeuchter wird es in einen sonst leeren Raum getragen, dessen Luft sich mit dem Geruch aus dem Leichenschauhaus anreichert. Ähnlich unmittelbar findet der Kontakt über zwei Betonbänke statt, von denen aus der Besucher die 80 Sekunden dauernde Videosequenz „El agua de la ciudad de Mexico“ verfolgen kann, die den Waschvorgang im Leichenschauhaus zeigt. Das Wasser, das vor seinen Augen über die Leiche fließt, diente zum Anrühren des Zements, aus dem die beiden Bänke gegossen wurden.

Der Tod ist im Werk Margolles allgegenwärtig. In allen Graden sinnlicher Verdichtung konfrontiert er jeden, der sich ihrem Œuvre nähert. An den Gipsabdrücken von den Körpern obduzierter Toter finden sich die Spuren von Haar- und Hautpartikeln. Doch wie bei den anderen Arbeiten auch, nimmt zunächst die hohe ästhetische Qualität gefangen. Die Ränder der Gipsschalen, die wie aufgeborsten wirken, suggerieren Zerbrechlichkeit. Im fast dunklen Raum bei partieller Beleuchtung präsentiert, erinnern sie aber auch an ägyptische Mumienschreine. Parallelen zwischen dem altägyptischen Totenkult und dem hier gezeigten „Catafalco“ lassen sich tatsächlich ziehen. In vergleichbarer Weise, wie die alten Ägypter ihren Toten ewiges Andenken durch Konservierung gewährten, bewahrt auch Margolles das Andenken auf. Hier wie dort werden die Spuren sterblicher Überreste der Verwesung entzogen und ästhetisiert.

Auch in „Entierro“ wird dieser Gedanke sinnfällig. „Entierro“ – Begräbnis ist zunächst nichts als ein roh gegossener Betonklotz. Doch dient er dem Leichnam eines totgeborenen Kindes als Grabstätte. Als sogenannter „medizinischer Rest“ behandelt, sind für Totgeburten in Mexiko keine Bestattungen vorgesehen, ganz zu schweigen davon, dass die Mütter häufig ohnehin nicht in der Lage sind, die Mittel für ein reguläres Begräbnis aufzubringen. Der Betonblock wird in diesem Einzelfall zum beweglichen Grab, im weiteren aber zu einer Gedenkstätte für eine an den Rand gedrängten Gruppe, deren Schicksal die Anonymität ist.

Auch wenn praktisch alle Arbeiten Margolles den Tod reflektieren, ist er nicht das einzig zentrale Thema ihres Œuvres. Vielmehr interessiert sie das Schicksal, das dem Tod vorangegangen ist. Die der Gerichtsmedizin übergebenen toten Körper sind Opfer von Gewalt und Verbrechen. Die häufig unidentifizierten Toten entstammen einer gesellschaftlichen Schicht, in der Drogendelikte und Kriminalität an der Tagesordnung sind und das Schicksal des Einzelnen wenig oder nichts zählt. Diesen Namenlosen wendet Margolles sich nicht nur in ihrer Funktion als gerichtsmedizinische Assistentin zu, sondern auch und vor allem als Künstlerin. Das geschieht unaufdringlich und unspektakulär. Jede einzelne Arbeit wird zu einer Totengedenkfeier von äußerstem humanitären Anspruch. Der hohe ästhetische Reiz, den ihr gesamtes Werk ausstrahlt, legt sich als schützende Hülle über die Toten und bewahrt sie vor Schau- und Sensationslust. Keine ihre Arbeiten bildet Schicksale ab, offenbart sie dafür umso eindringlicher. Der sensible Umgang mit Leben und Tod der Namenlosen einer Gesellschaft kann geradezu zum Markenzeichen für das Vorgehen Margolles erhoben werden.

Die Ausstellung „Muerte sin fin“, deren Titel einem Gedicht des mexikanischen Schriftstellers José Gorostiza entnommen ist, ist bis zum 15. August im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main zu sehen. Regelmässige Führungen sowie ein spezielles Film- und Vortragsprogramm begleiten sie. Die Öffnungszeiten sind täglich außer Montag von 10 bis 17 Uhr und Mittwoch von 10 bis 20 Uhr. Der Eintritt kostet 6 Euro, reduziert 3 Euro.

Kontakt:

Museum für Moderne Kunst - MMK1

Domstraße 10

DE-60311 Frankfurt am Main

Telefon:+49 (069) 212 30 447

Telefax:+49 (069) 212 37 882

E-Mail: mmk@stadt-frankfurt.de



30.05.2004

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Viola Hildebrand-Schat

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24.04.2004, Teresa Margolles - Muerte sin Fin

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 Margolles, Katafalk, 1997
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Künstler:

Teresa Margolles







Teresa Margolles, Papiere (Ausschnitt), 2003

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Teresa Margolles, Katafalk, 1997

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